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Wirtschaft

Stand: Februar 2014

Charakterisierung der taiwanischen Wirtschaft

Taiwan hat eine hoch entwickelte, stark exportabhängige Marktwirtschaft, die zunehmend vor Problemen der eigenen Wettbewerbsfähigkeit steht. Mit 23 Mio. Einwohnern und einem BIP von 474 Mrd. US$ zählt es zu den 30 größten Volkswirtschaften und den 15 wichtigsten Handelsnationen der Welt. Im Global Competitiveness Report werden Taiwan immer wieder gute Noten ausgestellt, insbesondere als innovativem Standort mit starker F&E-Basis (1. Platz bei Cluster-Entwicklung).

Als einer der vier “asiatischen Tiger” hat Taiwan sich von einem agrarisch geprägten Land innerhalb einer Generation zum Hochtechnologieland gewandelt. Nach dem Aufbau großer Exportkapazitäten ist Taiwan neben traditionellen Schwerindustrien wie der Petrochemie heute von IT-Produktion und Maschinenbau geprägt. In vielen IT-Produktgruppen ist Taiwan nicht wegzudenkender Teil etablierter Zulieferketten und Weltmarktführer bei vielen IT-Komponenten. Bei einer Reihe von IT-Bauteilen ist die weltweite IT-Branche auf taiwanische Schlüsselkomponenten angewiesen. Taiwanische Unternehmen produzieren vor allem als Original Equipment Manufacturer (OEM) , bspw. Foxconn (HonHai) und treten in der Regel nicht als Marke in Erscheinung. Daher steckt die Entwicklung eigener Marken für Kundenendprodukte noch in den Kinderschuhen (mit Ausnahmen wie HTC, ACER oder ASUS). In Folge gestiegener Produktionskosten haben taiwanische Unternehmen bedeutende Teile der (End-) Fertigung in den 1990er und 2000er Jahren auf das chinesische Festland verlagert. In zunehmendem Maße verlagert sich dies aber nun ins chinesische Hinterland, nach Südostasien (vor allem Vietnam) und vereinzelt auch zurück nach Taiwan. Die Verflechtung der taiwanischen Wirtschaft mit der VR China schreitet mit der Entwicklung Chinas zum Kundenmarkt weiter fort. Taiwanische Unternehmen haben kumuliert beträchtliche Investitionen getätigt (geschätzt zwischen 80 und 280 Mrd. US$). Allerdings verliert Taiwan in China seit kurzem trotz des 2010 mit China unterschriebenen Wirtschaftsrahmenabkommens ECFA Marktanteile. Auch taiwanische Investitionen nach China sind 2013 zum zweiten Mal in Folge gesunken - um 20,5 Prozent. Dennoch investierte Taiwan auch 2013 mit 8,68 Mrd. US$ mehr in China, als im Rest der Welt mit 5,23 Mrd. US$. Taiwan selbst versucht sich als Forschungs- und Entwicklungsstandort zu etablieren und auf ausbildungsintensive Hochtechnologien zu konzentrieren. So entsteht das BIP heute nur noch zu ca. 2 Prozent aus dem Beitrag der Landwirtschaft, zu knapp 29 Prozent aus der Industrie und etwa 69 Prozent aus dem Anteil der Dienstleistungsbranche.

Taiwan hat es bei seinem wirtschaftlichen Aufstieg geschafft, soziale Verwerfungen in der Gesellschaft weitgehend zu vermeiden. Dennoch werden die wachsenden Wohlstandsunterschiede und die am schnellsten alternde Gesellschaft der Welt ein immer größeres Thema. Auch stellen subventionierte Verbrauchskosten (u. a. Energie und Wasser) sowie aufgrund zu niedriger Löhne eine zu starke Abwanderung Hochqualifizierter  Taiwan zunehmend vor Probleme. Eine moderate Arbeitslosenrate von regelmäßig um 4 Prozent, hohe Bildungsausgaben, ca. 90 % eines Jahrgangs, die das Abitur erreichen und eine hohe Akademikerquote zeugen von einem gut ausgebildeten Personalangebot. Dennoch klagt die Wirtschaft über erheblichen Fachkräftemangel. Es wird am Bedarf vorbei ausgebildet. Der KMU-Sektor spielt in Taiwan eine wichtige Rolle, was zur flexiblen und schnellen Reaktionsfähigkeit auf aktuelle Entwicklungen beiträgt. Außerdem ist Taiwan als Testmarkt für den asiatischen Raum von Interesse. Verkrustete (Management-) Strukturen verhindern aber auch Taiwans dringend nötige strukturelle Anpassungen hin zu mehr integrierten Service-Angeboten und anderen Mehrwert generierenden Geschäftsmodellen. Über das Wirtschaftsrahmenabkommen (ECFA) mit der Volksrepublik China, das am 13. September 2010 in Kraft trat, reagierte Taiwan auch auf Wettbewerbsnachteile nach Abschluss eines Freihandelsabkommens Chinas mit der ASEAN und erhoffte sich weitere Wachstumsimpulse. Mit Singapur und Neuseeland schloss Taiwan 2013 jeweils bilaterale Handelsabkommen ab, also erstmals mit Staaten, mit denen es keine diplomatischen Beziehungen unterhält.Auch im Hinblick auf den „Hauptkonkurrenten“ Korea strebt Taiwan an, denregionalen Freihandelsabkommen Trans-Pacific Partnership (TPP) und Regional Comprehensive Partnership RCEP, ASEAN+6) schnellstmöglich beizutreten. Die Bereitschaft zu signifikanten Liberalisierungsschritten muss Taiwan aber noch unter Beweis stellen.


Einfluss der Regierung

Die Regierung versucht seit der Liberalisierung der Wirtschaft in den 70er und 80er Jahren, die Eingriffe auf ein Minimum zu begrenzen (z. B. beim Arbeitsmarkt). Dennoch wird erwartet, dass sie steuernd und taiwanesische Unternehmen unterstützend interveniert. Dabei stehen mittel- bis langfristig ausgelegten Wirtschaftspolitiken weniger im Vordergrund. Aufgrund der hohen Exportabhängigkeit Taiwans hat die Regierung in Krisensituationen wie 2008/2009 immer wieder konjunkturpolitisch eingegriffen. Die im Februar 2013 mit einem neuen Wirtschaftsteam umgebildete Regierung hat erste Reformen für die Modernisierung und für mehr sozialpolitischen Ausgleich in Angriff genommen. Signifikante Erfolge stehen noch aus. Durch gesetzliche Restriktionen im Wirtschaftsverkehr mit China (bspw. Investitionsbeschränkungen) besteht staatlicher Regierungseinfluss fort, der aber schrittweise abgebaut wird. Gelegentlich behindert zu viel Bürokratie bei Zertifizierungen oder im Finanzmarkt unternehmerische Freiheiten. Es existieren noch Unternehmen mit einer ausschließlichen oder einer Mehrheitsbeteiligung der öffentlichen Hand (u. a. Strommarkt, Bankensektor, Kraftstoffe, Transport). Öffentliche Versorgungssysteme arbeiten häufig mit Verlusten. Wichtige Aufsichtsbehörden sind die Fair Trade Commission und die Financial Supervisory Commission. Ein erfolgreiches Beispiel der Infrastrukturpolitik sind die drei Science Parks, , die Produktion, Arbeit, Leben und Freizeit miteinander vereinen. 2012 waren dort über 240.000 Arbeitnehmer angestellt. Es wurde ein Jahresumsatz von 67,6 Mrd US$ erzielt. Seit ihrer Gründung vor 30 Jahren sind sie zum Modell in vielen Ländern geworden. Eine zuverlässige Verwaltung und ein funktionierendes Rechtswesen bieten einen guten Rahmen für ein stabiles Investitionsklima. Der IPR-Schutz ist sehr hoch ausgeprägt und damit ein wesentlicher Standortvorteil Taiwans in der Region. Dies begünstigt auch den Trend zum Aufbau von über 200 Forschungs- und Entwicklungszentren (Google, HP, Dell, Sony, Evonik etc.), der von der Regierung aktiv gefördert wird. Auch investiert die Regierung 2012 verstärkt in die Entwicklung neuer IKT-Anwendungen wie Cloud Computing (über 500 Mio. €) und smart grids (über 4 Mrd. US$). Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung betrugen 2012 3,07 Prozent des BIP (rd. 75 Prozent davon trägt die Privatwirtschaft). 


Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, Wirtschaftsklima

Nach schwungvoller Erholung aus seiner bislang schwersten Wirtschaftskrise 2008/2009 mit Wachstumsraten von über 10 Prozent in 2010 enttäuschte Taiwan 2012 mit einem Wachstum von gerade 1,3 Prozent, und 2,19 Prozent in 2013. Taiwan ist stark von der internationalen Konjunkturentwicklung abhängig, weshalb die Regierung u.a. in Reaktion auf schwache Exportzahlen ihre ursprüngliche Wachstumsprognose von 2,4 Prozent im Laufe des Jahres 2013 mehrfach anpassen musste. Fraglich ist, ob Taiwans Innovations- und Wachstumskraft auch bei guter Konjunktur künftig noch Wachstumsraten von über 4 Prozent wird generieren können. Für 2014 wird mit einem höheren Wirtschaftswachstum als 2013 gerechnet. Der Taiwan-Dollar (NT$) wertete im Jahr 2013 leicht gegenüber US$ und Euro ab, was sich allerdings nicht signifikant auf den Export Taiwans auswirkte. Entscheidend für Taiwans Wettbewerbsfähigkeit ist vor allem der koreanische WON, dessen Kursentwicklung im Vergleich zum NT$ genau beobachtet wird. Die Abwertung des japanischen YEN wird immer mehr ein Problem. 2012 lag die Inflationsrate unter 2 Prozent, 2013 bei nur 0,79 Prozent, dem geringsten Preisanstieg seit vier Jahren. Die Devisenreserven erreichten mit rd. 417 Mrd. USD Ende 2013 erneut einen Rekord und liegen weltweit an vierter Stelle. Der private Konsum zog 2011-2013 durchschnittlich jährlich um 2,2 Prozent an. Das Zinsniveau der Zentralbank blieb in 2013 mit zuletzt 1,875 Prozent weiter konstant niedrig. Die Auslandsinvestitionen nach Taiwan betrugen 2013 10,5 Mrd. USD. Als wichtigster Investor behauptete sich weiterhin die EU, die bis 2013 mehr als 32 Mrd. USD kumuliert investiert hat, vor den USA, Japan und China. Chinas Investitionen stiegen nach dem Abbau weiterer Restriktionen 2013 mit 361 Mio US$ um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Da sich aus deutscher Sicht v.a. der Automobilmarkt Taiwans auch in 2013 erfreulich entwickelte, wird Volkswagen bis 2015 ein eigenes Montagewerk in Taiwan aufbauen – zunächst sollen Sharan- und Passat-Modelle gefertigt werden. 2013 wurden 378.000 neue Fahrzeuge angemeldet, die höchste Zahl seit acht Jahren. So wurden infolge des günstigeren Yen mehr japanische Autos gekauft, zulasten lokal produzierter Modelle. 


Einbindung in die Weltwirtschaft, Außenhandel

Seit 2002 ist Taiwan als "Separates Zollgebiet Taiwan, Penghu, Kinmen und Matsu (Chinese Taipei)" Mitglied der WTO und seit 1991 der APEC (als „member economy Chinese Taipei“). Mit Wirkung vom 15.7.2009 wurde Taiwan Mitglied des „Government Procurement Agreement (GPA)“ der WTO und kam damit einer langjährigen Forderung der ausländischen Unternehmen nach. Das GPA gewährt grundsätzlich einen verbesserten Zugang zu öffentlichen Aufträgen. Dennoch gewinnen ausländische Unternehmen insbesondere im Infrastruktur- und Baubereich kaum taiwanische Aufträge, da das Ausschreibungssystem durch zu einseitige Ausrichtung auf den niedrigsten Preis und bürokratische Vertragsregeln nicht leistungsorientiert ist und international bewährte Verfahren kaum nutzt. Die „European Chamber of Commerce Taipei (ECCT)“ vertritt die Interessen europäischer (einschließlich deutscher) Unternehmen in Taiwan wirkungsvoll. Das Deutsche Wirtschaftsbüro Taipei (DWB) konzentriert sich auf den bilateralen Handel und Investitionen. Mit etwa 4000 Ausstellern auf über 90 deutschen Messen gehört Taiwan zu den 10 wichtigsten Ausstellerländern in Deutschland. Die gtai unterhält ein Korrespondentenbüro in Taipei und veröffentlicht regelmäßig aktuelle Branchen- und Trendberichte zu Taiwan.

Aufgrund der starken Abhängigkeit vom Außenhandel ist Taiwan eine grundsätzlich offene Volkswirtschaft. Da Taiwans BIP-Wachstum von Exporten getragen wird, ist man auf freien Handel angewiesen. Nichttarifäre Handelshemmnisse wie Zertifizierungsbestimmungen, die mangelnde Anerkennung ausländischer Prüfsiegel oder Einschränkungen für Importe aus China stellen dennoch nicht unbedeutende Barrieren im sonst gut funktionierenden Handel mit Taiwan dar.

Die VR China war auch 2013 der wichtigste Handelspartner Taiwans, vor Japan, den USA, Hongkong und Singapur(Deutschland Platz 9). Deutschland ist für Taiwan weiter mit Abstand der wichtigste Handelspartner in Europa. Aus deutscher Sicht ist Taiwan an siebter Stelle der wichtigsten Handelspartner in Asien (nach Hongkong) und steht weltweit 2012 an  35. Stelle (vergleichbar mit der Ukraine). In Taiwan sind ca. 250 deutsche Unternehmen ansässig.


Sozialstaatliche Elemente

Sozialstaatliche Elemente gibt es unter anderem in Form der nationalen Krankenversicherung, einer Arbeitslosenversicherung und von Sozialhilfe. Eine nationale Rentenversicherung wurde 2008 eingeführt. Vor allem das Gesundheitssystem ist ein an Kosteneffizienz orientiertes Basisversorgungssystem, was bei hoher Leistungsfähigkeit zu vergleichsweise niedrigen Kosten führt. Taiwans Gesellschaft ist die am schnellsten alternde weltweit (weltweit niedrigste Geburtenrate). Vor diesem Hintergrund und durch relativ großzügige Rentenzusagen ist das Pensions- und Rentensystem Taiwans dagegen dringend reformbedürftig. Eine entsprechende Initiative bestehend aus schrittweisen Beitragserhöhungen, Leistungsabsenkungen und Erhöhung des Renteneintrittsalters wurde im Februar 2013 von der Regierung gestartet, aber bislang nicht umgesetzt.


Umwelt- und Klimapolitik

Auch als Folge seiner schnellen wirtschaftlichen Entwicklung hat Taiwan mit Umweltproblemen zu kämpfen. Die Gründung einer Umweltschutzbehörde im Jahr 1987 markiert den Beginn einer kohärenteren Umweltpolitik. Die bisher verabschiedeten Umweltgesetze orientieren sich an Standards westlicher Industrieländer. Inzwischen wurden im Umweltbereich deutliche Erfolge erzielt. Erneuerbare Energien werden gefördert und eines der weltweit leistungsstärksten Mülltrennungs- und Wiederverwertungssystem wurde aufgebaut.

Mit der Verabschiedung des taiwanischen Erneuerbare Energien-Gesetzes im Juni 2009 soll die Umwelttechnologiebranche (u.a. Produktion von Solarzellen) einen Impuls erhalten und Taiwan seinen Zielen zur CO2- Reduzierung näher kommen. Bis 2020 sollen diese auf das Niveau von 2005, bis 2025 dann auf das Niveau von 2000, bis 2050 sogar auf die Hälfte des Niveaus von 2000 reduziert werden. An der Umsetzung dieser Ziele wird aber immer mehr gezweifelt, zumal bislang keine signifikant wirksamen Maßnahmen ergriffen wurden.

Der Elektrizitätsmarkt ist stark subventioniert und von monopolistischen Zügen gekennzeichnet. Die Energieversorgung ist nahezu zu 100 % importabhängig. Über 85 % der Primärenergieversorgung ist fossiler Herkunft, was für Taiwan kombiniert mit geringer Energieeffizienz in allen Bereichen OECD-weit einen der höchsten CO2-Ausstöße pro Kopf bedeutet. Taiwan strebt an, schrittweise aus der Nutzung der Atomenergie auszusteigen. Die derzeit drei Atommeiler sollen 2019, 2023 und 2025 außer Betrieb gehen. Ein seit 17 Jahren im Bau befindliches viertes Atomkraftwerk ist nahezu fertiggestellt. Nach der Dreifachkatastrophe im März 2011 in Fukushima war ursprünglich von der Regierung beabsichtigt, über die Zukunft des vierten Atomkraftwerks in einem Referendum Ende 2013 abstimmen zu lassen. Infolge innenpolitischer Entwicklungen ist derzeit aber noch kein neuer Zeitplan für ein Referendum absehbar. Der Ausbau der erneuerbaren Energien vollzieht sich langsam. Letztere spielen bisher kaum eine Rolle im Energiemix – derzeit beträgt ihr Anteil nur ca. 0,2 %.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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