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Rede von Außenminister Sigmar Gabriel anlässlich der Verleihung des Paul-Lincke-Ring Musikpreises in Goslar

26.03.2017

- es gilt das gesprochene Wort –

Lieber Vorstand des Paul Lincke Freundeskreises,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
liebe Tina Niedecken,
lieber Wolfgang Niedecken!

„Arsch huh!“ - übersetzt „Tu was“, „pack an“, „engagiere dich“ - das ist nicht nur eine Liedzeile von Wolfgang Niedecken. Das war nicht nur das Motto der Konzertreihe gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit.  Sondern das ist viel mehr: das ist Wolfgang Niedeckens Haltung als Mensch, als Bürger und als Künstler. 
Und zu unserem großen Glück hat er dieses „Arsch huh“ ergänzt durch „Zäng ussenander“- was wohl soviel heißt wie „Zähne auseinander“. Also nicht nur: „Pack an“, sondern auch „sag was“. Und in seinem Fall und zu unserem großen Glück findet sich dieses  „Sag was“ eben auch in seinen Liedern und in seiner Musik wieder.

Und was für Lieder, was für eine Musik!
„Rita, wir zwei“ zum Beispiel. Die schönste gesungene Liebeserklärung der deutschen Sprache. Vielleicht erzählst Du uns nachher, ob Du sie mal wieder gesehen hast.
Und die freudigste Liebeserklärung gibt es auch noch dazu mit „Frau esch freu mich“.
Und das Lied, das wohl viele genauso wie mich bis heute jedes Mal berührt, wenn ich es höre: „Verdamp lang her“.
Nicht nur, weil auch in meinem Leben die Auseinandersetzung mit dem Vater so zentral war und ist.

Sondern „Verdamp lang her“ - das ist das Lied, das einzige Lied, das versteht, wie aus einem Jungen ein Mann wird. In der Auseinandersetzung mit einem Vater. Aber auch in der ganzen Selbstgerechtigkeit der Pubertät. Und mit eben der traurigen Einsicht, daß es dann manchmal zu spät ist, um seinen Frieden zu machen.
Es ist der Sound einer Generation. Und es ist ein wirklich verdammt guter Song dazu

Lieber Wolfgang,

„BAP rockt andere kölsche Leeder“, das stand auf der ersten Platte von Euch, die ich so vor ungefähr 30-35 Jahren gekauft habe. Und ich bin heute auch gekommen, um Dir ganz persönlich danke zu sagen. Ohne BAP, ohne Deine Musik, ohne Eure Konzerte und ohne die unzähligen Partys, auf denen wir Eure Platten gehört haben, Bier getrunken, gefeiert und gestritten haben wären die 80er Jahre ziemlich trostlos gewesen.

Auch hier in Goslar. Wir fuhren damals Ende der 70er auf alle möglichen Rockkonzerte quer durch die Republik. Nur bei uns war nicht so richtig viel los. Also schrieb ich mit einem Freund einen Brief an Fritz Rau, den Godfather der Jazz-, Blues- und Rock’n Roll-Konzerte in Deutschland – damals noch mit der Agentur „Lippmann und Rau“. Wir fragten einfach, ob er uns nicht mal eine Band in unsere kleine Stadt schicken könnte. Aus dem Briefverkehr – damals schrieb man noch Briefe – wurde nicht nur eine Freundschaft mit diesem großartigen Menschen, sondern er vermittelte uns an eine Hannoveraner Konzertagentur – an Hannover Concerts und an Wolfgang Besemer und Michael Lohmann. Und dann ging es los. Erst selbstorganisiert im Goslarer Odeon-Theater und in der Stadthalle Oker mit Klaus Lage und so gegensätzlichen Liedermachern  wie Wolf Biermann und Hannes Wader aber eben auch Herbert Grönemeyer und die „Bots“. Und später, weil es für uns im Alter von Mitte 20 finanziell zu riskant wurde, mit Hannover Concerts an der Kaiserpfalz oder am Rammelsberg Simply Red, Udo Lindenberg, Peter Maffay und für uns der Höhepunkt: BAP mit Wolfgang Niedecken.

Lieber Wolfgang, wie Du siehst, fast hätte ich einen anständigen Beruf als Konzertmanager ergriffen.  

Aber es hatte eben alles auch mit politischem Engagement zu tun. Das Interview-Foto, dass die GZ von Wolfgang Niedecken und mir veröffentlicht hat, war übrigens ein Interview für eine Zeitung, die damals vom Verein „SOS Rassismus – Mach meinen Kumpel nicht an“ heraus gegeben wurde, weil Ausländerfeindlichkeit und Neonazismus auch damals aktuell waren.

„BAP rockt andere kölsche Leeder“, „Affjetaut“, „für usszeschnigge“, das waren Weckrufe, eben „andere“ Lieder für eine tolerante, menschenfreundliche und weltoffene Republik!
Wolfgang Niedecken beweist, dass großartige Musik und Kunst durchaus mit politischem Engagement verbunden sein kann. Große Kunst und großes Engagement gehen bei ihm Hand in Hand. Wer z.B. „Südstadt verzell nix“ gehört hat, der hat mehr verstanden von Immobilienspekulation und Gentrifizierung als all diese komplizieren Begriffe uns sagen können.

Und weil wir gerade den 60. Jahrestag der Gründung der Europäischen Union feiern: Wer Wolfgang Niedeckens „Vision vun Europa“, hört, der schaut anders auf die Flüchtlingskrise.
Und wer „Neppes, Ihrefeld und Kreuzberg“ noch im Ohr hat, der begreift auch heute besser, warum so viele Deutsche, die selbst oder deren Eltern ursprünglich aus der Türkei stammen, heute immer noch die türkische Fahne schwenken. Sie verstehen, warum wir noch viel mehr als bisher dafür sorgen müssen, dass sich alle Bürgerinnen und Bürger in unserem Land auch als Deutsche fühlen und gemeinsam für eine gute Zukunft arbeiten wollen.

Lieber Wolfgang,

„Arsch huh, Zäng ussenander“, das ist Deine Haltung, das ist Deine Musik. Ehrlich und gerade, poetisch und kraftvoll. Und deswegen bist Du für mich als Musiker, als Mensch und als Bürger eben doch der Bruce Springsteen der deutschen Rockmusik.

Lieber Wolfgang,

vieles von dem, was ich aufgezählt habe, würde ja schon reichen, um Dich als Künstler und als engagierter Bürger unseres Landes zu würdigen und zu ehren.
Aber Du hast eben auch immer über unser Land hinaus geschaut und Dich berühren lassen. Willy Brandt nannte die Fähigkeit, auf die es in der Politik am meisten ankommt, „compassion“. Das ist weit mehr als Mitleid oder Mitgefühl, sondern es meint die Fähigkeit, das Leben durch die Augen anderer zu sehen und zu empfinden. Und wenn Du etwas hast, dann „compassion“. Du lässt Dich berühren. Das macht sicher manchmal auch verletzlich, vermutlich auch gelegentlich wütend, aber sich – wie Wolf Biermann mal schrieb – nicht verhärten, sondern sich berühren zu lassen, ist eben auch die Voraussetzung dafür, andere zu berühren.

Und das macht Dich eben auch zu einem engagierten Weltbürger, der nicht nur ins eigene Land sieht, sondern dorthin, wo die Not am größten ist.
Das zeigt vor allem Dein Engagement für die Kinder der Kriege in Afrika. Als Kölner Musiker kommst Du ja aus einer Stadt, die wie kaum eine andere auch für die Verwüstungen und das Leid des Krieges steht.
Mit Deinem Projekt „Rebound“ gibst Du heute ehemaligen Kindersoldaten im Kongo eine neue Hoffnung.
Du engagierst Dich für den Frieden, gerade weil Du aus einem Land kommst, das so viel Leid und Krieg über die Menschen gebracht hat.
Du öffnest den Kindern einen Weg zu Ausbildung und selbstbestimmtem Leben.
Du machst aus gebrochenen Augen vielleicht wieder glänzende.
Deshalb möchte ich Dir ein Angebot machen. Wenn Du Lust und Zeit hast, möchte ich Dich heute einladen, dass wir die nächste Reise in die Region gemeinsam machen.

Vielleicht können wir beide zusammen sehen, wie wir noch besser helfen können. Meine Möglichkeiten als Außenminister will ich Dir jedenfalls für dieses Projekt ausdrücklich anbieten.

Sei herzlich gedankt für großartige Musik und dafür, dass Du Dich immer noch berühren lässt und andere berührst.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Hintergrund:

Der Paul-Lincke-Ring wird als Musikpreis der Stadt Goslar seit 1955 verliehen. Es werden Komponisten, Texter und Interpreten ausgezeichnet, die sich für die deutsche Unterhaltungsmusik engagieren und diese in ihrem Repertoire vertreten. Es entscheidet eine elfköpfige Jury, darunter der Oberbürgermeister von Goslar und der Ortsbürgermeister von Hahnenklee sowie 6 bis 8 Fachjuroren.

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