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Ein Stück Weltkulturerbe im Auswärtigen Amt

27 Kilometer historische Akten liegen auf den drei Etagen des ehemaligen Tresors der Reichsbank. Alles ist sorgfältig verpackt und registriert. Und jeder der äußerlich unscheinbaren grauen Kartons enthält einzigartige Dokumente: schweres Pergament und knisterndes Durchschlagpapier, als Schriftrolle oder mit Nadel und Faden in Handarbeit zusammengeheftet. 

Es sind Verträge, die Konrad Adenauer einmal schwungvoll unterschrieben hat, oder Beglaubigungsschreiben der Kaiser von China für ihre Gesandten am Hofe Wilhelms II. Sie alle liegen im  "historischen Zentrum" des Auswärtigen Amts - dem Politischen Archiv.

Als "lebendiges Gedächtnis" verwahrt das Politische Archiv die Akten des deutschen Auswärtigen Dienstes seit 1867 und die völkerrechtlichen Verträge Deutschlands. Ingesamt lagern mehr als 500.000 Akten mit zusammen über 20 Millionen einzelnen Blättern aus den letzten Jahrhunderten in dem unter Denkmalschutz stehenden Magazin mitten im Auswärtigen Amt.

Das Weltkulturerbe im Auswärtigen Amt

Holger Berwinkel präsentiert den Zwei-plus-Vier-Vertrag vor Besuchern

Holger Berwinkel präsentiert den Zwei-plus-Vier-Vertrag vor Besuchern
© AA

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Holger Berwinkel präsentiert den Zwei-plus-Vier-Vertrag vor Besuchern

Holger Berwinkel präsentiert den Zwei-plus-Vier-Vertrag vor Besuchern

Holger Berwinkel präsentiert den Zwei-plus-Vier-Vertrag vor Besuchern

In dieser gewaltigen Menge an Akten befindet sich ein ganz besonderes Dokument. Es ist in rotes Leder gebunden und wird von den Mitarbeitern des Politischen Archivs vorsichtig mit weißen Stoffhandschuhen angefasst. "Der Zwei-Plus-Vier-Vertrag ist ein besonderer Schatz", erklärt Holger Berwinkel, Historiker und Archivar im Politischen Archiv. Im Mai 2011 wurde der Vertrag von der UNESCO in das Weltdokumentenerbe aufgenommen. Die beiden deutschen Staaten und die vier Besatzungsmächte unterschrieben ihn am 12. September 1990 in Moskau. Er ebnete den Weg zur Herstellung der deutschen Einheit. Der Archivar ist begeistert und deutet auf die Unterschrift Hans-Dietrich Genschers: "So wird im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben. Und das Original dieses Vertrags gibt es nur hier im Politischen Archiv."

Archivarischer Alltag

Die 25 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Politischen Archivs haben neben der Präsentation ihrer schönsten historischen Zeugnisse in Besucherführungen eine Vielzahl anderer Aufgaben: Hauptsächlich bestehen diese darin, die alten und neuen Dokumente zu verwalten und benutzbar zu machen. So muss jede Akte mindestens einmal in ihrem "Leben" bearbeitet werden. Beim sogenannten "Enteisen" werden zum Beispiel alle Metallteile entfernt, um zu verhindern, dass das Papier durch Rost beschädigt wird. Zusätzlich kommen jedes Jahr tausende neue Akten ins Archiv, die so erfasst und eingelagert werden müssen, dass jede Akte jederzeit verfügbar ist. Und als wäre das mit Blick auf die erwähnten 20 Millionen einzelnen Blätter nicht schon genug Arbeit, kommen jährlich mehr als 7.000 thematische Anfragen nach Unterlagen zu historischen Themen – direkt aus dem Auswärtigen Amt, zum großen Teil aber auch von Wissenschaftlern, Journalisten und Privatpersonen.

Bei dem Begriff "Archiv" schwebt vielen Menschen ein verstaubtes Bild vor Augen. Im Politischen Archiv sieht das jedoch ganz sieht anders aus. "Wir verstehen uns als Dienstleister für das Auswärtigen Amt und für die Öffentlichkeit und stehen mit unserem historischen und archivarischen Wissen beratend zur Seite", erklärt Archivar Berwinkel. Forscher können eigenständig recherchieren und Akten bestellen. Die gewünschten Akten werden von den Mitarbeitern im Magazin herausgesucht und zur Einsicht im Lesesaal des Archivs bereit gestellt. "Unsere derzeit 40 Leseplätze sind besonders in den Semesterferien sehr oft ausgebucht, weshalb sich Besucher mehrere Wochen im Voraus anmelden sollten", erzählt Mareike Fossenberger, Mitarbeiterin des Archivs im Lesesaal. "Eine schöne Tradition ist außerdem, dass fast alle Leser, die mit Hilfe unserer Akten Publikationen verfassen, ein Exemplar der Bücher zu uns bringen." In der Präsenzbibliothek im Lesesaal stehen diese dann anderen Lesern und Mitarbeitern des Hauses zur Verfügung. Bald schon wird der Lesesaal aus seiner aktuellen Unterbringung in selbst schon historischen Räumen – dem ehemaligen Kinosaal des Zentralkomitees der SED – in neue, moderne Räume umziehen.

Brandakten und Staatsverträge in der Werkstatt

Sabine Schafferdt und Manfred Werner bei der Restaurierung einer Brandakte

Sabine Schafferdt und Manfred Werner bei der Restaurierung einer Brandakte
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Sabine Schafferdt und Manfred Werner bei der Restaurierung einer Brandakte

Sabine Schafferdt und Manfred Werner bei der Restaurierung einer Brandakte

Sabine Schafferdt und Manfred Werner bei der Restaurierung einer Brandakte

Handwerklich geht es in der Werkstatt des Archivs zu. Hier werden Akten mit ganz unterschiedlichen Schäden restauriert. Sabine Schafferdt ist vor allem für Fragen der Bestandserhaltung und Restaurierung im Archiv tätig: 1943 sind Akten aus den Jahren 1920-1936 während eines Transports durch den Brand eines Fahrzeugs schwer beschädigt worden. "Diese wertvollen historischen Zeugnisse werden in der Werkstatt in einem schrittweisen Reinigungs- und Restaurierungsverfahren gesichert und soweit restauriert, dass sie für die wissenschaftliche Forschung im Lesesaal wieder verfügbar sind." Je nach der Schwere des Schadens könne dies sehr aufwändig sein.

In der Werkstatt werden außerdem völkerrechtliche Verträge, die die Bundesrepublik Deutschland abschließt, in Handarbeit gebunden und auf Wunsch auch gesiegelt. Auf Büttenpapier – das besonders alterungbeständig ist – ausgedruckt und mit Flaggenbändern in den passenden Staatsfarben versehen, werden multi- und bilaterale Verträge in dunkelblaue Vertragsmappen gebunden. Dabei findet sich auf der deutschen Ausfertigung stets ein goldener Bundesadler.

Einer kritischen Öffentlichkeit den Zugang ermöglichen

"Wir möchten der Öffentlichkeit nichts vorenthalten." Holger Berwinkel erklärt, dass nach dem Bundesarchivgesetz jeder Bürger Akten einsehen kann, die älter als 30 Jahre sind. Außerdem veröffentlichen unabhängige Wissenschaftler des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin Jahr für Jahr mindestens einen Band der "Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland", in dem Schlüsseldokumente aus den Beständen des Politischen Archivs mit ausführlichen Hintergrundinformationen und Kommentaren abgedruckt werden. "So trägt das Auswärtige Amt die Geschichte der deutschen Außenpolitik ganz bewusst in eine kritische Öffentlichkeit hinein", konstatiert Berwinkel.

Das Politische Archiv des Auswärtigen Amts ist also nicht nur ein Ort, an dem spannende Dokumente und altehrwürdige Vertragsurkunden aus der ganzen Welt aufbewahrt werden – es ist auch ein Ort der öffentlichen Diskussion und Teilhabe an der deutschen Außenpolitik seit 1867.


Stand 30.09.2011

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