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Bulgarien

Wirtschaft

Stand: März 2014

Wirtschaftslage

Wirtschaftliche Ausgangslage

Nach ansehnlichen Wachstumsraten zwischen 2000 und 2008 – meistens über 6 Prozent - ging der weltweite Konjunktureinbruch 2009 auch an Bulgarien nicht spurlos vorüber (BIP: minus 5,5 Prozent). 2010 wurde die Wende geschafft: +0,2 Prozent; 2011: +1,8 Prozent, 2012 +0,8 Prozent; 2013: +0,9. Das Bruttoinlandsprodukt Bulgariens beträgt rund 40 Mrd. € = 1,5 Prozent des deutschen BIP.

Bulgarien hat als ärmstes EU-Land mit rund 46 Prozent des EU-BIP pro Kopf (nach Kaufkraftstandards; nominal sind es nur rund 20 Prozent) noch einen weiten Weg vor sich, um den Abstand zu den anderen Mitgliedstaaten aufzuholen. Die von der Vorgängerregierung gesteigerte Absorption von EU-Fonds hat bis Anfang Oktober 2013 zur Auszahlung von fast 54 Prozent der für Bulgarien zur Verfügung stehenden Mitteln des Planungszeitraums 2007-2013 geführt.

Die öffentliche Infrastruktur, insbesondere im Verkehrs- und Gesundheitswesen, sowie bei Bildung und Forschung, ist unterdurchschnittlich entwickelt. Staatliche Unternehmen sind überschuldet (Bahn, Energiesektor, Krankenhäuser) und können nicht privatisiert werden. Das Land leidet zudem unter dem „weltweit alarmierendsten“ Bevölkerungsrückgang (Weltbank September 2013). Auswanderung der Bildungseliten wegen beruflicher Chancenlosigkeit, mangelnde Integration der geburtenstärkeren Roma-Bevölkerung verschärfen das Problem.


Aktuelle Wirtschaftslage

Die Inflation lag im Jahresdurchschnitt 2011 bei 2,8 Prozent, stieg 2012 auf 4,2 Prozent, sank dann aktuell gar auf negative Werte (-1,6 Prozent 2013; Strompreis -5 Prozent. Die Leistungsbilanz war Ende 2011 ausgeglichen (+39 Mio. Euro), und nach einem Defizit im Jahr 2012 von -528 Mio. Euro sind die neuesten Zahlen wieder im positiven Bereich: +1.298 Mio. Euro (Januar bis November 2013).

Die Arbeitslosenquote steigt seit 2010 und hat Ende 2012 12,3 Prozent erreicht. Letzte Zahlen: 13,1 Prozent (Ende 2013); 22,2 Prozent der Jugend (Alter: 15 - 29) und 28,4 Prozent aller 15 - 24-Jährigen sind arbeitslos (zum Vergleich: in den Niederlanden sind es 4 Prozent, in Deutschland 8 Prozent). Ausländische Direktinvestitionen bleiben schwach: rund 3 Prozent des BIP.

Um einen Automobilproduktionsstandort bemüht sich Bulgariens Automotive Cluster, der von zahlreichen Zuliefererbetrieben getragen wird und nahe der Autobahnbrücke Vidin an der Grenze zu Rumänien ein Projekt konzipiert hat. Das chinesische Unternehmen „Great Wall“, produziert mit geringer Stückzahl PKW`s und kleine Nutzfahrzeuge. Lufthansa Technik, ABB und Festo beispielsweise haben ihr Engagement erweitert, wobei große Unternehmen (auch z.B. Liebherr und Pirin Tex) Elemente einer Dualen Ausbildung in die eigenen Hände nehmen.

Oberste Priorität der Finanzpolitik war bislang ein weitgehend ausgeglichener Staatshaushalt. Soziale und konjunkturbelebende Maßnahmen sowie Bildungsinvestitionen sollen vor allem durch EU-Mittel finanziert werden.

Seit 1997 ist die Landeswährung Lev an den Euro gebunden und wird durch ein sogenanntes „Currency Board“ überwacht. Das feste Austauschverhältnis zum Euro änderte sich auch nicht während der Krise in den Jahren 2008/2009. Seit 1997 gilt: 1 Lev = 1 DM = 1/1,95 Euro.


Wichtige Wirtschaftszweige

Wichtige Wirtschaftszweige sind Energieerzeugung, Nahrungsmittel und Getränke, Metallindustrie, Maschinenbau, Bergbau, Tourismus, Software-Entwicklung, Pharmaindustrie, Landwirtschaft. Bulgarien ist ein wichtiger Standort für Callcenter und technische Unterstützung per Internet, das trotz geringer Penetration in der Fläche (nur 51 Prozent der Haushalte) in den Großstädten (u.a. dank Glasfaser) eine der höchsten Geschwindigkeiten weltweit (Platz 6) aufweist.


Bulgarien als Handels- und Investitionspartner

Die wichtigsten Aus- und Einfuhrgüter Bulgariens:

Ausfuhrgüter: Maschinen und Ausrüstungen, Chemische Produkte, Nahrungs- und Genussmittel, Rohmetall- und Stahlprodukte,  Konsumartikel, Textilprodukte, Elektrizität, Pharmaprodukte.

Einfuhrgüter: Rohstoffe, mineralische Produkte und Brennstoffe (im Energiesektor große Abhängigkeit von RUS), Maschinen und Ausrüstungen, chemische Erzeugnisse, Konsumgüter.

Das Handelsvolumen sank 2009 zwar auf 28,6 Mrd EUR (2008: 40,2 Mrd EUR), stieg aber 2010 wieder um 21,6 Prozent (34,8 Mrd EUR), 2011 um 25,2 Prozent auf 43,6 Mrd EUR und dann auf 46,6 Mrd. Euro (höher als das BIP). Neueste Zahlen für 2013: 48 Mrd EUR (+3,8 Prozent im Vergleich Jahr 2012), davon Export 22,2 Mrd EUR (+7,0 Prozent) und Import 25,8 Mrd EUR (+1,5 Prozent).

Die wichtigsten Handelspartner Bulgariens im Jahr 2013 waren: EU; Russland, Deutschland (erstmals Nr. 1), Russland, Italien, Türkei, Rumänien, Griechenland, Spanien, Frankreich, China, Belgien und Österreich.


Investitionspartner

Ausländische Investoren zieht Bulgarien vor allem durch sein niedriges Kostenniveau an. Seit Anfang 2007 beträgt die Körperschaftssteuer, ebenso wie Lohn und Einkommenssteuer pauschal 10 Prozent.


Energiepolitik

Wichtige Tendenz in den letzten Jahren ist der Versuch einer Diversifizierung der Energieabhängigkeit von Russland, z.B. durch den Bau von Gas-Interkollektoren mit den Nachbarländern, Erkundung von neuen Gasvorkommen im Schwarzen Meer und in Süd-Bulgarien, US-Technologie bei neuem Reaktorblock in Kozloduy. Eine Einigung mit Russland über für Bulgarien günstigere Gaspreise ab 1. Januar 2013 wurde zeitgleich mit der endgültigen Investitionsentscheidung über den Bau von „South Stream“ unterschrieben und es haben erste Bauarbeiten für den bulgarischen Teil begonnen. Details der Finanzierung und Kontrolle über Einhaltung von EU-Vorgaben sind noch offen, Bulgarien hat - ebenso wie andere Transitländer - der EU-Kommission ein Verhandlungsmandat gegenüber Russland erteilt.


Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen

Die wirtschaftlichen Beziehungen zu Deutschland sind eng. Deutschland hat sich 2013 erstmals vor Russland und vor Italien, der Türkei, Rumänien und Griechenland als wichtigster Handelspartner positioniert, der auch die meisten bulgarischen Waren abnimmt (fast ausgeglichenes Verhältnis). Etwa 5.000 Firmen sind im Bulgarien-Geschäft tätig, davon haben 1.200 eine meist von Bulgaren geleitete Vertretung vor Ort. Größte Investoren aus Deutschland: Quarzwerke, METRO, Willi Betz, HIT, Allianz, Schwarz Group (Kaufland und Lidl), Rewe Group (Billa und Penny), Liebherr, E.ON, Festo, Rollmann, Siemens, SAP, Praktiker, Lufthansa Technik, Aurubis, Ixetic etc. 

Die Entwicklungszusammenarbeit, formal mit dem Eintritt Bulgariens in die EU 2007 beendet, lief nach Abschluss aller Projekte Ende 2010 aus. Es gibt 5 bilaterale Zentren für berufliche Bildung. Duale Ausbildung soll demnächst in Pilotprojekten implementiert werden. Da unklar ist, wer welche Kosten für duale Ausbildung auf Firmenebene übernimmt, kommt sie nur auf freiwilliger Grundlage in Frage. Bisher existieren Einzellösungen, die in Selbstorganisation in deutschen Unternehmen durchgeführt werden, Beispiele: Lufthansa Technik, Pirin Tex, SAP, Festo, Liebherr, dt. Handelsketten (BILLA, METRO, Bauhaus, HIT, Lidl, Praktiker) etc.

Im langjährigen Vergleich (1996-2012) der Auslandsinvestitionen spielt Deutschland eine wichtige Rolle. Die Statistiken hierzu verzerren das Bild, da aus Steuergründen oftmals formal der Firmensitz in anderen Ländern angesiedelt wird.


Energie

Für die bulgarische Energiepolitik ist kennzeichnend, dass der Sektor die vertraglich zugesagten Einspeisevergütungen nicht erwirtschaften kann und zunehmend Schulden aufhäuft. Ein Versuch, die Einspeisevergütungen mit zeitlich gestaffelten Netzanschlussgebühren zu reduzieren, scheiterte 2013 gerichtlich. Ein neuerlicher Versuch, den Wind und Sonnenenergie-Betreibern eine Art Strafsteuer von 20 Prozent der Einnahmen aufzuerlegen, wird ebenfalls gerichtlich angefochten. Die Zielmarke von eines Anteils der erneuerbaren Energien von 16 Prozent bis 2020 bei der Stromerzeugung ist bereits überschritten. EE-Projekte erhalten derzeit keine Zusagen zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme mehr, so dass die Investoren Planungs- und Bauphase nur schwer kalkulieren können.

Der Anteil der EE-Quellen an der gesamten Energieerzeugung liegt derzeit bei ca. 12 Prozent. Die Kernenergie wird in Bulgarien weiterhin als wichtiger Baustein gesehen. Ausländischen Beobachtern gegenüber wird gern der interne Erzeugerpreis von Atomstrom aus Kozloduy in Höhe von 4 Cent vorgehalten und mit den zum Teil vielfach höheren Vergütungen für erneuerbare Energien verglichen. Für bulgarische Rentner können winterliche Stromrechnungen existenzbedrohend wirken.

Als Restlaufzeit der noch laufenden zwei Blöcke des Kernkraftwerks Kozloduy wird ein Zeitraum bis 2030 für möglich erklärt. Bulgarien erzeugte 2011 rund ein Drittel seines Stroms mit Hilfe des AKW Kozloduy und konnte durch den Export von 10,5 Terrawatt-Stunden Strom rund 400 Mio Euro erlösen. Als man zur Förderung der Erneuerbaren Energien z.T. auf den internationalen Markt zugriff, brach der Export ein; dies wurde Mitte 2013 korrigiert.

Maßnahmen zur Steigerung der (im EU-Maßstab schlechtesten) Energieeffizienz, insbesondere beim Heizen, scheitern an ungeklärter Kostenträgerschaft der zahlreichen Wohnungseigentümer.


Verkehr

Vier paneuropäische Transportkorridore führen durch Bulgarien, ferner gibt es vier internationale Flughäfen (Sofia, Varna, Burgas, Plovdiv) und mehrere Binnenhäfen an der Donau. Der bulgarische Anteil an der Donau (470 Kilometer) ist durchgehend schiffbar; er ist zugleich die Grenze zu Rumänien.

Innerörtliche Bürgersteige, Straßen und das Fernstraßennetz sind vielfach in schlechtem bis sehr schlechtem Zustand, mit Ausnahme zB der neuen Autobahn Verbindung Sofia-Burgas und ein paar anderer Strecken. Das Ausbautempo hat sich seit etwa 3 Jahren beschleunigt; die Europäische Union finanziert die Projekte in der Regel zu 80 Prozent. Das bulgarische Eisenbahnnetz umfasst 4.150 Kilometer, davon sind 68,3 Prozent elektrifiziert. Für die Häfen am Schwarzen Meer und an der Donau sind zur Zeit Privatisierungen in Form der Vergabe von Konzessionen zum Betrieb über 35 Jahre angeboten. Auch der Flughafen Sofia soll mittelfristig zur Konzession (ggf. gebündelt mit einer Verpflichtung, sich um einen neuen Flughafen in Baltschik zu bemühen) vergeben werden. Die Flughäfen Varna und Burgas werden von Fraport betrieben.


Umwelt

Bulgarien weist eine große landschaftliche Vielfalt und eine sehr reichhaltige Flora und Fauna auf, die sich gut erhalten kann, weil die Bevölkerungsdichte gering ist und manche Gebiete, besonders in den Gebirgen, kaum besiedelt sind. Schwerpunkte der bulgarischen Umweltpolitik sind die Anpassung der nationalen Gesetzgebung an das EU-Recht, die nachhaltige Entwicklung sowie die Verbesserung der administrativen Kapazitäten von Ministerien und Behörden. Wie auch in anderen Ländern resultieren aus Erfordernissen von Umwelt- und Naturschutz einerseits, denen von Energieerzeugung und Industrie andererseits Zielkonflikte, bei denen die Regierung vor allem die letztgenannten als prioritär ansieht.

Im Februar 2007 wurde die Entscheidung über die Auswahl der Schutzgebiete im Rahmen des länderübergreifenden EU-Schutzgebietssystems NATURA 2000 getroffen. Die Neigung zu spontaner, ungeregelter Müllentsorgung ist nach wie vor verbreitet. Umweltschutz, darunter auch die Verteidigung der ökologisch wichtigen Gebiete, hat eine Reihe bulgarischer Nichtregierungsorganisationen beflügelt und sich zu einem Kristallisationspunkt der erwachenden Zivilgesellschaft entwickelt.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.