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Einstieg und Ausbildung

Mein Weg in den Auswärtigen Dienst verlief kurvenreich. Nach dem Abitur nahe Augsburg leistete ich Zivildienst in einem Krankenhaus in Köln und studierte einige Semester Medizin in Rostock. Der Traum vom Arztberuf war nicht meiner. Der Auswärtige Dienst interessierte mich sehr, die Chancen hineinzukommen erschienen mir aber gering. Dennoch: nach Aufenthalten in Frankreich, Korea und im Jemen stand der Entschluss, mich für die gehobene Laufbahn zu bewerben. Als letzter Bonner Anwärter-Jahrgang wurden wir im Juli 2005 mit einem Festakt eingestellt und vereidigt. Ein halbes Jahr darauf zog die "Diplomatenschule" - so der Bonner Sprachgebrauch – in die Hauptstadt um.

Der Fachbereich Auswärtige Angelegenheiten der FH Bund ist an die Akademie Auswärtiger Dienst ausgelagert, die  in Berliner Stadtrandlage untergebracht ist. Auf dem Curriculum stehen zum überwiegenden Teil Rechtsfächer, aber auch BWL und VWL, Organisationslehre, Geschichte und natürlich Sprachen. Die Studienbedingungen sind hervorragend. Dennoch waren es die beiden Praktika – eines im Inland, eines im Ausland –, die ich als Höhepunkte meiner Ausbildung empfand. An der Zentrale in Berlin verbrachte ich fünf Monate in dem Länderreferat, das amtsintern den Rekord hält, was die Länderabdeckung anbelangt: neben Südostasien, Australien und Neuseeland werden auch die pazifischen Inselstaaten, etwa das 26 Quadratkilometer große (Landfläche) Tuvalu, betreut. Die Zeit in dieser Arbeitseinheit war nicht nur von beinahe durchweg interessanten Inhalten geprägt, sondern auch wichtig, um die internen Abläufe eines Bundesministeriums kennenzulernen.

Nach dem Zivilrecht-lastigen ersten Teil des Hauptstudiums begann im Februar 2007 das neunmonatige Auslandspraktikum, das mich an die Botschaft in Kairo führte. In dem funktionalen Zweckbau in um so schönerer Lage – auf einer Nilinsel mitten in der Stadt – bekam ich einen Einblick in das "Auslandsgeschäft". Ob in der Verwaltung, im Kultur-, Presse- oder Wirtschaftsreferat oder natürlich in der großen Rechts- und Konsularabteilung: in Ägypten galt es, das hohe Maß an Verbindlichkeit zu gewährleisten, das von einer deutschen Auslandsvertretung erwartet wird und diesen Kurs auch in einer Umgebung zu halten, die gelegentlich an Fatalismus grenzende Gelassenheit einfordert. Der Ausbau der Arabischkenntnisse, das neue, laute und einmalige städtische Umfeld Kairos (inklusive Straßenverkehr) und das Knüpfen und Pflegen von Freundschaften  waren bereichernde Herausforderungen im Privaten. Gerade hatte ich mich in Kairo gut eingelebt, als die Liste mit den möglichen Posten für 2008 herauskam. Und im November verließ ich Kairo einigermaßen widerspenstig.

Langsam zeichnet sich ab, was "weltweite, uneingeschränkte Versetzungsbereitschaft" bedeutet: nachdem meine Kommilitonen und ich Anfang des Jahres die Diplomarbeiten eingereicht und Intensivkurse in Englisch und Französisch begonnen haben, steht bald die Benachrichtigung über die Verwendung ins Haus, die Mitte 2008 – nach der Laufbahnprüfung – auf uns wartet. Für mich könnte es an etwa 25 verschiedene Orte gehen. Von den meisten habe ich keine Vorstellung. Auch habe ich keine Vorstellung davon, was es für den persönlichen Bereich heißt, Deutschland für vier oder auch acht Jahre den Rücken zu kehren. Die Welt mag zusammengewachsen sein, aber sie ist immer noch sehr groß. Auf Arbeit und Leben im Ausland, inklusive aller Unwägbarkeiten, freue ich mich. Heute bin ich beim Joggen auf einer Eisplatte ausgerutscht, weil ich einem startenden Flugzeug nachgeschaut habe. Dass mir das mit 27 Jahren noch passiert, bestätigt mich in meiner Berufswahl.

(11.01.2008)

„Können Sie sich Afrika vorstellen?“

Beim Laufen vor Fernweh auf Eisplatten auszurutschen ist nicht mehr angesagt: zwei Wochen nach der Vereidigung in der Akademie in Berlin-Tegel wurde ich an die Visastelle des Generalkonsulats in Lagos versetzt. Zum Joggen geht man hier auf das Laufband, wenn es denn Strom gibt. Bei einer Durchschnittstemperatur von 32 Grad Celsius und 100% relativer Luftfeuchtigkeit gibt es Eis allenfalls in den Gläsern.

Um eines gleich klarzustellen: an einer Visastelle wird nicht gestempelt, es wird geklebt. Es ist keineswegs Routinearbeit, jeden der jährlich etwa 20.000 Visumanträge hier in Lagos zu prüfen. Viele Reisewillige haben ein berechtigtes Interesse daran, in Deutschland Geschäfte zu tätigen, Verwandte zu besuchen oder ein Studium zu absolvieren, um nur einige Beispiele zu nennen. Dies vor dem Hintergrund eines extrem hohen, meist wirtschaftlich bedingten und oft mit allen – auch kriminellen – Mitteln betriebenen Migrationsdrucks gerecht zu beurteilen, ist eine Herausforderung.

Eine andere Herausforderung ist das Alltagsleben im „Wilden Westen Afrikas“. Herabhängende Stromkabel, überflutete Straßen und Kriminalität gehören auch in den Banken- und Diplomatenvierteln dazu. Der Bewegungsradius ist im Vergleich zu Berlin oder auch Kairo eingeschränkt. Es dauert einige Zeit, bis man herausgefunden hat, hinter welchen unscheinbaren Fassaden sich kulturelles Angebot, Geschäfte und Nachtleben verbergen. Eine Wohnung konnte ich erst sieben Monate nach Ankunft beziehen, denn die Megacity Lagos gehört zu den teuersten Städten der Welt und die Mieten sind enorm. Um ehrlich zu sein, hatte ich trotz vieler Berichte und Gespräche nur eine Ahnung davon, was mich erwarten würde – bis ich dann hier war. Die ein oder andere Widrigkeit kann zu Beginn abschreckend wirken. Vielleicht ist es die freundliche Aufnahme durch Kollegen, vielleicht sind es interessante Bekanntschaften mit anderen Ausländern und Nigerianern. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass in Lagos die Musik spielt. Die Stadt hat jedenfalls viel von dem Schrecken verloren, der ihr als Ruf vorausgeeilt ist. Sie ist gewöhnungsbedürftig. Doch mit Geduld, einer dicken Haut und einem gelegentlichen Flug nach Hause lässt es sich durchaus aushalten.

Neulich abends: ein großer Tag für das Konsulat geht zu Ende, der Bundespräsident reist nach einem Staatsbesuch wieder ab. Wir stehen etwas verloren auf der Straße vor dem Tor und sehen der Wagenkolonne nach. Ein Militärpolizist gesellt sich dazu und klopft mir freundlich, aber viel zu heftig auf die Schulter. Ein Motorradfahrer verfehlt unsere kleine Gruppe um drei Zentimeter und beschimpft uns im Wegfahren wüst. Über der Lagune kreisen Fledermäuse und vom Atlantik kommt eine frische Brise auf. Der Präsident arbeitet sich mit seinem Tross durch den Stau zum Flughafen vor. Ich bin ganz froh, noch etwas in Lagos bleiben zu können.


Stand 11.01.2008