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Norwegen

Wirtschaft

Stand: März 2014

Wirtschaftsstruktur

Seit der Erschließung seiner Öl- und Gasreserven Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts hat Norwegen eine enorme wirtschaftliche Entwicklung vollzogen. Aus einem der ärmeren westeuropäischen Länder, geprägt vor allem durch Schifffahrt, Fischfang, Land- und Forstwirtschaft, wurde einer der größten Öl- und Gasexporteure der Welt mit hohem Bedarf an Arbeitskräften, einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen und einer der teuersten Hauptstädte der Welt. Dem Land ist es gelungen, mit der Öl- und Gasindustrie als Rückgrat eine stabile und dynamische Wirtschaft zu formen, die jährlich hohe Leistungsbilanz- und Haushaltsüberschüsse aufweist. Damit einher ging eine rasante Entwicklung des öffentlichen und privaten Dienstleistungssektors. Grundlage des norwegischen Wohlstands bilden aber weiter der einzigartige Mix von Rohstoffen und deren effiziente Gewinnung und Nutzung (Öl, Gas, Strom aus Wasserkraft, Fisch und Holz).

Aufgrund ihres absoluten Volumens und der starken Abhängigkeit der Einkünfte der Öl- und Gaswirtschaft von den schwankenden Energiepreisen werden die Wirtschaftskennziffern Norwegens i.d.R. als sog. Festlandsziffern, d.h. ohne Einkünfte der Öl- und Gasbranche berechnet. Das Festlands-BIP stieg 2013 um 2,0%, das Gesamt-BIP um 0,6% auf 3.003 Mrd. NOK. (ca. 361 Mrd. Euro - Umrechnungskurs vom 31.12; 2013: 1 EUR = 8,423 NOK).

1990 wurde ein Fonds (Pensionsfonds Ausland oder „Ölfonds“) etabliert, über den die Netto Öl- und Gaseinnahmen im Ausland angelegt werden. Dieser Fonds hat derzeit einen Marktwert von 5.131 Mrd. NOK (etwa 617 Mrd. Euro) und ist der größte Staatsfonds der Welt. Nach der sogenannten Handlungsregel darf die Regierung jährlich nur 4% des Vermögens des Fonds im Haushalt einplanen. So soll sichergestellt werden, dass auch zukünftige Generationen vom Ölreichtum profitieren und das wirtschaftliche Gefüge des Landes intakt bleibt.


Wichtigste Wirtschaftszweige

Schlüsselsektor ist die Öl- und Gaswirtschaft. Norwegen besitzt Öl- und Gasreserven in Höhe von etwa 13,6 Mrd. Sm³ OE (Standardkubikmeter Öläquivalent) und ist weltweit der fünftgrößte Lieferant für Öl sowie Europas zweitgrößter Lieferant für Gas. Der Öl- und Gasexport trug 2013 mit 21,5 Prozent zum BIP und einschließlich Mineralölprodukten ca. 60 Prozent zum Warenexport des Landes bei. 2013 wurden 224 Mio Sm³ OE gefördert, eine Steigerung von rund 2% gegenüber 2011. Auf dem norwegischen Kontinentalsockel wurden im letzten Jahr 213,7 Mio. Sm³ OE gefördert.

Aufgrund der regelmäßigen Einnahmen aus der Öl- und Gaswirtschaft ist der norwegische Staat praktisch schuldenfrei. Die Petroleumfunde der letzten Jahre lassen erwarten, dass die norwegische Öl- und Gaswirtschaft noch über einen erheblichen Zeitraum hinweg  maßgeblich zu den Haushaltseinnahmen beitragen kann.

Die traditionelle Schifffahrtsnation Norwegen kontrolliert eine der größten Handelsflotten der Welt. Ende 2012 befanden sich insgesamt 1.392 im In- sowie im Ausland registrierte Schiffe der norwegischen Handelsflotte (jeweils über 100 Bruttoregistertonnen) in Gebrauch. Die Gesamttonnage betrug 15,7 Millionen Bruttoregistertonnen. 2013 trug die Schifffahrt mit  ca. einem Prozent zum BIP bei. Darüber hinaus kontrollieren norwegische Unternehmen rund 20% der internationalen Versicherungsmärkte für Schiffe. Im Herbst 2013 fusionierten Det Norske Veritas und Germanischer Lloyd zu DNVGL und haben nun weltweit gemeinsam 16.000 Mitarbeiter.

In der norwegischen Fischereiwirtschaft (inklusive Aquakultur) sind die Schwerpunkte Lachszucht und Fischverarbeitung. Trotz fehlender staatlicher Subventionen ist Norwegen weltweit einer der größten Exporteure im Bereich Meeresfrüchte und exportierte im Jahr 2013 Meeresdelikatessen im Wert von 52,1 Mrd. NOK (ca. 6,3 Mrd. Euro). Dabei stellen Fischexporte ca. 6% aller norwegischen Exporte dar. 2012 waren 15.200 Erwerbstätige hauptberuflich in der traditionellen Fischereiwirtschaft beschäftigt.

Norwegen schützt seine Landwirtschaft weitgehend vor internationaler Konkurrenz. Norwegische Landwirte beziehen 63% ihrer Bruttoeinkünfte aus Subventionen (OECD 2012), das ist im weltweiten Vergleich der höchste Anteil (Schweiz 57%, Japan 56% und Südkorea 54%). Damit erreicht Norwegen einen Selbstversorgungsgrad von ca. 50%. Insgesamt trägt die Landwirtschaft (ohne Jagd- und Forstwirtschaft) aber nur noch mit 0,3% zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) bei und beschäftigt gerade noch ca. 2% der Erwerbstätigen (2012). Die Anzahl der landwirtschaftlichen Betriebe betrug im Jahr 2013 43.525, die landwirtschaftlich genutzte Fläche 8,2 Mio. ha, d.h. etwa 3,3% der Gesamtfläche. 5% der Fläche werden ökologisch bewirtschaftet. Norwegen nimmt nicht am gemeinsamen Agrarmarkt der EU teil.

In der Holzwirtschaft beträgt die produktive Nutzfläche aufgrund geographischer Besonderheiten nur 25 Prozent der norwegischen Landesfläche. Eine effiziente Forstwirtschaft scheitert häufig an schwierigen natürlichen Verhältnissen (steile Hänge, keine Transportwege) und fehlenden finanziellen Anreizen. Entsprechend gilt der Baumbestand Norwegens als überaltert und krankheitsanfällig.

Norwegen verbraucht nur einen geringen Teil der auf dem norwegischen Kontinentalsockel geförderten fossilen Brennstoffe selbst und hat im europäischen Vergleich den höchsten Anteil erneuerbarer Energien in der Stromproduktion. Dank der großen Wasserressourcen und Höhenunterschiede des Landes kann Norwegen seinen eigenen Elektrizitätsbedarf zu über 95% aus Wasserkraft decken.

Norwegen besitzt mit 82 Terrawattstunden ca. 50 Prozent des Wasserspeicherpotentials in Europa und damit eine wichtige Funktion als mögliche Ausgleichsenergiereserve („grüne Batterie“) bei einer erhöhten Produktion von erneuerbaren Energien in der EU. Bis 2018 soll deshalb ein Hochspannungskabel zwischen Deutschland und Norwegen gebaut werden. Projektpartner hierfür sind der norwegische Netzbetreiber Statnett, Netzbetreiber TenneT und die KfW.

In Norwegen stehen Belange des Naturschutzes und lokale Bürgerproteste oft einem weiteren Ausbau der Wasserkraft und auch der Netzinfrastruktur entgegen.

Durch günstige Windverhältnisse besitzt Norwegen das größte natürliche Potential (inkl. Offshore) in Europa für die Produktion von Windenergie. Da diese Energiequelle bisher kaum erschlossen ist, hat die bisherige norwegische Regierung ein staatliches Förderprogramm aufgelegt. Der Gesamtanteil der Windkraftproduktion an der Stromversorgung Norwegens ist derzeit mit knapp einem Prozent nachrangig.

Die Tourismusbranche ist in Norwegen über viele Jahre hinweg stark gewachsen. Sie beschäftigt über 80.000 Arbeitnehmer, was über 6% aller Beschäftigten entspricht. Deutsche Gäste stellten 2013 mit circa 1,3 Millionen Übernachtungen (19%) die größte Gruppe dar.

Der Bankensektor ist relativ klein, aber robust und ausreichend kapitalisiert. Die Marktführer sind ausnahmslos skandinavische Banken. Die Auswirkungen von Risiken in der Eurozone sind gering.


Starke Rolle des Staates

Eine starke Rolle des Staates in der Wirtschaft gehört zum Grundkonsens der norwegischen Politik. Viele bedeutende Akteure der Wirtschaft befinden sich deshalb noch ausschließlich oder mehrheitlich in öffentlicher Hand. Bedeutende Staatsunternehmen sind der Öl- und Gasproduzent Statoil (67 Prozent), der Energieerzeuger Statkraft (100 Prozent), die Netzgesellschaft Statnett (100 Prozent), der Telekomkonzern Telenor (54 Prozent) sowie die Düngemittelfirma Yara (36,2 Prozent) und der Rüstungsproduzent Kongsberg Gruppen (50,001%).


Umweltpolitik

Auf internationalen Umwelt- und Klimakonferenzen gehört Norwegen zu den engagiertesten Teilnehmern. Dies gilt auch auf dem Gebiet der umweltorientierten Entwicklungshilfe, für die es regelmäßig mehr als ein Prozent des BIP aufwendet. Norwegen hat sich in erheblichem Maße politisch und finanziell dafür eingesetzt, ein neues verbindliches Klimaabkommen auszuhandeln, das auch die USA und die Entwicklungsländer einschließt und so eine wirklich weltweite Kooperation zustande kommen lässt. Um hier die Verhandlungen durch konkrete Initiativen voranzubringen, hat die norwegische Regierung sowohl mit Brasilien als auch Indonesien Programme gegen die Abholzung des Regenwaldes vereinbart, die Projekte und finanzielle Anreize in Höhe von jeweils 1 Milliarde US-Dollar beinhalten.

Am 11.06.2012 verabschiedete die norwegische Regierung ein Weißbuch zur Klimapolitik. Wichtigstes Ziel ist die Reduzierung von CO2-Emissionen bis 2020 um 30 Prozent verglichen mit dem Niveau von 1990, wovon zwei Drittel im Inland erreicht werden sollen. Außerdem soll Norwegen bis 2050 CO2-neutral sein. Als Teil eines internationalen Klima-Abkommens wäre Norwegen bereit, bereits bis 2030 CO2-Neutralität zu erreichen. Norwegen steht damit in einem Dilemma zwischen seinen Emissionszielen und der Stärkung des Rückgrats der norwegischen Wirtschaft, der Öl- und Gasindustrie.

Adressat internationaler Kritik wird das Land immer wieder beim Thema Walfang. Seit 1986 besteht weltweit ein von der Internationalen Walfangkommission (IWC) beschlossenes Verbot des kommerziellen Walfangs. Das Moratorium soll eine Erholung der jahrzehntelang dezimierten Walbestände ermöglichen. Norwegen hat einen Vorbehalt gegen das Moratorium der IWC eingelegt und praktiziert weiterhin den Fang von Zwergwalen. Gegenüber seinen Kritikern verweist Norwegen darauf, dass die Jagd auf Minkwale nachhaltig und nicht bestandsgefährdend sei, alten Traditionen des Landes entspreche und dass die Anzahl der getöteten Tiere stets deutlich unter den von der Internationalen Walfangkommission (IWC) auf wissenschaftlicher Basis ermittelten Quoten liege.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.