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Wirtschaft
Stand: April 2013
Kurzcharakterisierung der indischen Wirtschaft
Indien gehört trotz Abschwächen des Wirtschaftswachstums auf 5 Prozent (2012/13; 2011/12 dagegen noch 6,2 Prozent) nach wie vor zu den am stärksten expandierenden Volkswirtschaften der Welt (Stelle 10 weltweit). Bei derzeit 1,2 Mrd. Einwohnern wird es bis zur Mitte des Jahrhunderts voraussichtlich nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen.
Indien steht vor gewaltigen Herausforderungen auf den Feldern Armutsbekämpfung, Infrastruktur und Bildung. Das durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei nur 1250 USD. Ca. 30 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 1 USD pro Kopf/Tag und ca. 70 Prozent von weniger als 2 USD. Auf dem Human Development Index der UNDP (2011) steht Indien auf Platz 134 unter 187 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt Indien bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika.
Das hohe Wachstum der letzten Jahre hat die regionalen Entwicklungsunterschiede auf dem Subkontinent und das zunehmende Einkommensgefälle zwischen der expandierenden städtischen Mittelschicht und der überwiegend armen Bevölkerung auf dem Lande, wo noch knapp 70% aller Inder leben, schärfer hervortreten lassen. Die erhofften massiven Beschäftigungseffekte des Wachstums sind bislang ausgeblieben.
Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens und die Überwindung des über Jahrzehnte schwachen Wachstums war die sukzessive Deregulierung und Öffnung der indischen Volkswirtschaft nach der Finanzkrise von 1991.
Seit September 2012 hat die indische Regierung Liberalisierungsschritte eingeleitet und damit einen längeren Stillstand der Reformpolitik überwunden. So wurde die hoch umstrittene Zulassung ausländischer Investitionen auch in Supermarktketten beschlossen, ferner u.a. die Zulassung ausländischer Beteiligung an Fluggesellschaften und Strombörsen. Weitere wichtige Reformvorhaben zur Öffnung des Finanzsektors wie z.B. die Anhebung der Schwelle für Auslandsinvestoren an Versicherungsunternehmen, liegen dem Parlament zur Billigung vor.
Das Wirtschaftswachstum wird ganz wesentlich von der Binnennachfrage getragen – schon die demographische Entwicklung spricht für eine weiter steigende Binnennachfrage. Die industriepolitische Strategie strebt den weiteren Auf- und Ausbau einer eigenen industriellen Produktion an. Dabei erfolgt gelegentlich ein Rückgriff auf protektionistische Maßnahmen wie Importzölle, Exportquoten oder Buy Indian-Vorgaben in öffentlichen Ausschreibungen. Exportpolitisch verfolgt Indien eine Diversifizierungsstrategie, die über „Look East“- oder Afrika-Strategien und die BRIC-Kooperation auf Verringerung der Abhängigkeit Indiens von wirtschaftlichen Entwicklungen in den USA und der EU und damit auf Risikominimierung zielen.
Nach der globalen Wirtschaftskrise steht die UPA-Regierung vor erheblichen Herausforderungen: das Haushaltsdefizit steht bei etwa 5 Prozent. Auch der Haushalt 2013/14 steht deshalb deutlich im Zeichen der fiskalpolitischen Konsolidierung (Defizitprognose 4,8 Prozent). Hierfür hat die Regierung jüngst auch unpopuläre Maßnahmen wie den teilweisen Abbau von Dieselsubventionen beschlossen, die für den kleinen Mann die Preise empfindlich nach oben treiben.
Struktur der Wirtschaft
Zu den Hauptcharakteristika der indischen Volkswirtschaft gehört das Missverhältnis zwischen BIP- und Beschäftigungsanteil bei Landwirtschaft und Dienstleistungen (mit umgekehrten Vorzeichen) und eine vergleichsweise geringe Bedeutung der verarbeitenden Industrie. Die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung lebt in überkommenen ländlich-bäuerlichen Strukturen und bleibt wirtschaftlich marginalisiert. Der BIP-Anteil der Landwirtschaft sinkt seit Jahren kontinuierlich und beträgt nur noch 13,8 Prozent (2011/12: 14,1 Prozent). Angesichts gravierenden Kapitalmangels, viel zu kleiner Anbauflächen, stagnierender Erträge und fehlender Absatzstrukturen bleibt der Sektor, von dem weiterhin über die Hälfte aller Inder direkt abhängen (Beschäftigungsanteil 52 Prozent), Hauptsorge jeder indischen Regierung. Um die größte Not auf dem Lande zu mildern, wird inzwischen ein öffentliches Beschäftigungsprogramm für Familien unterhalb der Armutsgrenze implementiert. Es garantiert 100 Tage bezahlte Beschäftigung für jeweils ein Familienmitglied.
Wachstum und Wohlstand verdanken sich hingegen vor allem dem Dienstleistungssektor (65 Prozent BIP, 2011/12: 59 Prozent), wovon aber bei einem Beschäftigungsanteil von etwa 30 Prozent nur eine Minderheit der Bevölkerung profitiert. Die zur Überwindung der Massenarmut notwendige massive Schaffung neuer Arbeitsplätze, vor allem auch für nicht oder gering qualifizierte Kräfte, kann aus Sicht der Regierung am ehesten in der Industrie bzw. im verarbeitenden Gewerbe erfolgen, dort liegt der BIP-Anteil (leicht rückgängig) bei 27 Prozent.
Nur ca. 8 Prozent aller Beschäftigten stehen in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Die übrigen 92 Prozent werden dem sog. „informellen Sektor“ zugerechnet - sie sind weder gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert, noch haben sie Anspruch auf soziale Leistungen oder Altersversorgung.
Neben der dynamisch expandierenden Privatwirtschaft, deren Investitionen entscheidend zur hohen Gesamtinvestitionsrate von 35 Prozent BIP (2011/12) beitragen, bleiben eine Reihe von Sektoren (insb. Öl, Gas, Kohle; Schwerindustrie; Transportwesen, Banken und Versicherungen) weitgehend von öffentlichen bzw. halböffentlichen Unternehmen dominiert. Mehrere Anläufe der reformerischen Kräfte in der Regierung, diese Strukturen wenigstens in kleinen Schritten aufzubrechen, sind bislang gescheitert.
Wirtschaftsklima
Die schiere Größe der indischen Volkswirtschaft, Demographie und anhaltend hohes Wachstum machen den Subkontinent zu dem nach China wichtigsten Markt der Zukunft. Ganz anders als in China treibt in Indien die Inlandsnachfrage die Entwicklung voran.
Als wesentlicher Grund für die mittel- bis längerfristig hohen Wachstumsprognosen wird gemeinhin die sogenannte „Demographische Dividende“ angeführt (Geburtenrate sinkt nur langsam). Der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren wird bis 2026 auf 68,4 Prozent steigen. Dieses äußerst günstige Generationenverhältnis soll auch längerfristig hohe Sparraten (2011/12: 31 Prozent BIP) ermöglichen, um privaten Konsum und Kapitalinvestitionen der Wirtschaft zu finanzieren. Die nötigen Arbeitsplätze müssen größtenteils allerdings erst noch geschaffen werden. Ebenso sind massive öffentliche Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen notwendig.
Nur etwa 5 Prozent aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation; bei den unter 30jährigen haben ganze 2 Prozent eine formale Berufsausbildung absolviert. Während derzeit jedes Jahr knapp 13 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt strömen, wird die Zahl der landesweit zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze nur auf 4 Mio. beziffert.
Vor diesem Hintergrund hat die Regierung sich im 12. Fünfjahresplan (April 2012 – März 2017) zum Ziel gesetzt, die Ausgaben für schulische und berufliche Bildung auf 6 Prozent des BIP zu verdoppeln. Zugleich wurde die Schaffung einer Ausbildungsstrategie „National Skills Development Mission“ und die Formulierung einer „National Employment Policy“ beschlossen, um dem Phänomen des Wachstums ohne zusätzliche Arbeitsplätze gezielt zu begegnen. Gravierende Defizite im Bereich Humankapital gelten mittlerweile als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.
Der Umfang der Auslandsinvestitionen war in den vergangenen Jahren stark gestiegen, zuletzt hatten sich die Hoffnungen jedoch nicht erfüllt: ihr Umfang betrug im Zeitraum April-Dezember 2012 nur knapp 17 Mrd. USD gegenüber 26 Mrd. USD im gleichen Zeitraum im Vorjahr (gesamt 2011/12: 35 Mrd. USD).
Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft
Indien hat sich in den vergangenen Jahren zunehmend gegenüber dem Ausland geöffnet. In den meisten Bereichen der Wirtschaft sind mittlerweile ausländische Direktinvestitionen zugelassen und die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen wurden entweder ganz abgeschafft oder ausgeweitet. Die Regierung hat jüngst eine stärkere Öffnung des Einzelhandels und des Luftverkehrs für ausländische Investoren beschlossen sowie Vorschläge zur Anhebung der Prozentschwellen für Auslandsinvestitionen bei Versicherungen und Pensionsfonds vorgelegt. Die entsprechende Novellierung des Versicherungsgesetzes bedarf allerdings der parlamentarischen Zustimmung. Zu den wenigen Branchen, die für ausländisches Kapital komplett gesperrt bleiben, gehören die Landwirtschaft sowie jene Handwerksbereiche, die in Indien der Kleinindustrie „small scale industries“ vorbehalten bleiben und wo industrielle Massenfertigung generell nicht zugelassen ist. Außerdem sind Eisenbahnen und Kernkraft für ausländische Investitionen nach wie vor verschlossen. In der immer noch staatlich dominierten Rüstungsindustrie gilt eine strenge Prozentobergrenze von 26 Prozent; gleichwohl beginnen sich dort im Privatsektor erste Joint Ventures mit ausländischer Beteiligung zu etablieren (FDI-Obergrenze 26 Prozent). Neben einer vermeintlichen Beeinträchtigung der nationalen Sicherheit sind es vor allem sozial- bzw. beschäftigungspolitische Vorbehalte, die in einzelnen Bereichen einer weiteren Öffnung für ausländische Investoren im Wege stehen. Es bleibt abzuwarten, ob das Freihandelsabkommen, das die EU mit Indien abzuschließen beabsichtigt, zu substantiell verbessertem Marktzugang führt.
Insgesamt wurden die administrativen Verfahren erheblich gestrafft, um ausländisches Engagement in Indien zu erleichtern. Anstelle der früheren Genehmigungspflicht ist für die Mehrzahl der Sektoren die bloße Anzeigepflicht (sog. „automatic route“) getreten. Auch entwickelt sich ein reger Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen. Die Sektoren mit den höchsten Auslandsinvestitionen sind IT und Elektronik, Dienstleistungen, Transportindustrie (hier vor allem Kraftfahrzeuge) und Energie.
Der indische Außenhandel ist in den letzten zwei Jahrzehnten stark gewachsen; der BIP-Anteil des Außenhandels erhöhte sich von 28 Prozent in 2004/05 auf 43 Prozent im Fiskaljahr 2011/12. Indiens Exporte haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Der Anteil am Welthandel erreichte 20011 nach WTO-Angaben ca. 1,7 Prozent bei Exporten und 2,5 Prozent bei Importen. Damit nimmt Indien weltweit bei den Exporten Rang 26 und bei den Importen Rang 12 ein. Indische Exporte sind im Zeitraum April 2012 bis Januar 2013 stark gesunken um -4,9% (im Vorjahr: + 21%). Importe stiegen um 0,01%. (Im Vorjahr: + 32).
Das wachsende Defizit in der Handels- und der Leistungsbilanz geht hauptsächlich auf die Verteuerung der Ölimporte und die anhaltend starke Nachfrage nach Kapitalgütern zurück.
Obwohl Indien seine angewandten Zölle in den letzten Jahren kontinuierlich gesenkt hat, wehrt es sich im WTO-Rahmen weiterhin gegen eine verbindliche Übernahme entsprechender Verpflichtungen. Nicht nur im weiterhin stark geschützten landwirtschaftlichen Bereich will Indien sich möglichst großen Spielraum bei der Festsetzung der Einfuhr- und Ausfuhrabgaben (z.B. auch bei Stahl, Zement) bzw. -beschränkungen und -verboten (z.B. Reis, Zucker) als Mittel zur Marktregulierung vorbehalten.
Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage
Im Haushaltsjahr 2012/13 wuchs das Bruttoinlandsprodukt auf 1.433 Mrd € (1,823 Mrd USD) bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 982 Euro/Jahr (1.250 USD). Der Agrarsektor wuchs mit 1,8 Prozent vergleichsweise schwach (3,8 Prozent im Vorjahr), das Wachstum des Industriesektors sank im Vergleich zum Vorjahr ( 3,1 Prozent gegenüber 3,5 Prozent im Vorjahr); der Dienstleistungssektor wuchs mit 6,6 Prozent geringfügig schwächer als im Vorjahr (8,2 Prozent im Vorjahr).
Bei Industrie und Dienstleistungen dürften sich verschiedene Folgeeffekte der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise bemerkbar machen (z.B. schwache externe Nachfrage); intern können die ungewöhnlich hohen Gewinnmargen der letzten Jahre ohne einen neuen Investitionszyklus nicht gehalten werden. Ohne Investitionen im großen Stil in beschäftigungsintensiven Branchen (wie z.B. Leder, Elektronik) wird sich Indien nicht aus Armut und Unterentwicklung befreien können. Indien setzt hierfür auf die Förderung des verarbeitenden Gewerbes. Eine Politik zur Förderung der Elektronikindustrie setzt dabei auf ein Zusammenspiel aus steuerlichen Anreizen und protektionistischen Maßnahmen.
Defizite im Infrastrukturbereich erweisen sich als einer der größten Hemmschuhe für höheres Wachstum. Hier setzt die Regierung mit gigantischen Infrastrukturprojekten an. Zwischen Delhi und Mumbai soll um eine neue Hochgeschwindigkeitsstrecke für Hochgeschwindigkeitsgüterzüge ein Verkehrs- und Industriekorridor mit modernen, ökologisch durchdachten Stadtansiedlungen („Smart Cities“) entstehen, der „Delhi-Mumbai Industrial Corridor“. Weitere „Korridore“ sollen von West nach Ost durch die Gangesebene Delhi und Kalkutta sowie Mumbai mit den wirtschaftlichen Zentren Bangalore und Chennai im Süden verbinden.
Die Arbeitslosigkeit wird nach den letzten verfügbaren offiziellen Zahlen (2009 – 2010) mit 6,6 % angegeben; aber schon angesichts der Größe und mangelnden statistischen Erfassbarkeit des „informellen Sektors“ (Problem der Unterbeschäftigung in weiten Teilen) dürfte diese sehr viel höher liegen.
Die Inflation, angefacht vor allem von der globalen Entwicklung der Öl- und der Nahrungsmittelpreise, aber auch von der Verteuerung anderer volkswirtschaftlich wichtiger Güter wie Stahl, Zement oder Dünger, impliziert für Regierung und Zentralbank einen kaum auflösbaren Zielkonflikt zwischen Wachstum und Preisstabilität.
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.
