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Ägypten

Wirtschaft

Stand: Januar 2017

Wirtschaftsstruktur

Ägypten ist das nach Südafrika am stärksten industrialisierte Land Afrikas. Außerhalb der Ballungsgebiete spielt weiterhin die Landwirtschaft eine erhebliche Rolle. Der zu weiten Teilen informelle Dienstleistungssektor nimmt zudem einen Großteil der Arbeitskräfte auf. Dennoch bleibt die Arbeitslosigkeit mit ca. 13%, bei deutlich höherer Jugendarbeitslosigkeit, hoch. Starke Elemente einer Rentenökonomie prägen das Wirtschaftsbild. Ägypten verfolgt eine auf ausländische Direktinvestitionen abzielende Wirtschaftspolitik, ohne jedoch dafür bisher die notwendigen Voraussetzungen geschaffen zu haben. Das strukturelle Leistungsbilanzdefizit wurde lange durch Einnahmen aus Transitgebühren für Passagen durch den Suez-Kanal, Rücküberweisungen von im Ausland arbeitenden Ägyptern sowie durch Einnahmen aus dem Tourismus gemildert. Alle diese Einnahmen sind aus sektorspezifischen Gründen erheblich zurückgegangen, was Devisenknappheit zur Folge hat. Die vormalige Haupteinnahmequelle, der Export von fossilen Energieträgern (Erdöl und Erdgas), ist aufgrund des Nachfrageüberhangs im Inland de facto zum Erliegen gekommen. Staatliche Unternehmen, das ägyptische Militär und die informelle Wirtschaft spielen im Wirtschaftsleben eine starke Rolle. Familienunternehmen von z.T. erheblicher Größe dominieren den Privatsektor.

Daten zur Wirtschaftsstruktur und -lage in englischer Sprache werden u.a. durch das ägyptische Finanzministerium

www.mof.gov.eg/english

, die Zentralbank (Central Bank of Egypt),

www.cbe.org.eg

und die staatliche Statistikbehörde (CPMAS)

www.capmas.gov.eg

publiziert.

Landwirtschaft

Jeder dritte Ägypter ist in der Landwirtschaft beschäftigt. Angebaut werden vor allem Baumwolle, Reis, Zuckerrohr, Weizen, Gemüse und Obst. Die landwirtschaftliche Nutzfläche erstreckt sich vor allem entlang des Nils sowie im Nildelta, macht aber lediglich 2,9 Prozent der Gesamtfläche des Landes aus. Aufgrund der starken Parzellierung können viele Landwirte lediglich Subsistenzwirtschaft betreiben. Einziges wesentliches Wachstumspotenzial bietet die Optimierung der Bewässerung. Ägypten bedient saisonal insbesondere den europäischen Markt mit Obst und Gemüse, es ist im Gegenzug auf umfangreiche Weizenimporte angewiesen.

Rohstoff- und Energiesektor

Rückläufige Öl- und Gasfördermengen stehen einem jährlichen Nachfragezuwachs von ca. 7% bei Elektrizität und in vergleichbarem Umfang bei Kraftstoffen gegenüber. Derzeit werden Brennstoffe importiert. Gleichzeitig gehen Schätzungen von Ölreserven in Höhe von 4,5 Mrd. Barrel aus. Die Erdgasreserven Ägyptens werden auf ca. 2.200 Milliarden m³ geschätzt. Damit verfügt das Land über 1,2 Prozent der weltweiten Erdgasvorkommen. Der Bau eines zivilen Nuklearkraftwerks mit russischer Hilfe wird forciert. Im September 2014 wurde erstmals eine Einspeisevergütung für Wind- und Solarenergie erlassen, die neuen Schwung in den bisher schleppenden Ausbau der Erneuerbaren Energien gebracht hat. Ägypten verfügt darüber hinaus über eine Reihe von wirtschaftlich nutzbaren und z.T. bereits erschlossenen mineralischen Rohstoffen, dazu zählen insbesondere Eisenerz, Phosphat, Gips, Gold, Marmor.

Weitere Informationen:
NREA www.nrea.gov.eg/english1.html
EMRA www.emraonline.com/index.php?lang=en
EGAS www.egas.com.eg/home.aspx

Produzierendes Gewerbe und Bau

Angesichts einer weiter stark wachsenden Bevölkerung (+2,6% p.a.) besteht erheblicher Bedarf an Infrastrukturmaßnahmen und dem Bau von Wohnungen. Der Bausektor zählt daher zu den wichtigsten Bereichen der ägyptischen Wirtschaft. Von Immobilieninvestitionen versprechen sich viele Ägypter zudem Sicherheit vor der starken Inflation (2016 voraussichtlich mindestens 15%). Vom Bausektor gehen erhebliche Wachstumsimpulse aus. Ähnliches gilt für das produzierende Gewerbe, welches allerdings vorrangig für den lokalen Markt fertigt und weiterhin erheblich in die Qualifikation von Fachkräften investieren muss. Dennoch sind ägyptische Hersteller mittlerweile in einigen Nischen sehr erfolgreich und z.T. in Lieferketten in Europa eingebunden.

Dienstleistungsbereich

Der Dienstleistungssektor absorbiert einen erheblichen Teil der Erwerbstätigen und erwirtschaftet große Teile des Bruttoinlandsproduktes. Dabei spielen insbesondere der Groß- und Einzelhandel und in zunehmendem Umfang auch Finanzdienstleistungen eine bedeutende Rolle. Einen maßgeblichen und für die Wohlfahrt des Landes sehr wichtigen Beitrag leistet der Tourismusbereich (siehe unten). Ein erheblicher Teil des Dienstleistungsbereichs arbeitet informell und entgeht daher der statistischen Erfassung.

Tourismus

Als ganzjähriges Reiseziel hat Ägypten seit Jahren einen festen Platz im weltweiten Tourismus, ist jedoch angesichts der schwierigen regionalpolitischen Lage in diesem Bereich anfällig für starke Schwankungen. Wurden 2010 noch 14,7 Millionen Touristen gezählt, so waren es 2015 nur noch knapp 10 Millionen, davon ca. 10% aus Deutschland. Nach dem Absturz eines russischen Charterflugzeugs über dem Sinai mit 224 Toten im Oktober 2015 wird die Zahl ausländischer Touristen 2016 wohl auf 5-6 Millionen zurückgehen.

Suez-Kanal

Der Suez-Kanal, der ca. 8 Prozent des Schifffahrtwelthandels abwickelt, ist gleichzeitig eine der wichtigen Deviseneinnahmequellen des Landes. Die Transitgebühren können der offiziellen Homepage

www.suezcanal.gov.eg

entnommen werden. Im August 2015 wurde  nach einem Jahr Buazeit ein Parallelkanal im mittleren Segment des Suez-Kanals eröffnet. Damit ist ein bidirektionaler Verkehr (bisher mussten Schiffe jeweils auf Reede warten) möglich. Gleichzeitig wird entlang des Kanals eine Industrie- und Logistikzone entwickelt.

Öffentliche Verwaltung und Regierung

Der Staat beschäftigt direkt und indirekt (durch private Unternehmen im Staatsbesitz, Agenturen und nachgeordnete Institutionen) fast 7 Millionen Ägypter (ca. 25% aller Erwerbstätigen) und ist durch die Ausgabe von Subventionen (Energie, Lebensmittel) unmittelbar am Wirtschaftsgeschehen beteiligt. Versuche, die Zahl der Beschäftigten im öffentlichen Dienst einzuschränken, waren bisher erfolglos.

Überweisungen aus dem Ausland

Die Überweisungen der knapp 8 Millionen Auslandsägypter spielen eine wichtige Rolle im Wirtschaftsgefüge des Landes. Der Großteil kommt aus den Golfstaaten. Die von der ägyptischen Zentralbank erfassten Zahlungsströme spiegeln nicht alle tatsächlich erfolgten Transferleistungen wider, Bankenüberweisungen sind unter dem geltenden Devisenregime erheblich zurückgegangen


Wirtschaftslage und -politik der ägyptischen Regierung

Im Rahmen des gerade mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) verhandelten Reformprogramms versucht die Regierung, den notwendigen Strukturwandel in die Wege zu leiten. Das Wirtschaftswachstum wird 2016 wohl ca. 3,5% erreichen, 2017 nach IWF-Prognose 4,0%. Dieses Wachstum ist jedoch für ein Land mit einem Bevölkerungswachstum um fast 2 Millionen Menschen jedes Jahr und einer Gesamtbevölkerung von 92 Millionen zu gering. Auf dem Prüfstand befinden sich die Subventionen für Benzin, Diesel und Elektrizität. Eine Anhebung der Einkommenssteuer für hohe Einkommen und eine effizientere Immobiliensteuer werden ebenfalls diskutiert. Auch soll die hohe Zahl an Staatsbediensteten sozial verträglich reduziert werden. Eingeführt wurde im Oktober bereits eine Mehrwertsteuer von 13%, die die bisherige Verkaufssteuer von 10% ersetzt. Die neue Mehrwertsteuer soll dazu beitragen, den großen Anteil der informellen Wirtschaft in die offizielle und besteuerte Wirtschaft zu überführen. Wichtige Verbesserungen wurden bereits am Lebensmittelsubventionssystem (elektronische Berechtigungskarten) vorgenommen, weitere sollen innerhalb des IWF-Programms folgen.

Die künftigen politischen Weichenstellungen und die Fortschritte der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen werden ausschlaggebend für die ökonomische Weiterentwicklung des Landes sein. Es bleibt - wenn auch nur mit begleitender internationaler Unterstützung - die Aussicht auf eine positive wirtschaftliche Perspektive des größten und bedeutenden Landes in der arabischen Welt. Eine der zentralen Herausforderungen bleibt die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Generierung von auskömmlichen Einkommen. Neben aktuell implementierten, kurzfristigen Konjunkturpaketen ist es dafür aber unerlässlich, ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das die erhebliche Ungleichverteilung von Ressourcen und Chancen mildert und gleichzeitig die Voraussetzungen für mehr Innovation schafft.


Wirtschaftsbeziehungen zur Europäischen Union

Die Europäische Union ist der größte Handelspartner und Direktinvestor. Deutschland ist erster Handelspartner Ägyptens innerhalb der EU, es folgen Frankreich und Italien. Ägypten ist seit 1995 Mitglied in der WTO (Welthandelsorganisation). Das 2004 in Kraft getretene EU-Assoziationsabkommen regelt den freien gegenseitigen Handel. Bestehende Handelsbarrieren sollen bis 2019 abgebaut sein. Verhandlungen über ein umfassendes Freihandelsabkommen (Deep and Comprehensive Free Trade Agreement) werden durch die EU angestrebt. Im Agrarsektor sind bereits 87 Prozent der Produkte liberalisiert. Auf die politischen Umbrüche in der Region hat die EU mit einer stärker an Reformbemühungen anknüpfenden Nachbarschaftspolitik und zusätzlichen Mitteln reagiert. Auch die G7 haben mit der „Deauville-Partnerschaft“ zusätzliche Angebote, insbesondere mit Hilfe der internationalen Finanzinstitutionen, unterbreitet, um den politischen Wandel wirtschaftlich zu begleiten.

Mehr auf der Webseite der EU-Kommission (englisch)


Umweltsituation

Ägypten sieht sich mit erheblichen Umweltproblemen konfrontiert, insbesondere, was die Bereiche Luftverschmutzung in der Mega-Stadt Kairo (ca. 22 Millionen Einwohner) sowie flächendeckend Abfallentsorgung und Zugang zu (sauberem) Wasser betrifft. Das Land verursacht ca. 1% der weltweiten CO2 -Emissionen; per capita 2,4t (2015). Gleichzeitig wird Ägypten besonders stark von den Folgen eines ungebremsten Klimawandels betroffen sein. Dies gilt insbesondere für die Landwirtschaft; das hierfür zentrale Nildelta liegt teilweise auf Höhe des derzeitigen Meeresspiegels. Da Ägypten sein Wasser zu 95% aus dem Nilwasser bezieht, sind der Klimawandel und die damit verbundene drohende Wasserknappheit auch ein regionales Problem.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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