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Kultur- und Bildungspolitik
Stand: Oktober 2012
Bildungspolitik
Unter den Ressorts verfügt das Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft (Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschap) über den größten Einzelposten im niederländischen Gesamthaushalt. Dies reflektiert die Bedeutung, die die niederländische Regierung vor allem der Bildungspolitik zumisst. Das Ministerium verfügte im Haushaltsjahr 2011 über 36,78 Milliarden Euro (2010: 36,54 Milliarden Euro); u. a. primäre, sekundäre und tertiäre Bildungsbereiche rund 19,7 Milliarden Euro (2010: 19,9 Milliarden), Wissenschaft und Forschung 1 Milliarde Euro (2010: 1,2 Mrd. Euro), und Kultur und Medien 1,8 Milliarden Euro (2010: 1,8 Milliarden Euro); insgesamt 238 Millionen Euro mehr als im Haushaltsjahr 2010.
Im Haushaltsjahr 2011 standen für den Primarschulbereich rund 9,5 Milliarden, den Sekundarschulbereich 6,8 Milliarden, das Berufsschulwesen rund 3,4 Milliarden, Fachhochschulen 2,5 Milliarden und Hochschulen 3,9 Milliarden Euro zur Verfügung. Hinzu kamen noch die Personal- und Sachkosten für den Bildungsbereich sowie die Darlehen, die Studenten zur Finanzierung des Studiums gewährt wurden.
Bestimmendes Merkmal des Bildungssystems ist die grundgesetzlich verankerte Bildungsfreiheit einerseits, die zentrale Steuerung durch das zuständige Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur andererseits. Es besteht das Recht, aufgrund religiöser, weltanschaulicher oder pädagogischer Überzeugungen Schulen einzurichten. Dementsprechend ist die Stellung von Schulen mit autonomer Trägerschaft sehr stark. Im Primarbereich sind es rund 67 Prozent der Schulen, im Sekundarbereich rund 59 Prozent der Schulen.
Die Verbesserung der Unterrichtsqualität unter dem Motto „In Qualität investieren“ ist seit 2009 zentrales Element der Bildungspolitik. In der „Qualitätsagenda 2008 bis 2011“ wurden die wichtigsten Ziele für den sekundären Bildungsbereich formuliert: Modernisierung der Bildungsverwaltung und des Schulwesens, Steigerung der Effektivität und Wirtschaftlichkeit, Verringerung der Kosten, Erhöhung der Autonomie und Eigenverantwortung der bildungspolitischen Akteure.
Dem Bildungsministerium obliegt die allgemeine Aufsichts- und Steuerungsfunktion. Es legt die Qualitätsmaßstäbe sowie die Kernziele der Bildungspolitik fest, während die Schulen (fusioniert in regionalen Schulgemeinschaften) relativ große Freiheit bei der Lehrplangestaltung und Mittelverwendung haben. Dies gilt auch für den Hochschulbereich.
Das niederländische Bildungssystem gliedert sich wie folgt:
*Primarunterricht 4.-12. Lebensjahr (basisonderwijs)
*Sekundarunterricht 12.-18. Lebensjahr (volle Schulpflicht bis 16, ab 2007 bis 18 Jahre für Jugendliche, die keine Ausbildung abgeschlossen haben) als berufsbildender (VMBO), allgemeinbildender (HAVO) und vorwissenschaftlicher bzw. gymnasialer (VWO) Unterricht
*tertiärer Unterricht (Regelstudienzeit!) an Fachhochschulen (HBO) und Universitäten (WO), 18.-22. Lebensjahr
Erklärung der Abkürzungen:
Voorbereidend Middelbaar Beroepsonderwijs (VMBO) = Mittlerer allg.-bildender und berufsvorbereitender Sekundarunterricht
Middelbaar Beroepsonderwijs (MBO) = Berufsbildender Sekundarbereich II
Hoger Algemeen Voortgezet Onderwijs (HAVO) = Höherer allgemeinbildender Sekundarunterricht
Voorbereidender Wetenschappelijk Onderwijs (VWO) = Studienvorbereitender Sekundarunterricht
Hochschulwesen
Im niederländischen Hochschulwesen unterscheidet man zwei Arten von Einrichtungen: die wissenschaftlichen Hochschulen bzw. Universitäten (WO: wetenschappelijk onderwijs - universiteit) und die berufsbildenden Fachhochschulen (HBO: hoger beroepsonderwijs - hogeschool). Es gibt 14 Universitäten und 44 staatlich geförderte Fachhochschulen sowie zahlreiche private Bildungseinrichtungen und eine Fernuniversität. Darüber hinaus werden im Rahmen so genannter Internationaler Studien (IO - internationaal onderwijs) Kurse und Studiengänge in englischer Sprache angeboten.
2011 waren insgesamt 656.000 Studenten an Universitäten (233.254) und Fachhochschulen (403.087) eingeschrieben. 2011 kamen ca. 81.700 Studenten aus dem Ausland. Deutsche Studenten stellen die größte Gruppe (25.000) ausländischer Studierender in den Niederlanden, gefolgt von China mit 5.450 Studenten.
Die Studienabschlüsse (Bachelor, Master, PhD) orientieren sich seit 2002 an den im Bologna-Prozess vereinbarten neuen Strukturen für Studiengänge. Ein Punktsystem (ECTS-creditsystem) ist Gradmesser für Qualifikation und Studienfortschritt und entscheidet, je nach Studiengang, über die Zulassung zu Zwischen- und Abschlussprüfungen. 2010 gab es 89.500 Bachelor- und 36.400 Masterabschlüsse. Im Studienjahr 2010/11 beträgt die Basisstudiengebühr an staatlichen Hoch- und Fachhochschulen 1.672 Euro pro Studienjahr.
Für die Zusammenarbeit von Hochschuleinrichtungen auf nationaler und internationaler Ebene ist die Hochschulorganisation NUFFIC zuständig, die aus Mitteln des Bildungs- und des Außenministeriums finanziert wird. In den Niederlanden und Flandern obliegt die Prüfung und Anerkennung in- und ausländischer Studiengänge und Abschlüsse sowie die Qualitätsprüfung der Fachhochschulen und Universitäten der Akkreditierungsorganisation NVAO, einer bilateralen Einrichtung der niederländischen und flämischen Bildungsbehörden.
Weitere Informationen zum Hochschulsystem der Niederlande sind beim DAAD und bei NUFFIC erhältlich.
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Externer Link, öffnet in neuem Fensterwww.nuffic.nl
Externer Link, öffnet in neuem Fensterwww.studyin.nl
Wissenschaft und Forschung
2012 gelang des den Niederlanden, weiter im Wettbewerbsfähigkeits-Index des World Economic Forum aufzurücken. Die Niederlande stehen nunmehr auf Platz 5. Dies war erklärtes Ziel der Regierung Rutte/Verhagen. Forschung und Entwicklung (FuE) v.a. in „Topsektoren“ (s.u.) wurde dabei als zentraler Hebel benannt.
Gleichwohl bleibt die Zielsetzung der niederländischen Regierung im EU-Rahmen („Europa 2020“) hinter dem bei Forschungsausgaben angestrebten EU-Durchschnitt von 3 Prozent des BIP zurück. 2020 sollen 2,5 Prozent des BIP für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden – aktuell betragen die Ausgaben etwa 1,9 Prozent des BIP. Die niederländische Regierung bewertet das 2,5 Prozent-Ziel als „ehrgeizig angesichts der herrschenden Wirtschaftsstruktur“; gemeint ist damit die starke Stellung von Dienstleistungs- und Finanzsektor in der niederländischen Wirtschaft.
Die seit langem bestehende politische Zielsetzung, „Innovation“ in den Niederlanden zu fördern, wurde institutionell bekräftigt, indem das Wirtschaftsministerium durch Zusammenlegung mit dem Landwirtschaftsministerium und Zugewinn weiterer Zuständigkeiten zum Ministerium für „Wirtschaft, Landwirtschaft und Innovation“ aufgewertet wurde. Neun Topsektoren wurden definiert, in denen die Niederlande an die Weltspitze gelangen wollen, darunter die Bereiche High-Tech, Energie, Wasser, Agro-Food. Zu den Topsektoren wurde ein Konsultationsprozess der Politik mit Wissenschaft und Wirtschaft (Großkonzerne ebenso wie KMU) geschaffen. Sogenannte Topteams formulierten im Juni 2011 Empfehlungen an die Politik. Das Wirtschaftsministerium setzte unter anderem den Vorschlag um, Ausgaben von Unternehmen für Forschung und Entwicklung steuerlich absetzbar zu machen.
2011 legte die Regierung eine „Strategische Agenda für höhere Bildung, Forschung und Wissenschaft" vor. Die Agenda hebt v.a. auf eine bessere Steuerung der Hochschulen ab. Es wird angestrebt, dass Universitäten sich für ein spezialisierteres Profil entscheiden müssen. Studiengänge und -zulassungen sollen stärker auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes zugeschnitten werden.
Wichtige Bereiche der niederländischen Wissenschafts- und Technologiepolitik sind die Genforschung, die Nanotechnologie und die Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT). Die Gesamtausgaben für Forschung und Entwicklung (FuE) in den Niederlanden beliefen sich 2008 mit rund 10,5 Milliarden Euro auf 1,76 Prozent des BIP.
Forschungsinstitutionen werden unterteilt in Universitäten, öffentliche Forschungsinstitute sowie Unternehmen, die den privaten Sektor der Forschung bilden. Große Unternehmen wie Philips sind nach Angaben der niederländischen Regierung für rund die Hälfte aller Forschung verantwortlich; dies zeigt sich auch in der hohen Zahl von Patentanmeldungen: die Niederlande stehen regelmäßig unter den Top 5 der Patentanmeldungen in Europa. Fachblättern zufolge haben niederländische Unternehmen 2009 rund 2,6 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Die 14 Universitäten sind für 37,9 Prozent der Forschung in den Niederlanden verantwortlich. Die öffentlichen Forschungsinstitute führen 12 Prozent der Forschung durch.
Wichtige gemeinsame Forschungsprojekte sind die Deutsch-Niederländischen Windtunnel-Versuchsanlagen in Marknesse sowie die deutsche Beteiligung am Radioteleskop-Projekt „LOFAR“ (Low Frequency Array). Am 12. Juni 2010 wurde dieses größte Radioteleskop der Welt in Buinen/Drenthe durch Königin Beatrix eingeweiht und ein Memorandum zur wissenschaftlichen Zusammenarbeit im Rahmen dieses europäischen Großforschungsvorhabens unterzeichnet. Stationen der einzelnen Antennen von LOFAR befinden sich außer in den Niederlanden auch in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Schweden.
Fremdsprachenunterricht
Englisch dominiert in Schule, Wirtschaft, Wissenschaft und öffentlichem Leben. Analog zu europaweit beobachteten Entwicklungen und stark beeinflusst durch zwei große Bildungsreformen in den 60er und 90er Jahren gab es in den Niederlanden einen Rückgang bei Zweit- und Drittfremdsprachen, vor allem bei Deutsch und Französisch.
Deutsch ist (wie auch Französisch) in der Sekundarstufe II nicht mehr für alle Schüler Pflichtfach. Ein verstärktes Interesse am Erlernen von Deutsch ist in jüngster Zeit weniger im Schulbereich als eher im Bereich der außerschulischen praxisorientierten Sprachkurse erkennbar. Die Zahl der Germanistikstudenten und der Lehramtsstudenten entwickelt sich allerdings eher rückläufig.
Dies könnte mittelfristig nicht ausreichen, um langfristig den Bedarf an Fach- und Nachwuchskräften mit guten Deutschkenntnissen zu sichern. Die Bedeutung der deutschen Sprache ist nicht zuletzt aufgrund der wichtigen Handels- und Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden groß. Es werden stets Arbeitskräfte mit guten Deutschkenntnissen gesucht. Deutschland und die Niederlande fördern daher im Rahmen ihrer intensiven Zusammenarbeit das Erlernen von Deutsch und die Ausbildung von Deutschlehrern mit einer Vielzahl von Programmen.
Kulturpolitik
Seit Anfang 2008 gelten für die niederländische Kulturpolitik neue Grundlagen. Sie orientiert sich seitdem an den Zielen Exzellenz und Innovation und wurde auf eine breitere Basis gestellt (Partizipation). Ein Teil des Kulturhaushalts fließt unmittelbar an bestimmte Kultureinrichtungen wie das Concertgebouw Orchester in Amsterdam, der andere Teil an insgesamt acht Kulturfonds, die niederländische Kultureinrichtungen und deren Aktivitäten unterstützen. 2010 haben 205 Kultureinrichtungen und acht Kulturfonds insgesamt 596 Millionen Euro erhalten. Bei den Fonds handelt es sich um den Nederlands Fonds voor de Podiumskunsten (ein neuer „Superfonds“ für Musik, Festivals, Tanz, Tanztheater, Theater), den Programmafonds Cultuurparticipatie (für die Bereiche Amateurkunst und Kulturerziehung), (operativ seit dem 01. Januar 2009), den Fonds Beeldende Kunst, Vormgeving en Bouwkunst (Fonds für Bildende Kunst, Gestaltung und Baukunst), den Nederlands Literatuur Productie- en Vertalingenfonds (fördert u.a. Übersetzungen ins Niederländische und aus dem Niederländischen), den Fonds voor de Letteren (Literatur-Fonds), die Mondriaanstichting (international agierender Fonds für Bildende Kunst), den Stimuleringsfonds voor Architectuur und den Nederlands Fonds voor de Film.
Kulturelles Leben
Das kulturelle Leben in den Niederlanden wird einerseits geprägt durch traditionelle Einrichtungen bildender und angewandter Kunst, andererseits durch die moderne Szene der Randstad und Migrantenkulturen. Die Niederlande haben auf dem Gebiet von Kunst und Kultur viel zu bieten: Weltberühmte Museen, ein breites Musikspektrum, ein reges Theaterleben mit viel Raum für Experimente und neuen Stilrichtungen sowie zahlreiche internationale Festivals.
Mit fast 1.000 Museen haben die Niederlande die größte Museumsdichte der Welt. Es gibt eine Vielzahl international bekannter Museen und Sammlungen (Rijksmuseum, Stedelijk Museum, Van Gogh-Museum und Rembrandt-Haus in Amsterdam, Gemeentemuseum und Mauritshuis in Den Haag, Museum Boymans-van-Beuningen in Rotterdam, Kröller-Müller-Museum in Otterlo, Cobra-Museum in Amstelveen, Bonnefantenmuseum in Maastricht). Groß angelegte thematische Veranstaltungen und Festivals ziehen viele ausländische Besucher an.
Die niederländische Malerei blickt auf eine lange Tradition zurück. Maler wie Rembrandt, Frans Hals, Vermeer, van Gogh und Piet Mondriaan sind weltberühmt. Die bekanntesten Nachkriegsmaler sind Karel Appel und Corneille, die der Cobra-Gruppe angehörten. Andere bekannte Gegenwartskünstler sind Ger van Elk, Rob Scholte und Armando, der sich in den 80er Jahren Berlin niedergelassen hat.
Starkes, auch für Deutschland interessantes kulturelles Potential gibt es insbesondere in den Bereichen Architektur (progressive Architektenszene um Rem Kohlhaas, Jo Coenen, Piet de Bruyn, Aldo van Eyck), Design (Niederländisches Designinstitut in Amsterdam), Tanz (Nederlands Dance Theater) und vor allem Literatur. In Deutschland ist das Interesse für Werke niederländischer Autoren in den letzten 15 Jahren ständig gewachsen. Die Werke niederländischer Schriftsteller wie Willem Frederik Hermans, Harry Mulisch, Hella Haasse, Cees Noteboom, Adriaan van Dis, Maarten `t Hart, Arnold Grunberg, Margriet de Moor, Anna Enquist oder Gert Mak erfreuen sich großer Beliebtheit.
Über 52.000 Gebäude und sonstige Objekte in den Niederlanden stehen unter Denkmalschutz. Acht Monumente sind von der UNESCO in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen worden, zuletzt wurde im Juni 2009 das Wattenmeer aufgenommen.
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.
