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Madagaskar

Wirtschaft

Stand: Juli 2012

Wirtschaftslage, Wirtschaftsstruktur

Die politische Dauerkrise seit Anfang 2009 beeinträchtigt die ökonomische Entwicklung auch 2012 erheblich. Deutlich bemerkbar sind die Folgen: Verschlechterte Auftragslage für Exportfirmen, Firmenschließungen, Konkursanmeldungen, schwindendes Interesse ausländischer Investoren, steigende Arbeitslosigkeit mit Fernwirkungen auf den informellen Sektor. Investitionen in die Infrastruktur sind weitgehend zum Erliegen gekommen. Etwas erholt hat sich der Tourismus, nach dem Tiefpunkt von 70 Prozent Rückgang im Jahr 2009 ist 2011 und in der ersten Jahreshälfte 2012 wieder eine deutliche Zunahme zu verzeichnen.

Die fehlende internationale Anerkennung des Regimes führte zum Aussetzen von Programmen der internationalen Geber. Das Aussetzen der Budgethilfe sowie die durch sinkende Steuereinnahmen insgesamt leeren Staatskassen stellten die Übergangsregierung vor beträchtliche wirtschaftliche Herausforderungen. 2010 und 2011 konnte die Inflation bei circa 10 Prozent gehalten werden. Die Landeswährung Ariary blieb aufgrund der regulierenden Eingriffe der Regierung weitgehend stabil.

Bereits vor der politischen Krise im Januar 2009 zeichnete sich ab, dass Madagaskar noch erhebliche Anstrengungen unternehmen muss, um das Investitionsklima zu fördern und dem Privatsektor eine größere Rolle bei der Wirtschaftsentwicklung zu überlassen. Angesichts des starken Bevölkerungswachstums reicht das Wirtschaftswachstum seit Jahrzehnten nicht aus, um die dramatisch gestiegene Armut wesentlich zu verringern: Über 75 Prozent der Bevölkerung leben von weniger als 1 US-Dollar am Tag. Die zu geringe Diversifizierung macht Madagaskar zudem anfällig für externe Schocks wie Naturkatastrophen und Weltmarktpreisänderungen.


Entwicklung des BIP

Nach starken Einbrüchen des Wirtschaftswachstums für 2009 und 2010 veröffentlichte das madagassische Finanzministerium für 2011 ein Wachstum von 0,7 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2011 wird auf circa 9,4 Milliarden US-Dollargeschätzt, das BIP pro Kopf liegt bei 428 US-Dollar. Circa 26 Prozent des BIP werden von der Landwirtschaft erwirtschaftet, 58 Prozent vom Dienstleistungssektor und 15 Prozent von der Industrie. Demgegenüber sind 80 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, 12 Prozent in der Industrie und 8 Prozent im Dienstleistungssektor – mit krisenbedingt sinkender Tendenz bei den beiden letzteren Sektoren. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist auf eine Beschäftigung im informellen Sektor angewiesen.


Infrastruktur

Hohe Priorität galt bisher dem Ausbau der Infrastruktur (insbesondere dem Straßenbau), gefördert von der Weltbank, EU und Afrikanischer Entwicklungsbank (ADB). Da die Programme der meisten Geberinstitutionen ausgesetzt bzw. auf laufende Vorhaben oder humanitäre Projekte beschränkt wurden, leidet auch dieser Investitionsbereich zunehmend Not, zumal selbst Erhaltungsmaßnahmen kaum mehr durchgeführt werden können.

Der Bausektor, der in den Jahren 2003 bis 2008 etwa 20 Prozent zum Wachstum beigetragen hat, hat den Großteil des bisherigen Umsatzes verloren. 70 Prozent des bisherigen Personalbestandes mussten entlassen werden.


Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland

Die deutschen Importe aus Madagaskar nahmen 2011 um etwa 15,5 Prozent zu (von knapp 69 Millionen auf 82,1 Millionen Euro). Hingegen gingen die deutschen Exporte nach Madagaskar 2011 zurück (von 38,5 Millionen Euro auf 31,4 Millionen Euro). Der bilaterale Außenhandelssaldo betrug 2011 aus deutscher Sicht minus 50,8 Millionen Euro. In Deutschland wurden mehr landwirtschaftliche Erzeugnisse (Kakao, Gewürze, Südfrüchte) und Fischereierzeugnisse aus Madagaskar nachgefragt. Die Hauptausfuhrgüter nach Madagaskar waren Maschinen, chemische Erzeugnisse und elektronische Erzeugnisse sowie Kfz und Kfz-Teile. 

Nur circa 3 Prozent der Touristen kommen aus Deutschland, die Mehrzahl ist aus Frankreich. Nach dem extremen Rückgang des Tourismus im Jahr 2009 erholte sich der Sektor bislang nur teilweise. Madagaskar ist sehr am deutschsprachigen Markt interessiert und nimmt seit 2003 an der Internationalen Tourismusbörse in Berlin teil.


Wichtigste Wirtschaftszweige

Die Industrie war bis 2009 der Motor des Wachstums. Hierzu trugen vor allem die 102 Unternehmen der Freihandelszone (Zone franche) bei, mit rund 115.000 Beschäftigten überwiegend im Textilbereich. Mit der Krise seit 2009 fiel die Produktion in der Textilbranche um 30 Prozent, die Aktivitäten der Freihandelszone verringerten sich um 15 Prozent, circa 50.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Wegen erheblicher Mängel bei Demokratie und Rechtsstaatlichkeit strichen die USA 2010 den zoll- und quotenfreien Zugang zum US-Markt („African Growth and Opportunity Act“, AGOA).

Die madagassische Landwirtschaft ist nach wie vor durch geringe Dynamik und Probleme beim Marktzugang gekennzeichnet. Insgesamt überwiegt die Subsistenzwirtschaft (bei Reis, Mais und Maniok). Die Reisernte reicht regelmäßig nicht zur Versorgung der stetig wachsenden Bevölkerung aus, weshalb Madagaskar auf Reisimporte angewiesen ist. Madagaskar ist der größte Produzent von Vanille und hat sich eine starke Marktposition für hochwertige Garnelen erarbeitet. Es gibt erste Versuche, Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zu gewinnen: Biodiesel (Jatropha) und Biobenzin (Ethanol).

Die Zahl der Touristen stieg bis 2008 stark an (ca. 380.000 Besucher), was Deviseneinnahmen von 393 Millionen US-Dollar erbrachte. Mit Beginn der Krise sind die Besucherzahlen eingebrochen, seit 2010 steigen sie wieder langsam (2011: 225.000 Beuscher).

Der Bergbau gilt als Wirtschaftszweig der Zukunft. Der Reichtum an Bodenschätzen wird bisher nur wenig verwertet bzw. ohne allgemeinen Nutzen für die madagassische Bevölkerung von einer Wirtschaftsoligarchie ausgebeutet - teilweise offensichtlich illegal (Rosenholz, Gold, Edelsteine). Seit 2009 werden im Südosten und Südwesten des Landes Titan-Sande abgebaut. 2012 soll eines der weltweit größten Nickel- und Kobaltprojekte im Osten des Landes in Produktion gehen. In der Straße von Mosambik wird weiter nach Erdöl gesucht.

Ein Boom des IKT-Sektors wird durch den Anschluss an submarine Fiber-Optik-Kabel erwartet, die westliche Telekommunikationsstandards mit Europa, Asien und Afrika ermöglichen sollen. Eine effiziente Regulierung fehlt allerdings, so dass wichtige Investitionen weiterhin ausstehen.


Mitgliedschaft in Wirtschaftsgruppierungen

Madagaskar ist Mitglied des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und Welthandelsorganisation (WTO) sowie der AKP-Gruppe (Gruppe der afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten, über Cotonou-Abkommen mit der EU verbunden). Es gehört den regionalen Zusammenschlüssen Kommission des Indischen Ozeans (COI) und der Indian Ocean Rim Association for Regional Cooperation (IOR-ARC) an und ist Mitglied des Gemeinsamen Marktes für das östliche und südliche Afrika (COMESA). Seit 17. August 2005 ist Madagaskar Mitglied der Entwicklungsgemeinschaft des südlichen Afrika (SADC), seit August 2008 auch der SADC-Freihandelszone. Allerdings wurde die Mitgliedschaft Madagaskars sowohl in Afrikanischer Union (AU) als auch SADC infolge des Putsches 2009 suspendiert.


Umweltpolitik

Die größten Umweltprobleme entstehen durch die massive illegale Abholzung von Edelhölzern in geschützten Gebieten und Naturparks sowie durch die hierdurch verursachte Bodenerosion. Die Plünderung von Naturressourcen (neben Wald auch geschützte, oft endemische Tierarten) hat sich durch den krisenbedingten Zusammenbruch staatlicher Ordnungs- und Kontrollmechanismen und die fehlende Durchsetzung von Verboten durch Exekutive und Judikative noch erheblich verschärft. Bei der Abholzung von Edelhölzern gehen Experten davon aus, dass seit Februar 2009 enorme Mengen an Edelhölzern illegal exportiert wurden.

In den Städten belasten Autoabgase die Luft stark; Gewässer sind verunreinigt. In einschlägigen Studien über die Lebensumstände in Millionenstädten belegt Antananarivo regelmäßig einen der letzten Plätze weltweit.

Die Regierung Ravalomanana (bis 2009) räumte der Umweltpolitik einen hohen Stellenwert ein und betonte den Zusammenhang zwischen Umwelt, nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen und Armutsbekämpfung. Der nationale Entwicklungsplan sah eine Ausweitung der geschützten Flächen auf 6 Millionen Hektar vor. Die Schutzflächen dieser Größenordnung gibt es inzwischen, allerdings fehlen zunehmend die finanziellen Mittel für Management, Schutz, Kontrolle und Erhaltung der Gebiete. Ausgehend von der Überlegung, dass die Erhaltung der verbliebenen Biodiversität im Interesse nachfolgender Generationen und der Menschheit insgesamt ist, liegt der Schwerpunkt der deutschen entwicklungspolitischen Zusammenarbeit auf dem Erhalt und der nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen Madagaskars.

Hinweis:

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 


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