Hauptinhalt

"Globalisierung gestalten – Deutschlands Wohlstand sichern". Rede Außenminister Guido Westerwelles auf dem Wirtschaftstag der Botschafterkonferenz

30.08.2011

-- es gilt das gesprochene Wort! --

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie alle sehr herzlich! Nachdem der Wirtschaftstag bereits im letzten Jahr so gut angenommen worden ist, freue ich mich, dass er in diesem Jahr noch mehr Aufmerksamkeit gefunden hat. Darüber freue ich mich von ganzem Herzen. Es zeigt, dass diejenigen, die Ihnen hier beim letzten Mal als Angehörige des Auswärtigen Dienstes, als Vertreter der Bundesrepublik Deutschland auf dem diplomatischen Parkett begegnet sind, Wort gehalten haben und sich für Ihre Anliegen im Ausland weltweit einsetzen. Das ist aus unserer Sicht eine wichtige Ausrichtung der deutschen Außenpolitik.

Ich weiß, dass dies bei dem einen oder anderen in Deutschland immer noch etwas skeptisch beäugt wird. Die Diplomatie im Dienste der Wirtschaft: Kann das gut gehen? Ist das gewissermaßen eine Ökonomisierung der Außenpolitik? Ich halte solche Betrachtungen für falsch. Ich glaube, dass insbesondere der Mittelstand - aber nicht nur der Mittelstand - sondern auch die großen Unternehmen, die Unterstützung der Diplomatie für ihre Arbeit brauchen können, um Türen zu öffnen, um Probleme meistern zu können. Dies ist im Interesse unseres ganzen Landes. Außenpolitik und Außenwirtschaftspolitik – das sind keine Widersprüche, das gehört zusammen. In anderen Ländern ist es eine Selbstverständlichkeit, dass man sich, wenn man das Land im Ausland vertritt, bemüht, Unternehmen bei Aufträgen zu helfen. Es muss auch für uns eine Selbstverständlichkeit sein.

Ich begrüße sehr herzlich Peter Löscher, den Vorstandsvorsitzenden der Siemens AG und Vorsitzenden des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft. Wir hatten schon ein sehr interessantes Vorgespräch und haben natürlich schon viele Gespräche über die Region in früheren Monaten und Jahren geführt. Deswegen ist es mir eine ganz besondere Freude, Sie im Namen aller Anwesenden hier als unseren besonderen Gastredner aus der Wirtschaft begrüßen zu dürfen. Es zeigt auch, dass wir Deutsche nicht nur als Land, sondern auch mit zahlreichen Unternehmen so genannte Global Player in der Welt sind– herzlich Willkommen im Namen aller Anwesenden, lieber Herr Löscher!

Ich möchte mich bedanken bei denen, die mit ihrer Anwesenheit, aber auch bei denen, die mit ihrer handfesten Unterstützung dafür sorgen, dass ein Wirtschaftstag in so großem Umfang stattfinden und finanziert werden kann. Das möchte ich hier mit offenem Herzen ausdrücklich erwähnen. Besonders danken möchte ich der Metro AG und allen Kooperationspartnern für die großzügige Unterstützung dieser Konferenz.

Jeder kann sich vorstellen, dass die Vorbereitung einer solchen Konferenz, die nicht nur aus dieser Einführungsveranstaltung besteht, sondern aus zahlreichen weiteren Foren und Austauschmöglichkeiten, einen erheblichen Aufwand darstellt. Es ist wirklich eine Freude, dass wir diese Unterstützung haben.

Erstmals bei der Botschafterkonferenz begrüßen darf ich den Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und - ich darf dies hinzufügen - meinen guten Freund, Dirk Niebel. Herzlich willkommen, Herr Minister Niebel.

Für diejenigen von Ihnen, meine Damen und Herren, die beim letzten Mal schon dabei gewesen sind, ist es nichts Neues: Im letzten Jahr ist der Bundeswirtschaftsminister zu Gast gewesen. Diese Tradition wird heute mit der Einladung an Minister Niebel fortgesetzt. Ich denke, es ist wichtig, dass die Bundesregierung gerade beim Thema Wirtschaft und beim Erschließen von Märkten und Möglichkeiten für unser Land im Interesse unseres Wohlstandes und unserer Arbeitsplätze mit den verschiedenen Ressorts an einem Strang zieht. Es ist wichtig, dass hier eine geschlossene und gemeinsame Haltung vertreten wird.

Wir treffen uns zu einer Zeit, in der Deutschland wirtschaftlich sehr gut dasteht. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Als die Bundesregierung im Herbst 2009 neu ins Amt gekommen ist, hatten wir uns das ehrgeizige Ziel gesetzt, dass wir das, was durch die Rezession der beiden vorherigen Jahre verloren gegangen ist, etwa bis zum Jahre 2013 wieder ausgeglichen haben wollten. Jetzt sieht es so aus, als würden wir dieses Ziel nicht erst 2013, sondern sogar schon im Jahr 2011 erreichen können. Dies ist vor allen Dingen der Erfolg von Ihnen, den Gästen aus der Wirtschaft. Es ist der Erfolg von denen, die international wirtschaften und die dafür sorgen, dass das, was an Aufschwung in diesen letzten zwei Jahren stattgefunden hat, wieder Wohlstand für alle bringt.

Wenn ich mich in vielen Ländern in Europa umsehe, dann ist das keine Selbstverständlichkeit. Sondern es ist so, dass wir in vielen anderen Ländern in Europa und weltweit um diese Erfolgsgeschichte beneidet werden. Ich glaube, das hängt mit Vielem zusammen. Zu Allererst auch damit, dass wir ein Land sind, das international vernetzt ist. Wenn man selber keine nennenswerten Rohstoffe hat, dann braucht man Rohstoffe wie Kreativität, wie Weltoffenheit, wie internationale Vernetzung. Wir sind ein Land, dass das weiß. Es ist unser großer Vorteil in Zeiten der Globalisierung, dass wir ein Land sind, das international vernetzt ist. Wer weiß, ob unsere wirtschaftliche Ausrichtung so wäre, wenn wir ein rohstoffreiches Land wären. Ob wir uns dann in unserer Wirtschaftsstruktur nicht zu sehr auf diese Ressourcen verlassen hätten. Aber als rohstoffarmes Land, auf Vernetzung, auf Kreativität, auf Erfindungsreichtum, auf Fleiß zu setzen, das ist es, was unser Land in diesen Zeiten ausmacht. Es ist auch Qualität und Innovation auf neuen Exportmärkten.

Durch harte Veränderungen haben Sie, meine sehr geehrten Damen und Herren und Gäste aus der Wirtschaft, die deutsche Wirtschaft wieder nach vorne gebracht. Bei allem Exporterfolg ist besonders erfreulich, dass der Aufschwung inzwischen stark auf der Binnenwirtschaft fußt.

Wir sind ein Land, das besonders stark mittelständisch organisiert ist. Das ist oft genug belächelt worden. Man hat oft genug die Frage gestellt, ob das in Zeiten der Globalisierung gut gehen kann, in der man immer größere Schwergewichte braucht --- die wir ja auch haben, wie unser Gastredner am heutigen Tage beweist. Am Ende sieht man, dass die mittelständische Ausrichtung der deutschen Wirtschaft, die mittelständische Ausrichtung unserer Volkswirtschaft eben kein Nachteil, sondern ein großer Vorteil ist. Das ergänzt sich sehr gut. So entsteht das, was mit „Made in Germany“ weltweit einen so guten Ruf genießt.

Die guten Zahlen sind gute Nachrichten für Unternehmerinnen und Unternehmer. Aber es sind genauso gute Nachrichten für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und für Gewerkschaften. Wenn Deutschland zu seiner wirtschaftlichen Stärke zurückfindet, dann ist das aber auch eine gute Nachricht für die deutsche Außenpolitik. Sie ist nicht nur wegen seiner guter Diplomaten weltweit stark. Sie ist stark, weil hinter der deutschen Außenpolitik ein wirtschaftlich starkes Deutschland steht. Die Autorität unseres Landes in der Welt hängt nicht zuerst damit zusammen, dass wir über besonders starke Armeen oder militärische Ausrichtung verfügen, sondern dass wir mit einem besonders stark sind: mit unserer Wirtschaft. Deswegen muss die Zeit ein Ende haben, in der man wirtschaftliches Engagement unter einen Anfangsverdacht stellt. Es ist richtig, diese Gegensätze aufzuheben. Das sind keine Widersprüche. Es liegt im fundamentalen Interesse Deutschlands, dass wir uns international wirtschaftlich betätigen. Wer das tut, sollte Anerkennung finden und nicht kritisch beäugt werden.

Ich erinnere mich noch an eine Zeit, als viele Unternehmen zum ersten Mal in asiatischen Märkten investiert haben. Die Diskussion darüber, dass da Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden würden - wir haben sie alle noch in den Ohren. Heute sehen wir, meine Damen und Herren, dass es durch die Investitionstätigkeit deutscher Unternehmen im Ausland keine Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland gegeben hat. Im Gegenteil: Zahllose Arbeitsplätze in Deutschland sind dadurch geschaffen und gesichert worden. Also das, was am Anfang sorgenvoll betrachtet wurde, hat sich mittlerweile als eine glückliche Fügung herausgestellt. Rechtzeitig haben wir die veränderten Umstände in der Welt erkannt. Als Exportnation können wir als rohstoffarmes Land nur erfolgreich sein, wenn wir die Welt in der Zeit des Umbruchs entsprechend annehmen und uns mit unserer politischen aber auch unserer wirtschaftlichen Tätigkeit darauf einstellen. Unsere wirtschaftliche Kraft eröffnet uns politische Gestaltungsmöglichkeiten. Ausdrücklich auch in der Außenpolitik.

Unseren außenpolitischen Einfluss wollen wir nutzen, um die Globalisierung mit zu gestalten. International und global wollen wir die Rahmenbedingungen somit setzen, dass sie wirtschaftliche Dynamik begünstigen und nicht erschweren.

Nehmen Sie unser Engagement in Nordafrika. Deutschland unterstützt die Menschen dort auf ihrem Weg zu Freiheit, Demokratie und wirtschaftlicher Entwicklung. Denn ob der Wandel in diesen Ländern Fuß fasst, wird auch davon abhängen, ob er für die Menschen spürbar wird, durch mehr Freiheit und mehr Chancen auf persönlichen Wohlstand.

Die Menschen im Norden Afrikas sind nicht nur auf die Straße gegangen, weil sie mehr Demokratie und politische Freiheitsrechte einfordern, sondern auch weil sie mit vollem Recht persönliche Lebenschancen einklagen, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Das ist etwas, dass jeden hier beschäftigt. Der demokratische Transformationsprozess im Norden Afrikas, er wird nur gelingen, wenn auch die Wirtschaft in diesen Ländern gelingt. Ja, meine Damen und Herren, wenn es keine Demokratiedividende für die Menschen dort gibt, also eine Demokratiedividende in dem Sinne, dass sich die persönlichen Lebenschancen der Familien, die Schicksale der Bürgerinnen und Bürger der Region verbessern, dann besteht die Gefahr, dass sich aus einer fragilen Lage vielleicht auch etwas ganz Unerfreuliches entwickeln könnte.

Dann ist die Gefahr, dass Fundamentalismen und nicht Demokratie Platz greifen. Und deswegen haben wir ein gemeinsames Interesse. Sie haben ein ökonomisches, wir als Staatsbürger haben alle zusammen ein politisches Interesse, dass der Transformationsprozess in der Region Nordafrikas in Richtung Demokratie gelingt. Er wird gelingen durch politische Unterstützung. Aber er wird nur gelingen, wenn Sie bereit sind, zu investieren, wenn Sie erkennen, das sind Regionen im Aufbruch. Hier ist eine Chance. Darum bitte ich Sie nachdrücklich. Und das heißt, dass wir auch in Europa unsere Konsequenzen ziehen müssen. Wer darüber redet, dass der Transformationsprozess in dieser Region Nordafrikas gelingt, der muss auch bereit sein, Märkte zu erschließen. Aber gleichzeitig muss er auch bereit sein, unsere eigenen Märkte zu öffnen, für Produkte aus dieser Region, die bei uns dann wiederum ihre Absatzmärkte suchen können. Es ist dieser Zusammenhang zwischen politischem Aufbruch und zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, den ich unterstreichen möchte.

Tunesien und Ägypten bieten wir schon seit Beginn des Jahres im Rahmen unserer Transformationspartnerschaften Hilfe an. Mit 100 Millionen Euro unterstützen wir alleine 2012 und 2013 die Demokratisierung und die Stärkung der Zivilgesellschaften. Wir setzen uns dafür ein, dass Produkte aus diesen Ländern leichteren Zugang zur EU erhalten. Wir wollen berufliche Qualifikation und Unternehmertum vor Ort fördern.

Ich danke deshalb der deutschen Wirtschaft an dieser Stelle für ihr wichtiges Engagement vor Ort. In Kairo beispielsweise wurde gerade ein Beschäftigungspakt ausgerufen, der 5.000 ägyptische Jugendliche in Arbeit bringen soll. Gerade mit dem dualen Ausbildungssystem haben deutsche Arbeitgeber ein international begehrtes Erfolgsmodell anzubieten. Ja, wir haben wunderbare Universitäten. Ja, wir haben eine hervorragende akademische Ausbildung in Deutschland. Gelegentlich wird jedoch unterschätzt, was wirklich in der Welt Eindruck macht: unsere berufliche Ausbildung, unser berufliches, duales Ausbildungssystem. Es ist ein richtiger Exportschlager in der Welt geworden.

Auch in Tunesien bringen Botschaft, G.I.Z., die Handelskammer, das Goethe-Institut in Zusammenarbeit mit der deutschen Wirtschaft viel Gutes auf den Weg. Allen Beteiligten danke ich für ihren Einsatz.

Auch den Menschen in Libyen wollen wir beim Wiederaufbau ihres Landes helfen und sie beim Aufbau von demokratischen Strukturen unterstützen.

Institutionenaufbau und gute Regierungsführung sind der Schlüssel zu Demokratisierung und dienen den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort. Gute Regierungsführung stärkt die Verlässlichkeit eines Staates und schafft so auch den notwendigen Rahmen für neue Investitionen, weil man nur dort investiert, wo man Verlässlichkeit durch gute Regierungsführung vorfindet.

Politik ist mehr als staatliches Handeln. Wenn Politik und Wirtschaft Hand in Hand arbeiten, dann können wir mehr erreichen für die Menschen vor Ort und für unser Land. Deutschland ist international ein gefragter Partner. Gerade weil die deutsche Wirtschaft einen ausgezeichneten Ruf genießt. Wir sind verlässlich. Das ist der Ruf der Deutschen, der Politik genauso wie der Wirtschaft. Wir gehen nicht in Länder, um kurzfristig zu investieren und  Gewinne abzuschöpfen. Die Philosophie der deutschen Wirtschaft genauso wie die Philosophie der deutschen Politik ist, dass wir uns in Ländern nachhaltig engagieren, dass wir Partnerschaften auf gleiche Augenhöhe gründen wollen. Deswegen haben wir in diesem Bereich weltweit einen so guten Ruf. Wir wollen helfen, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass sich eine selbsttragende wirtschaftliche Dynamik entwickeln kann.

Auch deshalb ist mir der Wirtschaftstag im Rahmen der Botschafterkonferenz von Anfang an ein wichtiges Anliegen gewesen: Ich glaube, dass die Leiterinnen und Leiter unserer 229 Auslandsvertretungen Ihnen wirklich mit Rat und Tat zur Seite stehen. Die vielen positiven Rückmeldungen bestärken mich darin, auch die kritischen Zwischenrufe kenne ich - und denen wird nachgegangen - aber ich denke mit dem Netzwerk im Gastland können unsere Auslandsvertretungen helfen, manche Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen oder vorab zu vermeiden. Die Notwendigkeit, Geschäfte politisch zu flankieren, hat nicht abgenommen, sondern eher an Bedeutung gewonnen. Den Mittelstand als Rückgrat der deutschen Wirtschaft haben wir in unserer Außenwirtschaftsförderung besonders in den Blick genommen. Doch auch Konzerne mit ihren eigenen Repräsentanzen auf der ganzen Welt können auf uns zählen, wenn sie uns brauchen.

Andererseits, wenn ein großer Konzern weltweit vernetzt auftritt, dann hat er die Möglichkeit, selber Repräsentanzen zu unterhalten, selber politischen Einfluss zu nehmen und sich die Gesprächspartner selber zu suchen. Ein mittelständisches Unternehmen braucht hingegen die Struktur und die Netzwerke unserer Außenvertretungen. Denn natürlich kann sich ein mittelständischer Unternehmer, der weltweit im Wettbewerb bestehen muss, aufgrund seiner Größe nicht gleichzeitig Repräsentanzen weltweit leisten. Deswegen ist es auch eine mittelständische Unternehmensphilosophie, die wir mit der Außenpolitik befördern, ohne die Rolle und die Aufgabe der großen Konzerne zu unterschätzen.

Deutschland als Exportnation lebt von seiner Offenheit und seiner Vernetzung.

Das ist nicht politische Theorie, sondern das ist eine praktische Umsetzung, die sich daraus ergibt. Ich denke beispielsweise und ich will es hier so offen ansprechen, an die Visapolitik. Ich weiß, wenn man in Deutschland die Auffassung vertritt, dass gegenüber bestimmten Ländern die Visapolitik liberalisiert werden muss, wird man zunächst mit einigen Vorhalten konfrontiert. Riskiert das Sicherheit? Ist die Gefahr groß, dass uns eine ungesteuerte Zuwanderung im Zuge einer solchen liberalisierten Visapolitik erreicht?

Ich glaube, dass wir hier umdenken müssen. Wir brauchen keine abschreckende, wir brauchen keine prohibitive Visapolitik. Wir brauchen eine Visapolitik, die begreift, dass unser Wohlstand von unserer Offenheit kommt. Deswegen müssen wir Hürden niederreißen und dafür sorgen, dass Geschäftsleute genau wie Studenten zu uns kommen. Wir sollten sie einladen, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Das ist für mich eine zentrale Aufgabe, die wir in dem letzten Jahr auch praktisch umgesetzt haben. Ich denke an eine Reihe von Balkanstaaten, wo wir die Visapflicht abgeschafft haben. Wir arbeiten an Schritten auf dem Wege zu einer Visaliberalisierung für Russland und die Ukraine. Unsere verstärkte Vergabe von Mehrjahresvisa und andere Verfahrenserleichterungen nützen gerade auch Geschäftsreisenden. Wir haben die Einführung der bargeldlosen Gebührenzahlungen durchgesetzt und arbeiten an weiteren Verbesserungen hin zu einem kundenfreundlicheren Visumverfahren.

Als ich frisch ins Amt gekommen bin als Außenminister, hatte ich eine Begegnung, die sich mir sehr fest ins Gedächtnis eingeprägt hat. Ich habe eine erste Reise in die Golfstaaten gemacht und hatte dort ein Vieraugengespräch mit den Repräsentanten eines Landes, dessen Namen ich nicht nenne. Er berichtete mir von einem Familienmitglied, das mit Königliche Hoheit angesprochen wird. Und er berichtete mir von der Odyssee bei dem verzweifelten Versuch, langjährige Geschäftspartner in Deutschland besuchen zu können, um mit ihnen ins Gespräch kommen zu können. Er berichtete von der erhebenden Frage, ob denn dieses Familienmitglied, das eine Königliche Hoheit ist, genügend Wirtschaftskraft habe, um dem deutschen Steuerzahler auch die Rückreise definitiv garantieren zu können. Bei diesem Familienmitglied - dies kann ich Ihnen versichern - stellt sich lediglich die Frage, ob es sich überhaupt herablässt, Linie zu fliegen oder ob es ein oder zwei eigene Flugzeuge nimmt. Und da, meine sehr geehrten Damen und Herren, das muss ich Ihnen sagen, das ist einfach von gestern. Wir verpassen Wirtschaftschancen, wenn wir dicht machen und uns abschotten. Wir sollten aufmachen, wir sollten uns freuen, wenn bei uns investiert wird.

Gerade weil Deutschland von der internationalen Vernetzung lebt, müssen wir die Welt so sehen, wie sie ist und nicht wie sie war. Und das ist mein letzter Gedanke, meine Damen und Herren, den ich vor meiner Schlussbemerkung machen möchte.

Früher waren die Schwellenländer abhängig von der Konjunktur der Industrieländer. Heute ist die Konjunktur der Industrieländer abhängig von der Dynamik der Schwellenländer. Das ist nicht verkehrte Welt. Das ist unsere Welt. Das ist die Welt, in der wir leben. Auch wenn uns das noch nicht wirklich gefällt.

Das gilt insbesonders für Asien, das sich seit Jahrzehnten besonders dynamisch entwickelt hat. Die Entwicklung unseres Außenhandels profitiert stark von den Wachstumsmärkten in dieser Weltregion. Dass deutsche Unternehmen in Asien und dort besonders in China erfolgreich sind, beweist gerade ein Unternehmen wie Siemens.

Spürbar werden diese Umbrüche aber auch in boomenden, pulsierenden Großstädten der aufstrebenden Gesellschaften. Die BRICS-Staaten sind in aller Munde. Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika.

Aber längst hat sich eine Reihe von Staaten auf den Weg gemacht, die dahinter den Anspruch erheben, bald ebenfalls in der ersten Liga mitspielen zu wollen. Wer glaubt, das sei nicht möglich, möge sich daran erinnern, wo China also vor etwas mehr als 30 Jahren.

nach dem Öffnungsbeschluss der Kommunistischen Partei, `79, stand.

Diese Länder, die heute mit uns auf gleicher Augenhöhe in der Weltwirtschaft Konkurrenten und Partner sind, waren zu unserer Jugend klassische Entwicklungsländer. Das hat sich völlig verändert. Zu glauben, dass dieser Prozess mit dem Aufstieg dieser Länder vorbei sei, ist eine große Fehleinschätzung. Deswegen ist es richtig, dass wir rechtzeitig für viele andere Länder die Augen aufmachen. Für Vietnam, beispielsweise. Für Kolumbien, um ein Land auf einem Kontinent zu nennen, der sehr unterschätzt wird - auch in der deutschen Aufmerksamkeit. Für Aufbruch und Umbruchländer weit darüber hinaus, übrigens auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft, der Türkei.

Hier, meine Damen und Herren, werden wir umdenken müssen. Der wirtschaftliche Aufstieg dieser Staaten heißt auch, dass sie eine politische Kraft sind, ohne die wir keine globalen Lösungen mehr aushandeln und vereinbaren können. Und da ist es unser Vertrauen, unser Vertrauenskapital, das unsere deutsche Visitenkarte ist. Und die deutsche Visitenkarte in der Welt wird vor allen Dingen von Ihnen gedruckt. Sie wird übergeben und repräsentiert durch die deutsche Wirtschaft und den Eindruck, den Sie für unser Land hinterlassen. Deswegen ist es eines der schönsten Erlebnisse bei vielen Auslandsreisen, zu sehen, wie oft die Gastländer Deutschland und insbesondere die deutsche Wirtschaft würdigen. Wegen ihrer Zuverlässigkeit, weil sie Partnerschaften sucht und nicht nur kurzzeitigen Profit.

Meine Damen und Herren, auch weil Sie Werte vorleben, zum Beispiel bei der Gesundheitsversorgung von Arbeitnehmern in der Welt, zum Beispiel wenn es um Umweltstandards geht. Also wenn es um etwas geht, das mindestens so sehr Lebensqualität ausmacht, wie der unmittelbare Arbeitsplatz selbst.

Die deutsche Wirtschaft schafft nicht nur Arbeitsplätze, sie schafft auch vorzügliche Arbeitsbedingungen in den Gastländern. Das ist auch eine hervorragende Visitenkarte für Deutschland.

Wir wissen es, dass wir umdenken müssen. In einer Welt von 7 Milliarden Menschen lösen wir die politischen und globalen Aufgaben nur mit den neuen Schwergewichten und neuen Kraftzentren.

Dirk Niebel wird etwas zu dem ressortübergreifenden Konzept der Energie- und Rohstoffpartnerschaften sagen. Deswegen werde ich diesen wichtigen Bereich heute nicht weiter ausführen.

Zum Schluss möchte ich Ihnen noch einmal sagen, dass wir nicht vergessen sollten, dass unser Erfolg auch wesentlich damit zusammen hängt, dass wir uns in Europa eingebettet haben.

Ich weiß, dass derzeit mit Blick auf Europa vieles kritisch diskutiert wird. Und wen wunderte es in Anbetracht der Krisen, die wir derzeit zu bewältigen haben. Aber ich rate uns dazu, niemals zu vergessen, was wir an Europa haben. Wer nur über den Preis einer Sache spricht, aber nicht über den Wert, der sagt und erkennt zu wenig. Und deswegen sollten wir uns immer darüber im Klaren sein, dass Europa nicht nur eine Friedensaufgabe war, ist und bleibt. Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Europa, unser europäischer Binnenmarkt, unsere europäische Kooperation eine wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass wir wirtschaftlich in Zeiten des Umbruchs, in Zeiten einer demografischen Verschiebung in der Welt, in Zeiten einer neuen politischen Architektur weltweit, erfolgreich sind. Wir müssen Europa deshalb gerade dann stützen und auch schützen, wenn es von mancher renationalisierenden Tendenz in Frage gestellt werden soll.

Europa braucht gerade dann Fürsprecher, meine sehr geehrten Damen und Herren, wenn es bestritten wird. Dazu möchte ich Sie am Schluss aufrufen. Gerade Sie wissen, wie wichtig Europa ist, nicht nur als Markt, sondern auch als ein – unser – Kraftzentrum, um in der Welt des Umbruchs bestehen zu können.

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, Glück und Gesundheit für Sie alle. Weil jedermann weiß, wie ich so politisch denke, darf ich hinzufügen: ausdrücklich wünsche ich Ihnen gute Geschäfte! Vielen Dank!

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise & Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere