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Katastrophenvorsorge

In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Naturkatastrophen von ca. 200 auf mehr als 400 pro Jahr verdoppelt. Neun von zehn Katastrophen werden heute in Zusammenhang mit dem Klimawandel gebracht. Gerade Entwicklungsländer werden in vielen Fällen nicht unerwartet, aber oft ohne ausreichende Vorbereitung von Naturkatastrophen getroffen.

Umso dringender stellt sich die Frage, was Deutschland dazu beitragen kann, um bereits im Vorfeld solcher Katastrophen Leben zu sichern und Schäden zu verhindern. Vor diesem Hintergrund ist die Katastrophenvorsorge ein Förderschwerpunkt der humanitären Hilfe des Auswärtigen Amts. 

Für Projekte der Katastrophenvorsorge setzt das Auswärtige Amt jährlich 10% seiner Mittel der humanitären Hilfe ein - eine im internationalen Vergleich beachtliche Summe. Allein Dimension und Risiken des Klimawandels unterstreichen die Notwendigkeit für diese Strategie.

Was ist Katastrophenvorsorge?

Zur Katastrophenvorsorge gehören generell alle Maßnahmen, die zur Vermeidung oder Minderung der Auswirkungen von extremen Naturereignissen auf die Menschen und die wirtschaftlichen Strukturen in gefährdeten Regionen beitragen. Durch Einrichtung von Frühwarnsystemen und Stärkung der lokalen Selbsthilfekapazitäten kann bereits im Vorfeld einer Katastrophe dafür gesorgt werden, dass die betroffene Bevölkerung aktiv Todesfälle und materielle Schäden verhindern kann.

Katastrophenvorsorge umfasst drei wesentliche Elemente: die Risikoanalyse, die Katastrophenvorbeugung und die Vorbereitung auf den Katastrophenfall: 

  • Die Risikoanalyse bildet die Grundlage der Katastrophenvorsorge, da sie die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit des Eintretens von Naturkatastrophen in einem Gebiet erlaubt. Sie umfasst einerseits eine Analyse der physischen Bedrohungen durch Naturereignisse (Risikobewertung) und andererseits der ihnen gegenüberstehenden gesellschaftlichen Anfälligkeiten (Vulnerabilitätsbewertung). 
  • Die Katastrophenvorbeugung besteht aus allen geeigneten Maßnahmen, die mittel- bis langfristig die negativen Auswirkungen von Katastrophen eingrenzen bzw. verhindern sollen. Sie beinhaltet somit vor allem politische, rechtliche, planerische und infrastrukturelle Aktivitäten. 
  • Bei der Vorbereitung auf den Katastrophenfall geht es in erster Linie darum, die Reaktionsfähigkeit der Gesellschaft gegenüber Naturkatastrophen zu stärken. Mit anderen Worten muss dafür Sorge getragen werden, dass die gefährdeten Menschen und die verantwortlichen Organisationen bereits vor dem Auftreten eines extremen Naturereignisses wissen, was im Ernstfall zu tun ist. Außerdem sollen sie in die Lage versetzt werden, die notwendigen logistischen und organisatorischen Vorbereitungen zu treffen.

Warum Katastrophenvorsorge?

Allein im Zeitraum zwischen Mai 2008 bis März 2011 haben extreme Naturereignisse wie Erdbeben, Überschwemmungen, Wirbelstürme und Dürre circa 500.000 Menschenleben gefordert. Die Zahl der Naturkatastrophen stieg zwischen 1997 und 2006 im Vergleich zum vorherigen Jahrzehnt um 60 Prozent. Innerhalb dieser Zeit verdoppelte sich die Zahl der registrierten Todesopfer von 600.000 auf 1,2 Millionen. Parallel steigen kontinuierlich die Schäden, die durch Naturereignisse verursacht werden. Dem Klimawandel wird in diesem Zusammenhang eine wachsende Bedeutung beigemessen.

Eine effektive Katastrophenvorsorge kann die Zahl der Opfer und die Sachschäden um ein Vielfaches reduzieren. Ein Beispiel hierfür ist Bangladesch: Als der Zyklon „Sidr“ im November 2007 mit einer Geschwindigkeit von bis zu 240 km/h und einem Radius von 500 km über den Golf von Bengalen zog, waren im Rahmen von Vorsorgemaßnahmen zuvor ca. 3,2 Millionen Menschen in Notunterkünfte oder höher liegende Regionen evakuiert worden. Hierdurch war die Zahl der Opfer wesentlich geringer als beispielsweise 1991, als ein Wirbelsturm vergleichbaren Ausmaßes rund 140.000 Opfer forderte. 

Neben effektiven Frühwarn- und Schutzmaßnahmen spielt auch die Vermittlung grundlegenden Wissens - wie beispielsweise Schulungen hinsichtlich der Schaffung und Einhaltung von Baustandards in von Erdbeben bedrohten Gebieten - eine wichtige Rolle. Während bei dem Erdbeben in Haiti im Januar 2010 mehr als 220.000 Menschen starben, war nach einem noch stärkeren Beben in Neuseeland im September 2010 auch Dank sicherer Bauweise kein einziges Todesopfer zu verzeichnen.

Effiziente Katastrophenvorsorge ermöglicht konkrete Einsparungen bei der nachgelagerten Katastrophenbewältigung. Ferner gilt: Je besser Katastrophenvorsorge umgesetzt wird, desto weniger ist ein Land im Katastrophenfall auf Hilfe von außen angewiesen. Vielmehr ist es in der Lage, Vorbereitungen zu treffen und aus eigener Kraft den Weg aus der Katastrophe zu finden.

Welchen Beitrag leistet das Auswärtige Amt?

Die Stärkung von Katastrophenvorsorge setzt auf verschiedenen Ebenen an: im Mittelpunkt steht die Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen.

Der "Hyogo Framework for Action 2005-2015", der 2005 aus der Weltkonferenz der Vereinten Nationen in Kobe/Japan hervorging (World Conference on Disaster Reduction/WCDR), und der damit verbundene internationale Dialog zur Katastrophenreduzierung bieten hierfür den konzeptionellen Rahmen.

Deutschland arbeitet eng mit dem Sekretariat der Vereinten Nationen der Internationalen Strategie zur Reduzierung von Naturkatastrophen (International Strategy for Disaster Reduction  - UN ISDR) mit Sitz in Genf und deren Plattform zur Frühwarnung von Naturkatastrophen mit Sitz in Bonn zusammen (Platform for the Promotion of Early Warning - PPEW). 2006 richtete das Auswärtige Amt unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen die dritte Early Warning Conference in Bonn aus.

Auf europäischer Ebene hat Deutschland intensiv an der Erarbeitung des Europäischen Konsenses über die Humanitäre Hilfe mitgewirkt, der die Notwendigkeit von Katastrophenvorsorge hervorhebt, und  zur EU-Strategie zur Unterstützung der Katastrophenvorsorge in Entwicklungsländern von 2009 beigetragen. 

Mehr zur Katastrophenvorsorge der EU unter DIPECHO.

Zudem unterstützt das AA die Arbeit des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge e.V. (DKKV). Das DKKV ist als nationale Plattform zur Katastrophenvorsorge und Kompetenzzentrum tätig. Es hat wegweisende Studien zur Umsetzung der Hyogo-Ziele erstellt und ist wichtiger Partner bei der Bildung länderübergreifender Netzwerke zur Verhinderung von Katastrophen.

Was fördert das Auswärtige Amt?

Für Projekte der Katastrophenvorsorge setzt das Auswärtige Amt jährlich 10% seiner Mittel der humanitären Hilfe ein.

Das Auswärtige Amt arbeitet bei seinen Projekten mit Nichtregierungsorganisationen, den Vereinten Nationen und den Organisationen der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung zusammen. Die Vergabe von Mitteln orientiert sich an Leitlinien. Zu diesen gehören etwa folgende Punkte:

  • Orientierung am humanitären Bedarf: Grundziel der Katastrophenvorsorge wie auch der humanitären Hilfe ist es, Leben und Lebensgrundlage zu schützen und zu retten.
  • Anpassung an veränderte globale Verhältnisse: Katastrophenvorsorge gewinnt insbesondere angesichts des Klimawandels immer mehr an Bedeutung. Dem sollen die Projekte Rechnung tragen.
  • Katastrophenfrühwarnung: Einen thematischen Schwerpunkt im Bereich der Katastrophenvorsorge stellt die Katastrophenfrühwarnung dar.
  • Vulnerabilität: Die Projekte finden vor allem in besonders gefährdeten Gebieten ärmerer Länder statt, in denen die Bevölkerung einem hohen Katastrophenrisiko ausgesetzt ist.
  • Praxisbezogenheit: Wissenschaftliche Forschungsergebnisse sollen anwendungsorientiert umgesetzt werden

Die gesamten Leitlinien finden Sie hier:

Schwerpunkt seit 2008: Schutz von gefährdeten Küstenregionen vor Überschwemmungen

Überschwemmungen sind die am häufigsten auftretende Naturgewalt. Betroffen ist insbesondere Asien - dort gibt es fast doppelt so viele Überschwemmungen wie auf dem afrikanischen oder amerikanischen Kontinent.

Fluten und der Anstieg des Meeresspiegels treffen insbesondere auch Inselstaaten wie die Philippinen oder die Dominikanische Republik.

Seit 2008 legt das AA bei seiner Projektarbeit einen besonderen Schwerpunkt auf die Katastrophenvorsorge in gefährdeten Küstenregionen. Insgesamt leben etwa Zweidrittel der Weltbevölkerung in Küstenregionen. Eine große Anzahl von Menschen ist somit angewiesen auf eine funktionierende Infrastruktur mit Straßen, Industrie-, Hafen- und Energieversorgungsanlagen aber auch auf landwirtschaftliche Nutzflächen, die für die entsprechenden Regionen zentral sind. Maßnahmen in Asien, Afrika und Lateinamerika helfen, das Leben und die Existenzgrundlage der betroffenen Bevölkerung wirksam zu schützen.

Beispiele für Projekte der Katastrophenvorsorge in gefährdeten Küstenregionen

Besondere Förderschwerpunkte 2009-2011: Afghanistan und Pakistan

Einen besonderen Förderschwerpunkt des Auswärtigen Amts bildet seit 2009 zudem die Stärkung der Katastrophenvorsorge in Afghanistan. 2010 wurde diese besondere Förderung auf Pakistan ausgeweitet. Beide Länder sind besonders anfällig für eine Reihe regelmäßig auftretender Naturkatastrophen.

Afghanistan ist häufig von Erdbeben, Hochwasserfluten, Dürre, Schneelawinen und Erdrutschen betroffen. Extreme Kälteperioden wechseln sich mit zunehmenden Dürren ab, Starkregen verursachen Überflutungen von Flussläufen und Moränen. Der Bedarf, die lokalen Strukturen und Kapazitäten zur Katastrophenvorsorge zu stärken, ist in Afghanistan besonders hoch. Das Auswärtige Amt unterstützt daher unter anderem Projekte in den Provinzen Baghlan und Badghis.

Die Bevölkerung von Pakistan hat vor allem mit den Auswirkungen von Erdbeben und Überschwemmungen zu kämpfen. Allein von der extremen Flutkatastrophe 2010 waren über 20 Millionen Menschen betroffen.  Nachhaltige Beschädigung und Zerstörung der landwirtschaftlichen Nutzflächen verschärfen die humanitäre Lage. Deutschland zählt zu den Hauptgebernationen weltweit, und fördert neben den umgehenden Hilfsleistungen für die Opfer im Sommer 2010 auch Vorsorgemaßnahmen, um die lokale Bevölkerung in ihren Bemühungen zu unterstützen, auf künftige Katastrophen dieses Ausmaßes besser vorbereitet zu sein.

Beispiele für Projekte der Katatrophenvorsorge in Afghanistan und Pakistan


Stand 16.03.2011

Professor Zschau, Professor Hüttl und Kursteilnehmende

Auswärtiges Amt unterstützt Trainingskurs für Seismologen aus Entwicklungsländern

Bereits seit Anfang der 90er Jahre fördert das Auswärtige Amt Trainingskurse im Bereich der Seismologie und seismischen Gefährdungseinschätzung, Risikobewertung und Katastrophenprävention des Deutschen GeoForschungsZentrums Potsdam (GFZ). Das GFZ nimmt weltweit eine führende Rolle in der Erdbebenforschung ein.

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