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Hinter den Kulissen: Mit dem Außenminister in Somalia

Auf seinen Reisen wird der Außenminister auch von einem Kollegen oder einer Kollegin aus der Internet-Redaktion des Auswärtigen Amts begleitet, um für die Öffentlichkeit auf dieser Webseite und in den sozialen Medien darüber zu berichten. Hier erzählt unser Kollege von seinen erschütternden Eindrücken hinter den Kulissen einer außergewöhnlichen Reise.

Als die Kolonne des Außenministers über eine zerfurchte Piste durch Baidoa rollt, wird es in Wagen Nr.2 immer stiller. An den gepanzerten Scheiben ziehen mehr Ruinen als Häuser vorbei, im roten Schlamm versinken Hütten aus Blech und Plastiktüten. In den Müll- und Trümmerbergen suchen abgemagerte Ziegen nach Gras, verschleierte Mädchen waten mit Brennholzbündeln durch den Morast.  „Ist das schon das Flüchtlingslager?“, fragt der Beifahrer.

Das Elend in den Straßen der 130.000-Einwohnerstadt Baidoa ist erst der Anfang. Die meisten der Diplomaten, die Gabriel begleiten, haben schon viel von der Welt  gesehen. Doch was nach den dreißig Minuten Fahrt durch die kaputte Stadtlandschaft kommt,  wird keinen der Besucher unberührt lassen.

Hunderttausende drohen zu verhungern

 Ankunft im Flüchtlingslager Hilac bei Baidoa.

Ankunft im Flüchtlingslager Hilac bei Baidoa.
© Inga Kjer/photothek.de

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 Ankunft im Flüchtlingslager Hilac bei Baidoa.

Ankunft im Flüchtlingslager Hilac bei Baidoa.

Ankunft im Flüchtlingslager Hilac bei Baidoa.

Es ist die zweite Station einer besonderen Reise von Außenminister Gabriel. Noch nie hat ein deutscher Außenminister Somalia besucht. Es gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt. Mehr als zwanzig Jahre Bürgerkrieg, Terror und wirtschaftlicher Niedergang haben das Land zerrüttet. Noch immer bekriegen sich islamistische Milizen, Stammesführer und Regierungstruppen. Aufgrund extremer Dürre droht jetzt auch noch eine Hungerkatastrophe, die in der ganzen Region hunderttausende Opfer fordern könnte.

Aus Sicherheitsgründen wird der Besuch vorab geheim gehalten, bis die Delegation das Land wieder verlassen hat. Spezialkräfte der Bundespolizei begleiten jeden Schritt von Gabriel und seinen Mitarbeitern. Vor Abflug in Deutschland gibt es ein Sicherheitsbriefing.  „Entfernen Sie sich auf keinen Fall von der Gruppe, auch nicht für hundert Meter“,  schärft der Leiter des Kommandos den Delegationsmitgliedern ein. Neben der Konfektionsgröße für kugelsichere Westen wurde vor der Abreise von allen Mitreisenden auch die Blutgruppe abgefragt.

Maschinenpistole in Griffweite

Eine weiße Propellermaschine der UNO bringt Gabriel nach Mogadischu, der ersten Station seiner Reise. Direkt am Flughafen betreiben die Vereinten Nationen einen kleinen Stützpunkt. Blauhelmsoldaten aus Uganda und internationale Spezialkräfte bewachen in der sengenden Hitze das kleine Containerdorf.  

Während Gabriel dort ein Gespräch mit dem somalischen Außenminister führt, werden die mitreisenden Journalisten über das Gelände gefahren. Die Wagen sind so schwer gepanzert, dass sich die Türen nur mit beiden Händen öffnen lassen. Seine Maschinenpistole behält der Fahrer die ganze Zeit in Griffweite, direkt neben der Handbremse.

Kein Arzt, keine Schule, keine Arbeit

 Alles verloren: zehntausende Familien stehen vor dem Nichts.

Alles verloren: zehntausende Familien stehen vor dem Nichts.
© Inga Kjer/photothek.de

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 Alles verloren: zehntausende Familien stehen vor dem Nichts.

Alles verloren: Zehntausende Familien stehen vor dem Nichts.

Alles verloren: zehntausende Familien stehen vor dem Nichts.

Nach den politischen Gesprächen Mogadischu geht es weiter in den Südwesten Somalias. Viele Gebiete in der Region werden von Milizen kontrolliert.  In der Nähe der Stadt Baidoa will sich Gabriel ein Bild von der Lage der Menschen machen, die vor Hunger und Gewalt aus anderen Landesteilen geflohen sind. In ganz Somalia sind es mittlerweile mehr als eine Million.

Am Stadtrand von Baidoa kommt die schlammbespritzte Wagenkolonne des Ministers zum Stehen. Beim Austeigen versinken die Schuhe bis zu den Knöcheln in der aufgeweichten Erde. Der rote Lehmboden ist das Zuhause von zehntausenden geflohenen Familien. Soweit das Auge reicht stehen hüfthohe, aus Ästen und alten Stoffbahnen zusammengeschnürte Behausungen auf der rohen Erde.  Für die Männer, Frauen und Kinder, die hier im Lehm kauern, gibt es keine medizinische Versorgung, keine Arbeit, keine Schule.

Mit einem Dolmetscher sucht Gabriel das Gespräch. Vor ihrem Zelt hockt eine Frau, das Baby in ihrem Arm hustet. Früher hatte sie mehrere Rinder, doch durch die Dürre verendete ein Tier nach dem anderen, erzählt sie dem Außenminister. Wie Tausende andere kann sie nur noch durch Hilfslieferungen überleben. Doch die Lage spitzt sich immer weiter zu. Jeden Tag fliehen mehr Menschen vor dem Hunger in Lager wie jenes in Baidoa.

Deutschland verdoppelt Hilfe

Kinder sind besonders akut vom Hunger bedroht.

Kinder sind besonders akut vom Hunger bedroht.
© Inga Kjer/photothek.net

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Kinder sind besonders akut vom Hunger bedroht.

Kinder sind besonders akut vom Hunger bedroht.

Kinder sind besonders akut vom Hunger bedroht.

Gabriel hat entschieden, die Deutsche Hilfe für Somalia auf fast 140 Millionen Euro zu verdoppeln. Doch Deutschland allein wird die Menschen in Somalia nicht retten können. „Was wir dringend brauchen ist mehr internationale Hilfe“, appelliert Gabriel an die Weltgemeinschaft.

Als die Propellermaschine von der Rollbahn in Baidoa abhebt, verschwindet das Meer aus Zelten langsam am Horizont. Die Bilder von der zerschundenen Stadt und der Not der Menschen aber, werden den Minister und seine Mitarbeiter wohl noch lange begleiten. 


Stand 04.05.2017

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