Russische Föderation
Wirtschaft
Stand: Oktober 2009
Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftslage
Russland ist weiterhin von der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen. 2008 gab es ein reales BIP-Wachstum von 5,6%, für 2009 ist ein Wachstumsrückgang um 6,5% bis 8,5% prognostiziert, auch wenn sich im zweiten Halbjahr eine leichte Aufwärtstendenz zeigt. Die Inflation betrug 2008 13,3%, für 2009 wird mit ca. 11% gerechnet. In wichtigen Wirtschaftssektoren gibt es erhebliche Produktionseinbrüche. Der Rückgang des Ölpreises wird nach Jahren der Haushaltsüberschüsse 2009 erstmals wieder zu einem Defizit führen (ca. 7%). Hinzu kommt ein Rückgang ausländischer Investitionen, eine deutliche Abwertung des Rubel Anfang 2009 sowie Liquiditätsprobleme für den Bankensektor und die Realwirtschaft.
Elemente von Marktwirtschaft (besonders im tertiären Sektor) koexistieren weiter mit staatlicher Kontrolle strategisch wichtiger Bereiche wie zum Beispiel Energie und Rohstoffe, Flugzeug- und Fahrzeugbau sowie teilweise auch bei Informations- und Kommunikationstechnologien.
Russland ist einer der größten Energieproduzenten der Welt und verfügt mit über einem Viertel der Weltgasreserven (25,2%), ca. 6,3% der Weltölreserven und den zweitgrößten Kohlereserven (19%) über bedeutende Ressourcen. Russland kommt für 19,6% der Weltgasförderung und 12,4% der Weltölförderung auf. Die mangelnde Diversifizierung der russischen Wirtschaft führt allerdings auch zu einer überproportional hohen Abhängigkeit der Wirtschaftsentwicklung von den Einnahmen aus dem Verkauf von Öl und Gas.
Auf dem russischen Energiemarkt besitzt Gazprom das staatliche Gastransit- und Gasexportmonopol, kontrolliert 86% der Erdgasförderung und seit der Reform der russischen Stromwirtschaft auch rund 30% der Stromerzeugung. Im Erdölsektor, der einmal weitgehend privatisiert war, spielt der Staat inzwischen wieder eine gewichtige Rolle. Wie das Erdgasnetz wird auch das Ölpipeline-Netz staatlich kontrolliert. Der Anteil der privaten Förderunternehmen beträgt im Ölbereich noch rund 60%.
Haushalt und Finanzpolitik
Vor allem Dank hoher Ölpreise wies das Budget der Russischen Föderation seit dem Jahr 2000 hohe Haushaltsüberschüsse aus. Anteile der Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasexport flossen in den Reserve- und den Wohlstandsfonds, um Rücklagen für den Fall sinkender Rohstoffpreise zu schaffen, aber auch, um der Inflation entgegenzuwirken. Die Zeit hoher Überschüsse ist zunächst vorbei. Dies liegt an der Verschlechterung der Wirtschaftslage im Zuge der weltweiten Krise. Besonders stark wirkt sich darüber hinaus der deutlich gefallene Ölpreis aus. Russland stellt sich auf eine Phase knapperer Mittel ein, indem es versucht, bei den Staatsausgaben zu sparen. Dies wird nicht verhindern können, dass am Ende des Jahres 2009 ein signifikantes Haushaltsdefizit verbleiben wird. Es ist vorgesehen, ein solches Defizit durch Mittel aus dem Reservefonds auszugleichen. Hinsichtlich der kommenden Jahre wird auch über die verstärkte Aufnahme von Mitteln auf den internationalen Finanzmärkten nachgedacht.
Trotz sinkender Einnahmen unternimmt die russische Regierung erhebliche finanzielle Bemühungen, um insbesondere den Bankensektor in der Krise zu unterstützen.
Hauptbereiche der Wirtschaft
Die wichtigsten Wirtschaftssektoren sind das produzierende und verarbeitende Gewerbe (ohne Baugewerbe) mit 29,4% der Bruttowertschöpfung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2008. Der hierin enthaltene Energiebereich ist mit 9,2% die wichtigste Einzelbranche. Es folgen Handel, Gastgewerbe und Verkehr mit 31% und Finanzdienstleistungen mit 15,7%. Sonstige öffentliche und private Dienstleistungen betragen 12,6% des BIP, der Baubereich 6,4% und die Landwirtschaft 4,9% (ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Güter wird allerdings auf privaten Garten- und Wochenendgrundstücken erzeugt und informell gehandelt). Die Förderung kleiner und mittelständischer Unternehmen, Investitionen in die überalterte Infrastruktur (insbesondere in den Bereichen Energie und Verkehr/Logistik) sowie eine Diversifizierung der Wirtschaft insgesamt sind die großen Herausforderungen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Russlands.
Außenhandel, bilaterale Wirtschaftsbeziehungen
Krisenbedingt sanken die Auslandsinvestitionen in Russland im ersten Halbjahr 2009 gegenüber dem Vorjahres-Vergleichszeitraum um 30,9% auf ein Gesamtvolumen von ca. 32,2 Mrd. USD. Wichtigste Zielbereiche dieser zunehmend kreditfinanzierten Investitionstätigkeit sind die verarbeitende Industrie (30,6%), gefolgt von Handel, Kfz-Reparatur und Haushaltsgeräten (21,2%), der Förderung von Bodenschätzen (17,8%), dem Immobiliengewerbe (11,3%) sowie Verkehr und Kommunikation (9,4%).
Trotz der gegenwärtigen Wirtschaftskrise bleibt Russland aufgrund seines großen Modernisierungsbedarfes ein ebenso wichtiger wie aufnahmefähiger Export- und Investitionsmarkt. Wegen zahlreicher landestypischer Besonderheiten erfordert die Geschäftstätigkeit in Russland Umsicht und sorgfältige Beratung. Mit einem Antikorruptionsgesetz hat die russische Regierung eines der wichtigsten Problemfelder der Außenhandelsbeziehungen in Angriff genommen. Zollabfertigung, Zertifizierung und administrative Verfahren sind weiterhin zeitraubend und schwierig.
Deutschland bleibt wichtigster Handelspartner Russlands: Das kumulierte bilaterale Außenhandelsvolumen sank zwar im ersten Halbjahr 2009 um 36,1% auf 20,8 Mrd. Euro; gleichwohl war der Einbruch geringer als bei anderen wichtigen Handelspartnern Russlands. Damit bleibt Deutschland auch stärkste Exportnation in Richtung Russland selbst wenn das Volumen der Exporte um 39,2% auf 9,6 Mrd. Euro gesunken ist. Deutsche Exportschwerpunkte sind Maschinen, Kraftwagen und Kraftwagenteile, chemische Erzeugnisse sowie landwirtschaftliche Produkte. Umgekehrt ist Russland Großlieferant von Öl, Gas und anderen Rohstoffen in Richtung Deutschland (russische Exporte nach Deutschland 11,1 Mrd. Euro). Beide Volkswirtschaften weisen im Warenverkehr den höchsten Verflechtungsgrad auf: Deutschland ist in der Größenordnung dieses Außenhandelsvolumens der einzige Handelspartner, mit dem Russland eine in etwa ausgeglichene Handelsbilanz aufweisen kann.
Mitgliedschaft in internationalen Zusammenschlüssen
Die Verhandlungen über den Beitritt Russland zur Welthandelsorganisation WTO gelten als wichtiger Schritt für die weltwirtschaftliche Integration. Russland strebt prinzipiell einen baldigen WTO-Beitritt an, hat die Verhandlungen jedoch durch seine Ankündigung vom Juni 2009, im Verbund mit Belarus und Kasachstan als Zollunion beitreten zu wollen, eher verkompliziert.
Umweltschutz
Mit dem Amtsantritt von Präsident Medwedew sind Umweltfragen in Russland stärker als bisher in den Mittelpunkt gerückt. Die russische Regierung beabsichtigt, neue und strengere Umweltstandards für die Industrie zu entwickeln und Innovationen in Umwelttechnologien zu fördern. Auch in den Bereichen Ressourceneffizienz, Abfallwirtschaft und Gebäudesanierung sucht Russland den Anschluss an moderne Methoden und Standards.
Hinweis
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