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Landesflagge Nicaragua
Wirtschaftspolitik

Stand: September 2009

Aktuelle Wirtschaftslage

Obwohl der nicaraguanische Finanzsektor nicht unmittelbar von der Finanzkrise betroffen war, ist Nicaragua stark von der weltweiten Rezession betroffen. Die Nachfrage für seine Exportprodukte Rindfleisch, Fisch und Meeresfrüchte sowie Kaffee im wichtigsten Absatzmarkt USA ist ebenso gesunken wie die Überweisungen nicaraguanischer Migranten in USA und Costa Rica. Gleichzeitig haben zahlreiche Geber als Reaktion auf zunehmende Demokratiedefizite ihre Hilfen verringert oder eingefroren. Einzig positive Kehrseite der Wirtschaftskrise ist der Rückgang der für das arme Nicaragua zuletzt erdrückend hohen Öl- und Lebensmittelpreise.

Wirtschaftspolitik

Im wesentlichen hat die Regierung Ortega die orthodoxe Wirtschaftspolitik der Vorgängerregierung fortgeführt. Geld- und Fiskalpolitik sind am Erhalt makroökonomischer Stabilität ausgerichtet. Obwohl die Regierung mit sozialistisch gefärbter Rhetorik eine stärkere Rolle des Staates etwa bei Energie und Wasserversorgung beansprucht, sind Verstaatlichungen oder Regulierungsmaßnahmen bisher ausgeblieben.

Andere Akzente setzt die Regierung jedoch mit den Hilfen, die seit 2008 Venezuela zur Verfügung stellt. Diese werden über privatrechtlich organisierte Joint Ventures in Sozialprogramme kanalisiert, die maßgeblich von den "Volksräten" (Consejos de Poder Ciudadano, CPC) gesteuert werden und der Kontrolle des Parlaments und des Rechnungshofs entzogen sind.

Problem Armut

Nicaragua bleibt indessen zweitärmstes Land Lateinamerikas nach Haiti. Fast 80% der Bevölkerung lebten 2008 von unter 2 USD pro Tag, rund 45% von 1 USD oder weniger. Die Weltbank schätzt es derzeit als unwahrscheinlich ein, dass Nicaragua bis 2015 auch nur ein Millennium Development Goal erreichen wird. Im Human Development Index 2008 der VN hielt sich Nicaragua wie im Vorjahr auf Platz 120 von insgesamt 177 Staaten, etwa gleichauf mit Bolivien. Das BIP pro Kopf wuchs 2008 aber von 1.000 USD auf 1.050 USD. Nach wie vor bleibt das Land aber weit hinter dem Nachbarn Costa Rica zurück, dessen Pro-Kopf-Einkommen fünfmal höher ist.

Abhängigkeit von Finanzhilfe

Nicaragua ist stark von der Entwicklungszusammenarbeit der internationalen Gemeinschaft abhängig. Rund 550 Mio. USD oder ein Drittel des nationalen Haushalts steuern ausländische Geber jährlich bei. 2007 leisteten allein Mitgliedsstaaten und Kommission der Europäischen Union ODA in Höhe von etwa 220 Mio. USD. Insgesamt befindet sich die nicaraguanische Wirtschaftsleistung Nicaraguas heute immer noch unter dem Niveau, das sie vor der Revolution von 1979 erreicht hatte. Hauptursachen dieser Schwäche waren der Bürgerkrieg der 80er Jahre, eine über Jahre verfehlte Wirtschaftspolitik, Naturkatastrophen, Korruption und die Schwankungen der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt.

Wichtigste Wirtschaftszweige

Nicaragua ist ein Agrarland mit schwacher industrieller Basis. 

Es erwirtschaftet rund ein Viertel seines Bruttoinlandsproduktes in Landwirtschaft und Fischerei. In der Industrie – vor allem in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte - fand ein weiteres Viertel der Wertschöpfung statt. Der Handel trug rund 20% bei. Branchen mit besonders großem Wachstumspotenzial blieben die Textilindustrie, der Tourismus, die Landwirtschaft sowie die Energiewirtschaft:

  • Die Textilindustrie ist mit Abstand wichtigstes Zugpferd der nicaraguanischen Freihandelszonen. 

  • Weiteres schnelles Wachstum verzeichnete wie in den Vorjahren der Tourismus. Er war 2006 neben den Geldrücksendungen von Gastarbeitern – 2006 über 650 Mio. USD - zweitwichtigste Devisenquelle Nicaraguas. 230 Mio. USD brachten über 770.000 ausländische Besucher ins Land. Auch immer mehr Deutsche machen Urlaub im "Nischenmarkt" Nicaragua – derzeit sind es jährlich rund 10.000. Als Wirtschaftsfaktor reizt der Tourismus mit einem Anteil von rund 4% am BIP aber sein Potenzial noch längst nicht aus und liegt unter dem lateinamerikanischen Durchschnitt. 

  • Land- und Fischereiwirtschaft schaffen einen Großteil der Arbeitsplätze in Nicaragua und bleiben vorerst Motoren des Wachstums. Allein Kaffee und Rindfleisch machten 2006 mit rund 200 Mio. USD und rund 150 Mio. USD ein gutes Drittel der nicaraguanischen Exporte aus. Auch Fisch, Garnelen und Langusten bleiben trotz Überfischung wichtige Exportprodukte.
  • Kaum genutzt blieb auch 2008 Nicaraguas großes Potenzial an erneuerbarer Energie. Das Land deckte seinen Energiebedarf von rund 800 MW fast ausschließlich durch importiertes Öl. Es zeichnet sich ab, dass diese Abhängigkeit auf Jahre fortbestehen wird, zumal die neue Regierung in der Energiepolitik sehr stark auf Öl-Lieferungen aus Venezuela setzt. Technisch wäre es aber möglich, mit Wasser- und Geothermie-Kraftwerken nicht nur den eigenen Bedarf zu decken, sondern ein Vielfaches an Energie zu exportieren. Große Hindernisse bleiben eine wenig investitionsfreundliche Gesetzgebung sowie die hohe Politisierung des Energiewesens. 

Wirtschaftsklima

Langfristig betrachtet hat die nicaraguanische Wirtschaft ein geringes aber beständiges Wachstum mit Rückschlägen am Anfang des neuen Jahrtausends erlebt. Während das BIP 1983 rund 2,8 Mrd. USD betrug, waren es 2005 fast 5 Mrd. USD. Lag das reale Wachstum des BIP pro Kopf zwischen 1983 und 1993 bei jährlich -5,1%, betrug es zwischen 2001 und 2008 3,3%. Dieser langfristige Trend hat seine wichtigste Ursache im Systemwechsel von 1990, mit dem der zerstörerische Bürgerkrieg, die Konfrontation mit den USA und die Planwirtschaft an ihr Ende kamen. 

2008 stagnierte das Wirtschaftswachstum bei rund 3,2%. Die Inflation überstieg die Marke von 10%. Die ausländische Direktinvestitionen nahmen im Vergleich zum Vorjahr ab.

Außenwirtschaft

Die nicaraguanische Volkswirtschaft hängt heute hochgradig von der Entwicklung der Weltwirtschaft ab. Importe und Exporte steigen kontinuierlich und machen heute zusammen rund zwei Drittel des BIP aus. Dabei ist die Handelsbilanz Nicaraguas – wie die aller zentralamerikanischer Staaten – stark negativ. Das Handelsbilanzsdefizit betrug laut 2008 knapp 2,1 Mrd. USD. Dabei stiegen die Ausfuhren (ohne Sonderhandelszonen) im Vergleich zum Vorjahr um 22%. Ursache waren neben Inkrafttreten des CAFTA-Vertrags mit den USA unter anderem die hohen Weltmarktpreise für Nicaraguas Exportprodukte Kaffee, Fleisch und Gold. Im zentralamerikanischen Vergleich ist Nicaragua aber nach wie vor der bei weitem kleinste Exporteur; Costa Rica führt etwa das Vierfache aus. Aber auch die Einfuhren stiegen um 21% auf 4,0 Mrd. USD. Die größten Anteile machten dabei Konsumgüter und Industrieerzeugnisse aus. Eine besondere Rolle spielte wie im Vorjahr Öl. Nicaragua führte 2006 Öl und Ölderivate für die Rekordsumme von 1,0 Mrd. USD ein. Allein Ölimporte fressen damit zwei Drittel der Exporterlöse auf.

Mit Abstand wichtigster Handelspartner bleiben dabei mit einem Volumen von weit über 1 Mrd. USD im Jahr die USA. Das Handelsaufkommen mit der Europäischen Union belief sich 2008 auf rund 200 Mio. USD. Auf bescheidenem Niveau entwickelte sich das deutsch-nicaraguanische Handelsaufkommen. Die Einfuhren aus Deutschland sanken leicht von 24,3 Mio. EUR 2007 auf 23,1 Mio. Die Ausfuhren nach Deutschland fielen im gleichen Zeitraum von 24,3 Mio. EUR auf 23,01 Mio. USD. Deutschland ist damit für Nicaragua einer der zehn wichtigsten Exportmärkte. 

Ein deutsch-nicaraguanischer Investitionsschutz- und -fördervertrag ist seit 2001 in Kraft; das geltende nicaraguanische Investitionsgesetz verbietet die Diskriminierung ausländischer Investoren. Trotzdem belaufen sich die deutschen Direktinvestitionen in Nicaragua nach einer Umfrage des Ibero-Amerika-Vereins erst auf rund 30 Mio. USD jährlich. 

Ein Doppelbesteuerungsabkommen besteht nicht.



Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 

Zusatzinformationen:

Ansprechpartner in den Wirtschaftsdiensten der deutschen Auslandsvertretungen

Botschaft Managua
Günter Sautter
Tel.: (00505) 266 39-17/-18
Fax: (00505) 266 7667
eMail
www.managua.diplo.de

Entwicklungszusammenarbeit

Nicaragua ist Partnerland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Arbeitsfelder sind die Stärkung rechtstaatlicher Strukturen, die Förderung der Dezentralisierung, Umweltpolitik, nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung, Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung. Mehr Informationen beim Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

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