Madagaskar
Wirtschaft
Stand: November 2009
Wirtschaftslage, Wirtschaftsstruktur
Bei 7 Prozent lagen die Wachstumsindikatoren für Madagaskar noch im Dezember 2008. Die politische Krise, die seit Januar 2009 das Land destabilisiert, lässt jedoch gravierende ökonomische Auswirkungen befürchten. Das in den letzten Jahren systematisch aufgebaute Image Madagaskars als politisch stabiles, investorenfreundliches Land wurde durch Ausschreitungen, Plünderungen und Militäreinsätze mit Todesopfern im Januar/ Februar 2009 stark beeinträchtigt. Die Folgen sind bereits absehbar: Verschlechterte Auftragslage für Exportfirmen, schwindendes Interesse ausländischer Investoren und Touristen, steigende Arbeitslosigkeit mit Fernwirkungen auf den gesamten informellen Sektor. Die fehlende internationale Anerkennung des Regimes führte zum Aussetzen von Programmen der internationalen Geber. Insbesondere die vorläufige Suspension der Budgethilfe genauso wie die mangels Steuereinnahmen leeren Staatskassen stellten die demokratisch nicht legitimierte „Übergangsregierung“ vor beträchtliche wirtschaftliche Herausforderungen. Ökonomen befürchteten zu Recht für 2009 Rezession, Inflation und Entwertung der Landeswährung Ariary.
Bis Ende 2008 unterzog sich Madagaskar mit Unterstützung der Geber einer grundlegenden Reform seiner Wirtschaftsordnung. Vorgesehen war der zunehmende Rückzug des Staates aus dem Wirtschaftsleben und seine Beschränkung auf die Bereitstellung von öffentlicher Infrastruktur und Daseinsvorsorge. Investiert wurde in Bildung und Gesundheit, ländliche Entwicklung, Straßen, Häfen, Flughäfen und Energieversorgung. Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank, die auch die Vereinfachung des Steuersystems vorsahen, führten zur Verbesserung staatlicher Einnahmen. Allerdings zeichnete sich bereits vor der politischen Krise im Januar 2009 ab, dass Madagaskar noch erhebliche Anstrengungen unternehmen muss, um das Investitionsklima zu fördern und dem Privatsektor eine tragendere Rolle bei der Wirtschaftsentwicklung zu überlassen. Angesichts des starken Bevölkerungswachstums reicht das Wirtschaftswachstum seit Jahrzehnten nicht aus, um zu einer breiten Armutsverringerung zu gelangen. Die zu geringe Diversifizierung macht Madagaskar anfällig für externe Schocks wie Naturkatastrophen und Weltmarktpreisänderungen. Dennoch konnten globale Lebensmittelkrise 2008 sowie steigende Ölpreise erfolgreich und ohne überdimensionierte Preissteigerungen bewältigt werden.
Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland
Die deutschen Importe aus Madagaskar stiegen 2008 auf knapp 70,8 Mio Euro (2007: 66,4 Mio. Euro. Die deutschen Exporte nach Madagaskar weisen 2008 sogar eine Steigerung von knapp 88 Prozent auf: sie lagen bei knapp 59 Mio Euro ( 2007: 31,4 Mio. Euro). Der Negativsaldo hat sich damit deutlich verringert (2008: knapp 12 Mio Euro; 2007: 35 Mio. Euro). Die Haupteinfuhrgüter aus Madagaskar sind Textilien und Bekleidung sowie landwirtschaftliche Erzeugnisse (Kakao, Gewürze, Südfrüchte). Der Anteil der Landwirtschaftsprodukte erhöhte sich um 30 Prozent. Die Hauptausfuhrgüter nach Madagaskar waren Maschinen, Nachrichten- und Rundfunktechnik, Kfz und Kfz-Teile, Geräte zur Elektrizitätserzeugung/-verteilung und chemische Erzeugnisse. Deutliche Steigerungen sind vor allem bei Maschinen (+ 213 Prozent) und Geräten zur Elektrizitätserzeugung (+ 466 Prozent) zu verzeichnen. 2008 kamen etwa 8.000 deutsche Touristen nach Madagaskar (zum Vergleich: Mauritius ca. 55.000). Eine Direktflugverbindung besteht seit 1999 nicht mehr. Madagaskar ist sehr am deutschsprachigen Markt interessiert und nimmt seit 2003 an der Internationalen Tourismusbörse in Berlin teil.
Entwicklung des BIP
Die madagassische Wirtschaft wuchs 2008 um 7,1 Prozent (2007: 6,3 Prozent). Nominal zu Marktpreisen lag das Bruttoinlandsprodukt 2007 bei 7,5037 Mrd. US-Dollar. Ca. 26,5 Prozent werden von der Landwirtschaft erwirtschaftet, 58,5 Prozent vom Dienstleistungssektor und 15 Prozent von der Industrie. Das BIP pro Kopf lag 2008 bei 406 US-Dollar. Demgegenüber sind 80 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in der Landwirtschaft beschäftigt, 12 Prozent in der Industrie und 8 Prozent im Dienstleistungssektor. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung ist auf eine Beschäftigung im informellen Sektor angewiesen.
Entwicklung des Staatshaushaltes, Staatsverschuldung, Inflation
Der madagassische Staatshaushalt beruht zu rund einem Drittel auf Geberleistungen, der Investitionshaushalt zu etwa 73 Prozent. Das Haushaltsdefizit wird für 2008 auf 4,5 Prozent geschätzt. Die Inflationsrate verringerte sich 2008 auf 9,2 Prozent (2007: 10,3 Prozent).
IWF und Weltbank legen in ihren Strukturanpassungsprogrammen einen wesentlichen Schwerpunkt auf die Verbesserung der staatlichen Einnahmen. Die eingeleiteten Reformen, insbesondere die Vereinfachung des Steuersystems, zeigen deutliche Erfolge bei der Steigerung von Einnahmen aus Zoll und Steuern. 2008 hat Madagaskar, dessen Einnahmen 2007 nur bei 10,9 Prozent des BIP lagen, die Erwartungen des IWF sogar übertroffen.
Die krisenbedingte Verlangsamung ökonomischer Aktivitäten mindert die Staatseinnahmen jedoch beträchtlich – der Ausfall im ersten Quartal 2009 wird auf ca. 73 Mio USD geschätzt, die Zolleinnahmen erreichten nur 64 Prozent der Vorhersagen. Dies kann rasch zu Engpässen bei den Staatsausgaben (Gehälter, Renten, aber auch wachstumsfördernde öffentliche Investitionen) nach sich ziehen.
Die Auslandsverschuldung wurde von 4,8 Mrd. USD (Ende 2003) auf 1,9 Mrd. USD Ende 2007 abgebaut (2008:28,7 Prozent des BIP). Im November 2006 wurde die neue nationale Armutsbekämpfungsstrategie für 2007 bis 2012, der Madagascar Action Plan (MAP) verkündet. Er verfolgt das Ziel eines hohen Wirtschaftswachstums (7 bis 10 Prozent) u.a. durch makroökonomische Stabilität, höhere Direktinvestitionen aus dem Ausland, die Reform des Bankensystems und bessere internationale Wettbewerbsfähigkeit im Handel. Ob die im März an die Macht gekommene „Übergangsregierung“ die bisherigen Entwicklungsziele fortführt oder andere Akzente setzt, ist noch nicht absehbar.
Wichtigste Wirtschaftszweige
Der Industriebereich ist Motor der Wachstumsentwicklung. Hierzu tragen vor allem die Unternehmen mit dem Status von Freiexportzonen (Zone franche) bei. Es gibt rund 102 Unternehmen mit rund 115.000 Beschäftigten überwiegend im Textilbereich. Allerdings hat sich die Auftragslage durch die Krise verschlechtert.
Die madagassische Landwirtschaft ist nach wie vor durch geringe Dynamik und Probleme beim Marktzugang gekennzeichnet. Insgesamt überwiegt die Subsistenzwirtschaft (bei Reis, Mais und Maniok). Die Reisproduktion reicht regelmäßig nicht zur Versorgung der Bevölkerung aus; Madagaskar ist deshalb auf Reisimporte angewiesen. Die Entwicklungsstrategie Madagaskars sieht den Aufbau einer wettbewerbsfähigen Agroindustrie vor, mit dem Ziel einer Verdreifachung der Produktion bis 2012. Madagaskar ist der größte Produzent von Vanille und hat sich eine starke Marktposition für hochwertige Garnelen erarbeitet. Es gibt erste Versuche, Kraftstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen zu gewinnen: Biodiesel (Jatropha) und Biobenzin (Äthanol).
Die Zahl der Touristen hat sich im letzten Jahrzehnt verfünffacht. Für 2008 wird die Besucherzahl auf 380.000 geschätzt, die Deviseneinnahmen auf 393 Mio USD. Mit Beginn der Krise ist der Tourismus heftig eingebrochen und wird auf längere Zeit beeinträchtigt sein.
Bergbau gilt als Zukunftssektor. Der Reichtum an Bodenschätzen wird bisher nur wenig ausgebeutet. Im Südosten und Südwesten des Landes werden große Bergbauvorhaben zum Abbau von Titan-Sanden in Kürze ihre Produktion aufnehmen. 2010 soll eines der weltweit größten Nickel- und Kobaltprojekte in Betrieb genommen werden. Die Suche nach Öl in der Straße von Mosambik wurde fortgesetzt, geplant ist auch die Gewinnung von Öl aus Ölsand.
Ein Boom des IKT-Sektors wird durch den 2009/2010 geplanten Anschluss an submarine Fiber-Optik-Kabel erwartet, die westliche Telekommunikationsstandards mit Europa, Asien und Afrika ermöglichen sollen.
Außenwirtschaft
Entwicklung des Außenhandels
Die wichtigsten Exportprodukte sind Textilien und Strickwaren, Vanille und Garnelen, die wichtigsten Absatzmärkte Frankreich und die USA. Bei den Importwaren stehen Konsumgüter vor Rohölprodukten und Grundstoffen an erster Stelle; die wichtigsten Herkunftsländer sind Frankreich und China, allerdings wird auch Südafrika als Handelspartner zunehmend wichtiger. 2006/ 2007 war aufgrund höherer Weltmarktpreise bei Rohstoffen/landwirtschaftlichen Produkten ein deutlicher Anstieg des Exportwertes zu verzeichnen. Das Handelsbilanzdefizit verringerte sich deutlich.
Investitionsbedingungen
Bei ausländischen Direktinvestitionen steht Kanada vor Frankreich, Mauritius und China an erster Stelle. Die für private Investitionen mitbestimmenden Faktoren (vorhersehbares Verwaltungshandeln, Rechtssicherheit, Unbestechlichkeit der Entscheidungsträger, Infrastruktur, Ausbildungsstand, Zugang zu Krediten) sind vielfach nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Durch die zentrale Anlaufstelle für Investoren (Economic Development Board of Madagascar - EDBM) sollen Investitionen erleichtert werden. Im Januar wurde ein neues Investitionsgesetz verabschiedet, das Erleichterungen u.a. bei Immobilienerwerb und Geschäftsvisa vorsieht, ebenso wie die Vereinfachung von Verfahren und damit Beschleunigung von Geschäftgründungen.
Infrastruktur
Hohe Priorität galt bisher dem Ausbau der Infrastruktur (insbesondere dem Straßenbau), der von der Weltbank, EU und ADB (African Development Bank) gefördert wird.
Mitgliedschaft in Wirtschaftsgruppierungen
Madagaskar ist Mitglied des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank und Welthandelsorganisation und nimmt am AKP-Prozess teil. Es gehört den regionalen Zusammenschlüssen Commission de l'Océan Indien und der Indian Ocean Rim Association an und ist Mitglied des Common Market for Eastern and Southern Africa. Seit 17.08.2005 ist Madagaskar Mitglied der Southern African Development Community (SADC), seit August 2008 auch der SADC-Freihandelszone. Angesichts der kritischen Haltung der SADC zum Machtwechsel in Madagaskar erwägt die „Übergangsregierung“den Austritt aus SADC.
Umweltpolitik
Das größte Umweltproblem stellt die Bodenerosion dar, die die Folge der Abholzung großer Waldgebiete ist. In den Städten kommt es zu einer starken Belastung der Luft durch den Schadstoffausstoß der Kraftfahrzeuge und zur Verunreinigung der Gewässer.
Die Regierung Ravalomanana räumte der Umweltpolitik einen hohen Stellenwert ein und betonte den Zusammenhang zwischen Umwelt, nachhaltiger Nutzung der natürlichen Ressourcen und Armutsbekämpfung. Der Entwicklungsplan „MAP“ sieht eine Ausweitung der geschützten Flächen auf 6 Mio. Hektar vor. Inwieweit diese Politik konsequent fortgeführt wird, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Das Problem der illegalen Abholzung von Edelhölzern aus den Naturparks hat sich durch den krisenbedingten Zusammenbruch der staatlicher Ordnungs- und Kontrollmechanismen noch erheblich verschärft. Ausgehend von der Überlegung, dass die Erhaltung der verbliebenen Biodiversität im Interesse nachfolgender Generationen ist, liegt der Schwerpunkt der deutschen wirtschaftlichen Zusammenarbeit im Erhalt und der nachhaltigen Nutzung der natürlichen Ressourcen Madagaskars.
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.