Kanada
Wirtschaft
Stand: September 2009
Kurzcharakteristik der Wirtschaft
Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat erhebliche Auswirkungen auf die exportorientierte kanadische Wirtschaft. Hauptsächlich betroffen ist die verarbeitende Industrie im Ostteil des Landes. Allerdings hat der Rückgang der Rohstoffpreise auch den Boom in den rohstoffreichen Provinzen abebben lassen; Erschließungsprojekte wurden zurückgefahren oder gestreckt.
Kanadas Wirtschaft ist modern und dynamisch. Die Staatsfinanzen sind gesund. Von 1996 bis 2009 wurden im kanadischen Bundeshaushalt kontinuierlich Überschüsse erwirtschaftet, die konsequent zur Schuldentilgung eingesetzt wurden. Die Schuldenquote der Zentralregierung wurde von 74% im Jahre 1994 auf 28,2% Anfang des Jahres 2009 gesenkt.
Die Arbeitslosigkeit, die 2008 einen historischen Tiefststand von 5,8% erreicht hatte, ist im Zuge der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise gestiegen und lag im August 2009bei 8,7%.
Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen sind problemlos, aber insgesamt unter dem Potenzial beider Volkswirtschaften. Die großen kanadischen Rohstoffvorkommen, insbesondere Erdöl und Erdgas, spielen bisher für die Energieversorgung Europas keine Rolle.
Kanada ist der zweitgrößte Flächenstaat der Erde. Die Wirtschaftszentren im Osten und im Westen sind über 5.000 km voneinander entfernt. Das Land ist mit 3,1 Einwohner/qkm dünn besiedelt. Wirtschaft und 85% der Arbeitskräfte sind in einem Streifen von bis zu 350 km Breite entlang der US-Grenze konzentriert.
Struktur der Wirtschaft
Kanada hat eine leistungsstarke, an Zukunftstechnologien orientierte Wirtschaft. Innovative Sektoren – wie Informations- und Telekommunikationstechnologien, alternative Energien, Biotechnologie und Nanotechnologie – werden gezielt gefördert und haben einen zunehmenden Anteil am Bruttoinlandsprodukt.
Daneben ist Kanada ein bedeutender Rohstofflieferant und landwirtschaftlicher Produzent. Es zählt zu den weltgrößten Exporteuren von Getreide. Die Wasser- und Holzvorräte sind nahezu unerschöpflich. 46% der Landfläche Kanadas sind von Wald bedeckt (10% der Weltwaldfläche). Kanada belegt nach den USA und Russland Platz 3 der Welterdgasförderung, es ist das fünftgrößte Erzeugerland von Elektroenergie der Welt, liegt bei der Erdölförderung auf dem 10. Platz und verfügt, nachdem die Förderung von Ölsänden in Alberta durch gestiegene Ölpreise rentabel geworden ist – über die zweitgrößten Erdölreserven der Welt nach Saudi Arabien. Es gehört zu den wichtigsten Förder- und Verarbeitungsländern für Erze, Metalle, Edelmetalle und Mineralien (u.a. Gold, Zink, Nickel, Kupfer), aber auch von forstwirtschaftlichen Produkten (Bauholz, Zellulose, Papier) sowie landwirtschaftlichen und Fischereierzeugnissen (Getreide, Rindfleisch, Ölsaaten, Muscheln, Krustentiere). Seit Mitte der 90’er Jahre werden in den polaren North West Territories Diamanten abgebaut. Heute ist Kanada der drittgrößte Diamantenproduzent und vor Australien der größte Uranproduzent (30% der Weltproduktion).
Gleichzeitig weist Kanada derzeit den weltweit neunhöchsten Pro-Kopf-Verbrauch von Primärenergie und den höchsten Pro-Kopf-Ausstoß von Treibhausgasen auf. Seine mit der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls eingegangene Verpflichtung, den Treibhausgasaustoß von 1990 bis 2012 um 6% zu reduzieren, wird Kanada nicht erfüllen; 2008 lag der Treibhausgasausstieg um 33,2% über dem Niveau von 1990.
Der Dienstleistungssektor hat einen Anteil von 75% am Bruttoinlandsprodukt, die verarbeitende Industrie 22%, Bergbau und Energiegewinnung 11%, der Bausektor 6%, sowie Land-, Forstwirtschaft und Fischerei 2%. Bedeutende Bereiche der verarbeitenden Industrie sind der Automobil- und Flugzeugbau, die Metallurgie, die Lebensmittelherstellung, die Holz- und Papierverarbeitung, die chemische Industrie und die Produktion von Computern und elektrischen Geräten.
Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft
Kanada ist als Exportnation an freiem Handel und Abbau von Handels- und Investitionsschranken interessiert. Ausländische Direktinvestitionen in Kanada unterliegen einer konsequenten staatlichen Aufsicht, sind aber in der Praxis nur in wenigen Schlüsselbereichen (Transportwesen, Luftfahrt, Kultur, Medien, Nuklearindustrie) auf Minderheitsbeteiligungen beschränkt.
In der Welthandelsstatistik belegt Kanada Platz 9 bei Exporten und Platz 10 bei Importen. Die Exportquote beträgt 35% des Bruttoinlandsprodukts. Die Exporte sind 2008 vor allem wegen der im ersten Halbjahr hohen Rohstoff- und Energiepreise um 6% und die Importe um 7% gestiegen – letzteres bedingt durch den anhaltend großen Modernisierungsbedarf in der Wirtschaft. Im ersten Halbjahr 2009 wurde im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise ein Rückgang verzeichnet.
Die kanadische Wirtschaft ist eng mit der US-Wirtschaft verflochten. In die USA gingen 2008 80,0% (EU: 8,7%; Deutschland: 0,9%) der kanadischen Warenexporte und 55,8% (EU: 12,2%; Deutschland: 2,9%) der Importe werden aus den USA bezogen. Im Durchschnitt werden pro Tag Güter im Wert von rd. 1,6 Mrd. USD zwischen USA und Kanada gehandelt.
Die enge wirtschaftliche Verflechtung mit den USA ist Chance und Risiko der wirtschaftlichen Entwicklung Kanadas zugleich. Sie hat den Aufstieg Kanadas in den Rang der führenden Industrienationen wesentlich begünstigt und gleichzeitig maßgeblich dafür gesorgt, dass Kanada trotz einer im Kern gesunden Volkswirtschaft überproportional von den Folgen der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen ist. Auch heute noch ist sie neben anderen Standortvorteilen ein wichtiges Motiv für ausländische Direktinvestitionen, um die Kanada aktiv mit Steuervorteilen und anderen Anreizen wirbt. Der Bestand ausländischer Investitionen in Kanada beträgt 504,9 Mrd. CAN-D. Davon kommen 58% aus den USA und 27% aus der EU. Insgesamt ist Kanada jedoch mittlerweile ein Nettoexporteur von Investitionen. Die kanadischen Direktinvestitionen im Ausland beliefen sich Ende 2008 auf 673,3 Mrd. CAN-D, davon 49% in den USA.
Die bilateralen Handelsbeziehungen sind problemlos und haben sich in den letzten 3 Jahren dynamisch entwickelt. Allerdings entsprechen sie bei weitem noch nicht dem Potenzial beider Volkswirtschaften. In der deutschen Außenhandelsstatistik liegt Kanada bei Einfuhren auf Rang 33 und bei Ausfuhren auf Rang 27.
Kanada ist aus wirtschaftlichen und politischen Gründen an einer Diversifizierung seiner Wirtschaftsbeziehungen interessiert, ohne das privilegierte Verhältnis zu den USA in Frage stellen zu wollen. Als Partner werden neben der Europäischen Union, Australien und Japan zunehmend weitere asiatische Länder – China, Indien, Südkorea, Vietnam, Singapur, Thailand, Philippinen, sowie die Länder Lateinamerikas – Mexiko, Brasilien, Haiti, Kolumbien, Chile gesehen. Kanada ist Mitglied aller wichtigen internationalen Wirtschaftsforen, wie G8, IWF, OECD, WTO, Weltbank und ist mit den USA und Mexiko über das NAFTA-Abkommen verbunden. Daneben hat Kanada Freihandelsabkommen mit Chile, den Philippinen, Thailand, Kolumbien, Peru, Israel und den EFTA-Staaten.
Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage
Die Arbeitsproduktivität ist in Kanada niedriger als in den USA (durchschnittlich -13%). Dies hat in Verbindung mit offenen oder versteckten Buy American Kampagnen in den USA im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise zu Befürchtungen geführt, dass bei generell in Nordamerika abnehmender Kapazitätsauslastung Entlassungen und Werksschließungen mit Vorrang bei kanadischen Tochterunternehmen erfolgen.
Nachdem die Arbeitslosenrate Ende 2007 mit 5,8% auf das niedrigste Niveau seit 30 Jahren abgesunken war, führten Arbeitsplatzverluste in den Monaten November 2008 (-71.000), Dezember 2008 (-34.000), Januar 2009 (-129.000), Februar 2009 (-83.000) und März 2009 (-61.000) dazu, dass die Beschäftigung um 378.000 zurück ging (-2,1%) und die Arbeitslosenrate bis August 2009 auf 8,7% anstieg.
Die Inflationsrate lag 2008 bei 2,3% und damit geringfügig höher als im Vorjahr (2,2%).
Die Bank of Canada hat den Leitzins von Dezember 2007 bis März 2009 in mehreren Schritten von 4,25% auf 0,25% abgesenkt. Der kanadische Immobilienmarkt stagniert, ohne dass es bislang zu Deflationserscheinungen wie in den USA gekommen ist.
Wirtschaftsklima
Nach 11 Jahren kontinuierlicher Haushaltsüberschüsse wurde im kanadischen Bundeshaushalt 2008/2009 ein nahezu ausgeglichener Haushalt verzeichnet. Für 2009/2010 wird infolge von Steuerausfällen, Steuersenkungen und der Umsetzung wirtschaftlicher Stimulationsmaßnahmen mit einem Haushaltsdefizit von rd. 56 Mrd. CAN-D gerechnet. Ein von der kanadischen Bundesregierung vorgelegtes Konjunkturprogramm sieht Investitionen von 40 Mrd. CAN-D in den kommenden beiden Jahren und 80 Mrd. CAN-D bis 2013 sowie Steuererleichterungen von rd. 20 Mrd CAN-D, verteilt auf die kommenden 6 Jahre, vor.
Die Regierung ist damit von dem ursprünglich formulierten Ziel, die Bundesschulden bis 2015 auf 25% BIP zu senken, abgerückt. Statt dessen wird ein Anstieg der Bundesschuld auf 51% des BIP bis 2015 prognostiziert.
Zur Belebung des nationalen Kreditmarktes hat die kanadische Regierung ab November 2008 über verschiedene Crown Corporations (Unternehmen in öffentlicher Hand) insgesamt 200 Mrd. CAN-D (ca. 125 Mrd. EURO) an Krediten und Überbrückungshilfen bereitgestellt. Größter Posten ist dabei ist ein im November 2008 ins Leben gerufenes und in zwei Schritten auf insgesamt 125 Mrd. CAN-D (ca. 80 Mrd Euro) aufgestocktes Programm der Canadian Mortgage and Housing Corporation zum Aufkauf von Hypothekenkrediten. 13 Mrd. CAN-D (ca. 8,1 Mrd. Euro) werden für Überbrückungskredite an klein- und mittelständische Unternehmen bereit gestellt. Neu geschaffen u. mit 12 Mrd. CAN-D (ca. 7,5 Mrd. Euro) ausgestattet wurde eine Canadian Secured Credit Facility zum Aufkauf mit Sachwerten abgesicherter Kleinkredite für Ausrüstungsinvestitionen klein- u. mittelständischer Unternehmen sowie von Einzelpersonen. Generell ist das Wirtschaftsklima von massiven Unsicherheiten bzgl. der weiteren Nachfrageentwicklung in den USA behaftet.
Weitere Risikofaktoren sind die Entwicklung der Rohstoffpreise und vor dem Hintergrund der Geldpolitik der US-Notenbank die Gefahr einer Inflation in den USA, die entweder auf Kanada übergreifen könnte oder durch einen Wertanstieg des kanadischen Dollars gegenüber dem US-Dollar zu einer tendenziellen Verteuerung kanadischer Exporte und zu einer relativen Verteuerung des Produktionsstandort Kanada könnte.
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.