Indien
Wirtschaft
Stand: Oktober 2009
Kurzcharakterisierung der indischen Wirtschaft
Nach vier Jahren mit ca. 9% Wachstum kam es im vergangenen Jahr 2008 auch aufgrund der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu einer merklichen Abschwächung. Mit 6,7% Wachstum im lfd. Haushaltsjahr 2008/9 (durchschnittlich 8,8% in den letzten fünf Jahren) ist Indien die nach China weltweit am stärksten expandierende Volkswirtschaft. Bei derzeit 1,1 Mrd. Einwohnern wird es bis zur Mitte des Jahrhundert voraussichtlich nicht nur das bevölkerungsreichste Land der Erde sein, sondern auch mit seinem Bruttoinlandsprodukt nach China und USA an dritter Stelle liegen.
Ungeachtet dieses beeindruckenden Wachstums bleibt Indien mit einem durchschnittlichen jährlichen Prokopfeinkommen von nur 815 USD und enormen Defiziten in der sozialen Infrastruktur weiterhin ein Entwicklungsland, 28% der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze von 1 USD pro Kopf/Tag und mehr als 50% von weniger als 2 USD. Auf dem Human Development Index der UNDP steht Indien auf Platz 132 unter 177 erfassten Staaten. Während es weltweit die meisten Millionäre und Milliardäre beheimatet, liegt es bei vielen Sozialindikatoren deutlich unter den Durchschnittswerten von Subsahara-Afrika. Extreme Gegensätze prägen weiterhin das wirtschaftliche Erscheinungsbild des Landes.
Die Hochwachstumsphase der letzten Jahre hat die regionalen Entwicklungsunterschiede auf dem Subkontinent und das zunehmende Einkommensgefälle zwischen der expandierenden städtischen Mittelschicht und der überwiegend armen Bevölkerung auf dem Lande, wo noch knapp 70% aller Inder leben, schärfer hervortreten lassen. Dort stagnieren die Realeinkommen bestenfalls. Auch sind die erhofften massiven Beschäftigungseffekte des Wachstums bislang unter dem Strich ebenso ausgeblieben wie nachhaltige Auswirkungen auf die Strukturen der indischen Volkswirtschaft, die sich von denen anderer dynamisch wachsender Schwellenländer maßgeblich unterscheiden.
Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufstieg Indiens und die Überwindung des über Jahrzehnte schwachen Wachstums war die sukzessive Deregulierung und Öffnung der indischen Volkswirtschaft nach der Finanzkrise von 1991. Die Grundrichtung dieser Reformen ist seither von keiner der in Delhi regierenden Koalitionen infrage gestellt worden, wenngleich Tempo und konsequente Umsetzung der einzelnen Maßnahmen mitunter stark schwankten. Auch die von 2004 bis Frühjahr 2009 regierende Congress-Minderheitskoalition unter Premierminister Manmohan Singh hat Privatisierung, Deregulierung und die weltwirtschaftliche Integration des Landes zunächst weiter vorangetrieben. Gegen Ende der Legislaturperiode blieben jedoch wichtige Reformvorhaben unvollendet.
Die letzte Parlamentssitzung vor den Wahlen im April/Mai stand bereits voll im Zeichen der Bewältigung der Folgen der globalen Wirtschaftskrise. Neben monetären Schritten nutzte die indische Regierung den Spielraum im Haushalt, um (wenn auch bescheidene) Konjunkturpakete zu verabschieden. Das Haushaltsdefizit ist dadurch auf 6% angestiegen. Die neue Regierung steht hier vor erheblichen Herausforderungen.
Struktur der Wirtschaft
Zu den Hauptcharakteristika der indischen Volkswirtschaft gehört das Missverhältnis zwischen BIP- und Beschäftigungsanteil bei Landwirtschaft und Dienstleistungen (mit umgekehrten Vorzeichen) und eine vergleichsweise geringe Bedeutung der verarbeitenden Industrie. Die überwiegende Mehrheit der indischen Bevölkerung lebt in überkommenen ländlich-agraren Strukturen und bleibt wirtschaftlich marginalisiert. Der BIP-Anteil der Landwirtschaft sinkt seit Jahren kontinuierlich und beträgt nur noch 17,1%. Angesichts gravierenden Kapitalmangels, viel zu kleiner Anbauflächen, stagnierender Erträge und fehlender Absatzstrukturen bleibt der Sektor, von dem weiterhin über die Hälfte aller Inder direkt abhängen (Beschäftigungsanteil 52%), Hauptsorge jeder indischen Regierung. Um die größte Not auf dem Lande zu mildern, wird inzwischen ein öffentliches Beschäftigungsprogramm für Familien unterhalb der Armutsgrenze implementiert. Es garantiert 100 Tage bezahlte Beschäftigung für jeweils ein Familienmitglied.
Wachstum und Wohlstand verdanken sich hingegen vor allem dem Dienstleistungssektor (57% BIP), wovon aber bei einem Beschäftigungsanteil von 25% nur eine Minderheit der Bevölkerung profitiert. Die zur Überwindung der Massenarmut notwendige massive Schaffung neuer, vor allem auch un- und niedrig qualifizierter Arbeitsplätze kann aus Sicht der Regierung am ehesten in der Industrie bzw. im verarbeitenden Gewerbe erfolgen, doch stagniert hier der BIP-Anteil bei 25,6%.
Nur ca. 8% aller Beschäftigten stehen in einem vertraglich geregelten Arbeitsverhältnis. Die übrigen 92% (in 98% aller Betriebe mit einem geschätzten BIP-Anteil von 60%) werden dem sog. „informellen Sektor“ zugerechnet - sie sind weder gegen Krankheit oder Arbeitsunfälle abgesichert, noch haben sie Anspruch auf soziale Leistungen oder Altersversicherung.
Neben der dynamisch expandierenden Privatwirtschaft, deren Investitionen entscheidend zur hohen Gesamtinvestitionsrate von 39,1% BIP (2006/7) beitragen, bleiben eine Reihe von Sektoren (insb. Öl, Gas, Kohle; Schwerindustrie; Transportwesen, Banken und Versicherungen) weitgehend von öffentlichen Unternehmen unter direkter oder indirekter Kontrolle der Regierung dominiert. Mehrere Anläufe der reformerischen Kräfte in der Regierung, diese unter Nehru und Indira Gandhi herausgebildeten Strukturen wenigstens in kleinen Schritten aufzubrechen, sind bislang gescheitert.
Wirtschaftsklima
Die schiere Größe der indischen Volkswirtschaft, Demographie und anhaltend hohes Wachstum machen den Subkontinent zu dem nach China wichtigsten Markt der Zukunft. Anders als in China treibt in Indien jedoch schon heute die Inlandsnachfrage die Entwicklung voran.
Als wesentlicher Grund für die mittel- bis längerfristig hohen Wachstumsprognosen wird gemeinhin die sogenannte „Demographische Dividende“ angeführt. Bei langsam nachlassenden Geburtsraten wird der Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren bis 2026 auf 68,4% steigen. Dieses äußerst günstige Generationenverhältnis soll auch längerfristig hohe Sparraten (2007/8 37,7% BIP) ermöglichen, um privaten Konsum und Kapitalinvestitionen der Wirtschaft zu finanzieren. Die nötigen Arbeitsplätze müssen größtenteils allerdings erst noch geschaffen werden, ebenso sind massive öffentliche Investitionen in Bildung, Ausbildung und Gesundheitswesen Voraussetzung.
Einerseits steigt - verstärkt durch die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise - die Arbeitslosigkeit, die Reallöhne sinken in der breiten Masse zunehmend. Andererseits gibt es Personalengpässe im qualifizierten und hochqualifizierten Bereich (wobei derzeit die Lohnkostenentwicklung etwas gedämpfter verlaufen dürfte). Nur etwa 5% aller dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehenden Personen verfügen nach Regierungsangaben über eine berufliche Qualifikation; bei den unter 30jährigen haben ganze 2% eine formale Berufsausbildung absolviert. Während derzeit jedes Jahr knapp 13 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt strömen, wird die Zahl der landesweit zur Verfügung stehenden Ausbildungsplätze nur auf 2,5 Mio. beziffert.
Vor diesem Hintergrund hat die Regierung sich im 11. Fünfjahresplan (2007/8 – 2011/12) zum Ziel gesetzt, die Ausgaben für schulische und berufliche Bildung auf 6% des BIP zu verdoppeln. Zugleich wurde die Schaffung einer Ausbildungsstrategie „National Skills Development Mission“ und die Formulierung einer „National Employment Policy“ beschlossen, um dem Phänomen des Wachstums ohne zusätzliche Arbeitsplätze gezielt zu begegnen. Gravierende Defizite im Bereich Humankapital gelten mittlerweile als größte Gefahr für die Ausschöpfung des indischen Wachstumspotentials.
Einstweilen kann die Regierung jedoch weiterhin auf stark steigende Auslandsinvestitionen als Beleg für das ungebrochene Vertrauen in den Markt und Standort Indien verweisen. Mit einem Umfang von knapp 25 Mrd. USD stiegen diese im Haushaltsjahr 2008/9 erneut um 11%. Unter Einschluss der reinvestierten inländischen Gewinne summierten sich die ausländischen Direktinvestitionen in diesem Zeitraum sogar auf knapp 30 Mrd. USD. Das entspricht 6,4% aller Bruttoinvestitionen und einen BIP-Anteil von etwa 3%. Im 2. Quartal 2009 betrugen die Auslandsinvestitionen - trotz Wirtschaftskrise - bereits 7 Mrd. USD.
Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft
Im Zuge der 1991 eingeleiteten Reformen hat sich Indien zunehmend gegenüber dem Ausland geöffnet. In den meisten Bereichen der Wirtschaft sind mittlerweile ausländische Direktinvestitionen zugelassen und die Obergrenzen für ausländische Beteiligungen wurden entweder ganz abgeschafft oder ausgeweitet. Zu den wenigen Branchen, die für ausländisches Kapital weiterhin komplett gesperrt bleiben, gehören der Einzelhandel, die Rüstungsindustrie und die Landwirtschaft sowie jene Handwerksbereiche, die in Indien der Kleinindustrie „small scale industries“ vorbehalten bleiben und wo industrielle Massenfertigung generell nicht zugelassen ist. Starke Begrenzungen für ausländische Firmen bestehen ferner weiterhin z.B. bei Banken und Versicherungen sowie im Transportwesen und in bestimmten Teilen der Energiewirtschaft. Neben einer vermeintlichen Beeinträchtigung der nationalen Sicherheit sind es vor allem sozial- bzw. beschäftigungspolitische Vorbehalte insbesondere im linken Spektrum, die hier einer weiteren Öffnung für ausländische Investoren im Wege stehen.
Insgesamt wurden aber die administrativen Verfahren erheblich vereinfacht und gestrafft, um ausländisches Engagement in Indien zu erleichtern. Anstelle der früheren Genehmigungspflicht ist für die Mehrzahl der Sektoren die bloße Anzeigepflicht (sog. „automatic route“) getreten. Zunehmend wird ein Wettbewerb zwischen den Bundesstaaten um die Ansiedlung ausländischer Unternehmen spürbar. Die Sektoren mit den höchsten Auslandsinvestitionen (seit 1991) sind IT und Elektronik, Dienstleistungen, Transportindustrie (hier vor allem Kraftfahrzeuge) und Energie.
Auch im Handel sieht sich Indien grundsätzlich auf der Gewinnerseite der Globalisierung. Seine weltwirtschaftliche Integration schreitet weiter voran: Der BIP-Anteil des Außenhandels erhöhte sich von 22,5% 2000/1 auf 40% im Fiskaljahr 2008/9. Indiens Exporte haben sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht. Sein Anteil am Welthandel erreichte 2006 nach WTO-Angaben ca. 1,2% bei Waren und 2,7% bei Dienstleistungen, wo Indien weltweit bei den Exporten bereits Rang 10 einnimmt und das größte Wachstum aufweist. Der aggregierte Welthandelsanteil für Waren und Dienstleistungen lag 2006 bei 1,5% und soll 2009 die 2%-Grenze überschreiten.
Der Export stieg im Haushaltsjahr 2008/9 um 4% auf 169 Mrd. USD während die Importe um 14% auf 288 Mrd. USD stiegen. Das wachsende Defizit in der Handels- und der Leistungsbilanz geht hauptsächlich auf die Verteuerung der Ölimporte und die anhaltend starke Nachfrage nach Kapitalgütern zurück.
Obwohl Indien seine angewandten Zölle in den letzten Jahren in der Summe kontinuierlich gesenkt hat, wehrt es sich im WTO-Rahmen weiterhin gegen eine verbindliche Übernahme entsprechender Verpflichtungen. Nicht nur im weiterhin stark zollgeschützten landwirtschaftlichen Bereich will Indien sich möglichst großen Spielraum bei der Festsetzung der Einfuhr- und Ausfuhrabgaben (z.B. auch bei Stahl, Zement) bzw. -beschränkungen und -verboten (z.B. Reis, Zucker) als Mittel zur Marktregulierung vorbehalten. Zwar hat auch die WTO in ihrer handelspolitischen Überprüfung Indiens vom Mai 2007 die intransparente und häufig durch diskretionäre politische Eingriffe verzerrte Zoll- und Abgabenstruktur sowie die weite Schere zwischen gebundenen und angewandten Zöllen deutlich als Handelshemmnis kritisiert, doch dürfte im gegenwärtigen inflationären Umfeld kaum mit einem Verzicht der Regierung auf diese Hebel zu rechnen sein.
Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage
Das Bruttoinlandsprodukt betrug im Haushaltsjahr 2008/09 etwa 794 Mrd. EUR (1.157 Mrd. USD) bei einem Pro-Kopf-Einkommen von 559 EUR/Jahr (810 USD). Der Agrarsektor legte 2008-09 um 1,6% zu, der Industriesektor um 3,9% und der Dienstleistungssektor um 9,7%. Neben der zunächst dramatischen Ölpreisentwicklung machte sich auch die verteuerte Kreditaufnahme für Betriebe und Haushalte (sukzessive Zinserhöhungen und Anhebungen der Mindestreserven durch die Zentralbank in der ersten Jahreshälfte 2008 aufgrund stark ansteigender Inflation) negativ bemerkbar. Ferner wurden 2007 auch die Möglichkeiten der Unternehmen, im Ausland zinsgünstiger Kredite aufzunehmen, erheblich eingeschränkt, um den Kapitalzufluss und damit weiteren Aufwertungsdruck auf die Rupie bzw. auf die Preise zu begrenzen. Bei weitgehend ausgelasteten Produktionskapazitäten können die ungewöhnlich hohen Gewinnmargen der letzten Jahre ohne einen neuen Investitionszyklus nicht gehalten werden. Die durchschnittlichen Nettogewinne der Unternehmen zeigen eher negative Trends, mit einem Rückgang von 2,9% im Haushaltsjahr 2008/09. Damit steht auch weniger reinvestierbares Eigenkapital zu Verfügung.
Ohne fortgesetzt hohe Wachstumsraten und vor allem beschäftigungsintensive Investitionen im großen Umfang kann Indien sich nicht aus Armut und Unterentwicklung befreien und auch nicht die Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung wirksam bekämpfen, die nach den letzten verfügbaren offiziellen Zahlen mit 8,3% angegeben wird, aber schon angesichts der Größe und mangelnden statistischen Erfassbarkeit des „informellen Sektors“ sehr viel höher liegen dürfte. Von den offiziellen Zahlen ausgehend, müsste die Beschäftigung jedes Jahr um fast 4% steigen, um das im 11. Fünfjahresplan formulierte Ziel „Arbeit für alle“ bis 2012 zu erreichen. Aber selbst 3% Beschäftigungszuwachs, so die Berechnungen der Planungskommission, würden ein jährliches Wirtschaftswachstum von 9,3% voraussetzen.
Das seit Anfang 2008 spürbare starke Anziehen der Inflation, angefacht vor allem von der globalen Entwicklung der Öl- und der Nahrungsmittelpreise, aber auch von der Verteuerung anderer volkswirtschaftlich wichtiger Güter wie Stahl, Zement oder Dünger, implizierte für Regierung und Zentralbank einen kaum auflösbaren Zielkonflikt zwischen Wachstum und Preisstabilität. Dieser hielt ungeachtet aller zins- und geldpolitischen Korrekturmaßnahmen durch die Zentralbank an. Nachdem die Verluste für den Staatshaushalt bzw. die staatlichen Energieunternehmen durch die Subventierung der künstlich niedrig gehaltenen Verbraucherpreise für Benzin und Diesel ein nicht mehr tolerierbares Niveau erreicht hatten, rang sich die Regierung im Sommer 2008 zu einer sehr moderaten Energiepreiserhöhung durch – über die Kaskadeneffekte stieg die Inflation binnen zweier Wochen von zuvor 8,2 auf 12,6%, d.h. den höchsten Wert seit 13 Jahren.
Erst in der Folge der einsetzenden Finanz- und Wirtschaftskrise und der sinkenden Weltmarktpreise für Öl hat sich die Inflationsrate anhaltend vermindert (0,2% September 2009). Nur dadurch war es Regierung und Zentralbank möglich, den monetären Geldhahn wieder aufzudrehen, um der Kreditknappheit auch in Indien abzuhelfen. Das indische Bankensystem – weitgehend abgeschottet und mit einem solidem Regularium versehen – ist aus der globalen Finanzkrise unbeschädigt herausgegangen. Weiterhin ist jedoch eine erhebliche Risikoaversität zu verzeichnen. Insofern sind die Auswirkungen auf die Wirtschaft insgesamt (teils gedämpfte Binnennachfrage, teils Einbruch der Exporte, Rückzug der institutioneller Anleger und Abwertung der Rupie) spürbarer als zunächst erwartet.
Hinweis
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