Großbritannien / Vereinigtes Königreich
Wirtschaft
Stand: Oktober 2009
Grundlinien der Wirtschaftspolitik
Großbritannien hat eine Marktwirtschaft mit sozialen Zügen. In der EU setzt sich Großbritannien nachdrücklich für Liberalisierung und Deregulierung im Rahmen der "Lissabon-Strategie" (EU-Wirtschaftsreform-Agenda) ein. Sozialstaatliche Elemente sind am deutlichsten sichtbar im Gesundheitswesen, das in staatlicher Regie geführt wird ("National Health Service", NHS) .
Durch Investitionen in den Ausbau der öffentlichen Dienstleistungen (Gesundheitsdienst, Bildungs- und Erziehungswesen, Verkehrsinfrastruktur) hat die Regierung in den letzten Jahren versucht, die bestehenden strukturellen Defizite abzubauen, oft durch Projekte in öffentlich-privater Partnerschaft. Angesichts der durch die Finanzkrise stark angespannten öffentlichen Haushalte wird jedoch künftig mit Kürzungen in vielen Bereichen gerechnet.
London ist trotz Finanzkrise der wichtigste Finanzplatz in Europa und neben New York der wichtigste weltweit. Alle größeren Banken, Versicherungen, Unternehmensberatungen, Wirtschaftsprüfungsfirmen sowie internationale Rechtsanwaltskanzleien sind vertreten.
Auch in Hochtechnologiebranchen wie Telekommunikation, Informationstechnik, Biotechnologie, Pharma- und Chemieindustrie sowie beim Fahrzeugbau, in der Rüstungstechnologie und in der Elektrotechnik hat das Land eine gute internationale Wettbewerbsposition.
Aktuelle Wirtschaftslage
Die britische Wirtschaft wurde schnell und stark von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise getroffen. Angesichts der großen wirtschaftlichen Bedeutung des Finanzsektors, der in Großbritannien etwas mehr als 7 Prozent des BIP ausmacht, haben die globalen finanzwirtschaftlichen Turbulenzen beträchtliche Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft. Nachdem 2007 das jährliche Wirtschaftswachstum noch bei 2,6 Prozent lag, stürzte es bis zum Jahresende 2008 auf 0,7 Prozent ab. Für das Jahr 2009 wird ein Rückgang des BIP im Bereich von minus vier Prozent erwartet.
Die Neuverschuldung wird im Staatshaushalt für 2009/10 voraussichtlich auf knapp 12 Prozent ansteigen. Die Gesamtverschuldung wird am Ende des laufenden Haushaltsjahrs voraussichtlich ca. 59 Prozent des BIP betragen. Die Inflationsrate war zuletzt deutlich rückläufig und lag im August 2009 bei 1,6 Prozent. Der Leitzinssatz der Bank of England steht seit März 2009 auf dem historischen Tiefstand von 0,5 Prozent. Die durchschnittliche Verschuldung der Privathaushalte lag 2008 bei 165 Prozent des jährlichen Haushaltseinkommens.
Außenwirtschaft
Der britische Außenhandel weist seit Jahrzehnten ein Handelsbilanzdefizit auf, welches auch durch Überschüsse in der Dienstleistungsbilanz nicht vollständig ausgeglichen wird. Ende 2008 stand das Handelsbilanzdefizit bei –92,2 Mrd. Pfund. Das Leistungsbilanzdefizit in Höhe von -25,1 Mrd. Pfund, entsprach minus 1,7 Prozent des BIP.Der britische Anteil am Weltexport sank von 4,2 ProzentBIP 2002 auf 2,9 Prozent 2008. Seit 2005 ist Großbritannien Netto-Importeur von Erdöl und Erdölprodukten.
Finanzplatz London
London bleibt auch in der Krise Europas größtes Finanzzentrum mit einem inzwischen auf ca. 250.000 Beschäftigte reduzierten Bestand. Aktuell sind angesichts der verbesserten Situation an den Märkten wieder Einstellungen zu beobachten. Entgegen den Finanz-Handelsplätzen New York oder Tokio, die ihre Bedeutung aus ihren starken inländischen Volkswirtschaften ziehen und vorrangig den einheimischen Markt bedienen, dominiert London im internationalen Finanzgeschäft. Der Erfolg beruhte bisher auf dem günstigen Geschäftsumfeld, dem flexiblen regulatorischen Rahmen und der schnellen Umsetzung von Investitionsentscheidungen.
Unter dem Eindruck der globalen Finanzkrise sind seit Sommer 2007 erhebliche Verwerfungen im Bankensektor aufgetreten. Nach der Verstaatlichung von Bausparkassen (u.a. Northern Rock und Bradford & Bingley) sah sich die britische Regierung im Oktober 2008 zu einer Teilverstaatlichung des Bankensektors veranlasst, der RBS, Lloyds und die darin aufgegangene HBOS betraf. Die Finanzaufsichtsbehörde FSA lässt derzeit im Wege des internationalen Umdenkens in der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise ein grundsätzliches Abrücken von der liberalen Regulierungspraxis im britischen Finanzsektor erkennen. Diese wird sich voraussichtlich auch auf private Beteiligungsgesellschaften (Private Equity) und Hedgefonds erstrecken.
Arbeit und Soziales
Der britische Wohlfahrtsstaat ist ein Universalsystem. Er deckt die gesamte Bevölkerung ab (statt nur die Gruppe der versicherten Arbeitnehmer), er finanziert seine Leistungen überwiegend durch Steuergelder (statt über Einkommensbeiträge), seine Auszahlungen erfolgen in einheitlichen, oft geringen Pauschalleistungen (statt auf Grundlage des vorherigen Verdienstes).
Das britische Gesundheitswesen (National Health Service, NHS) ist staatlich organisiert und bietet prinzipiell eine für alle Bürgerinnen und Bürger kostenlose Gesundheitsversorgung. Allerdings verzeichnet der NHS, trotz deutlicher Budget-Steigerungen in den vergangenen Jahren, weiterhin spürbare Versorgungsengpässe.
Wie in vielen anderen Staaten sind die Auswirkungen der Finanzkrise auch auf dem britischen Arbeitsmarkt deutlich zu spüren. So stieg die Arbeitslosigkeit bis August 2009 auf mehr als 2,4 Millionen Menschen. Die Zahl der Empfänger von Arbeitslosengeld stieg bis August 2009 auf rund 1,6 Mio. Menschen. Die Leistungen sind im Vergleich zu Deutschland recht gering (60 GBP die Woche plus Miete ab Tag eins der Arbeitslosigkeit).
Kernelemente der Arbeitsmarktpolitik waren bislang die Reform der staatlichen Arbeitsverwaltung und ihre Zusammenlegung mit der Sozialverwaltung, Ausbau der Unterstützung bei der Arbeitsuche bei Beibehaltung eines geringen Arbeitslosengeldes, die Einführung eines Mindestlohns, Arbeitsanreize durch Steuergutschriften für Geringverdienende sowie jüngst Maßnahmen zur Aktivierung bislang Inaktiver im Erwerbsalter, wie etwa Empfänger von Erwerbsunfähigkeitsrente und Alleinerziehende.
Altersarmut ist in Großbritannien seit Jahrzehnten ein großes Problem. Die Zahl der Rentner, die unterhalb der Armutsgrenze leben, konnte durch die Einführung einer Mindestsicherung von 2,9 Mio. (1997) auf 1,8 Mio. (2007) verringert werden. Im Mittelpunkt der Rentenpolitik steht nun das Bemühen, die Menschen zu eigener Vorsorge zu aktivieren und dabei auch Arbeitgeber und Staat zu beteiligen.
Ernährung, Landwirtschaft, Verbraucherschutz
Die unabhängige Behörde für Lebensmittelstandards (Food Standards Agency – FSA) führt die Kampagnen zur Verringerung des Verzehrs von Fett und Salz fort, um insbesondere die hohe Rate an Herz- und Kreislauferkrankungen zu verringern.
Mit dem Anstieg der Weltbevölkerung und der erforderlichen Mehrproduktion von Lebensmitteln gewinnt die Ernährungssicherheit zunehmend an Bedeutung. Auch vor diesem Hintergrund fordert der Landwirtschaftsminister zu hoher landwirtschaftlicher Produktion auf.
Seit Juli 2007 gilt im gesamten Vereinigten Königreich ein generelles Rauchverbot in öffentlichen geschlossenen Räumen und öffentlichen Verkehrsmitteln.
Der Verbraucherschutz bei Finanzdienstleistungen steht aktuell im Vordergrund. Aufklärung und Informationen über Beratungsstellen und Internet sollen den Verbraucher in die Lage versetzen, Finanzentscheidungen eigenverantwortlich zu treffen. Aber auch die bei Finanzdienstleistern beschäftigten Berater sollen besser geschult werden, damit sie auf die Bedürfnisse der Kunden besser eingehen können.
Verkehrspolitik
Trotz des erfolgreichen Abschlusses von Großprojekten wie Terminal 5 am Flughafen Heathrow oder dem Eurostar Bahnhof St. Pancras bleiben im Verkehrsbereich deutliche Kapazitätsengpässe. Diese sollen durch die geplante West-Ost-Bahntrasse durch London (Crossrail, Fertigstellung für 2017 avisiert), die Aufbrechung der marktbeherrschenden Stellung des Flughafenbetreibers BAA und den Anfang Januar von der Regierung angekündigten Ausbau des Flughafens Heathrow um eine dritte Start- und Landebahn sowie ein sechstes Terminal behoben werden. Der Ausbau schneller Intercity-Bahnverbindungen wird weiterverfolgt. Nach Ablehnung eines City-Maut-Vorhabens in Manchester per Referendum ist die Realisierung in anderen Städten fraglich geworden.
Umweltpolitik
Großbritannien beansprucht eine globale Führungsrolle in einer integrierten Klima- und Energiepolitik („ökologische Industriepolitik“), die unter dem Primat der CO2-Reduzierung den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft vorbereiten soll. Damit soll auch Londons Rolle als weltgrößter C02-Handelsplatz (ca. 60 Prozent des globalen CO2-Zertifikatehandels) gesichert werden. Mit dem Ende 2008 in Kraft getretenen „Climate Change Act“ übernimmt das Land eine Vorreiterrolle und setzt sich feste Ziele – u.a. die Reduzierung der Treibhausgase um 34 Prozent bis 2020 und um 80 Prozent bis 2050 (jeweils gegenüber 1990). Zur Erreichung dieser ambitionierten Ziele hat sich die Regierung im Rahmen der EU verpflichtet, den Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 von derzeit knapp 2 Prozent auf 15 Prozent zu steigern (insb. Offshore-Windkraft, Gezeiten-, Wellen- und Meeresströmungs-Wasserkraft).
Darüber hinaus ist ein erheblicher Ausbau der Kernenergie vorgesehen.
Hinweis
Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden.