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Landesflagge Estland
Wirtschaft

Stand: März 2010

Wirtschaftslage, Wirtschaftsstruktur

Estland verfolgt eine liberale Wirtschaftspolitik. Der Staatssektor ist mit einem Anteil von rund zwölf Prozent vergleichsweise klein. Im Weltwirtschaftsforum-Ranking der wettbewerbsfähigsten Länder 2009/2010 belegt Estland den 35. Platz.

Nach zweistelligen Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts (2005: 10,2 Prozent, 2006: 11,2 Prozent) hat seit 2007 eine Phase der wirtschaftlichen Anpassung eingesetzt, deren Folgen seit 2008 voll zum Tragen kommen. Während im Jahr 2008 das Wirtschaftswachstum um 3,6 Prozent zurückging, schrumpfte es 2009 um 14,1 Prozent. Nach einem Ende des Rückgangs in diesem Jahr, wird für 2011 wieder mit einem Wachstum von 3,3 Prozent gerechnet.

Der bis 2008 erreichte wirtschaftliche Erfolg basierte auf einer stabilen Währung (die Estnische Krone ist an den Euro gekoppelt), der Liberalisierung der Preise, dem Abbau staatlicher Subventionen, einer schnellen Privatisierung und vor allem auf einem sehr liberalen Steuer- und Investitionsregime. Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre gründete sich im wesentlichen auf den Boom in der Immobilien- und Bau- sowie Dienstleistungsbranche, einer starken Binnennachfrage und Exporten, deren Wachstum allerdings unter dem der Importe lag.

Derzeit wirken sich vor allem die schwache Inlandsnachfrage bedingt durch sinkende Einkommen sowie die Lage auf dem Arbeitsmarkt negativ auf das Wachstum aus. Im zweiten Halbjahr 2010 dürften diese negativen Einflüsse durch eine Erholung des Exportwachstums ausgeglichen werden, was sich auch auf den heimischen Markt günstig auswirken würde.

Eines der wichtigsten Ziele der estnischen Regierung ist die Einführung des Euro, die zum 1. Januar 2011 angestrebt wird. Während die Einhaltung des Inflationskriteriums kein Problem bereitet, kann das Haushaltsdefizit nur mit harten Sparmaßnahmen unter 3 Prozent gehalten werden.

Die Zahl der Erwerbslosen in Estland – die noch im April 2008 auf dem niedrigsten Niveau von 3,7 Prozent lag - stieg 2009 auf durchschnittlich 13,8 Prozent.

Wichtigste Wirtschaftszweige

Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen gehören Finanzdienstleistungen, Transport/Logistik, Telekommunikation, Tourismus, Handel und die Immobilien- und Baubranche. Die Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei spielen hingegen nur eine untergeordnete Rolle.

Der Güterumschlag in den estnischen Häfen, besonders der Transithandel mit Rohstoffen aus Russland, hat seit 2007 abgenommen, während der Passagierverkehr mit Finnland und Schweden wieder gewachsen ist. Generell verschärft sich aber der Wettbewerb im Transport- und Logistikbereich, da vor allem Russland, aber auch die anderen baltischen Staaten den Ausbau ihrer Häfen und Logistikinfrastruktur stark vorantreiben. Estland reagiert darauf mit diversen Investitionsmaßnahmen sowie einer stärkeren Diversifizierung.

In Estland genießen moderne Informations- und Kommunikationstechnologien eine hohe Akzeptanz; PCs, Mobiltelefone und Internetbanking sind weit verbreitet. Das Land ist stolz auf so innovative Projekte wie die flächendeckende Anwendung von "e-government" oder "e-learning". Bei den Wahlen zum Europäischen Parlament im Juni 2009 und den Kommunalwahlen im Oktober 2009 wurde das "e-voting" erneut erfolgreich eingesetzt (erstmalige Nutzung bei den Kommunalwahlen im Oktober 2005). Estland präsentiert sich inzwischen regelmäßig auf der CEBIT.

Estlands Tourismussektor zählte bis zur globalen Wirtschafts- und Finanzkrise zu den wachstumsstärksten Branchen des Landes (bis zu 15 Prozent des BIP). In den letzten Jahren stieg die Zahl der ausländischen Besucher Estlands auf zwei Millionen. Seit Herbst 2008 ist ein Rückgang zu verzeichnen.

Außenwirtschaft

Eine liberale Wirtschaftspolitik sowie die fast abgeschlossene Rechtsangleichung an EU-Richtlinien gelten als gute Investitionsbedingungen für ausländische Unternehmen. Unabhängig von ihrer Herkunft werden Investoren und Unternehmer in Bezug auf Verwaltungsverfahren, Steuerpolitik etc. gleich behandelt.

Als Wettbewerbs- und Standortvorteil gilt eine attraktive Unternehmensbesteuerung. Ansässige juristische Personen und Nichtansässige mit einer Zweigniederlassung in Estland unterliegen einer „umgekehrten Körperschaftssteuer“; der Gewinn wird nur bei Ausschüttung steuerpflichtig. Der zurzeit angewandte Steuersatz beträgt 21 Prozent.

Im Jahr 2009 betrug das Außenhandelsvolumen 13,7 Milliarden Euro mit einem Exportanteil von 6,47 Milliarden Euro und einem Importanteil von 7,3 Milliarden Euro. Das Handelsbilanzdefizit betrug rund 824 Millionen Euro und lag damit auf dem niedrigsten Wert seit 15 Jahren.

Die EU-Mitgliedstaaten sind die wichtigsten Handelspartner Estlands. Die Ausfuhren in die europäischen Länder bestehen im Wesentlichen aus Maschinen, Geräten und Anlagen, Holz(-produkten), Metall(-waren) und Textilien.

Deutschland ist nach Finnland, Schweden und Russland einer der wichtigsten Handelspartner Estlands. Der Außenhandelsumsatz zwischen Estland und Deutschland 2009 betrug 1,151 Milliarden Euro. Mit einem Anteil von etwa zehn Prozent am Importvolumen ist Deutschland nach Finnland und Litauen drittstärkster estnischer Importpartner (Importe aus Deutschland 2009 circa 761 Millionen Euro).

Als Zielland für Exporte liegt Deutschland auf dem fünften Platz mit etwa sechs Prozent der estnischen Exporte (Exporte nach Deutschland 2009: 390 Millionen Euro). Das wichtigste Exportzielland für Estland ist Finnland (18 Prozent der estnischen Exporte).

In Estland sind etwa 430 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung registriert. Direkter Ansprechpartner der deutschen Wirtschaft ist die Deutsch-Baltische Handelskammer.

Zum 31.12.2009 betrug der deutsche Anteil aller ausländischen Direktinvestitionen in Estland (insgesamt: 11,3 Milliarden Euro) 1,2 Prozent (140,4 Millionen Euro). Deutschland steht damit auf Platz 13 der ausländischen Direktinvestitionen in Estland. Größter ausländischer Direktinvestor ist Schweden mit etwa vier Milliarden Euro (39,7 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in Estland). Der Großteil der ausländischen Direktinvestitionen konzentriert sich auf die Branchen Finanzdienstleistungen, Immobilien sowie Transport und Kommunikation.

Die Messeaktivitäten in Estland konzentrieren sich örtlich auf Tallinn und Tartu, inhaltlich auf den privaten Konsumbereich. Den größten Messeandrang verzeichnen die jährliche Baumesse (Eesti Ehitab), die Maschinenbaumesse (Instrutec) und die Tourismusmesse.

Mitgliedschaft in Wirtschaftsgruppierungen

Im Januar 2008 haben Verhandlungen zwischen der OECD und Estland über eine estnische OECD-Vollmitgliedschaft begonnen. Diese werden voraussichtlich Mitte 2010 zum Abschluss gebracht werden.

Estland ist Mitglied des Internationalen Währungsfonds und der Weltbankgruppe. Ende November 1999 trat Estland der Welthandelsorganisation bei.

Die regionale Kooperation orientiert sich in erster Linie im Ostseeraum. Estland ist Mitglied im Ostseerat sowie im 1994 geschaffenen Baltischen Ministerrat (Baltic Council of Ministers).

Energiepolitik

90 Prozent der in Estland produzierten Energie stammt aus der Ölschieferverbrennung, 6,6 Prozent basiert auf Gas, 1,5 Prozent auf Hydro- und Windenergie.

Estland ist vor dem Hintergrund der bis spätestens 2015 zu klärenden Frage zum Fortbestand der Großkraftwerke im Nordosten des Landes, die Ölschiefer verfeuern und eine starke Belastung der Umwelt mit sich bringen, auf der Suche nach praktikablen Alternativen. Dies ist zum einen die Umrüstung der bestehenden Anlagen, zum anderen die Erweiterung der Estlink-Strombrücke nach Finnland. Die bereits bestehende Verbindung (350 MW) soll durch ein Kabel mit der gleichen Kapazität ergänzt werden, wofür EU-Gelder in Höhe von 100 Millionen Euro bereit gestellt werden können. Dieses Unterseekabel „Estlink-2“ soll 2013 in Betrieb genommen werden.

Die Frage der Energiesicherheit ist eines der wichtigsten außen- und sicherheitspolitischen Themen. Estland strebt in seinen langfristigen Planungen eine größtmögliche Energieunabhängigkeit von Russland an. Dazu konzentriert man sich auf folgende Schwerpunkte:

  1. Einbindung in europäische Netze

  2. Entwicklung erneuerbarer Energieträger (Windkraft, Biomasse)

  3. Errichtung eines eigenen Kernkraftwerkes (langfristige Planung)

  4. Steigerung der Energieeffizienz, besonders im Gebäudebereich

Umweltpolitik

Estland verfügt über vier Nationalparks. Die von der EU geforderte Ausweisung zusätzlicher Naturschutzgebiete (Natura 2000) trifft teilweise auf Widerstand der betroffenen Landeigentümer.

Gleichzeitig formiert sich eine Umweltbewegung. Im Frühjahr 2007 gründete sich in Estland die „Grüne Partei“, die bei den Parlamentswahlen auf Anhieb die 5-Prozent-Hürde überwand und seither mit 6 Abgeordneten im Parlament vertreten ist.

Umweltpolitisch problematisch ist die Ölschieferverbrennung. Dabei entstehen 88 Prozent des estnischen Gesamtausstoßes an Stickstoff und 95 Prozent des Feinstaubes (feste Partikel). 60 Prozent des verbrannten Ölschiefers bleibt als Asche zurück, die auf Halden gelagert wird. Hinzu kommen Grundwasserverschmutzung und Landschaftszerstörung durch den Ölschiefer-Tagebau.



Hinweis

Dieser Text stellt eine Basisinformation dar. Er wird regelmäßig aktualisiert. Eine Gewähr für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Angaben kann nicht übernommen werden. 

Zusatzinformationen:

Ansprechpartner in den Wirtschaftsdiensten der deutschen Auslandsvertretungen

Botschaft Tallinn
Sabine Feyertag
Tel.: (00372) 6275 300
Fax: (00372) 6275 304 eMail
www.tallinn.diplo.de

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