"Internationalisierung der Hochschulen" - Interview des Deutschen Studentenwerks mit Außenminister Steinmeier
19.09.2008
Herr Steinmeier, als Bundesaußenminister können Sie oft von außen auf unser Hochschulsystem sehen. Wo sind unsere Stärken, was können wir von anderen lernen?
Das deutsche Hochschulsystem genießt weltweit einen guten Ruf. Das merke ich insbesondere an dem Interesse, das viele Staaten deutschen Hochschulgründungen entgegenbringen. Das beste aktuelle Beispiel dafür ist die geplante Deutsch-Türkische Universität, die mein türkischer Amtskollege Babacan und ich gemeinsam mit Forschungsministerin Schavan vor kurzem auf dem Weg gebracht haben.
Deutschland befindet sich als Studien- und Forschungsstandort in einem harten, globalen Wettbewerb um die besten Köpfe. Was kann die deutsche Außenpolitik hier leisten?
Seit meinem Amtsantritt setze ich mich für eine Neuaufstellung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ein: Nach der Reform der Goethe-Institute haben wir 2008 eine Initiative für die deutschen Auslandsschulen und Schulen mit verstärktem Deutschunterricht im Ausland gestartet. Wir wollen ein Netz von 1000 Partnerschulen weltweit errichten. Sie werden Abiturienten haben, die sehr gut deutsch sprechen und bereits einen Bezug zu Deutschland haben. Zur Zeit arbeiten wir an einer „Außenwissenschaftsinitiative“: Dabei wollen wir etwa mit der Errichtung von DAAD-Fachzentren im Ausland verstärkt Aufmerksamkeit auf die deutsche Hochschullandschaft und ihre Leistungen in Lehre und Forschung lenken.
Ausländische Studierende von außerhalb der EU schätzen an Europa dessen Kultur und Tradition, loben aber die USA für ihre besseren Studienbedingungen und die besseren Jobchancen. Zugespitzt: Will ich die schönen „soft factors“, gehe ich zum Studium nach Europa, will ich aber einen guten Job, studiere ich in den USA...
Ja, das ist vielleicht wirklich etwas zugespitzt – die europäischen Hochschulen sind im internationalen Vergleich gut aufgestellt. Gleichzeitig haben wir mit dem Bologna-Prozess auch im europäischen Rahmen die richtigen Weichen gestellt, um die Mobilität der Studierenden in Europa zu fördern und Wechsel über die Grenzen zu vereinfachen. Und wenn Sie die hervorragenden Forschungsleistungen der europäischen Universitäten anschauen – letztes Jahr gingen zwei Nobelpreise an deutsche Professoren – brauchen wir uns nicht zu verstecken.
Mehr als die Hälfte der ausländischen Studierenden bricht bislang ihr Studium in Deutschland ab. Wird im Ausland ein zu schönes und realitätsfernes Bild vom Studienland Deutschland gezeichnet?
Unsere Schulinitiative dient ja auch dem Ziel, zukünftige Studentinnen und Studenten aus dem Ausland besser auf ein Studium bei uns vorzubereiten. Wenn jemand eine deutsche Auslandsschule oder eine Partnerschule besucht, legt er schon während der Schulbildung ein solides Fundament der deutschen Sprache. Und im Rahmen unserer „Außenwissenschaftsinitiative“ wollen wir so genannte Wissenschaftszentren errichten, in denen sich Studierende vor Aufnahme ihres Studiums über Forschung und Lehre in Deutschland informieren können. Grundsätzlich muss sich natürlich jeder, der ein Studium in Deutschland aufnehmen will, vorab überlegen, ob er wirklich im Ausland studieren möchte – mit allen Chancen, aber auch Herausforderungen, die dieser Schritt mit sich bringt.
Herr Steinmeier, was haben wir überhaupt davon, dass deutsche Hochschulen so viele Ausländer ausbilden, wenn ihnen unser nationales Beschäftigungssystem nur teilweise offen steht?
Wir dürfen hierbei nicht nur auf Deutschland blicken. Ein Studium an einer deutschen Hochschule kann auch eine intelligente Form der Entwicklungshilfe sein. Entwicklungsländer beklagen häufig den „brain drain“ - die besten Köpfe wandern aus. Wenn nun hervorragend ausgebildete Graduierte in ihre Heimatstaaten zurückkehren und dort ihr Know-how anwenden, dann eröffnet das Entwicklungschancen. Ich meine: eine gute Investition!
Abschließend: Die Bundesregierung fördert zunehmend die Gründung deutscher Hochschulen im Ausland wie zum Beispiel in Syrien, Ägypten und Vietnam. Was versprechen Sie sich davon?
Die Welt wandelt sich, neue Kraftzentren entstehen. Wir können längst nicht mehr davon ausgehen, dass deutsche Werte und Einstellungen überall auf der Welt mit derselben Selbstverständlichkeit verstanden oder akzeptiert werden, wie das vielleicht früher der Fall war. Daher ist es wichtig, Räume zu schaffen, wo sich unterschiedliche Kulturen begegnen und austauschen können. Dies kann zum einen in einer deutschen Auslandschule oder aber in einem Goethe-Institut sein. Es kann aber auch an einem deutschsprachigen Studiengang oder gar einer deutschsprachigen Universität sein. Eine solche Auslands-Uni kann natürlich auch einen Beitrag zur Entwicklung des dortigen Bildungssystems leisten. Und schließlich: Wer dort studiert, ist später quasi automatisch ein guter Ansprechpartner für uns – sei es in Politik und Wissenschaft, oder sei es für deutsche Unternehmen, die sich in dem Land engagieren möchten.