„Die Bedeutung von Humanitarian Studies und Konfliktforschung wird weiter wachsen“
Prof. Dr. Dennis Dijkzeul, Professor für Humanitäres Management am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität Bochum
In Krisengebieten auf mehreren Kontinenten lernte Professor Dennis Dijkzeul, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse der Menschen dort aus eigener Erfahrung zu kennen. Als Wissenschaftler vermittelt der Niederländer an der Ruhr-Universität Bochum die theoretischen und praktischen Grundlagen der humanitären Hilfe. Zusammen mit internationalen Kollegen begründet er von Bochum aus Humanitarian Studies in Europa – ein Fachgebiet mit viel Zukunftspotenzial.
Professor Dennis Dijkzeul leitet den Masterkurs Human Rights and Democratisation
(AA, Foto: Jan Greune)
Welche Hilfe benötigen von Krieg, Gewalt oder Naturkatastrophen betroffene Menschen in Krisengebieten? Welche minimalen Standards müssen selbst bei schlimmster Lage eingehalten werden? Wie sollten sich Hilfsorganisationen untereinander vernetzen? Dies sind nur einige der Fragen, die Dennis Dijkzeul bewegen. Um sie zu beantworten, gehört die Analyse der Krisen weltweit zum wissenschaftlichen Alltag des Niederländers: Dennis Dijkzeul, 43 Jahre alt, ist seit Oktober 2002 Juniorprofessor für Humanitäres Management am Institut für Friedenssicherungsrecht und Humanitäres Völkerrecht (IFHV) der Ruhr-Universität. Es ist der erste Lehrstuhl dieses Zuschnitts in Europa. Im Oktober 2009 wird Dijkzeul an dem Bochumer Institut zum Professor für Organisations- und Konfliktforschung berufen.
Etwas ganz Neues aufbauen
Sein akademischer Weg führte den Betriebswirt von den Niederlanden über die Columbia University New York in den Westen Deutschlands – über zahlreiche Stationen als wissenschaftlicher Berater in Afrika, Amerika und Asien. In den USA war er als Wissenschaftler nah dran an den politischen Entscheidungsträgern bei den Vereinten Nationen und im Weißen Haus. Damals lernte er auch Professor Horst Fischer kennen, zu dieser Zeit Akademischer Direktor am IFHV in Bochum. Er war es, der Dennis Dijkzeul dafür begeisterte nach Europa zurückzukehren und an der Ruhr-Universität Bochum etwas ganz Neues aufzubauen: Seit seiner Berufung zum Juniorprofessor treibt der Niederländer die Etablierung des noch neuen Fachgebietes Humanitarian Studies in Europa voran. Ein Thema mit viel Zukunftspotenzial und hohem zivilgesellschaftlichem Anspruch. Die internationalen Aktivitäten des Instituts und die wissenschaftliche Arbeit über Katastrophen- und Krisengebiete beschäftigen ihn außerdem. Dabei motiviert ihn auch die Erfahrung, dass seine wissenschaftliche Arbeit den Menschen in den Krisenregionen zugute kommt.
Steigende Anforderungen
Was erwartet der Professor von seinen Studentinnen und Studenten? „Wir müssen nah dran sein, um die lokalen Bedürfnisse besser zu kennen. Außerdem lernt man vor Ort mehr über die Strategien der Konfliktparteien und auch über den gelegentlichen Missbrauch der Hilfe.“ Deshalb ist es ihm wichtig, dass die Studierenden die Situationen in den Krisengebieten während mehrmonatiger Praktika kennenlernen. Dijkzeuls Ziel ist es, Humanitarian Studies als eigenständiges Studienfach und professionelles Lehrgebiet in Europa zu etablieren.
„Die Herausforderungen der Zukunft heißen Klimawandel, Umweltzerstörung, Krieg und Migration. Zwar nimmt die absolute Zahl der Kriege derzeit weltweit ab, doch werden die Anforderungen an Regierungen, Hilfsorganisationen und Helfer durch das Zusammenspiel dieser künftigen Herausforderungen mit den bestehenden und neuen Krisen steigen. Deshalb wird die Bedeutung der Humanitarian Studies, der Organisations- und Konfliktforschung weiter wachsen“, sagt Dennis Dijkzeul.
Professor Dennis Dijkzeul mit seinem Masterkurs
(AA, Foto: Jan Greune)
Interdisziplinäres Wissen anwenden
Eines müssten sich die Studierenden, die Helfer in den Krisengebieten und die Entscheidungsträger der Geberländer aber immer bewusst machen: Krisen änderten sich ständig und einfache Lösungen gebe es nicht. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, dass Politiker aus den westlichen Industriestaaten auf einer breiteren Datenbasis entscheiden können und internationale Organisationen in der Lage sind, ihre Hilfe bei Krieg, Epidemien und Naturkatastrophen besser zu koordinieren – und damit den Menschen effektiver zu helfen. Das Fachgebiet Humanitarian Studies ist umfassend und beschäftigt sich mit der Politik und Finanzierung, den Prinzipien, den Akteuren und dem Management von humanitärer Hilfe sowie mit dem humanitären Völkerrecht. Um den großen Forschungsbedarf zu decken, baut Dijkzeul gemeinsam mit seinen Bochumer Kollegen aus den Feldern Humanitäres Völkerrecht, Sozialwissenschaft, Medizin und Geowissenschaften engere Kooperationen auf. Mit Hilfe ihrer Forschungsergebnisse möchte er eine interdisziplinäre wissenschaftliche Basis schaffen, die gerade bei einem so vielschichtigen Thema vertiefende Erkenntnisse verspricht.
Weltweites Forschungsnetzwerk
Auf Vernetzung setzt Dijkzeul generell: Im Februar 2009 gehörte er zu den Organisatoren der World Conference of Humanitarian Studies in Groningen in den Niederlanden, bei der 500 Wissenschaftler, Politiker und Praktiker diskutierten. Es war das weltweit erste Treffen von Experten, die sich beruflich mit humanitären Krisen beschäftigen. Dennis Diijkezeul nutzte es auch, um die International Humanitarian Studies Association mitzugründen. Sie ist für ihn neben der Mitgliedschaft seines Instituts im europäischen Universitätsverbund Network on Humanitarian Assistance und der Einbindung in das EU-Förderprogramm ERASMUS Mundus ein weiterer Knoten im weltweiten Netzwerk des jungen Forschungsgebiets. Doch alles Bemühen um Austausch, Wissenschaftlichkeit und auch die humanitäre Hilfe an sich seien auf zwei wesentliche Faktoren angewiesen:
„Die internationale Politik muss Geld für den Wiederaufbau bereitstellen und die Regierungen in den Krisenregionen wiederum müssen die Regeln der Good Governance befolgen und beispielsweise gegen Korruption vorgehen“, sagt Dijkzeul. „Humanitäre Krisen sind eine Riesenaufgabe – zu lösen ist sie nur gemeinsam.“
Text: Dorit Amelang
Die Serie "12 Wissenswelten" entsteht in Zusammenarbeit mit dem DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst)
Stand 01.09.2009