„Deutsch lässt sich gut lernen und gut vermitteln“
Anastassiya Semyonova, Lehrbeauftragte für Deutsch als Fremdsprache (DaF) und wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Interkulturelle Germanistik der Universität Göttingen
Anastassiya Semyonovaaus Kasachstan beschäftigt sich wissenschaftlich mit der deutschen Sprache und den besten Methoden, Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten. Als Mitarbeiterin des Teilfachs Interkulturelle Germanistik gehören grenzüberschreitende Perspektiven und internationale Zusammenarbeit zu ihrem Forschungsalltag.
Anastassiya Semyonova (Mitte) mit ihren Deutschschülern in der traditionsreichen Aula der Göttinger Universität
(AA, Foto: Jan Greune)
Interkulturell Sprachen lernen
Anastassiya Semyonova spricht klar und deutlich, sehr betont, grammatikalisch perfekt. Nur der Hauch eines Akzents verrät, dass Deutsch gar nicht ihre Muttersprache ist. Dafür ist die deutsche Sprache ihr Beruf: Die Germanistin aus Kasachstan unterrichtet als Lehrbeauftragte des Lektorats Deutsch als Fremdsprache (DaF) und forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin des 2004 gegründeten Teilfachs Interkulturelle Germanistik am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen. Sie kennt die Tücken und Geheimnisse der deutschen Sprache. Und sie ist das beste Vorbild für die ausländischen Studienbewerber, die sie zur Vorbereitung auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang unterrichtet.
Klare Regeln
Anastassiya Semyonova widerspricht einem oft gehörten Vorurteil: „Deutsch ist keine schwere Sprache“, sagt sie. Deutsch habe sehr klare Regeln, vieles könne man bewusst verstehen und lernen. „Slawische Sprachen verwirren mit viel mehr Ausnahmen. Deutsch lässt sich gut lernen und gut vermitteln“. Die 36-Jährige hat Deutsch schon in der Schule gelernt, in ihrer Heimatstadt Ridder, das damals noch Leninogorsk hieß. Später studierte sie Germanistik, Anglistik und Übersetzungswissenschaft, fünf Jahre in Kasachstan, dann bis zum Masterabschluss in Kassel. Nach Stationen als Dozentin in Russland und verschiedenen deutschen Städten lebt, arbeitet und forscht sie seit elf Jahren in der traditionsreichen Universitätsstadt Göttingen.
Sprache und Integration
Als DaF-Lehrerin arbeitet Anastassiya Semyonova mit den aktuellsten Methoden für den Deutschunterricht. Als Wissenschaftlerin und Promovendin lotet sie die Tiefen der deutschen Sprache noch weiter aus. Dabei geht es nicht um weltferne Sprachtheorie, sondern zum Beispiel ganz handfest um das Thema Integration: Sie ist Mitarbeiterin des Forschungsprojektes Interkulturelle Interaktion und Integration, das von der Lehrstuhlinhaberin Interkulturelle Germanistik, Professor Hiltraud Casper-Hehne geleitet wird. Die Wissenschaftler untersuchen, welche Wechselwirkungen die Faktoren Spracherwerb, interkulturelle Kompetenz und Integration bei Schulkindern mit Migrationshintergrund entfalten. Bis 2011 will das Team konkrete Empfehlungen für Unterrichtsmaßnahmen erarbeiten, mit denen Migrantenkinder ihre Chance auf Integration verbessern. Spracherwerb und die Motivation zur Integration beeinflussen sich positiv:
„Viele Studien der Integrationsforschung belegen das“, sagt Anastassiya Semyonova, „daher finde ich es positiv, dass Deutschland inzwischen mit einem nationalen Integrationsplan und einem ihm entsprechenden weit verzweigten System an Sprachkursen auf unterschiedlichen Lernniveaus der Situation der Migranten begegnet.“
Sie findet es auch für Bildungsmigranten – die als Mitarbeiter multinationaler Konzerne, als Wissenschaftler oder Studierende englischsprachiger Studiengänge nach Deutschland kommen – wichtig Deutsch zu lernen. Auch wenn diese Gruppe gerade in Groß- und Universitätsstädten durchaus mit Englisch vorankomme:
„Ohne Sprachkenntnisse entmündigt man sich selbst und schließt sich aus dem alltäglichen Geschehen aus, ohne viel Wertvolles an deutscher Kultur- und Regionenvielfalt wahrzunehmen. So entgehen einem viele subtile Dinge, die uns erst mit der Sprachaneignung bewusst werden.“
Anastassiya Semyonova bereitet ausländische Studienbewerber auf die Deutsche Sprachprüfung für den Hochschulzugang vor.
(AA, Foto: Jan Greune)
Praxisorientierte Wissenschaft
„In die Wissenschaft bin ich so hineingerutscht“, sagt Anastassiya Semyonova. Ihr eigentlicher Wunschberuf war Lehrerin. „Ausschlaggebend war die Gründung der Interkulturellen Germanistik in Göttingen.“ Der grenzüberschreitende Blick auf Sprachwissenschaft, Methodik und Didaktik fasziniert die Germanistin. „Es geht einfach um sehr praktische Fragestellungen“. So engagiert sich Anastassiya Semyonova auch für das EU-Forschungsprojekt IDIAL (Interkultureller Dialog durch regionalisierte Lehrwerke), in dem Experten aus Deutschland, Polen, der Slowakei und Bulgarien innovative Lehrmaterialien entwickeln und dabei gezielt einen interkulturellen und regionalisierten Ansatz verfolgen, der die jeweiligen Lehr- und Lerntraditionen berücksichtigt. Lernt man denn in jedem Land anders Deutsch? „Die Sozialisation und das Herkunftsland spielen eine große Rolle“, sagt Anastassiya Semyonova. Mit international gemischten Gruppen arbeite man anders als mit Lernern aus demselben Kulturkreis, bei denen man von vornherein bekannte Reibungspunkte thematisieren könne. Das bestätigt auch Annegret Middeke, Leiterin des Projekts Interkultureller Dialog durch regionalisierte Lehrwerke und Geschäftsführerin des Fachverbands für Deutsch als Fremdsprache.
Durch die mit dem Zuwanderungsgesetz 2005 geschaffenen Integrationskurse für Migranten habe DaF derzeit Konjunktur, sagt sie. Auch der Ableger Deutsch als Zweitsprache werde mit Blick auf Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund immer wichtiger:
DaF ist gesellschaftlich relevanter denn je, denn die Sprache ist ein wichtiger Schlüssel zur Integration. Der Fachverband DaF beobachtet aber auch, dass das Deutschlernen im Ausland in den letzten Jahren abnimmt. Auch wenn weltweit rund 17 Millionen Menschen Deutsch als Fremdsprache lernen und 120.000 Lehrerinnen und Lehrer im Ausland Deutsch unterrichten.
Das Deutschlernen fördern
Gegen diesen Trend arbeitet die Auswärtige Kulturpolitik. Nach der Stärkung der weltweiten Goethe-Institute und Auslandsschulen durch Initiativen des Auswärtigen Amts in den vergangenen Jahren, unterstützt nun die Initiative Außenwissenschaftspolitik den weltweiten Zugang zum Deutschlernen zum Beispiel mit der Internetplattform Deutsch-Uni Online. „Das Internet ist eine Bereicherung beim Deutschlernen, gerade im Ausland“, findet auch Anastassiya Semyonova. „Aber ob es natürliche Kommunikation ganz ersetzen kann?“ Das glaubt sie nicht. „Beim Sprachenlernen spielt der Lehrer doch immer eine ganz entscheidende Rolle“, sagt sie. Umgekehrt ist für Anastassiya Semyonova aber auch der direkte Kontakt zu ihren Sprachschülern wichtig. Nicht nur als Wissenschaftlerin: „Ich verstehe meine Arbeit als sozialen Beruf. Ich hoffe, dass der Unterricht meine Studenten weiterbringt.“
Text: Janet Schayan
Die Serie "12 Wissenswelten" entsteht in Zusammenarbeit mit dem DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst)
Stand 23.07.2009