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„Wir wollen auch für die Lehre weltweit führende Wissenschaftler gewinnen“

Prof. Dr.-Ing. Liqiu Meng, Vizepräsidentin der Technischen Universität München und Ordinaria am Lehrstuhl für Kartographie

Professor Liqiu Meng, Vizepräsidentin der Technischen Universität München Professor Liqiu Meng, Vizepräsidentin der Technischen Universität München (AA, Foto: Jan Greune)


Professor Liqiu Meng aus China ist Vizepräsidentin an einer deutschen Hochschule. Seit einem Jahr steht die international ausgewiesene Expertin für geodätische Informatik mit an der Spitze der Technischen Universität München. Eine ihrer zentralen Aufgaben ist es, die Internationalisierung an der renommierten Exzellenzuni voranzutreiben.

Als Liqiu Meng vor 20 Jahren zum ersten Mal nach Deutschland kam, gab es außer ihr nur wenige chinesische Studierende. Das ist heute anders: Derzeit besuchen etwa 189.000 junge Menschen aus dem Ausland eine deutsche Hochschule – und die meisten von ihnen sind Chinesen. Eine Entwicklung, die auch an der Technischen Universität München (TUM) zu beobachten ist. Mehr als 4.000 ihrer Studierenden kommen aus dem Ausland – damit fast jeder sechste Student der TUM, unter ihnen rund 800 Chinesen. Internationalisierung wird an der TUM groß geschrieben. Die Hochschule versteht sich als Global Player in der Wissenschaftslandschaft. Sie pflegt Kooperationen mit über 150 Universitäten in aller Welt, unterhält seit 2006 ein Verbindungsbüro in Peking und hat mit dem German Institute of Science and Technology (GIST) als erste deutsche Universität eine eigene Niederlassung in Singapur gegründet.

Internationale Strukturen

Südamerika, Afrika und die arabischen Länder: Als Vizepräsidentin ist Professor Liqiu Meng in der ganzen Welt unterwegs, um für Kooperationen zu werben „Mein Ziel ist nicht unbedingt, nur die Zahl ausländischer Studierender zu erhöhen“, betont sie. „Mir geht es darum, eine integrative Struktur zu finden.“ Dabei hat die 45 Jahre alte Chinesin mehr als den Austausch von Studierenden und Wissenschaftlern im Blick. Als unternehmerische Universität sieht sie die TUM in der Pflicht, alle Mitarbeiter in die Internationalisierungsstrategie einzubeziehen – bis hin zu nichtwissenschaftlichen Angestellten. Über das EU-Programm Erasmus nehmen sie zum Beispiel an Staff-Exchange-Programmen teil und sammeln Erfahrungen in Bibliothek oder Verwaltung anderer europäischer Hochschulen. Die Zusammenarbeit mit dem asiatischen Raum hält Liqiu Meng für besonders wichtig: „Weil es dort sehr viele exzellente Universitäten gibt, die bisher aber eher mit Nordamerika und Australien kooperieren.“ Deren Hochschulsysteme erscheinen vielen Asiaten zunächst vertrauter und vergleichbarer. 

Im Gespräch mit internationalen Studierenden des Fachbereichs Kartographie Im Gespräch mit internationalen Studierenden des Fachbereichs Kartographie (AA, Foto: Jan Greune)

Bachelor- und Masterstudiengänge 

Die Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen im Zuge des so genannten „Bologna-Prozesses“ begrüßt die TUM-Vizepräsidentin deshalb sehr, weil die neuen Abschlüsse international kompatibel sind. „Durch sie haben wir eine Schnittstelle und werden konkurrenzfähig“, sagt sie. Außerdem sei die Qualität deutscher Hochschulen ein wichtiges Plus: In Städten wie Shanghai und Peking, wo es viele deutsche Unternehmen gibt, werden Abschlüsse deutscher Universitäten längst als Marke anerkannt. Mit über 23.000 Studierenden gehört die TUM zu den größten technischen Universitäten in Deutschland. Und zu den besten: Im Rahmen der Exzellenzinitiative ist sie als eine von neun herausragenden deutschen Hochschulen als Eliteuniversität ausgezeichnet worden. Der Mehrwert der betont internationalen Ausrichtung, die viele deutsche Hochschulen verfolgen, werde sich in der Zukunft zeigen, ist Professor Meng sicher: „Es wird vielleicht einige Jahre dauern, aber dann werden wir merken, was unsere ausländischen Alumni für uns bewirken“, sagt sie. „Sie sind Imageträger, auch für Deutschland.“ Schon jetzt wirken viele Deutschland-Alumni in ihren Heimatländern an führender Stelle in der Wissenschaft, initiieren gemeinsam mit ehemaligen Betreuern Projekte und schicken ihre Doktoranden nach Deutschland.
 
Exzellente Dozenten 

Ein Defizit der Bemühungen um mehr Internationalität an deutschen Hochschulen stellt Liqiu Meng fest: Es gebe zu wenige außereuropäische Professoren. Dabei wirke gerade die persönliche Begegnung mit international exzellenten Dozenten auf Studierende wie ein Magnet. „Deshalb möchten wir auch für die Lehre weltweit führende Wissenschaftler gewinnen“, sagt sie. Die Zusammenarbeit in der Forschung ergebe sich dagegen fast wie von selbst: „Wenn sich zwei Teams bei einer internationalen Tagung treffen und ähnliche Forschungsthemen haben, finden sie automatisch zusammen.“ Der Zugang zur Lehre sei für ausländische Wissenschaftler deutlich schwieriger, auch wegen der Sprachbarriere. Die TUM bemüht sich deshalb, verstärkt nichteuropäische Wissenschaftler zunächst in eines ihrer 17 englischsprachigen Masterprogramme einzubinden. Die Vizepräsidentin der TUM wirbt dann unermüdlich dafür, die Angebote des hochschuleigenen Sprachenzentrums zu nutzen. „Sprache ist eine Voraussetzung, um sich zu integrieren“, sagt die Chinesin. „In der Forschungswelt, vor allem aber im Alltagsleben.“

Von China nach Deutschland

Liqiu Meng fühlt sich in München heute zu Hause. „Man entwickelt so ein Zweitheimatland-Gefühl“, sagt die nahe Shanghai geborene Wissenschaftlerin. Das lebendige kulturelle Leben in München schätzt sie ebenso wie die typischen Weißwürste, den Kuchen – und die Lektüre deutscher Philosophen. Deutschland war für sie die erste Wahl, als sie nach dem Studium ins Ausland ging. „Im Vermessungswesen ist Deutschland bis heute weltweit Nummer eins“, betont die Ingenieurin. Als Regierungsstipendiatin kam sie an die Universität Hannover, um zu promovieren. Die Ergebnisse ihrer Habilitation am Royal Institute of Technology in Stockholm sorgten dann zehn Jahre später für Aufsehen und führten zur Berufung auf den Lehrstuhl für Kartographie an der TUM. Ihre Arbeiten haben grundlegende Bedeutung für Navigationssysteme oder Geoinformationsmodelle.

Als Forscherin aktiv bleiben

Was sieht das Auge, wenn es eine Karte liest? Und wie lassen sich Navigationssysteme für Verkehr und Fußgänger zusammenbringen? Mit Fragen aus der Grundlagenforschung sind die vier Arbeitsgruppen ihres Instituts ebenso beschäftigt wie mit der industrienahen Entwicklung neuer technischer Anwendungen. Viel Freizeit bleibt Liqiu Meng nicht, denn der engagierten Doktormutter ist es auch wichtig, weiterhin in der Forschung zu arbeiten. Nur so behalte sie ein Gefühl dafür, welche Probleme in internationalen Kooperationen entstehen können. „Jedes Land hat seine eigenen Spielregeln“, sagt Liqiu Meng. „Um gemeinsame Lösungen zu finden, sind Menschen wie ich wichtig, die einen interkulturellen Hintergrund mitbringen.“

Text: Gunda Achterhold

Die Serie "12 Wissenswelten" entsteht in Zusammenarbeit mit dem DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst)

Stand 23.04.2009

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