Aserbaidschan
Medienquadrilog Deutschland – Armenien –Aserbaidschan – Georgien: Medien- und Pressevertreter im Gespräch
Mikrofone
(photothek/Th. Köhler)
Das Auswärtige Amt initiierte eine Zusammenkunft deutscher, armenischer, aserbaidschanischer und georgischer Presse- und Medienvertreter, die vom 25. - 27. Mai 2009 (mit einem Vorprogramm für die ausländischen Gäste) von der Europäischen Akademie Berlin ausgerichtet wurde.
Die Initiative war darauf ausgerichtet, die Kultur- und Medienbeziehungen zu den drei Südkaukasusrepubliken Armenien, Aserbaidschan und Georgien weiter zu festigen, zu vertiefen, Klischées zu ermitteln und abzubauen, Wege und Formen zukünftiger Kooperation auszuloten und die Pressefreiheit in diesen Ländern zu stärken.
Im vorbereitenden Programmteil konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Medienquadrilogs über die Beziehungen der Bundesrepublik Deutschland zum Südkaukasus und zu Zentralasien informieren, hinter die Kulissen der tageszeitung (taz) blicken und an einem konkreten Fallbeispiel – der Wahl des Bundespräsidenten am 23. Mai 2009 – das Zusammenspiel von Medien und Politik aus nächster Anschauung nachvollziehen.
Im Fokus des Medienquadrilogs standen Themen, die für die Arbeit, den Austausch und die Verständigung aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer wichtig waren. Zu diesen gehörten:
Die Situation der Medien in den Ländern des südlichen Kaukasus; Wahrnehmungen des russisch-georgischen Kriegs in den Medien der beteiligten Länder; die Berichterstattung während des russisch-georgischen Krieges; das Südkaukasusbild der deutschen Medien; das Deutschlandbild in den Medien dieser Länder; das Verhältnis von Medien und Ethik; Konfliktprävention: eine Aufgabe der Medien?; Wege und Formen der Kooperation und Vernetzung in der journalistischen Weiterbildung; die Macht der Stereotype; das Funktionieren der Medien in der modernen Gesellschaft.
‚Bilder voneinander’ war das Leitthema des ersten Teils des Medienquadrilogs, das die Arbeitsbedingungen, die Situation der Medien und die Lebenswelten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Blick nahm. Die Medien- und Pressevertreter aus dem Südkaukasus gaben Einblicke in ihr Schaffen und tauschten sich mit ihren Kollegen aus den Nachbarländern aus. Es kristallisierte sich heraus, dass sie sich in ihren Heimatländern überwiegend gleich gelagerten Herausforderungen und Hürden gegenübersehen. Die prekäre Situation ihrer Tätigkeit und der Medien, für die sie arbeiten, besteht in der oftmals eingeschränkten Meinungs- und Pressefreiheit, in daraus resultierenden Selbstzensur und dem mitunter geringen Professionalisierungsgrad der journalistisch Arbeitenden.
In den fortlaufenden, moderierten Gesprächen wurden im Kaukasus vorherrschende Deutschlandbild(er) bzw. Kaukasusbild(er) in Deutschland porträtiert, kulturelle/ nationale Fremd- und Selbstzuschreibungen und die Macht bestehender Stereotype in der Nachrichtenwelt re- bzw. de-konstruiert.
Indem sich die Teilnehmer zunächst mit ihren gemeinsamen Arbeitsbedingungen und den daraus resultierenden Schwierigkeiten beschäftigten und durch eine geschickte Moderation der folgenden Gesprächsrunden gelang es, von den Regionalkonflikten geschürte Konfrontationen zwischen den Teilnehmern zu vermeiden und eine zunehmend freundschaftliche Atmosphäre zu schaffen."
Das Kaukasusbild in der deutschen Medienöffentlichkeit ist, wie gezeigt werden konnte, tatsächlich nicht frei von Klischees; umgekehrt herrscht in Armenien, Aserbaidschan und in Georgien ein positiv gefärbtes Deutschlandbild vor.
Mit welchem Tenor über den georgisch-südossetischen bzw. russisch-georgischen Konflikt vom August 2008 in deutschen und russischen Medien berichtet wurde – wie also Wahrnehmungen und Deutungen in die Berichterstattung eingeflossen sind – erörterten die Teilnehmenden des Quadrilogs am Beispiel von drei russischen Zeitungen und anhand einer vorab angefertigten Analyse deutscher Medien. Der kriegerische Konflikt, der das globale Machtgefüge bis heute beeinflusst, sorgte für eine mediale Aufmerksamkeit, wie sie der Region sonst kaum zuteil wurde.
Im Ergebnis haben sowohl die russischen, wie auch die deutschen Korrespondenten unter erschwerten Bedingungen (traditionelle Korrespondentenstandorte, die fernab des Konfliktortes liegen und die Notwendigkeit, Kosten einzusparen) Nachrichten und Fakten gesammelt, diese aber im wesentlichen differenziert und aus unterschiedlichen Blickwinkeln vermittelt.
Daran anschließend haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Unterschiedlichkeit des Medienverständnisses thematisiert: Der gelenkten Medienöffentlichkeit in den Ländern des Kaukasus stehen aber auch Möglichkeiten des kritischen und vielstimmigeren Korrektivs – in Blogs beispielsweise – gegenüber; umgekehrt sind auch deutsche Medien nicht vor Klischees oder Fehlern in der Pressearbeit gefeit; die Region erfährt nur sporadische Aufmerksamkeit und zumeist nur in Krisensituationen– wie der o. g. Konflikt deutlich machte.
Anknüpfend an die stark von der Krisenkommunikation geprägten ‚Bilder voneinander’ wurde im zweiten Teil des Medienquadrilogs der Zusammenhang von Ethik und Medien diskutiert. Ob Medien einen ‚nationalen Auftrag’ haben, wie sie ihre Aufgaben in Einklang mit ethischen Richtlinien und Medienstandards bewältigen und ob beziehungsweise wie sie Konfliktprävention leisten können, war angesichts der prekären politischen Lage eine brisante Frage. Journalismus ermögliche der modernen Gesellschaft, sich selbst zu beobachten. Damit erfülle er einen öffentlichen und keinen nationalen Auftrag.
Trotz und gerade angesichts bestehender Unterschiede im Medienwesen, im Medienverständnis und in der journalistischen Arbeit sind im dritten Teil Wege und Formen der Kooperation erörtert worden. Ansätze zur Professionalisierung des Berufsstandes und Weiterbildung der Journalisten gemäß den Standards des Europarats wurden behandelt. Im Zentrum der Überlegungen stand auch die Vernetzung der Journalisten untereinander. In einem Abschlusspapier sind Empfehlungen erarbeitet worden, wie mit Hilfe des Auswärtigen Amts die Kooperationsstrukturen ausgebaut und mehr Professionalisierung ermöglicht werden könnten.
Abschließend erörterten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Medienquadrilogs die Funktionsweise der Medien in einer modernen, grenzen-übergreifenden Gesellschaft. Sie reflektierten die neuen Anforderungen an die Arbeit des Journalisten – sowohl im Südkaukasus, wie auch in Deutschland. Der Zugang zu Informationen, Informationsaustausch, technische Einschluss- oder Ausschlusskriterien (die Vergabe von Sendefrequenzen etwa), der Vertrieb als Rückgrat der Pressefreiheit und die Wirtschaftlichkeit spielen eine entscheidende Rolle im heutigen Beruf des Journalisten.
Der Medienquadrilog hat für die rund zwanzig Medien- und Pressevertreter der vier Länder einen idealen Rahmen geschaffen, um sich in Zukunft besser zu vernetzen, Besucherprogramme zu initiieren bzw. vertiefend fortzuführen, Aus- und Fortbildungsmaßnahmen zu ergreifen und Kooperationen zwischen Journalistenverbänden zu ermöglichen, um Pressefreiheit in der einen Region und ein unverfälschtes, vorurteilsfreies Bild der anderen Region entwerfen zu können.
Stand 14.08.2009