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Rede von Außenminister Sigmar Gabriel zur Eröffnung des Deutsch-Georgischen Jahres 2017

27.04.2017

Verehrter Kollege Janelidze, lieber Mikheil,
liebe Frau Haratishwili, lieber Herr Kobi‘ashvili, lieber Herr Voss,
liebe Kolleginnen und Kollegen aus dem Deutschen Bundestag,
lieber Herr Botschafter, liebe Frau Botschafterin,
liebe Gäste,

herzlich Willkommen hier im Auswärtigen Amt zur Eröffnung des deutsch-georgischen Jahres!

Vielen Dank für diese musikalische Begrüßung mit wunderbarem georgischem Gesang! Ich habe mir erklären lassen, dass der Text des Liedes, das wir gerade gehört haben, davon erzählt, dass wir keine Angst vor der Zukunft haben sollen, denn sie liegt in unseren Händen. Ich mir gedacht: Das Lied würde auch eine gute Europa-Hymne abgeben!

Und es zeigt, wie optimistisch unsere Freunde aus Georgien auf die Zukunft blicken - und ist auch ein Zeichen dafür, warum sie in Europa richtig aufgenommen sind.

Die Eröffnung unseres gemeinsamen Kulturjahres ist ein schönes Ereignis, denn es zeigt, dass es eben nicht nur diesen skeptischen Blick auf Europa gibt, den diejenigen haben, die schon lange Mitglied der Europäischen Union sind. Und wenn wir wissen wollen, warum Europa ein einmaliges Projekt ist, das Menschen optimistisch stimmt, dann müssen wir nach Georgien schauen.

Denn manchmal ist es so, dass die Menschen, die uns von außen beobachten, besser den Wert Europas ermessen können. Denn die Beurteilung, die Georgien von Europa hat, stimmt doch: Nämlich dass es keine Region der Welt gibt, in der man so friedlich, demokratisch und auch so sicher leben kann wie in der Europäischen Union.

Ich glaube, dass die Europäerinnen und Europäer, wir Deutsche, uns dieser Einzigartigkeit noch mehr bewusst sein sollten.

Lieber Mikheil,

danke, dass Du heute hierher gekommen bist. Und wir haben auch das richtige Motto für das Deutsch-Georgische Jahr: "Zukunft erben". Das bedeutet ja, dass wir etwas in die Hand gegeben bekommen haben, was wir selber nicht geschaffen haben. Und wir deshalb aufpassen sollten, dass wir mit diesem Schatz anständig umgehen.

Dieses Wortspiel macht deutlich: Zeit ist relativ. Deshalb haben wir uns gedacht: Wir dehnen auch das Deutsch-Georgische Jahr aus. Auf 1 ½ Jahre! Es dauert nämlich vom April 2017 bis zum Höhepunkt im Oktober 2018! Also bis zu dem Zeitpunkt, an dem Georgien Ehrengast der größten Buchmesse der Welt in Frankfurt sein wird!

Ich freue mich sehr, dass Sie, liebe Nino Haratishwili, heute hier sind und auch in die Vorbereitung des Gastauftrittes Georgiens in Frankfurt eingebunden sein werden. Denn niemand, meine Damen und Herren, hat Georgien den Deutschen in letzter Zeit wieder so nahe gebracht, wie die Hamburgerin Haratishwili. Und auch die 100 Jahre georgischer Familiengeschichte, die sie uns in ihrem atemlosen Roman "Das achte Leben" nahebringt, handelt von einer "zeitlosen Zeit".

Dieser weite, offene Zeitbegriff spiegelt sich insgesamt wider in unserem Deutsch-Georgischen Jahr:

Wir gehen gemeinsam auf die Spuren der ersten deutschen Siedler im Kaukasus, schwäbische Pietisten, die vor 200 Jahren auf Einladung Zar Alexanders I. Kolonien gründeten und in der Folge eine wichtige Rolle in der georgischen Kulturgeschichte spielen sollten.

Wir erinnern an die Unterstützung Deutschlands bei der Gründung der ersten Georgischen Republik im Jahre 1918. Auch deshalb ist es gut, dass das Deutsch-Georgische Jahr bis 2018 läuft.

Wir gedenken auch Eduard Schewardnadses, der als sowjetischer Außenminister gemeinsam mit Hans-Dietrich Genscher und anderen an der deutschen Einheit maßgeblich mitgewirkt hat.

Wir würdigen die vertrauensvolle und intensive Zusammenarbeit unserer beiden Länder, gerade in schwierigen Situationen, wenn es auf jede Minute ankommt. In einer solchen Situation, bei einem verheerenden Terroranschlag auf unser Generalkonsulat in Mazar-e-Sharif in Afghanistan im letzten Herbst, waren es georgische Soldaten, die unseren Kolleginnen und Kollegen als erste zur Hilfe kamen!

Wir feiern dieses Jahr auch das 25. Jubiläum unserer diplomatischen Beziehungen. Deutschland hat am 13. April 1992 das wieder souverän gewordene Georgien als erstes anerkannt und die erste Botschaft dort eröffnet. Und ich sage hier in aller Deutlichkeit: Wir treten ein für die ungeteilte Souveränität und territoriale Integrität Georgiens.

Kurz gefasst: Die exzellenten deutsch-georgischen Beziehungen sind zeitlos!

Herr Außenminister, meine Damen und Herren,

wir wollen unsere Beziehungen, unser reiches gemeinsames kulturelles Erbe vor allem auch weiterentwickeln für die Zukunft. Eine Zukunft, in der wir Georgierinnen und Georgiern noch produktiveren Austausch mit der Europäischen Union anbieten können – auch dank des Assoziierungs- und Freihandelsabkommens, das seit letztem Jahr in Kraft ist.

Wir setzen in unsere bilateralen Beziehungen besonders auf einen Bereich, in dem die Dimension "Zeit" oftmals eine entscheidende Rolle spielt, nämlich bei Bildung und Ausbildung!

Bildung scheint in der Tat in Georgien eine zeitlose Ressource zu sein, denn bereits in der Sowjetunion wurden in Georgien die meisten Dissertationen pro Kopf verfasst!

In unserer Kooperation bauen wir auf die fabelhaften Deutschkenntnisse vieler Georgier, oft erworben an der legendären Schule Nr. 6 in Tiflis – und heute auch an der Deutschen Schule Tiflis, im Goethe-Institut und an unseren 13 Partnerschulen.  

Zugleich wollen wir mithilfe von Stipendien des Deutschen Akademischen Austauschdienstes unsere Bildungskooperation auf Georgiens "abtrünnige" Gebiete Abchasien und Süd-Ossetien ausweiten, auf dass sich immer mehr junge Menschen auf beiden Seiten dieser schmerzlichen Verwaltungslinie bewusst werden, dass sie nur über ein versöhnliches Miteinander mehr Entwicklung und internationale Mobilität gewinnen können.

Meine Damen und Herren,

seit Einstein wissen wir: Nicht nur die Zeit, auch der Raum ist relativ.

Deshalb freue ich mich, dass wir auch räumlich gefühlt näher zusammenrücken, durch visafreies Reisen für Georgierinnen und Georgiern nach Deutschland und in alle Schengen-Länder – dies ist vor wenigen Wochen endlich in Kraft getreten.

Gleichzeitig sind wir ständig dabei, den Raum zu vermessen, Anfangs- und Endpunkte zu definieren:

Wo verläuft die Grenze Europas? Welche Länder gehören zu Europa? Und wer gehört zum sogenannten "Westen"?

Meine Antwort darauf ist keine geographische. Sondern eine politische. Europa ist dort, wo es gemeinsame Geschichte gibt und wo die Menschen und Staaten sich zu gemeinsamen europäischen Werten, Menschenrechte, Freiheit, Demokratie, bekennen. Der Historiker Heinrich August Winkler spricht vom "normativen Projekt des Westens": Der Westen ist dort, wo Gewaltenteilung, unveräußerliche Menschenrechte, Rechtsstaat und repräsentative Demokratie herrschen.

Und wie vielleicht kein anderes Land in der Nachbarschaft der Europäischen Union geht Georgien genau diesen normativen Weg gen Westen. Und zwar nicht nur als technokratisches Regierungsprojekt, sondern mit der konstanten Unterstützung von über 80 Prozent der Bevölkerung! Und das, obwohl der Weg ja nicht kurz ist, nicht einfach. Das ist das Bemerkenswerte!

Und deshalb begleitet Deutschland diesen Kurs der Transformation seit zwei Jahrzehnten sehr intensiv. Botschafter Chanturia – zugleich deutscher Juraprofessor und damit ein weiteres Erfolgsbeispiel deutsch-georgischer Bildungskooperation – war lange Zeit als Berater der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit bei der Justizreform in seinem Heimatland erfolgreich tätig – und später selbst georgischer Justizminister. Er kennt dieses gemeinsame Engagement aus allererster Hand! Wir wollen und werden die bemerkenswerten georgischen Reformanstrengungen in Staat und Gesellschaft weiterhin unterstützen.

Aber Georgien geht nicht nur mit kraftvollen Schritten gen Westen. Es entdeckt gerade auch wieder höchst erfolgreich seine asiatische Seite, seine Brückenfunktion zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer – politisch, wirtschaftlich, auch energiepolitisch. Das zeigt eben, dass die Idee des Westens keine geographische Verortung ist, sondern eine politische. Georgien baut auch auf seine jahrhundertealten Beziehungen zum Iran und den Schatz, den die russischen Sprachkenntnisse weiterhin für die kulturelle und wirtschaftliche Großregion bedeuten.

Auch in dieser Brückenfunktion zwischen Ost und West liegt Georgiens Zukunft. Wir in Deutschland haben ein hohes politisches Interesse daran, dass die Schwarzmeer-Region und der Kaukasus wieder eine Region des Miteinanders, der Stabilität und des wirtschaftlichen Aufschwungs werden – und freuen uns, dass gerade Georgien dazu seinen Beitrag leistet.

Meine Damen und Herren,

wir "erben" eine hochlebendige georgisch-deutsche Zukunft!

Wie lebendig diese Zukunft – und auch unsere gemeinsame Gegenwart – ist, davon haben wir heute hier schon ein kleinen Eindruck bekommen, angesichts des Optimismus des georgischen "Flash Mobs", den wir eben erlebt haben.

Und das war erst der Auftakt! Der Auftakt für 130 Projekte und Ereignisse, die nicht nur in Tiflis und Berlin stattfinden, sondern in Georgien und in Deutschland über das ganze Land verteilt sind. Die die Vielfältigkeit unserer Beziehungen abdecken: Musik, Literatur, Film, Sprache, wirtschaftliche Zusammenarbeit und nicht zu vergessen: Wein!

Und wenn ich jetzt ein Glas georgischen Weines hätte, würde ich auf das deutsch-georgische Jahr nach alter georgischer Tradition anstoßen: Gaumardschos!

Vielen Dank!

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