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Rede von Außenminister Sigmar Gabriel bei der Festveranstaltung zum 70. Geburtstag der Präsidentin des DAAD, Frau Prof. Wintermantel

26.04.2017

Sehr geehrte, liebe Frau Professor Wintermantel,
Magnifizenzen,
Exzellenzen,
verehrte Gäste!

Ich freue mich sehr, Ihnen, liebe Frau Professor Wintermantel, in diesem Kreis von Weggefährten, Kollegen, Partnern aus Wissenschaft, Kultur und Politik herzlich zu Ihrem Geburtstag zu gratulieren!

Seit Jahrzehnten gestalten Sie mit viel persönlichem Engagement die deutsche Wissenschaftspolitik, ob im Saarland, an der Spitze der Hochschulrektorenkonferenz oder als Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes.

Sie haben den DAAD in den letzten knapp sechs Jahren sehr geprägt – und dadurch unzähligen jungen Studentinnen und Studenten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Chance auf akademischen Austausch und in vielen Fällen auf den Zugang zu Bildung eröffnet. Deshalb möchte ich einen dieser jungen Menschen hier zu Wort kommen lassen.

Nämlich Mustafa, 25 Jahre alt, aus Damaskus. Er studiert jetzt mit einem DAAD-Stipendium im vierten Semester an der Universität Siegen. Mustafa hat in einem Brief an den DAAD folgendes geschrieben:

"Lasst uns von Deutschland eine exzellente akademische Ausbildung, die Meinungsfreiheit, die Gleichberechtigung der Geschlechter, Menschenrechte und viele weitere Werte und Ideen mit in unsere Heimat nehmen. Als DAAD-Stipendiaten wollen wir Botschafter sein für diese Werte."

Meine Damen und Herren,

das sind beeindruckende Worte. Und ich finde, es gibt eigentlich kein schöneres Gratulationsschreiben an Sie, liebe Frau Wintermantel, als dieses.

Denn Mustafas Worte machen deutlich, wieviel verbindende Kraft daraus erwächst, wenn Brüche in Bildungsbiographien zu Bildungschancen werden.

Mein Eindruck ist, liebe Frau Wintermantel, dass Sie an diesem Thema mit besonderem persönlichen Engagement und Überzeugung arbeiten:

Vorgestern, meine Damen und Herren, waren wir zusammen in Amman und haben die Deutsch-Jordanische Hochschule besucht. Diese Hochschule kann man wirklich als Leuchtturmprojekt der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik bezeichnen, der DAAD ist der entscheidende Unterstützer.

Es ist ein Ort, an dem interkulturelles Verständnis gelebt und transnationale Netzwerke aufgebaut werden. Sie ist vor allem auch eine Hochschule, getragen von einem breiten Konsortium von 100 deutschen Partnerhochschulen, mit Tausenden erfolgreichen Absolventen, die nahezu alle und sofort einen guten Job nach ihrem Examen finden. Das ist das beste Zeichen, das Deutschland in dieser Region zu bieten hat.

Die Deutsch-Jordanische Hochschule bietet Raum für Bildung und Verständigung für Studierende aus Jordanien, aus Syrien und anderen Krisengebieten in der Region. Die Studierenden sind voller Tatendrang, sie möchten etwas bewegen, ihre Heimat wieder aufbauen, in der Wirtschaft tätig sein, in der Wissenschaft, das Rechtssystem verbessern. Und vor allem sind sie eines: Sie sind trotz aller Schwierigkeiten, trotz der Depression, in die man auch verfallen kann, wenn man in dieser Region unterwegs ist, sie sind trotzdem gnadenlose Optimisten.

Wir haben auch gemeinsam mit Studentinnen und Studenten gesprochen, die ein Stipendium der Deutschen Akademischen Flüchtlingsinitiative des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen erhalten haben. 8.000 Flüchtlinge studieren weltweit dank dieser Initiative mit Begeisterung und Erfolg. Leider steigt der Bedarf.

Wir, das Auswärtige Amt, haben das Programm deshalb seit 2016 für weitere 2.500 Studierende aufgestockt. Auch hier ist der DAAD ein wichtiger Partner – er führt ein ganzes Konsortium von internationalen Institutionen, die gemeinsam daran arbeiten, jungen talentierten Menschen, die nach Jordanien, Ägypten, den Libanon, Irak und die Türkei geflüchtet sind, in der Region die Chance auf ein Studium zu geben.

Verehrte Gäste,

bei einem Geburtstag geziemt es sich ja eigentlich nicht, über das Alter der Jubilarin zu sprechen. Aber über das Alter der Institution, der sie vorsteht, schon eher. Der DAAD ist zwar mehr als 90 Jahre alt. Dank Ihnen, liebe Frau Wintermantel, ist er aber genauso agil wie vermutlich zu seiner Gründung, oder wie vielleicht noch nie zuvor. Genau so einen DAAD brauchen wir in einer Welt, in der Bildungsbiographien- und landschaften längst nicht mehr statisch sind. Sondern wir uns vielmehr gewaltigen Verwerfung gegenübersehen:

Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen treiben Millionen Menschen in die Flucht, unterbrechen - oder im schlimmsten Fall - beenden die Hoffnung auf ein Studium oder eine wissenschaftliche Karriere. 

Die Mobilität von Wissenschaftlern wird mancherorts drastisch eingeschränkt.

Universitäten geraten an vielen Orten in den staatlichen Fokus; Durch Einflussnahme in die Wissenschaft, auf die Besetzung von Professuren oder direkt durch Maßnahmen, die auf die Schließung der Hochschule abzielen. Auch innerhalb der Europäischen Union beobachten wir solche Bestrebungen mit sehr großer Sorge, wie beispielsweise in Ungarn.

Akademiker im Staatsdienst sind manchmal zu Tausenden Kündigungen und Repressalien ausgesetzt, verlieren ihre Existenzgrundlage, oft auch ihren Reisepass.

Meine Damen und Herren,

dies sind nur einige Beispiele dafür, wie die Freiheit von Forschung und Wissenschaft weltweit zunehmend unter Druck gerät. Und das ist nur ein Symptom einer Entwicklung, in der Freiheit und Menschenrechte, Demokratie und liberale Antworten auf die Herausforderungen unserer Gesellschaften insgesamt in die Defensive geraten sind und autoritäre Antworten in der Offensive sind. Wer das in der Wissenschaft beobachtet, kann schnell sehen, dass es bei der Gesellschaft, in der das passiert, alle Menschen betrifft - und eben nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Was tun wir, was sagen wir, angesichts dieser Situation?

Sie, liebe Frau Wintermantel, haben sehr klar Position bezogen, für die Freiheit der Wissenschaft und gegen das Einschüchtern von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.

Sie haben gemeinsam mit vielen anderen Akademikerinnen und Akademikern auch dadurch ein Zeichen gesetzt, dass Sie sich beim Science March am letzten Wochenende starkgemacht haben:

Für den Wert der Wissenschaft, die Erkenntnisse gewinnt, und eben keine Vermutungen oder Meinungen.

Für eine Wissenschaft, die Freiräume und Verbindungen über Grenzen hinweg schafft und sich eben nicht in der nationalen Enge einkesseln lässt durch diejenigen, die Vernetzung als Gefahr und nicht als Bereicherung empfinden.

Sie, liebe Frau Wintermantel haben offensichtlich ein besonderes Gespür dafür, wo sich Spalten auch in versiegelten Systemen auftun, in die die Wissenschaft vorstoßen kann. Wie sie diesen Spalt erweitern und so neuen Raum für Begegnungen, für Austausch und vielleicht auch für Verständigung schaffen können.

Ich habe mir von Frank-Walter Steinmeier berichten lassen, wie Sie bei Ihrem gemeinsamen Besuch in Kuba geschickt und durchsetzungsfähig so etwas wie einen deutsch-kubanischen Aufbruch in der Wissenschaftskooperation eingeleitet haben – da kann ich nur aus meinen eigenen Erfahrungen in Havanna mit kubanischen Regierungsvertreter sagen: Das ist wahrlich beeindruckend! Für den wissenschaftlichen Austausch mit Russland engagieren Sie sich besonders. Auch in Iran versuchen Sie Kommunikation und Austausch zu ermöglichen, dort wo sonst viel zu oft Schweigen und Funkstille herrscht.

Und übrigens, auch bei dem, was wir derzeit erleben zum Beispiel in der Türkei, kann es doch eine gute Idee sein, wenn wir jetzt nicht anfangen, Kontakte abzubrechen, sondern diejenigen zu stärken, die für Freiheit, Menschenrechte und westliche Werte einstehen. Westliche Werte sind kein geographischer Begriff, sondern ein universeller. Und jetzt zum Beispiel Visafreiheit anzubieten, für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, für Unternehmen, die auf beiden Seiten tätig sind, für Journalistinnen und Journalisten, für Studierende, für Intellektuelle, für Künstlerinnen und Künstler. Sich nicht zu verschließen, sondern sich gezielt jenen zu öffnen, die mit uns gemeinsame Werte teilen - immerhin standen bei dem schwierigen Referendum knapp 50 Prozent für unsere gemeinsamen Werte. Dies kann etwas sein, mit dem wir Zivilgesellschaft und Wissenschaftsaustausch stärken und wir zugleich Demokratie und Verantwortung für westliche Werte stützen.

Und ganz aktuell habe ich bei meiner Reise in den Irak erfahren, wie wichtig aus Sicht der Iraker die Rolle von Bildung für die Wiederaufnahme des Lebens nach der Befreiung von der Barbarei des sogenannten "Islamischen Staats" ist. Die Befreiung der Stadt Mossuls schreitet unter gewaltigen Opfern voran. Die Universität der ehemaligen Zwei-Millionen-Stadt, im Westteil gelegen, ist zwar zurückerobert, aber natürlich noch nicht wieder in Betrieb.

Als Zentrum der Gelehrsamkeit war die Universität von Mossul stets ein intellektueller Bezugspunkt, nicht nur, aber vor allem für die sunnitische Minderheit im Lande. Bereits jetzt gibt es eine durch den DAAD geförderte Hochschulkooperation mit der Universität Mossul - ich würde mich freuen, wenn wir diese ausbauen. Denn am Ende werden wir Gewalt und Terror nicht mit militärischen Mitteln besiegen, sondern nur, wenn wir Angebote schaffen, mit denen Menschen den Zugang zur Welt bekommen und erleben, dass das Leben viel zu bieten hat, jedenfalls mehr als das versprochene Paradies und einen ziemlich brutalen Kampf.

Solche Wissenschaftsdiplomatie ist ein stabilisierendes Element mittendrin in der Politik. Sie baut eine Brücke zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, zwischen Forschern in unterschiedlichen Ländern und Kulturen, mit schwierigen Partnern und in Krisenregionen.

Zu einer solch engagierten Wissenschaftsdiplomatie gehört auch, dass wir Wissenschaftlern aus Ländern, die sie wegen Verfolgung oder Repressalien verlassen mussten, einen Haltepunkt bieten.

Deshalb freue mich sehr, dass unter Ihnen, unter den vielen Hochschullehrinnen und Hochschullehrern, die heute hier im Französischen Dom zusammengekommen sind, es so viele engagierte Unterstützerinnen und Unterstützer der Philipp Schwartz Initiative gibt. Einer Initiative, die das Auswärtige Amt ins Leben gerufen hat und die Sie mit der Alexander von Humboldt Stiftung zum Wohle von zurzeit 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Leben erfüllen. Diese Menschen können nun an einer Ihrer Hochschulen mit einem Stipendium ihre Ausbildung oder Arbeit fortsetzen. Für dieses Engagement danke ich Ihnen allen, und ebenso den privaten Stiftungen, den Akteuren aus der Zivilgesellschaft, die diese Initiative mit Taten und finanziell unterstützen.

Wir wollen mit unserer Wissenschaftsdiplomatie eine Anbindung an das pluralistische deutsche Wissenschaftssystem fördern – nicht nur in Krisenregionen. Dies tun die Auslands- und Partnerschulen, selbstverständlich der DAAD, die Alexander von Humboldt-Stiftung, das Deutsche Archäologische Institut, das Goethe-Institut mit seinen Partnern. Dadurch schaffen wir einen nachhaltigen Deutschlandbezug bei den besten Köpfen der jungen Generationen. Köpfe, wie die von Mustafa aus Damaskus, dessen Brief ich Ihnen eingangs vorgelesen hatte.

Liebe Frau Professor Wintermantel,

Sie sind in den letzten Jahren eine enge und überaus geschätzte Partnerin des Auswärtigen Amts gewesen. Wir sind sehr froh und dankbar dafür. Und wir möchten diesen Weg gemeinsam mit Ihnen weiter gehen, ja ihn ausbauen. Ich persönlich gehöre zu denen, die glauben, dass wenn wir zusätzliche finanzielle Mittel für den kulturellen Austausch, für Wissenschaftsaustausch ausgeben, wenn wir deutsche Schulen, das Goethe-Institut und den DAAD stärken, dass wir viel mehr für Stabilität und übrigens auch für den Ruf unseres Landes tun als mit mancherlei anderen Dingen, die manch einer der Kollegen in der Politik derzeit vorschlagen.

Denn Wissenschaftsdiplomatie braucht beides – zunächst natürlich die Wissenschaft selbst, aber auch die Diplomatie.

Ich wünsche deshalb Ihnen und uns im Auswärtigen Amt, dass wir weiter gemeinsam daran arbeiten, möglichst viele Menschen in den Wissenschafts – und Wissensgesellschaften im In- und Ausland für einen breiten, offenen und gestaltenden Dialog für die Zukunft begeistern. Denn in unserer komplizierter und unübersichtlich gewordenen Welt gibt Bildung nicht nur Kompetenz, sondern auch Orientierung.

Daher: Vielen Dank für Ihre großartige Arbeit. Sie wissen ja, Dank ist die höfliche Form der Bitte. Deswegen meine Bitte: Machen Sie weiter so.

Ich wünsche Ihnen allen noch eine schöne Geburtstagsfeier!

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

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