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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth bei der Eröffnung der Ausstellung "Vernichtungsort Malyi Trostenez – Geschichte und Erinnerung"  

13.03.2017

---es gilt das gesprochene Wort---

Sehr geehrte Damen und Herren,

Wir haben uns heute in Malyi Trostenez versammelt, um an unermessliches Leid zu erinnern, der Toten und Geschundenen zu gedenken und zu bekennen, dass ein solches Verbrechen gegen die Menschlichkeit nie wieder geschehen darf. Trostenez war die größte Vernichtungsstätte auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion. Hier wurden zwischen 1942 und 1944 vor allem belarussische, österreichische, deutsche und tschechische Juden sowie sowjetische Kriegsgefangene, Zivilisten und Widerstandskämpfer grausam ermordet. Sie starben durch Erschießungen, später dann in Gaswagen, um die Psyche der Erschießungskommandos zu schonen.

Die Toten wurden nicht begraben, sie wurden einfach so verscharrt und damit gänzlich ihrer Würde beraubt. Um die Spuren dieser grausamen Verbrechen zu beseitigen, wurden die Massengräber ab Oktober 1943 geöffnet, die Leichen exhumiert und verbrannt.

Diese Gräueltaten von Trostenez in all ihrer Schändlichkeit waren Teil des Vernichtungsfeldzuges, den die NS-Führung im Juni 1941 unter dem Namen "Unternehmen Barbarossa" gegen die Sowjetunion entfesselt hatte. Er sollte alle bisherigen Kriege an Grausamkeit, Ausmaß und Ungeheuerlichkeit der begangenen Verbrechen in den Schatten stellen. Mehr als 27 Millionen Menschen starben in diesem Krieg, die meisten von ihnen waren unschuldige Zivilistinnen und Zivilisten.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Vor nunmehr drei Jahren haben sich Historiker aus Deutschland und Belarus einer so wichtigen Aufgabe gestellt: Eine gemeinsame deutsch-belarussische Ausstellung zum Vernichtungsort Trostenez zu erarbeiten.

Damit soll auch eine Grundlage für eine vertiefte Verständigung beider Seiten im Umgang mit der gemeinsamen Geschichte und für eine künftige Dauerausstellung am historischen Ort Trostenez geschaffen werden. Ziel ist es, den Ort Trostenez als europäischen Ort der Tat und der Erinnerung im öffentlichen Bewusstsein zu verankern.

Die Ausstellung, die wir heute anlässlich des 25. Jahrestages der Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Belarus eröffnen, ist von herausragender Bedeutung.

Denn eine solche grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Historikern aus unseren Ländern ist selbst über 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viel zu grausam waren die Taten des nationalsozialistischen Regimes in Belarus. Viel zu lange wurden diese Verbrechen in Deutschland verdrängt und ausgeblendet.

So spricht es für die gewachsene Tiefe unserer Beziehungen in den vergangenen 25  Jahren, dass dies inzwischen möglich ist. Ich bin sehr dankbar dafür, dass die belarussische Zivilgesellschaft und die Regierung für einen gemeinsamen Dialog und ein gemeinsames Gedenken mit uns Deutschen bereit sind.

Eine wegbereitende Rolle für diese Ausstellung spielte dabei das Internationale Bildungs- und Begegnungswerk Johannes Rau mit seiner Geschichtswerkstatt in Minsk, die das Auswärtige Amt seit vielen Jahren gerne unterstützt.

Diese Ausstellung gibt einen Überblick über einen Aspekt des Holocaust, der immer noch viel zu wenig bekannt ist. Ebenso informiert sie über die mörderische Besatzungspolitik von Wehrmacht, SS und Hilfstruppen, die die Ermordung hierher verschleppter Juden, aber auch Kriegsgefangener, Zivilisten, Roma, Männer, Frauen und Kinder überhaupt erst möglich machte.

Wie viele Opfer hat es hier in Malyi Trostenez gegeben? Die Angaben schwanken zwischen 60.000 und über 200.000. Die genaue Zahl der Opfer ist nicht bekannt, endgültige Gewissheit wird es wohl nie geben. Es gibt allein 34 Massengräber, die Opfer wurden exhumiert und verbrannt.

Auch deshalb liegt der Schwerpunkt dieser Ausstellung aus guten Gründen weniger auf den abstrakten Opferzahlen. Sie stellt vielmehr die vielen tief berührenden Einzelschicksale der Opfer in den Mittelpunkt, die hier ihr Leben lassen mussten.

Sieben biografische Skizzen porträtieren überwiegend jüdische Opfer, doch neben ihnen stehen, gleichwertig, andere. Es bleibt aber eine schmerzhafte Gewissheit: Wir werden nicht mehr jedem Opfer einen Namen geben können. Wir werden nicht mehr jedes Einzelschicksal nacherzählen können. Was für eine Tragödie!

Umso wichtiger ist es, das Geschehene vollständig aufzuarbeiten und breiten Bevölkerungskreisen bekannt zu machen. Wir sind heute in vielfacher Hinsicht dazu aufgerufen, an die grausamen Verbrechen zu erinnern, die an diesem Ort geschehen sind. Das sind wir den Opfern schuldig. Und wir schulden es auch den Nachfahren der Völker, die unter dem von Nazi-Deutschland entfachten Krieg besonders gelitten haben.

Deutschland bekennt sich zu seiner besonderen historischen Verantwortung – unabhängig davon, dass die heutige Generation nicht in unmittelbarer Schuld zu deutschen Gräueltaten steht.

Wir wissen jedoch: Wir machten uns ein zweites Mal schuldig, wenn wir verschweigen, relativieren oder gar leugnen, was die Generation unserer Großeltern und Urgroßeltern anderen Menschen und Völkern angetan hat. Das gemeinsame Gedenken, Erinnerung und Versöhnung prägen die deutsche Außenpolitik. Erinnerung und Bekenntnis sind keine Zeichen von Schwäche. Beides macht uns stark und sensibilisiert uns für mögliches neues Leid. Wachsamkeit gegenüber Menschenrechtsverletzungen aller Ort ist gerade in diesen Zeiten so wichtig.

Und auch hier in Belarus soll diese Botschaft glaubhaft ankommen. Die Menschen sollen sie spüren, damit unser Bekenntnis nicht abstrakt bleibt, sondern ganz konkret und sichtbar wird – wie mit dieser Ausstellung hier in Malyi Trostenez.

Das Auswärtige Amt fühlt sich diesem Andenken besonders verpflichtet und hat deshalb gerne dabei mitgeholfen, dieses Ausstellungsprojekt zu verwirklichen.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Malyi Trostenez – dieser Name steht für einen der größten NS-Vernichtungsorte. Und dennoch ist dieser Ort in Deutschland – im Unterschied zu Auschwitz und Treblinka in Polen – bislang nur wenig bekannt. Noch ist er ein weißer Fleck auf der Landkarte unserer Erinnerung. Doch das ändert sich – auch dadurch, dass diese Ausstellung im vergangenen Jahr bereits in Deutschland gezeigt werden konnte.

Sich mit der eigenen wechselhaften Geschichte – mit all ihren Höhen und Tiefen – auseinanderzusetzen, ist ein langer, schwieriger und schmerzhafter Prozess. Das wissen wir Deutschen aus eigener Erfahrung.

Noch nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 entbrannten in Deutschland erbitterte Diskussionen über den angemessenen Umgang mit den nationalsozialistischen Verbrechen und ihren Opfern.

Ein Ausdruck unserer Verantwortung für die wechselhafte deutsche Geschichte ist das Denkmal für die ermordeten Juden Europas im Herzen Berlins. Die damaligen kontroversen Debatten in Gesellschaft und im Deutschen Bundestag, an deren Ende ein mehrheitliches, fraktionsübergreifendes Bekenntnis zu diesem Denkmal stand, sind mir – der ich damals gerade erst in das Parlament gewählt worden war – in tiefer Erinnerung geblieben. Ich bin froh, dass wir in Deutschland diese Diskussion geführt haben. Denn sie hat unserem Land und seiner Erinnerungskultur gut getan.

Inzwischen kümmert sich die Stiftung, deren Kuratoriumsmitglied ich seit vielen Jahren bin, auch um das würdige Gedenken für andere Opfer, so die Sinti und Roma, Homosexuelle, Menschen, die durch Euthanasie ermordet wurden. Ich setze mich dafür ein, dass in Berlin ein Denkmal auch an die 27 Millionen sowjetischer Soldatinnen und Soldaten, Kriegsgefangener, Zivilistinnen und Zivilisten erinnert.

Es bleibt die Verpflichtung, auch der unendlich vielen Opfer einer perversen "Lebensraumpolitik", die Menschen zu "Untermenschen" herabwürdigte, sichtbar zu gedenken.

Erst in den 1990er Jahren setzte in Deutschland eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen im Raum Minsk ein. Veröffentlichungen von Zeitzeugenberichten und Dokumenten trugen dazu bei. In vielen Städten, aus denen 1941/42 Juden nach Minsk deportiert wurden, entstanden Initiativen, die die Namen und Lebensgeschichten der Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens rekonstruierten und öffentlich machten.

In Trostenez selbst gab es bereits mehrere Initiativen zum Bau einer Gedenkstätte, doch erst 2013 nahmen die Pläne dann konkrete Gestalt an.

Im Juni 2015 wurde der erste Bauabschnitt der Gedenkstätte Trostenez eröffnet: mit dem "Weg der Erinnerung" – einer Auflistung der Vernichtungsorte in den sechs Oblasten von Belarus – und der Skulptur "Pforte der Erinnerung".

Und es ist wiederum zivilgesellschaftlichem Engagement zu verdanken, dass das Projekt auch um eine Gedenkstätte am Ort der Vernichtungsstätte Blagowschtschina erweitert wurde. Das Auswärtige Amt empfindet es als eine Ehre, sich an dieser Gedenkstätte beteiligen zu dürfen.

Die Ausstellung zeigt aber auch die unterschiedlichen Erinnerungskulturen in beiden Ländern auf. Damit ermöglicht sie eine differenzierte Diskussion über den Ort und die Menschen, die in Trostenez ermordet wurden. Es ist wichtig, diese Unterschiede zu erkennen. Denn nur wenn wir die Unterschiede kennen, können wir Schritt für Schritt zu einer Kultur des gemeinsamen Erinnerns kommen.

Die Ausstellung gibt damit einen wichtigen Anstoß für eine gemeinsame Erinnerungskultur, die nichts ausspart und den Opfern ihre Würde zurückgibt.

Dafür danke ich den deutschen und den belarussischen Kuratoren der Ausstellung, der IBB Dortmund und Minsk sowie der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Ihre Arbeit ist weg- und zukunftsweisend! Der Ausstellung wünsche ich viele Besucherinnen und Besucher.

Die gemeinsame Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels der Vergangenheit unserer beiden Länder befördert zugleich den politischen Annäherungsprozess zwischen Minsk und Berlin und den zivilgesellschaftlichen Austausch in der Gegenwart.

Ja, die Wege der Versöhnung sind lang und beschwerlich. Sie kosten Überwindung und Kraft. Aus der Versöhnung erwächst auch Zuversicht und Hoffnung für die Zukunft. Und Zukunft braucht eben auch Erinnerung – und Orte der Erinnerung wie hier in Malyi Trostenez.

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