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100 Jahre Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) - Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier

10.01.2017

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Ursula Seiler-Albring,
lieber Herr Grätz,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, lieber Fritz,
lieber Winfried Kretschmann,
meine Damen und Herren,

100 Jahre ifa! Ich freue mich, dass ich mitfeiern darf. Ich habe mir in meinem Weihnachtsurlaub überlegt, was wir auf dieser Feier wohl zu erwarten haben. Was erwartet man denn, wenn man zu einem 100. Geburtstag eingeladen wird? Eine ruhiges und betuliches Fest wahrscheinlich. Wenn man Glück hat, gibt es Kaffee. Vielleicht schwäbische Apfelküchle? Man erwartet höfliche Gratulationen an ein betagtes Geburtstagskind, das vermutlich etwas müde wirkt. Und - man erwartet mit Sicherheit einen Saal voll weißhaariger und grauhaariger Gäste. Nun, wenn ich mich hier im Saal so umschaue… Lieber Winfried Kretschmann, mit Blick auf unsere beiden Schöpfe stimmt zumindest diese letzte Vermutung.

Der Rest aber könnte nicht weiter weg von der Wahrheit liegen! Betulich sind weder die hervorragenden Künstler der Bayerischen Philharmonie, noch das Ensemble Jisr, das wir gleich hören werden. Vor allem aber ist das ifa mit seinen 100 Jahren kein bisschen verstaubt und altersmüde. Sondern es ist eine weltoffene, lebendige und dynamische Kraft in unserer Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Innovativ, liebe Frau Seiler-Albring, fördert Ihr Institut den Austausch zwischen Kulturschaffenden weltweit. Das ifa bringt Menschen zusammen, es öffnet Türen: zu Dialog und Zusammenarbeit, zur so wichtigen Arbeit an Verständnis und Verständigung – und das gerade heute, in diesen krisenhaften Zeiten!

Und deswegen sage ich Ihnen, lieber Frau Seiler-Albring, und Ihren Kolleginnen und Kollegen: Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank für die hervorragende Arbeit! Ich sage aber vor allem auch: viel Mut und viel Erfolg für die Zukunft!

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Meine Damen und Herren,

wie wichtig die Rolle ist, die das ifa heute in unserer Kultur- und Bildungspolitik spielt, das wird umso deutlicher, wenn man einen Blick auf seine lange – und bei weitem nicht nur glorreiche - Geschichte wirft.

Besonders eindringlich gelingt das an einem besonderen Ort. Und der mag Sie vielleicht überraschen! Dieser Ort befindet sich im Auswärtigen Amt, am Werderschen Markt in Berlin. Aber nicht etwa in den Büros der Kulturabteilung. Auch nicht im prunkvollen Weltsaal, wo Minister aus aller Welt zusammenkommen, oder in meinem eigenen Büro. Nein, dieser Ort liegt im Keller. Dort befindet sich das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Da unten, in den ehemaligen Tresorräumen der Reichsbank, wo die Nazis ihr Gold bunkerten, finden sich heute wahre Schätze der Geschichte. So auch Dutzende schon leicht vergilbter Briefe und Protokolle, die jenen 10. Januar 1917 in Stuttgart beschreiben: Damals versammelte sich um Punkt 11 Uhr eine illustre Gruppe um König Wilhelm II. von Württemberg, um ein „Museum und Institut zur Kunde des Auslanddeutschtums und zur Förderung deutscher Interessen im Ausland“ zu gründen.

Und wenn man die national-tönenden Reden  dieser Versammlung liest - mitten im Ersten Weltkrieg! - dann kann man sich kaum vorstellen, dass dies der Anfangsmoment des weltoffenen, aufgeschlossenen Instituts sein sollte, das wir heute feiern. „Ich bin stolz ein Deutscher zu sein und wir alle sind es“, so beendete der König damals seine flammende Rede über eine Welt, die -nach Auffassung vieler- immer noch am deutschen Wesen genesen sollte.

Das neue Institut war das Kind einer Zeit, in der die Nationalstaaten Kultur gezielt auch als ein Werkzeug benutzten, um ihre Machtsphären zu erweitern oder abzusichern. Was dann folgte, war das dunkelste Kapitel unserer deutschen Geschichte. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde das Institut gleichgeschaltet, der jüdische Generalsekretär Fritz Wertheimer seines Amtes enthoben. Das Institut wurde zum Instrument der deutschen Rassenpolitik. Eine Geschichte, die - wie auch die Geschichte des Auswärtigen Amts – erst spät wirklich aufgearbeitet wurde.

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Meine Damen und Herren,

der Blick zurück zu den Anfängen des ifa - der Blick hinunter in den Keller des Auswärtigen Amts – er wirft nicht nur Licht auf unsere Vergangenheit. Für mich erhellt dieser Blick vor allem den scharfen Kontrast zur Gegenwart, zu dem, wofür unsere Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik heute steht.

Ausgangspunkt damals vor 100 Jahren war der Blick der Deutschen auf sich selbst, vom Deutschen im Inland auf die Deutschen im Ausland und zurück. Eine kulturelle Echokammer.

Statt dieser Nabelschau setzen wir heute in unserer Kultur- und Bildungspolitik auf Austausch, auf Auseinandersetzung und auf Zusammenarbeit. Aus der Echokammer von damals ist ein offener, durchlässiger Raum des Dialogs geworden. Ein Raum, in dem aus Verschiedenheit Gemeinsames entstehen kann – geleitet von der Erkenntnis, dass Außen und Innen im 21. Jahrhundert immer weniger scharf zu trennen sind.

 „Kulturen des Wir“ - das Motto des Jubiläumsjahres, liebe Ursula Seiler-Albring, unterstreicht genau diesen Gedanken. Was das heißt, das zeigt das ifa in unzähligen hervorragenden Projekten. Etwa dann, wenn es zeitgenössische Kunst aus Deutschland in die Welt bringt und dabei Begegnungen zwischen Künstlern, Kuratoren und Publikum in den Vordergrund stellt. So entstehen produktive Netzwerke.

Zugleich lädt das ifa Kunstschaffende aus aller Welt nach Deutschland ein und zeigt uns so die Sicht der anderen - auch auf uns Deutsche. Anstatt uns in der Echokammer selbst zu lauschen, erleben wir so eine Rückspiegelung kultureller Erfahrung und sehen, wie die Welt uns sieht. Für mich ist es übrigens verblüffend, wie stark sich das, was andere in uns sehen, von unserem Selbstbild oft unterscheidet. Das erlebe ich auf meinen Reisen, das erlebe ich aber eben auch in Begegnungen mit internationalen Künstlern hier bei uns - ob in Berlin, Stuttgart oder Leipzig.

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Meine Damen und Herren,

ich bin überzeugt: Diese offenen Räume für Austausch, Dialog und Auseinandersetzung – wir brauchen sie gerade heute, in einer Welt, in der die Krisen und Konflikte mit fast unheimlicher Wucht und Dichte auf uns einstürmen. Das ist wichtig, gleichwohl müssen wir in unseren Erwartungen realistisch sein. Denn es stimmt ja: Kultur und Bildung führen nicht zwangsläufig zu mehr Frieden und Sicherheit. Wer das glaubt, der irrt!

Wovon ich aber tief überzeugt bin, ist:  Wenn wir die Chancen zur Verständigung in all diesen Konflikten überhaupt erhalten wollen, dann spielt Kultur- und Bildungsarbeit eine entscheidende Rolle. Denn nur durch Auseinandersetzung können wir austesten, wo in Konflikten Brücken zur Verständigung errichtet werden können.

Daraus folgt für mich zweierlei. Erstens, dass wir Freiräume für zivilgesellschaftlichen und kulturellen Austausch schaffen und erhalten müssen – gerade dort, wo es schwierig ist. Dafür setzten wir uns weltweit ein! Damit Unverständnis nicht zu falschen Zuschreibungen führt und damit aus falschen Zuschreibungen nicht verfestigte Feindbilder werden, und damit Ideologien am Ende Verständigung nicht untergraben. Ich danke dem ifa, aber auch all unseren anderen Kulturorganisationen, die diese wichtigen Foren der Verständigung schaffen- ob durch Jugendaustauschprogramme in Russland, beim Literaturfestival in Odessa oder durch Spracharbeit in Saudi Arabien.

Zweitens, meine Damen und Herren, müssen wir dafür sorgen, dass gerade Menschen in Krisenregionen Zugang zu Bildung und Kultur erhalten! Damit sie eine Perspektive auf eine sichere und bessere Zukunft haben. Dafür stehen die zivik Projekte des ifa. Dafür steht auch das Programm CrossCulture, bei dem junge Menschen durch Praktika nicht nur ihr Fachwissen, sondern auch ihre Dialogfähigkeit stärken!

Besseren Zugang zu Kultur und Bildung zu schaffen, meine Damen und Herren, das steht aber auch dahinter, wenn etwa wir mit deutschen Stiftungen daran arbeiten, eine Fachhochschule in Ostafrika aufzubauen, um die Lücke zwischen schulischer und akademischer Ausbildung zu füllen. Oder, wenn wir jungen Syrerinnen und Syrern die Möglichkeit geben, ihre wissenschaftliche Karriere bei uns in Deutschland fortzusetzen. Damit sie ihr Land eines Tages wieder aufbauen können.

Und deswegen gilt: Kulturarbeit ist eben nicht „nice to have“! Sondern Kulturarbeit ist unverzichtbarer Bestandteil von Außenpolitik! Gerade dann, wenn die Zeiten schwierig sind, und die Partner noch viel mehr!

Kulturarbeit ist nicht „nice to have“. Und sie ist erst recht nicht immer nur „nice“. Kunst regt auch auf und provoziert. Sie fordert Auseinandersetzung. Und genau deswegen, meine Damen und Herren, will ich hier enden mit einem Ausblick  - auf die Biennale 2017 in Venedig. Das ifa koordiniert den deutschen Beitrag im Auftrag des Auswärtigen Amts nun schon seit mehr als 40 Jahren. In diesem Jahr hat die Kuratorin Susanne Pfeffer die Künstlerin Anne Imhof für die Gestaltung des deutschen Beitrags ausgewählt. Ich will nicht zu viel verraten. Aber ich glaube, genauso wenig wie das ifa ein betagtes Geburtstagskind ist, wird die Biennale ein besonders betuliches Ereignis!

Und das ist gut so. Denn in der Kultur wie in der Politik gilt: Wir brauchen keine Verzagtheit. Sondern Mut zu neuen Wegen. Wir brauchen keine Nabelschau – sondern Offenheit für die Sicht der anderen. Wir brauchen keine Abschottung – sondern Auseinandersetzung.  Für all das steht das Institut für Auslandsbeziehungen, dafür stehen Sie, liebe Frau Seiler-Albring, und Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und deswegen sage ich: Danke, liebes ifa! Und herzlichen Glückwunsch!

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