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Rede von Außenminister Steinmeier bei der Verleihung des Toleranz-Preises 2016 der Evangelischen Akademie Tutzing "Verantwortung wahrnehmen – Politik gestalten"

16.09.2016

Sehr verehrter Herr Ratsvorsitzender, lieber Heinrich Bedford-Strohm,
sehr geehrter Herr Hahn,
sehr geehrter Herr Dr. Beckstein,

vor nicht einmal fünf Stunden stand ich an der ostukrainischen Front auf einer Behelfsbrücke. Jetzt stehe ich hier vor Ihnen am schönen Starnberger See. Der Kontrast könnte nicht größer sein!

Ich freue mich sehr, heute hier zu sein.

Was für eine Ehre, den Toleranz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing zu erhalten – in der Folge so berühmter Preisträger wie der Aga Khan, Shirin Ebadi, oder Daniel Barenboim. Und ich danke Dir, lieber Heinrich Bedford-Strohm, sehr herzlich für die freundlichen Worte. (Bei denen man sich als einfacher Christenmensch mehr als einmal fragt, hast du das wirklich verdient.)

Vorab lassen Sie mich aber nochmal sagen: Ich freue mich auch deshalb sehr, weil diese Preisverleihung in einem besonderen Kontext steht. – Zeitlich wie Inhaltlich! Mitten in der Lutherdekade bildet sie den Auftakt zu einer Tagung mit der Frage "Wie viel prägende Kraft heute (noch) in der Reformation steckt". Martin Luther hat vor beinahe 500 Jahren mit seinen Thesen einen Stein der Veränderung ins Rollen gebracht, der Gesellschaft und Kirche aufrüttelte.

Aber nicht nur das. Luther auch war es, und  das ist interessant mit Blick auf den besonderen Preis mit dem Sie mich heute ehren, der den Begriff „Toleranz“ in die deutsche Sprache brachte. Übersetzt aus dem Lateinischen "tolerantia" heißt er zunächst "Duldung".

Lassen Sie mich hier gleich zu Beginn sagen, dass mir der Begriff "Toleranz" mit Blick auf die Außenpolitik so einige Bauchschmerzen bereitet. Denn: Wie soll es mir möglich sein, die unsägliche  Lage zu tolerieren, mit der wir es an vielen Orten dieser Welt derzeit zu tun haben? Das Leid der Menschen in Aleppo, im Südsudan, in Afghanistan, Irak oder Jemen und den unzähligen anderen Krisengebieten? Die Gewalt, die Not, das Leid, die Verfahrenheit dieser Konflikte kann ich unmöglich hinnehmen, unmöglich tolerieren!

Toleranz wird ja häufig missverstanden als  die gut gemeinte Aufforderung, den anderen gewähren zu lassen- komme, was da wolle. Aber: Können wir uns das erlauben? Können wir es dulden, wenn ein Diktator seine Macht missbraucht und Not und Armut über sein Volk bringt? Wenn ein Partner einen Krieg vom Zaun bricht und mit allen internationalen Regeln bricht? Wenn eine Regierung die Rechte seiner Bürger mit Füßen tritt? Die klare Antwort heißt nein. Wer Menschenrechte verletzt, wer wissentlich und gewollt Leid und Not über andere bringt, wer Frieden, Demokratie und Rechtstaatlichkeit gefährdet – dessen Verhalten dürfen und werden wir nicht tolerieren! Bis dahin ist es einfach! Und kaum jemand im Saal wird gegen dieses vorläufige Zwischenergebnis protestieren.

Was aber folgt daraus? Reicht es zu lamentieren? Reicht es, sich zu empören über die Missstände dieser Welt? Ich sage, in der Außenpolitik wie im normalen Leben: die Klage allein reicht nicht. Die Hände resigniert zu senken, das darf keine Option sein! Wir dürfen uns von den Krisen, die uns umgeben, nicht lähmen lassen! Auch wenn sie noch so ausweglos scheinen!

Dorothe Sölle hat geschrieben: "Auch wenn unser Beitrag klein, manchmal zu klein scheint, wir dürfen uns nicht von der Ohnmacht überwältigen lassen! ‚Da kann man nichts machen‘ ist ein gottloser Satz", sagt sie.

Ich sage: Wir müssen helfen, Lösungen auf den Weg zu bringen – auch wenn es schwierig ist. Auch, wenn das Ziel in weiter Ferne scheint, auch wenn wir mit Rückschritten und Hindernissen zu kämpfen haben. Auch wenn für viele – schon bevor der erste Schritt gegangen ist - das Scheitern schon gewiss ist.  Gerade dann! Die Welt zu einem besseren Ort zu machen, das ist für viele Menschen ja keine wohlfeile Formel, sondern Überlebensfrage. Niemand kann einen solchen Anspruch alleine schultern, auch wir nicht! Aber dass wir Deutschen mit unseren Möglichkeiten daran mitwirken, mit den Möglichkeiten eines großen, reichen Landes in der Mitte Europas- dieser Verantwortung dürfen und wollen wir uns nicht entziehen!

Für mich ist bis heute gültig, was Willy Brandt genau hier an Ihrer Akademie, lieber Herr Hahn, vor über 50 Jahren zu Aufgabe und Sinn von Außenpolitik gesagt hat. Außenpolitik, so sagte Brandt hier in Tutzing ist "der illusionslose Versuch zur friedlichen Lösungen von Problemen".

Darum geht es! Um nicht mehr und erst recht nicht weniger!

Illusionslos an Lösungen zu arbeiten, das heißt für mich zweierlei: Erstens bedeutet es, nicht aufzugeben, gerade dann nicht, wenn es schwierig ist! Was glauben Sie, wie oft ich etwa während der jahrelangen Verhandlungen zum Atom-Abkommen mit dem Iran den Satz gehört habe: „Was kniet Ihr Euch da eigentlich so rein? Das bringt doch nichts.“ Und manchmal kann man sich dem Eindruck selbst nicht entziehen. Häufig genug ging es in den 10 Jahren nicht vorwärts, stockten die Verhandlungen, waren unterbrochen, sogar abgebrochen. Wie oft waren wir auf der gefährlichen Rutschbahn an die Konfrontation, sogar die militärische. Dazu wäre es gekommen, wenn wir aufgegeben hätten und der Konflikt außer Kontrolle geraten wäre. Meine Lehre daraus und weit über den Atomkonflikt mit dem Iran hinaus: Aufgeben darf keine Option sein. Gerade dann nicht, wenn es schwierig ist. Sondern wir müssen dranbleiben und immer wieder aufs Neue ausloten, wie wir die Grenzen des Wünschbaren Schritt für Schritt in den Raum des Möglichen, des Machbaren verschieben können! Das ist das eine.

Der zweite Aspekt, um den es für mich bei dieser illusionslosen Arbeit an Lösungen geht, ist die Notwendigkeit, dass wir uns mit unserem Gegenüber auseinandersetzen. Dass wir versuchen, die Welt auch mit den Augen des anderen zu sehen.

Ich bin überzeugt: Nur wenn wir die kulturellen, historischen und politischen Erfahrungen kennen, die das Denken und Handeln unsere Partner prägen, nur wenn wir diese zu verstehen suchen, nur dann werden wir in der Lage sein, gemeinsame Lösungen für die Probleme unserer Zeit zu finden.

Und dieser Gedanke ist entscheidend für unsere Politik. Denn ich sage - ob mit Blick auf Russland, auf die Türkei, oder aber auch auf unsere Partner innerhalb der Europäischen Union - : es darf als Erfahrungssatz der Diplomatie gelten, dass es unklug und gefährlich ist, das eigene außenpolitische Handeln zu bestimmen, ohne die Beweggründe und Wahrnehmung des Gegenübers zu kennen.

Und ich glaube - in aller Bescheidenheit: Die Tatsache, dass Deutschland derzeit weltweit einen ganz guten Ruf als Vermittler in vielen Konflikten hat, das liegt nicht zuletzt an genau dieser Bereitschaft zu Verstehen und das Wissen darum, dass Verstehen die Voraussetzung jeder Verständigung ist.

Oft genug wird das leichtfertig ignoriert, noch häufiger gezielt missverstanden.

Von denjenigen, die im Weg stehende Meinungen leichthändig mit den Begriffen des Iran-Verstehers, des Rußland-Verstehers, oder neuerdings mit dem des Türkei-Verstehers belegen. Medial wird damit auch regelmäßig der erwünschte Zweck erzielt. Gleichwohl frage ich mich immer: was ist eigentlich die Botschaft?

Und wo kommt Außenpolitik eigentlich hin, wenn wir jemals aufhören, verstehen zu wollen, Verstehen-Wollen sogar zum Schimpfwort wird? Nochmal: Verstehen heißt  nicht Billigung und erst nicht Einverständnis! Aber ohne Verstehen kann es keine Verständigung geben!

***

Heinrich Bedford-Strohm hat gerade darauf hingewiesen, dass es im Übrigen nicht ein Sozialdemokrat wie Willy Brandt oder Egon Bahr, sondern Henry Kissinger war, der gesagt hat, dass Außenpolitik "perception" - Wahrnehmung - ist. Dass es in den internationalen Beziehungen häufig nicht nur eine Wahrheit gibt. Dass es vielmehr gerade in Konfliktsituationen unterschiedliche Wahrnehmungen derselben Realität gibt.

Dazu fällt mir eine Geschichte ein, die mir vor kurzem ein Kollege aus einem südafrikanischen Land geschildert hat. Er berichtete von einer Gruppe Jäger, die nach Einbruch der Dunkelheit auf ein großes Hindernis stießen. Von verschiedenen Seiten näherten die Männer sich dem unbekannten Objekt: "Es ist weich und lang! Es muss eine Schlange sein!" rief der eine. "Hart und rau ist es. Gewiss eine große giftige Pflanze!". "Es ist riesig", rief der Dritte. "Ein Fels, ganz klar!" Die Jäger gerieten in Streit, jeder glaubte, zu wissen was vor ihm lag und fast wären sie darüber aufeinander losgegangen. Erschöpft schliefen sie schließlich ein und erwachten am nächsten Morgen neben einem: -- Elefanten! Sie alle hatten irgendwie recht gehabt, alle drei Wahrnehmungen waren nicht grundsätzlich falsch und doch haben sie zu drei unterschiedlichen Vermutungen über die Realität geführt – und ich erinnere: nur deshalb, weil man sich den Gegenstand von unterschiedlicher Richtung nährt!!

Eine Fabel, die – ohne zu es wissen – große Weisheit über Außenpolitik in sich trägt:

Verschiedene Wahrnehmungen derselben Realität. Nicht nur auf der Jagd spielt das eine Rolle, auch in der Politik. Das haben wir gerade jetzt mit Blick auf die Türkei gespürt. Die Türkei hatte den Eindruck, wir hätten den Putschversuch niemals ernst genommen, unsere Anteilnahme sei nicht sichtbar gewesen. Und: Vielleicht haben wir wirklich nicht genügend deutlich gemacht, dass dieser Putschversuch ein ungeheuerlicher Angriff auf die Institutionen der Demokratie war. Umgekehrt sollte aber nicht jede kritische Frage aus Europa sogleich als Ignoranz gegenüber den Vorgängen in der Türkei gesehen werden. Selbstverständlich muss dieser Putschversuch aufgearbeitet werden. Unsere Erwartung, dass dabei rechtsstaatliche Standards gewahrt werden, muss in der Türkei aber nicht nur als Zumutung empfunden werde, sondern darf auch als Ausdruck von Sorge verstanden werden – auch Sorge darüber, dass der erreichte Stand gesellschaftlicher Öffnung und innertürkischer Versöhnung aufs Spiel gesetzt wird.

Etliche andere Beispiele könnte ich Ihnen nennen, wo unterschiedliche Wahrnehmungen ein und derselben Realität Kern von Krisen und Konflikte sind und Lösungen so schwer machen. Der Nahe und Mittlere Osten gibt nachhaltig Studiengelegenheit dafür!

***

Mein Eindruck ist: Die Bereitschaft, sich mit  komplexem Ursachengeflecht auseinanderzusetzen, nimmt ab. Gefährlich groß ist die Neigung an die Stelle der Konfliktanalyse die schnelle Festlegung auf Schwarz-Weiß - wer ist gut, wer ist böse - zu erreichen. Komplexität gilt schon fast als Ausrede, um das Notwendige und Richtige nicht zu tun. Zunehmend digital auch die Reaktionen des Nachrichten- und Fernsehpublikums: was unangenehm ist, wird weggeklickt. Besser gar nicht weiter damit beschäftigen! Dabei gilt heute mehr denn je: Gerade über die gerade tiefer werdenden Gräben hinweg brauchen wir das Gespräch, den kontroversen Dialog. Nicht nur den via  Kameras und Mikrophone. Sondern das Gespräch miteinander. Und das gerade auch über schwierige Themen, bei denen wir eben nicht übereinstimmen!

Das gilt mit Blick auf die Türkei, auf Russland und mit Blick auf die vielen anderen Konflikte, in denen wir zu helfen, zu vermitteln suchen.

Aus diesem Grund haben wir in diesem Jahr auch den Vorsitz der OSZE übernommen, einer Organisation, die viele nach dem Ende des Kalten Krieges in den letzten Jahren schon nicht mehr nötig hielten. Heute aber ist sie die einzige Organisation, in der Ost und West überhaupt direkt miteinander sprechen! Sie ist ein einzigartiges Forum des Dialogs, das wir stärken müssen!

***

Meine Damen und Herren,

Die Arbeit, über Gräben und Trennlinien hinweg nach Verständigung zu suchen, das ist ein mühsamer Prozess. Ob Syrien, Libyen, Irak, Jemen oder Ostukraine. Die Gesprächsfäden zu schwierigen Partnern nicht abreißen zu lassen. Das kostet Geduld, Beharrlichkeit. Nicht selten erleben wir dabei Rückschläge. Und wenn es dann endlich mal vorangeht, dann oft nur in kleinen Schritten. Mit meinem französischen Amtskollegen Jean-Marc Ayrault komme ich gerade jetzt wieder aus Kiew, wo wir uns bemühen, die Konfliktparteien auf dem Weg einer politischen Lösung aus der Krise zu helfen. Das ist ein Weg, der von Hindernissen gepflastert ist. Aber den wir trotzdem mit aller Kraft verfolgen, weil ich überzeugt bin, dass wir nur so Erfolg sehen werden!

Und zum ersten Mal seit langem sehen wir jetzt wieder einen Hoffnungsschimmer! Die Tatsache, dass sowohl Russland wie auch die Ukraine sich seit heute Null Uhr zu einem Waffenstillstand verpflichtet haben, ist ein wichtiger Schritt. Der Leiter der OSZE-Mission bestätigte uns heute, dass in der Tat bis auf einige wenige Ausnahmen heute ab Mitternacht Nacht die Waffen geschwiegen haben. Ich mache mir keine Illusionen, dies ist nur ein erster Schritt. Aber er eröffnet uns ein Fenster der Gelegenheit, in dem es jetzt darum geht, die nächsten Schritte zu gehen: alle Parteien haben sich uns gegenüber verpflichtet, nächste Woche in Minsk den in mühseliger Kleinarbeit in den letzten Monaten ausgehandelten Truppenentflechtungsplan zu unterschreiben. Ich hoffe, dass es uns so Schritt für Schritt in den nächsten Wochen gelingt, den Waffenstillstand dauerhaft zu festigen und Bewegung in den politischen Prozess zu bringen.

Und genau das ist er, der – Sie erinnern sich - "illusionsloser Versuch zur friedlichen Lösung von Problemen".

Es stimmt ja: Selten, viel zu selten, sehen wir die Erfolge unserer diplomatischen Arbeit. Aber es gibt diese besonderen Momente eben doch! Wie beim Abkommen zum iranischen Atomprogramm, das wir im letzten Frühjahr nach Jahren schwierigster Verhandlungen abschließen konnten. Ich werde nie vergessen, wie John Kerry nach der Unterzeichnung sagte: "wir haben einen Krieg verhindert!"

Das ist der Erfolg eines illusionslosen Ringens um Lösungen, den ich meine!

***

Und, meine Damen und Herren, illusionslos heißt dabei für mich eben nicht: Leidenschaftslos. Oder frei von Werten!

Im Gegenteil.

Ein Kompass, der mir im Inneren Orientierung gibt – ob dem Menschen oder Politiker Steinmeier - ist natürlich auch mein christlicher Glaube. Gewiss: Politik wird nicht jede Sekunde mit der Bibel in der Hand gemacht. Nicht für jede Steuerregelung gibt es eine Antwort in der Heiligen Schrift. Aber auch wenn nicht alle Antworten schon gegeben sind: Genauso klar ist, dass ich meinen christlichen Glauben nicht am Kleiderhaken abgebe, wenn ich morgens an meinen Schreibtisch gehe oder ins Flugzeug steige.

Mein erster Vortrag überhaupt auf einem evangelischen Kirchentag war vor vielen Jahren eine Bibelarbeit über christliche Zuversicht. Ich habe dort gesprochen über das innere Gerüst, gegründet auf Gottvertrauen, das Ängstlichkeit vermeidet - in einer unübersichtlich gewordenen Welt - und Mut macht, das Notwendige zu tun!

***

Mut machen mir auch die Kirchen mit ihrer Arbeit an der Verständigung. Es mag ja verwundern, dass die Bibel selbst nicht gerade ein vor Toleranz strotzender Kanon ist. Das Wort findet man tatsächlich an keiner einzigen Stelle. Aber was man selbstverständlich oft findet, sind die Worte Liebe und Barmherzigkeit. Das sind die Grundfesten unseres Glaubens.

Auf das Begriffspaar komme ich nicht ganz zufällig! Liebe und Barmherzigkeit, dies sind aber auch Begriffe, die wir mit dem Judentum und mit dem Islam gemeinsam haben und die Entsprechungen haben. Wir finden sie im Buddhismus und im Hinduismus. Sie sind die Wurzel der Religionen, in all ihren großen Verschiedenheiten.

Die Gemeinsamkeiten zu erkennen, die Verschiedenheiten nicht zu verschweigen – das ist schon bei Kirchen und Religion nicht einfach. In einer Welt, in der klassische machtpolitische Konflikte immer mehr überlagert werden, durch ethnische und religiöse Auseinandersetzungen, brauchen wir gerade auch das Gespräch über Verschiedenheiten – wo nötig offen und kontrovers. Mit Verschiedenheit zu leben und von dort aus Verständigung zu suchen, da sind die Kirchen weiter als Politik (wenngleich ich mir mehr Mut und Leidenschaft zur Ökumene in Deutschland mühelos vorstellen kann).

***

Und von diesem Mut zur Verständigung können wir gerade heute in unserer Gesellschaft eine ordentliche Portion vertragen.

Denn ich sage es hier ganz offen: Ich mache mir große Sorgen über die Rufe, die wir derzeit an so vielen Orten hören - hier bei uns in Deutschland, aber auch anderswo in Europa, und darüber hinaus:

Es ist das Ungeheuer des Nationalismus, das wieder aufwacht. Und dieses Ungeheuer, es nährt sich nur aus einem Futter: aus der Angst! Ob Geert Wilders in Holland, ob die AfD in Deutschland, oder Donald Trump in Amerika: Diese Leute spielen mit den Ängsten der Menschen! Sie machen mit Angst Politik!

Und dem müssen wir uns entgegen stellen! Abschotten, Abgrenzen, Einigeln – dieses vermeintlich einfache Rezept der Populisten – es ist nicht nur feige, weil es sich vor den wahren Antworten drückt. Es ist auch gefährlich! Wer mit der Angst spielt, der spielt mit dem Feuer.

Und ich sage deswegen: Diesen Rufen nach dem Rückzug ins Nationale müssen wir uns alle entgegenstellen.

Aber auch hier hilft allein Empörung nicht!

Wenn Menschen Angst haben vor der Zukunft, wenn sie Angst haben, dass Politik die Kontrolle verliert, wenn sie sich durch Europa vor den Gefahren der Globalisierung nicht hinreichend geschützt sehen, wenn sie sich vor der unübersichtlich gewordenen Welt mit einer Vielzahl von Konflikten nicht mehr zurechtfinden, dann müssen wir häufiger und geduldiger erklären, warum nationale Regierungen den daraus abgeleiteten Befürchtungen noch weniger entgegentreten können, als unser gemeinsames Europa. Und dass wir für die Lösung der allzu vielen Konflikte, ebenso wie für die großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts von Klima, Wasser, Energie immer weniger allein, immer mehr mit anderen Partnern zusammenarbeiten müssen. Häufig sogar in Allianzen und Bündnissen, in denen wir nicht mal freie Wahl haben, was die Partner angeht.

Welche Zukunft haben wir, fragen sich viele. Nicht notwendig eine schlechtere Zukunft als die Gegenwart, sage ich. Und nur wie Amerikaner das können, hat Obama zuletzt in seiner Rede im April in Hannover gesagt:

"Wenn die Menschen aus den letzten fünf Jahrhunderten sich frei entscheiden könnten, in welchem Zeitalter sie leben wollen, würden sie sich für das heute entscheiden."

Trotz aller Veränderungen, gewachsener Komplexität und weltweiter Vernetzung, die Zukunft ist offen und wir haben Einfluss darauf, wie sie wird. Und wir haben die Verantwortung, uns nicht zu entziehen – uns einzumischen, wie Martin Luther fordern würde.

Der beste Weg die Zukunft vorauszusagen, ist, sie zu gestalten! Auch das ist Willy Brandt und auch das bleibt gültig.

Der Preis, mit dem Sie mich heute ehren, soll mir für meinen Anteil an dieser Arbeit an der Zukunft Mutmacher und Ansporn sein.

Vielen Dank.

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