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Rede von Europa-Staatsminister Michael Roth bei der Auftaktveranstaltung des deutsch-chinesischen Austauschprojekts "Kunst gemeinsam gestalten"

08.09.2016

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrte Frau Professor Yu Zhang,
liebe Dagmar Schmidt,
Sehr geehrter Herr Chen Ping,
liebe Künstlerinnen und Künstler,
sehr geehrte Damen und Herren,

worum geht's, wenn wir über die deutsch-chinesischen Beziehungen sprechen? Worauf richtet sich unser Blick bei der Betrachtung Chinas ganz besonders? Zugegebenermaßen stehen allzu oft Wirtschaft und Handel, Produkte und Investitionen im Mittelpunkt. Und sicher auch zu Recht: Denn China ist der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien, Deutschland ist Chinas wichtigster Handelspartner in Europa. Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Wirtschaft haben ein enges Netz von Kontakten und Begegnungen geknüpft. Allein zwischen unseren Regierungen bestehen derzeit über 60 Foren und Formate des Dialogs.

Doch erfreulicherweise sind unsere bilateralen Beziehungen längst keine reine Veranstaltung von Ministerinnen und Abgeordneten, von Unternehmern und Kaufleuten mehr. Sie werden vielmehr getragen von einem dichten Netzwerk persönlicher Kontakte und Freundschaften zwischen den Bürgerinnen und Bürgern unserer beiden Länder. Schüler, Studierende, junge Wissenschaftler und Künstlerinnen pflegen diesen so wertvollen gegenseitigen Austausch.

Dabei kommt es vor allem auf die junge Generation an. Wir tun deshalb viel, um junge Menschen aus Deutschland und China zusammenzubringen. Im Rahmen der 2008 vom Auswärtigen Amt ins Leben gerufenen Initiative „Schulen: Partner der Zukunft“ bieten mittlerweile über 120 chinesische Schulen Deutschunterricht in China an. An über 100 chinesischen Universitäten wird Germanistik gelehrt. An deutschen Hochschulen studieren derzeit rund 30.000 chinesische Studierende, wohingegen im letzten Jahr 8.200 Deutsche in China studierten. Tendenz: steigend.

In diesem Jahr haben wir gemeinsam mit unseren chinesischen Partnern das „Deutsch-Chinesische Jahr des Schüler- und Jugendaustausches“ ins Leben gerufen. Die Initiative steht unter dem treffenden Motto „Austausch – Freundschaft – Zukunft“. Nicht nur in diesem Jahr wollen wir Schülern, Studierenden, jungen Wissenschaftlerinnen und Künstlern aus China und Deutschland die Möglichkeit geben, sich noch besser kennenzulernen und noch mehr über das jeweils andere Land zu erfahren.

Denn wir wissen alle: Frühzeitige Erfahrungen mit anderen Kulturen und Sprachen prägen für das ganze Leben. Aus den Begegnungen der jungen Menschen erwachsen enge Beziehungen und Freundschaften, die auf gegenseitigem Verständnis und Respekt beruhen. Und das macht mir Hoffnung für die Zukunft: Denn diese jungen Leute, die wir jetzt zusammenbringen, werden doch die Beziehungen zwischen unseren beiden Ländern in den kommenden Jahren und Jahrzehnten prägen.

Die Vielfalt der Projekte ist groß: Neben den bewährten Schüleraustausch-programmen, Aufenthalten in Gastfamilien oder dem Freiwilligendienst zählen dazu beispielsweise auch ein zweisprachiges Online-Magazin, Dokumentarfilm-projekte in deutsch-chinesischen Teams oder der Musikwettbewerb „Jugend musiziert“.

Es geht in diesem Schüler- und Jugendaustauschjahr aber auch darum, neue Projekte und Initiativen zu fördern. Und wenn es sich dabei um ein so großartiges Leuchtturmprojekt handelt, wie das deutsch-chinesische Austauschprojekt „Kunst gemeinsam gestalten“, dann freut mich das von ganzem Herzen.

Herzlich danke ich den beiden Initiatorinnen, Frau Prof. Zhang und Dagmar Schmidt, die dieses wunderbare Projekt mit der Unterstützung vieler weiterer Partner – darunter auch das Auswärtige Amt – möglich gemacht haben.

Das Bemerkenswerte an diesem Projekt ist aus meiner Sicht, dass es noch einen großen Schritt über ein erstes Kennenlernen hinausgeht: Denn wenn 16 junge Künstlerinnen und Künstler aus Deutschland und China erst in Berlin und später in Peking für eine längere Zeit zusammenleben, sich gegenseitig inspirieren und gemeinsam etwas schaffen, dann wird das nicht ohne Folgen bleiben.

Das wird einen Nachhall hinterlassen, der weit über die eigentliche Laufzeit des Projekts hinausreicht. Sowohl im öffentlichen Raum, vor allem aber auch in Ihrem Bewusstsein und Ihrem Handeln, liebe Künstlerinnen und Künstler. Und vielleicht sogar – und bestenfalls – in Ihrer Kunst.

Das Besondere an der Kunst ist ja, dass sie – mit Schiller gesprochen – eine Tochter der Freiheit ist und keine Grenzen kennt. Im Gegenteil. Die Kunst spricht eine universelle Sprache, die jeder versteht und die Brücken baut.

In diesem deutsch-chinesischen Austauschprojekt wird die Kunst zum Mittel des Dialogs, der zu einem besseren Verstehen und zur Verständigung zwischen unseren beiden Gesellschaften und Kulturen führen kann. Durch den fremden Blick des Anderen gewinnen wir eine neue Perspektive auf das eigene Land, auf Ängste, Hoffnungen und Träume der Menschen.

Wir brauchen diese Sensibilität für und die Neugier auf die Kunst gerade in diesen schwierigen Zeiten: Es geht doch darum, den eigenen Blick zu schärfen, die Perspektive des Anderen zu verstehen und dann eine gemeinsame Sicht der Dinge zu entwickeln, um die Probleme des 21. Jahrhunderts konstruktiv zu lösen.

Sicherlich kann Kunst keine akuten Konflikte lösen. Was sie aber sehr wohl kann, ist Positionen beziehen, Perspektiven wechseln, Kritik üben und Fragen stellen. Und genau darauf kommt es doch gerade in diesen Zeiten globaler Krisen an, zumal es auch zwischen unseren Ländern immer noch in vielen Fragen ganz unterschiedliche Ansichten gibt: Einander zu verstehen und nicht zu verurteilen, einander zu erklären und nicht zu verklären, Vertrauen auf- und Skepsis abbauen - darum geht es mir!

Nutzen Sie daher Ihre Zeit in Berlin, liebe Künstlerinnen und Künstler, um miteinander und mit den Menschen dieser Stadt ins Gespräch zu kommen. Seien Sie offen, neugierig und mutig. Oder um es mal mit den Worten von Konfuzius zu sagen: „Was immer Sie tun, tun Sie mit Ihrem ganzen Herzen.“ Machen Sie neue Erfahrungen und schließen Sie Freundschaften. Davon profitieren nicht nur Sie selbst, sondern auch die  deutsch-chinesischen Beziehungen als Ganzes.

Im Namen des Auswärtigen Amts wünsche ich Ihnen viel Schaffenskraft, Erkenntnisfreude und Herzenslust für eine tolle Zeit hier bei uns in Berlin – und später in Peking!

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