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Rede von Außenminister Steinmeier anlässlich der jährlichen Tagung der Leiterinnen und Leiter der Deutschen Auslandsschulen im Auswärtigen Amt

06.01.2016

--es gilt das gesprochene Wort--

Sehr geehrte Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, liebe Ulla Schmidt,
Damen und Herren Abgeordnete,
Präsidenten und Vorsitzende Bauni, Schwerdtfeger und Lauer,
lieber Herr Ernst,
sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Lehrer-Verbände
und vor allem: liebe Schulleiterinnen und Schulleiter!

Hier im Weltsaal rufen wir jeden Sommer die deutschen Botschafterinnen und Botschafter aus aller Welt zusammen. Kein ganz schlechter Platz, haben wir uns gesagt, um auch Sie hier heute zu begrüßen: Die Bildungsbotschafter der Bundesrepublik Deutschland! Seien Sie herzlich willkommen!

Ich glaube, es ist noch nicht zu spät, Ihnen allen ein Frohes Neues Jahr zu wünschen. Und: Vielleicht ein friedlicheres Jahr, als das letzte!

Wobei die Vorboten ja nicht wirklich günstig scheinen, wenn ich an die letzten Tage denke, mit Blick nach Saudi Arabien oder anderswo.

Die Krisen und Konflikte dieser Welt halten uns in Atem. Auch viele von Ihnen, meine Damen und Herren, haben an Ihren Schulen die Auswirkungen von Krieg und Gewalt, von Flucht und Vertreibung erlebt – ob in Erbil, in unmittelbarer Nähe der Konfliktlinien. Oder in Schulen entlang der Flüchtlingsrouten nach Europa: in Beirut, Belgrad oder Zagreb. Unzählige Lehrer und Schüler haben sich dort engagiert, haben Kleider gesammelt, sind mit Spenden zu Unterkünften gefahren, haben Theater gespielt haben, für Kinder in Flüchtlingslagern.

An manchem Ort aber stand die Schule selbst unter Beschuss. Vor gut einem Jahr erhielt ich einen Brief von Tetyana Prystuba der Leiterin der Mittelschule Nr. 19 in Donezk, einer Schule aus unserem PASCH-Netzwerk: „Auf keinen Fall hören wir mit dem Unterricht auf“, schrieb sie. „Jeden Tag haben unsere Schüler drei Stunden, weil es noch nicht warm genug im Schulgebäude ist. Das Kollegium hat sich entschieden, das Weihnachtsfest trotz allem in der Schule zu feiern, weil unsere Kinder auch lachen, tanzen, singen wollen.“

Die Schule in Donezk wurde im Jahr 2014 in den Kämpfen zwischen Separatisten und ukrainischem Militär mehrfach getroffen, fast alle Fenster und Türen wurden zerstört. Doch die Kinder wollen weiterlernen! Also trieb unser Generalkonsulat in Donezk gemeinsam mit dem Schulreferat hier in der Zentrale Mittel, Gelder und Handwerksunternehmen auf, und bis Ende Januar 2015 waren Fenster und Türen repariert.

Und dann? Wenige Wochen später gab es wieder Granatbeschuss und neue Schäden. Wieder schrieb mir Frau Prystuba einen Brief. Und was haben wir getan? Wir haben neue Fenster und Türen gebaut. Es ist geradezu sinnbildlich für die Außenpolitik in Krisenzeiten: Fortschritte sind mühsam, und Rückschritte fast voraussehrbar, aber Aufgeben darf keine Option sein! Seit Anfang September 2015 hat die Mittelschule 19 jedenfalls ihren regulären Betrieb wieder aufgenommen. Das ist ein schönes Signal!

Warum erzähle ich Ihnen diese Geschichte aus der Ostukraine? Weil sie zeigt, wie eng politische Glaubwürdigkeit zusammen hängt mit konkretem Engagement vor Ort. Weil sie zeigt, wie eng Außenpolitik und Bildungsengagement ineinander greifen. Und wie wichtig Bildungsarbeit für den Frieden ist. Denn was wäre wohl passiert, wenn wir nicht geholfen hätten? Wäre die Schule geschlossen worden? Wären die Kinder ohne Hoffnung auf Bildung auf der Straße gestanden? Eltern und Lehrer resigniert?

Für mich ist klar: Wie zu den Kernaufgaben des Auswärtigen Amtes die humanitäre Hilfe zählt, so zählt auch die Hilfe zur Humanität dazu – und Hilfe zur Humanität, das sind nun einmal Kultur und Bildung!

Deswegen, und der ein oder andere unter Ihnen wird es vielleicht bereits bemerkt haben, haben wir auch die gesamte Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik neu justiert. Unsere Kulturpolitik kann sich nicht nach ästhetischen Kriterien ausrichten, sondern muss sich um die gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen mit kümmern. Wir wollen und müssen die soziale Kraft der Kultur stärken.

Denn Kultur und Bildung, das heißt die Förderung eines selbstbestimmten Lebens. Das heißt, Unterschiede verstehen und überbrücken. Das heißt, lernen und lehren, Verantwortung zu übernehmen.

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Meine Damen und Herren,

was sich in Krisengebieten wie im Brennglas zeigt, das gilt aber als Regel auch in den anderen Erdteilen. Und deswegen liegt uns der Erfolg der Schulbildung im Ausland so am Herzen. Sie leben vor Ort an Ihren Schulen vor, was Deutschland für ein Land ist, welche Fragen es sich stellt, was seine dunklen und hellen Seiten sind. Sie öffnen Wege des Verstehens und schaffen die Grundlage für Bildungsbiographien, in denen Ihre Absolventen oft ein Leben lang mit unserem Land verbunden bleiben. Wie oft begegne ich auf meinen Reisen dem Chef eines Unternehmens, einem Minister oder einem Opernsänger, der mir von seiner Zeit an der Deutschen Schule vorschwärmt, dem der DAAD anschließend noch ein Stipendium gegeben hat und der vielleicht sogar später Stipendiat der Alexander von Humboldt Stiftung gewesen ist. Auch das, meine Damen und Herren, ist Ihr Verdienst! Und dafür danke ich Ihnen.

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Ich freue mich sehr, dass ich dies heute mit guten Nachrichten verknüpfen kann. Und das verdanken wir in erster Linie den Abgeordneten des Deutschen Bundestages und seiner Vizepräsidentin! Der Bundestag hat den Deutschen Auslandsschulen für dieses Jahr zusätzlich 22 Mio. Euro zur Verfügung gestellt!

Dahinter, liebe Ulla Schmidt, stecken Wochen, Monate harter Überzeugungsarbeit über Fraktions- und Ausschussgrenzen hinweg. Dahinter steckt ein politischer Ansatz: Vom Anliegen der Inklusion über das Thema des Aufstieges durch Bildung bis hin zu einem unermüdlichen Einsatz für die Interessen der Lehrer. Dafür sage ich Dir, liebe Ulla, und den Kolleginnen und Kollegen Abgeordneten, herzlichen Dank!

Für uns heißt das: 2 Mio. Euro für bauliche Maßnahmen und 20 Mio. für unsere Lehrkräfte und den weiteren qualitativen Ausbau unserer Schulen. Dies ist ein enormer Vertrauensbeweis.

Nach der Umsetzung des Auslandsschulgesetzes wollen wir nun die Lehrkräfte-Besoldung modernisieren – und vor allem deutlich familienfreundlicher gestalten. Gemeinsam mit den Verbänden, der KMK, der ZfA haben wir hier gute Vorarbeit geleistet. Wir sollten auf dieser Grundlage in den nächsten Wochen zum Abschluss kommen. Damit stärken wir auch die Schulen im Wettbewerb um gute Lehrkräfte. Denn: Ohne gute Lehrer geht es nicht. Sie sind das Herzstück unserer Auslandsschulen. Zugleich wollen wir, dass an den Schulen mehr getan wird für Inklusion, für soziale Maßnahmen und den weiteren qualitativen Aufbau.

Vieles ist uns hierbei bereits gelungen, doch manches gehört auch auf den Prüfstand. Wir wollen deshalb schon zum Ende dieses Jahres die Erfahrungen aus der Umsetzung des Auslandsschulgesetzes evaluieren.

Wir werden uns auch gemeinsam mit dem WDA des Themas Schulmanagement noch einmal annehmen. Und wir wollen den Blick auf das gesamte PASCH-Netzwerk richten: Viele nationale Schulen, die zu unserem Netz gehören und verstärkt Deutsch anbieten, haben seit dem Start der Initiative neue Partnerschaften etabliert - und viel Interesse in ihren Ländern hervorgerufen. Darüber freuen wir uns sehr.

Wir sollten also sehen, wo und in welchem Umfang sich eine Ausweitung der Deutschen Auslandsschulen und der PASCH-Schulen anbietet. Ich denke dabei vor allem an Mittel- und Osteuropa, an Afrika und manche Regionen in Asien.

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Meine Damen und Herren,

unsere Auslandsschulen tragen seit vielen Jahren dazu bei, Brücken aus Deutschland in die Welt zu schlagen. Vielleicht wird uns aber gerade in diesen Tagen stärker bewusst, wie sehr die dort gelebte Begegnung auch einen konkreten Beitrag dazu leisten kann, Deutschland selbst zukunftsfähig zu machen!

Dabei geht es auch darum, diejenigen Instrumente, die wir in vielen Jahren entwickelt haben, für Deutschland nutzbar zu machen. Ich nenne beispielhaft das „Deutsche Sprachdiplom Inland“, das sich als Weiterentwicklung der Sprachprüfungen im Ausland zu einem wertvollen Instrument überall dort entwickelt hat, wo Schülerinnen und Schüler Deutsch als Fremdsprache erst erlernen müssen. Das gilt heute natürlich besonders bei der schulischen Integration der Kinder, die als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen sind.

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„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ – Sie alle kennen das Diktum Wittgensteins. Eben deshalb ist es so wichtig, dass die neu angekommenen Menschen unsere Sprache lernen. Nicht nur wegen der Welt Goethes und Schillers, der Welt von Hannes Wader und Max Raabe oder von Feridun Zaimoglu und Sten Nadolny. Sondern weil die deutsche Sprache eine republikanische Sprache, eine Sprache der Gleichheit, der Freiheit und der Demokratie geworden ist!

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Klar ist für mich: Wir müssen die Erfolge der Bildungszusammenarbeit im Ausland auch hier in Berlin zeigen! Ich freue mich deshalb, dass die Robert-Bosch-Stiftung zum zehnjährigen Bestehen des Deutschen Schulpreises in diesem Jahr erstmalig die Deutschen Auslandsschulen mit in die Auswahl aufnehmen wird. Das ist eine großartige Anerkennung für Ihre Leistung!

Auf diesem Weg wollen wir weiter gehen. Wir werden gemeinsam mit Ihnen und allen Partnern im April ein großes Forum der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik ausrichten. Die ersten beiden Tage sind der von mir 2008 ins Leben gerufenen Partnerschulinitiative gewidmet. Abends wird es eine „lange Nacht der Ideen“ in ganz Berlin geben und schließlich folgt eine Konferenz, auf der wir die gesamte Breite unserer Kultur- und Bildungsarbeit zeigen. Seien Sie alle dazu herzlich eingeladen!

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Meine Damen und Herren,

lassen Sie uns gemeinsam werben für unsere schulische Bildung im Ausland, unsere Anstrengungen in Kultur, Wissenschaft und Forschung. Denn durch eine Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, die sich als Hilfe zur Humanität begreift, schaffen wir ein Stück weit das, was Willy Brandt uns als Aufgabe gegeben hat: die Arbeit an der "Weltvernunft".

Die ist heute dringender denn je!

Vielen Dank.

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