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Grußwort von Europa-Staatsminister Michael Roth anlässlich der Ausstellungseröffnung "Nie wieder Atomtests – Deutschland und der Teststoppvertrag" im Auswärtigen Amt

02.09.2015

- es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,

in vielen Museen und Ausstellungen gehören Verbotsschilder mittlerweile fast schon genauso zum Fundus wie die ausgestellten Exponate: "Nicht berühren!" oder "Fotografieren verboten!" heißt es da. Und seit Neustem sind in vielen Museen sogar schon Selfie-Sticks tabu…

Lassen Sie mich mit der guten Nachricht beginnen, liebe Gäste: Sie haben sich hier heute zwar zu einer Ausstellungseröffnung eingefunden. Aber ein verstaubtes Museum mit strengen Regeln ist das Auswärtige Amt glücklicherweise nicht! Wir verstehen uns selbst als (welt)offenes, besucherfreundliches Haus. Für interessierte Bürgerinnen und Bürger und Gäste aus aller Welt stehen unsere Türen jederzeit offen – wie zuletzt am vergangenen Wochenende beim "Tag der offenen Tür".
Und deshalb haben wir unseren Lichthof auch sehr gerne als Standort für die Ausstellung "Nie wieder Atomtests – Deutschland und der Teststoppvertrag" zur Verfügung gestellt. Daher noch einmal: Herzlich Willkommen im Auswärtigen Amt!

Ich gebe es offen zu: Die Materie, um die es hier geht, ist durchaus komplex. Aber durch die hier ausgestellten Exponate wird sie für die Besucherinnen und Besucher im wahrsten Sinne des Worte (be)greifbar. Denn in dieser interaktiven Ausstellung heißt es ausdrücklich: Anfassen erlaubt! Das gilt zum Beispiel für das begehbare Inspektionszelt oder auch für das Georadar-Gerät, das die Inspekteure bei ihren Feldübungen verwenden. Probieren Sie es doch später einfach mal selbst aus!

Diese Ausstellung gibt in den nächsten sechs Wochen einen guten Überblick über die gesamte Bandbreite des nuklearen Teststoppvertrags:
Von den Anfängen der CTBTO (Comprehensive Nuclear-Test-Ban Treaty Organization) über die technische Umsetzung bis hin zum aktuellen Stand der Umsetzung des Vertrags.

Wir "feiern" mit dieser Ausstellung einen Vertrag, der nicht weniger als ein Unikat und zugleich Paradox in der Geschichte der Diplomatie ist: Obwohl der Atomwaffenteststopp-Vertrag selbst noch gar nicht in Kraft getreten ist, ist sein Überprüfungssystem nahezu vollständig eingerichtet. De facto sind wir bereits heute in der Lage, weltweit Atomtests nachzuweisen.

Berücksichtigt man noch, dass sich mit der unrühmlichen Ausnahme von Nordkorea alle Staaten der Welt an Teststopp-Moratorien halten, so wird klar: Das Vertragssystem leistet schon heute einen wichtigen Beitrag für das Fernziel einer Welt ohne Atomwaffen.

Und dennoch: Es gibt überhaupt keinen Grund, sich zufrieden zurückzulehnen. Der Vertrag muss so schnell wie möglich in Kraft treten, um seine volle normative Kraft entfalten zu können. Immer noch haben acht Staaten den Vertrag nicht ratifiziert – darunter die USA, Israel, China, Iran und Nordkorea. Dafür werben wir gemeinsam mit den Staaten, die sich als Freunde des Teststopp-Vertrags dieses Ziel auf die Fahnen geschrieben haben.
Unterstützt werden wir dabei von der Gruppe der "Eminent Persons", die von Ihnen, Herr Zerbo, ins Leben gerufen wurde. Ich freue mich, dass heute auch Dr. Wolfgang Hoffmann, eines der Mitglieder dieser Gruppe, anwesend ist.

Mit dieser Ausstellung möchten wir den Teststopp-Vertrag und seine Bedeutung einer breiteren Öffentlichkeit näher bringen.

So war bisher meist nur Fachleuten bekannt, dass das Überwachungssystem des Vertrags überlebenswichtige nicht-militärische Informationen liefert. Oder wussten Sie etwa, dass der Aufbau des Tsunami-Frühwarnsystems ein "Nebenprodukt" des CTBT ist? Damit macht der Vertrag unsere Welt schon heute sicherer und ist imstande, Menschenleben zu retten.

Sehr geehrte Damen und Herren,

bisweilen hilft es, sich an den Schrecken des Krieges und an seine schmerzhaftesten Momente zu erinnern, damit wir aufs Neue ermessen können, welch großartiges Geschenk eine friedliche Welt ist.

Am 6. bzw. 9. August 2015 jährten sich der Abwurf der Atombombe auf Hiroshima und Nagasaki zum 70. Mal. Auch nach 70 Jahren haben die Bilder der Katastrophe nichts von ihrem Schrecken verloren.

Bis heute entsetzt uns die hohe Zahl der Toten und Verletzten. Bis heute schockiert uns das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörung. Was im August 1945 in Hiroshima und Nagasaki geschehen ist, war weit mehr als nur eine nationale Tragödie für Japan. Beide Orte stehen heute im kollektiven Gedächtnis der ganzen Welt für einen der schlimmsten Tiefpunkte der menschlichen Zivilisation.

Hiroshima und Nagasaki markierten den Beginn einer neuen Epoche – einer Phase des nuklearen Wettrüstens und -testens. Albert Einstein brachten diesen Wahnsinn treffend auf den Punkt: "Der Mensch erfand die Atombombe – doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren."

Die animierte Weltkarte des japanischen Künstlers Hashimoto in dieser Ausstellung illustriert das auf sehr eindrückliche Art und Weise. Zu Hochzeiten des Kalten Krieges verfügten die Atommächte über Zehntausende von Nuklearwaffen. Und nicht nur einmal – denken wir an die Kubakrise – ist die Welt um Haaresbreite einer nuklearen Katastrophe entgangen. Nicht nur einmal lag der Finger schon auf dem berüchtigten "roten Knopf".

Für uns Europäerinnen und Europäer war das Ende des Kalten Krieges ein historischer Glücksfall.
Die nuklearen Arsenale sind seit den späten 1980er Jahren des vergangenen Jahrhunderts um mehr als 80 Prozent reduziert worden. Die Logik des Wettrüstens schien damit überwunden.

Doch auch heute gibt es weltweit immer noch mehr als 15.500 Nuklearwaffen. Mehr als genug also, um diese Welt für immer zu zerstören. Einige Staaten rüsten sogar auf.

Nordkorea hat zuletzt 2013 eine Atombombe getestet und droht mit weiteren Tests. Das ist ein eklatanter Bruch des internationalen Rechts, den das internationale Überwachungssystem der CTBTO zweifelsfrei nachweisen konnte.

Bislang 289 aktive Messstationen weltweit helfen uns aber nicht nur beim Nachweis von Atomtests. Dieses umfassende internationale Überwachungssystem liefert eben auch hilfreiche Daten nach Katastrophen wie beispielsweise in Fukushima, Vulkanausbrüchen oder präventiv für Tsunami-Warnungen.
Weltweit arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wisenschaftler rund um die Uhr für das Netzwerk und verbessern die Nachweismöglichkeiten – auch in Deutschland.

Lassen Sie mich an dieser Stelle Herrn Botschafter a.D. Hoffmann als erstem Generalsekretär der CTBTO ausdrücklich für seine wichtige Pioniertätigkeit beim Aufbau der Organisation danken. Mein Dank gebührt auch den Betreibern und Beschäftigten der fünf deutschen Stationen des weltweiten Überwachungssystems sowie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe und dem Bundesamt für Strahlenschutz für ihr großartiges Engagement – und heute hier sehr konkret für Ihre Beteiligung an dieser einzigartigen Ausstellung.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Abrüstung und Nichtverbreitung bleiben zentrale Elemente einer vorausschauenden Sicherheitspolitik. Unser erklärtes Ziel ist eine Welt ohne Atomwaffen – oder wie es in Fachkreisen heißt: "Global Zero" muss kommen!

Dabei wissen wir: Dieses ehrgeizige Ziel lässt sich nicht über Nacht erreichen. Abrüstung erfordert vielmehr einen langen Atem – und Vertrauen zwischen den Partnern. Daher müssen wir uns auch unter schwierigen Umständen, auch gerade jetzt im Angesicht der vielen aktuellen Konflikte und Krisen, für neues Vertrauen, für neue Initiativen und für neue Impulse bei der Abrüstung einsetzen.

Denn "Global Zero" ist eben keine Utopie – es ist eine schiere Notwendigkeit. Dafür gibt es viele gute Gründe. Der wichtigste ist sicher die Einsicht, dass wir die Welt nur so davor bewahren können, dass sich die Katastrophen von Hiroshima und Nagasaki jemals wiederholen.

Der Weg dorthin ist mit vielen Hindernissen gepflastert. Ich selbst habe im April in New York an der Konferenz der Vereinten Nationen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen teilgenommen.

Leider ist es am Ende der Konferenz nicht gelungen, ein ambitioniertes Abschlussdokument zu unterzeichnen. Dennoch zeigen uns Erfolge wie die Wiener Einigung im Atomstreit: Selbst in schwierigsten Situationen sind diplomatische Lösungen und Fortschritte möglich. Und dafür lohnt sich wirklich jede Mühe!

Sehr geehrte Damen und Herren,

Der Atomwaffenteststopp-Vertrag ist schon heute eine der tragenden Säulen des internationalen Regimes zur Nichtverbreitung und nuklearen Abrüstung. Sein Inkrafttreten wäre ein echter Meilenstein auf dem Weg zu einer Welt ohne Atomwaffen!

Mit dieser Ausstellung hier im Lichthof wollen wir einen kleinen Beitrag dazu leisten, um für diesen so wichtigen Vertrag zu werben. Der CTBTO und Ihnen, lieber Herr Zerbo, gebührt unser herzlicher Dank für die Leihgabe vieler Exponate aus der Praxis. Ich bin überzeugt: Damit können sich die Besucherinnen und Besucher ein ganz realistisches Bild von der tagtäglichen Arbeit zur Überwachung des Vertragsregimes machen. Und nun wünsche ich uns allen viel Spaß beim Anfassen und Ausprobieren!

Weitere Informationen: Ausstellung "Nie wieder Atomtests - Deutschland und der Teststoppvertrag"

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