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Laudatio von Außenminister Steinmeier zur Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern an Heidi Tagliavini

17.08.2015

Verehrte Gäste,

liebe Heidi Tagliavini,

Bundespräsident Gauck ist einer, wie ich finde, nur allzu berechtigten Ordensanregung gefolgt: Er verleiht Ihnen das Große Verdienstkreuz mit Stern für Ihre herausragenden Verdienste als Vermittlerin und Krisendiplomatin. In seinem Auftrag habe ich heute die Aufgabe, Ihnen die Auszeichnung zu übergeben. Und nichts täte ich lieber.

Wir beide haben in den letzten Jahren intensiv zusammengearbeitet, oft unter schwierigsten Bedingungen. Ich erinnere mich an eine meiner Kiew-Reisen in einer sehr heißen Phase des Konflikts: Sie hatten an diesem Tage unzählige Krisen-Treffen und kamen gerade aus dem Donbass zurück. Vergeblich hatten wir über den Tag versucht, uns zu treffen. Es blieb schließlich nur 1 Uhr nachts, aber Sie zögerten keinen Moment mit der Zusage.

Von Müdigkeit war bei Ihnen keine Spur. Mit Elan diskutierten Sie die Entwicklungen. Hochkompetent und umsichtig analysierten Sie die Konfliktpunkte. Und dabei war vor allem eines spürbar: Ihr unbedingter Wille, voranzukommen. Nicht aufzugeben, auch in dieser schwierigen Situation.

Für mich zeigte sich in dieser und den unzähligen Begegnungen, die folgten, warum es absolut keine Übertreibung ist zu sagen: Sie, liebe Frau Tagliavini, sind eine Krisendiplomatin par excellence.  

Ob in der Ukraine, in Russland oder in Georgien – in Ihren Einsätzen haben Sie bewiesen, dass Diplomatie den entscheidenden Unterschied machen kann. Ihre profunden Kenntnisse von Sprache, Kultur und Mentalität Russlands sind Ihnen unverzichtbares Rüstzeug. Das Entscheidende für Ihren Erfolg ist aber, glaube ich, etwas anderes: Ihre persönliche Herangehensweise. Ihr Mut und Ihre Beharrlichkeit zum einen. Und Ihre Behutsamkeit, Ihr Feingefühl zum anderen: Sie gehen auf jeden Gesprächspartner offen zu und zeigen, dass sie ihn als Menschen respektieren und dass er Ihnen vertrauen kann. Denn es gibt niemanden, auch nicht den abgebrühtesten Warlord, der nicht auch als Mensch wahrgenommen und geschätzt werden will.

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Im Ukraine-Konflikt haben Sie diese besonderen Fähigkeiten zuletzt unter Beweis gestellt. Vor gut einem Jahr wurden Sie im Auftrag des Schweizer OSZE-Vorsitzes mit dem Aufbau der Trilateralen Kontaktgruppe betraut. Schon einen Tag später waren Sie in Kiew. Niemand von uns konnte damals wissen, wie sich dieser Konflikt noch entwickeln würde. Sie hatten von Anfang an keine Illusionen und warnten, dass es keine Lösung von heute auf morgen geben werde. Aber vielleicht ahnten selbst Sie damals nicht, dass Sie mehr als ein Jahr in Kiew bleiben würden.

Unter Ihrer Leitung einigte sich die Kontaktgruppe schnell auf Grundlinien für eine friedliche Konfliktbeilegung, die zur Basis aller folgenden Bemühungen um einen Waffenstillstand und um eine politische Lösung wurden. Die Kontaktgruppe baute dann einen ständigen Gesprächskanal zu Separatistenvertretern in Donezk und Luhansk auf. Sie haben in die Beratungen der Kontaktgruppe auch eine erste Blaupause für einen umfassenden Waffenstillstand eingebracht, wie er im September letzten Jahres in Minsk erstmals vereinbart wurde.

Angesichts der dramatischen Entwicklung des Konflikts hatten Sie immer wieder Feuerwehr-Aufgaben zu übernehmen und akute Krisen zu entschärfen: Bei der Freilassung von OSZE-Beobachtern, bei der Bewältigung der Folgen des katastrophalen Abschusses von MH17, beim Umgang mit den sogenannten humanitären Konvois aus Russland, um nur einige wenige Themen zu nennen. Ich weiß, mit welch hohem persönlichen Einsatz diese Arbeit für Sie verbunden war. Und ich möchte Ihnen auch an dieser Stelle noch einmal herzlich für Ihr Engagement danken!

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Liebe Heidi Tagliavini,

die Ukraine war nicht der erste Kriseneinsatz, in den Sie buchstäblich hineingeworfen wurden.

Ich möchte nur einige andere nennen: Im April 1995 setzte ein russischer Militärhubschrauber Sie mit einer kleinen Gruppe von OSZE-Diplomaten im zerschossenen Grosny ab. Sie waren mitten in einer Bürgerkriegszone gelandet und hatten den Auftrag, durch Kontakte und Gespräche eine friedliche Lösung zu fördern, wie es lapidar im Mandat hieß. Das war der Beginn Ihrer inzwischen 20-jährigen Tätigkeit als Krisendiplomatin überwiegend im postsowjetischen Raum.

Zwei Jahre nach Ihrem Einsatz in Tschetschenien kehrten Sie in den Kaukasus zurück, für die VN-Beobachtermission in Georgien.

Über diese Mission haben Sie einmal bemerkt, wie schwer es Außenstehenden zu vermitteln ist, was Sie dort eigentlich getan und was Sie erreicht haben. Glauben Sie mir, dieses Gefühl kenne ich gut! Tatsache ist aber: Sie haben die Parteien miteinander im Gespräch gehalten und sind in geduldiger Kleinarbeit jedem Zwischenfall nachgegangen. Im Ergebnis ist es Ihnen gelungen, während dieser Zeit einen neuen Ausbruch von Feindseligkeiten zu verhindern. Für die vom Konflikt betroffenen Menschen ist das ein großes, vielleicht das entscheidende Ergebnis.

Zudem haben Sie bewiesen, dass es möglich ist, den Menschen ungeachtet der politischen Unsicherheiten wieder Zuversicht zu geben. Sie haben Dutzende von praktischen Projekten initiiert. Ich nenne nur ein Beispiel: Die Einrichtung einer Busverbindung über die Inguri-Brücke. Das klingt profan, bedeutete aber für die Bevölkerung eine ganz große Erleichterung.

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Meine Damen und Herren,

Wie wenig selbstverständlich es ist, dass während eines Waffenstillstands die Waffen auch tatsächlich dauerhaft schweigen, wissen wir nicht erst seit der Ukraine-Krise. Uns allen wurde es im August 2008 vor Augen geführt, als der Krieg zwischen Russland und Georgien ausbrach. Der EU unter Präsident Sarkozy gelang es zum Glück, einen neuen Waffenstillstand zu vereinbaren. Der Informationskrieg um Ursachen und Verantwortung für diesen Konflikt ging aber unvermindert weiter. Es gab gegenseitige Schuldzuweisungen, es wurde an Legenden gestrickt. In dieser Situation war klar: Um Ansätze für eine politische Lösung zu schaffen, musste zunächst geklärt werden, was überhaupt vorgefallen war.

Die EU-Außenminister baten Sie, liebe Heidi Tagliavini, eine Untersuchungsmission aufzubauen und sie zu leiten. 10 Monate später legten Sie einen Bericht über den Krieg und seine Vorgeschichte vor, den wir seitdem als „Tagliavini-Bericht“  kennen.

Mit diesem Dokument gelang Ihnen das unglaubliche Kunststück, den Konflikt auf gut 1000 Seiten so gründlich aufzuarbeiten, dass alle Seiten ihn als Berufungsgrundlage über das Geschehene akzeptiert haben – oder besser: akzeptieren mussten.

So etwas geht nur mit unbestechlicher Unparteilichkeit und Akribie  - und einer gehörigen Portion Widerstandsfähigkeit gegen politischen Druck.

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Liebe Heidi Tagliavini,

mit Ihrem Wirken haben Sie Standards für die internationale Konfliktbewältigung gesetzt. Sie haben damit das Profil, die Autorität und die Handlungsfähigkeit der OSZE und anderer internationaler Organisationen bei der Bewältigung bewaffneter Konflikte gestärkt.

Für mich persönlich und meine Mitarbeitern waren Sie gerade in der Ukraine-Krise eine unverzichtbare Orientierungs- und Ratgeberin. Dazu gehörte auch, dass Sie uns immer wieder – auch wenn wir das nicht immer gerne hören wollten – an die Realitäten vor Ort erinnerten und an die damit verbundenen Schwierigkeiten, scheinbar einfache, vernünftige Lösungen umzusetzen.

Denn mit Friedrich Dürrenmatt wissen Sie:

"Die Unvernunft ist in der Welt die Regel, nicht die Vernunft."

Die Entwicklungen in einigen Weltregionen legen leider die Vermutung nahe, dass Dürrenmatt Recht hatte. Er sagte aber auch, und auch diesen Satz zitieren Sie gern:

"Man darf nie aufhören, sich die Welt so vorzustellen, wie sie am vernünftigsten wäre."

Beide Aussagen zusammengenommen sind Leitsätze Ihrer Tätigkeit. Sie stehen für Ihren Realismus und für Ihre Prinzipientreue.

Sie haben in Konflikten, in denen große Unvernunft herrschte, unermüdlich und illusionslos daran gearbeitet, die Welt ein wenig vernünftiger zu machen. Und ich darf hinzufügen: Sie haben die Welt auch ein wenig menschlicher gemacht.

Herzlichen Dank!

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