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Grußwort des Staatsministers für Europa Michael Roth zum 7. "Konzert für den Frieden" in der Residenz des japanischen Botschafters

06.08.2015

--- Es gilt das gesprochene Wort ---

Sehr geehrte Damen und Herren,

der 6. August 1945 ist ein sonniger Morgen in Hiroshima. Doch als um 08.15 Uhr die Atombombe über der Stadt explodiert, ist von einem Augenblick auf den anderen nichts mehr wie vorher. Die Katastrophe beginnt mit einem grellen Lichtblitz am Himmel, dann folgt ein gewaltiges Donnergrollen. Innerhalb von Sekunden machen die heftige Druckwelle und die extreme Hitze der Explosion weite Teile von Hiroshima dem Erdboden gleich. Später geht schwarzer, radioaktiver Regen über der ganzen Stadt nieder. Den Überlebenden bietet sich ein schreckliches Bild der Zerstörung: Überall Tote und Verletzte, Schutt und Trümmer soweit man blicken kann. Es ist ein Albtraum. Drei Tage später, am 9. August 1945, wiederholt sich dieser Albtraum in Nagasaki noch ein weiteres Mal.

Auch 70 Jahre später haben die Bilder der Katastrophe von Hiroshima und Nagasaki nichts von ihrem Schrecken verloren. Bis heute entsetzt uns die hohe Zahl der Toten und Verletzten. Bis heute schockiert uns das unvorstellbare Ausmaß der Zerstörungen. Die Erinnerungen der Überlebenden – in Japan werden sie „Hibakusha“ genannt – sind eigentlich nicht in Worte zu fassen. Und doch müssen wir Worte finden für das Unfassbare. Denn was im August 1945 in Hiroshima und Nagasaki geschehen ist, war weit mehr als nur eine nationale Tragödie für Japan. Beide Orte stehen heute im kollektiven Gedächtnis der ganzen Welt für einen der schlimmsten Tiefpunkte der menschlichen Zivilisation.

Beim „Konzert für den Frieden“ hier in der Residenz des japanischen Botschafters wollen wir gemeinsam auf diese Katastrophe vor 70 Jahren zurückblicken. Das ist an diesem Ort und an diesem Tag mittlerweile Tradition – und das aus gutem Grund. Denn nur wenn wir die Erinnerung an den Schrecken des Krieges und an seine schmerzhaftesten Momente wach halten, können wir immer wieder aufs Neue ermessen, welch großartiges Geschenk eine friedliche Welt ist. Und nur wenn wir die richtigen Lehren aus unserer wechselhaften Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen ziehen, können wir gemeinsam eine bessere Zukunft gestalten – eine Zukunft ohne Krieg, eine Zukunft ohne Atomwaffen.

2015 gedenken wir weltweit auch des 70. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. So wie Hiroshima und Nagasaki für die schwersten Stunden in der Geschichte Japans stehen, steht Auschwitz sinnbildlich für ein Menschheitsverbrechen, das von Deutschen und in deutschem Namen kaltblütig geplant und über Jahre hinaus konsequent in die Tat umgesetzt wurde.

Auschwitz steht für den Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus, dem fast ein ganzes Volk anhing, auf den Leim ging oder ihn zumindest widerstandslos über sich ergehen ließ. Und anfangs mit Hurra, aber auch noch gegen Ende, als die Niederlage allen klar sein musste, oft noch mit entschlossener Verbohrtheit, zog mein Volk in den Zweiten Weltkrieg. In einen Angriffs- und Vernichtungskrieg, dem am Ende mehr als 60 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Wir kommen in Deutschland gar nicht daran vorbei, als uns immer wieder an jene Jahre, in denen Deutschland auf den Tiefpunkt seiner Geschichte abgesunken war, zu erinnern. Wir kommen gar nicht daran vorbei, uns immer wieder zu fragen: Wie konnte das bloß passieren? Wie konnte aus Deutschland jemals das Land des Nazi-Terrors werden? Ja, es ist schmerzhaft. Auch und gerade für meine Generation, die keine persönliche Schuld, dafür aber Verantwortung trägt, dass so etwas nie wieder geschieht.

Meine Erfahrung zeigt mir aber auch, dass das Bekenntnis von Schuld, die Übernahme von Verantwortung, die Bitte um Vergebung, eine stille Umarmung, eine Verneigung vor den Opfern Kraft geben und Versöhnung erst ermöglichen.

Wir können uns nämlich nicht vor der Erinnerung – und erst recht nicht vor unserer historischen Verantwortung – wegducken, weil aus ihr der vielleicht wichtigste Imperativ erwächst, der die deutsche Nachkriegsgeschichte wie kein anderer geprägt hat: Es ist der Imperativ des „Nie wieder!“. Nie wieder darf Deutschland zum Unruhestifter in der Welt werden. Nie wieder dürfen Menschenrechte in Deutschland oder von Deutschen mit Füßen getreten werden. Und nie wieder dürfen wir wegschauen, wenn die Werte der Zivilisation in den Schmutz gezogen werden.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs, dessen Ausbruch Deutschland maßgeblich zu verantworten hat, gab uns Deutschen die Chance für einen Neuanfang.

Ohne unsere Nachbarn und Partner, die uns trotz der Verbrechen der Kriegsjahre die Hand zur Versöhnung gereicht haben, wäre dieser Neuanfang, diese „Stunde Null“, für Deutschland nicht möglich gewesen. Nur durch die Bereitschaft zur Versöhnung konnte Deutschland Schritt für Schritt in die Mitte Europas und die internationale Staatengemeinschaft zurückkehren.

Aus den rauchenden Ruinen der Kriege des 20. Jahrhunderts haben wir den Auftrag mitgenommen, uns gemeinsam für eine friedliche Lösung von Konflikten einzusetzen. Dieser Auftrag muss uns leiten – ob es sich um Russland und die Ukraine handelt, ob es sich um Territorialfragen im süd- und ostchinesischen Meer handelt, ob es sich um den Nahen und Mittleren Osten oder auch um Europa selbst handelt.

Ohne Zweifel: Der Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki vor 70 Jahren gehört zu den dunkelsten Kapiteln der Menschheitsgeschichte. Das unermessliche Leid, das der Einsatz dieser grausamen Massenvernichtungswaffen verursacht hat, ist und bleibt uns allen Mahnung und Verpflichtung, weiterhin mit aller Kraft und Entschiedenheit für eine Welt ohne Atomwaffen zu arbeiten.

Doch der Weg dorthin hält viele Hindernisse und Enttäuschungen bereit. Zwar sind die nuklearen Arsenale seit den späten 1980er Jahren um fast 90 Prozent reduziert worden. Allerdings gibt es weltweit immer noch mehr als 16.000 Nuklearwaffen. Auch die Atombombentests gehören leider immer noch nicht der Vergangenheit an, wie der letzte Test durch Nordkorea im Jahr 2013 gezeigt hat.

Die deutsche Bundesregierung setzt sich seit vielen Jahren gegenüber den Atommächten und in internationalen Abrüstungsgremien für konkrete Fortschritte bei der nuklearen Abrüstung ein. Dabei gibt es durchaus Licht und Schatten: Ich selbst habe im April in New York an der Konferenz der Vereinten Nationen zur Nichtverbreitung von Atomwaffen teilgenommen. Leider ist es am Ende der Konferenz nicht gelungen, ein ambitioniertes Abschlussdokument zu unterzeichnen.

Andererseits zeigen uns Erfolge wie die Wiener Einigung im Atomstreit mit Iran: Selbst in schwierigsten Situationen sind diplomatische Lösungen möglich. Und dafür lohnt sich wirklich jede Mühe! Eine atomwaffenfreie Welt ist freilich nicht über Nacht zu erreichen. Dafür braucht es einen langen Atem und den unermüdlichen Einsatz aller, um gegenseitiges Vertrauen aufzubauen und diesem Ziel Schritt für Schritt näher zu kommen.

Japan und Deutschland fühlen sich dem Ziel einer nuklearwaffenfreien Welt – nicht zuletzt aufgrund ihrer historischen Erfahrungen – besonders verpflichtet. Gemeinsam setzen wir uns auch unter den derzeit besonders schwierigen Umständen, angesichts der zahlreichen Kriege und Krisen, für neues Vertrauen, für neue Initiativen und im Idealfall auch für eine neue Abrüstungsrunde ein. Das ist die Lehre aus Hiroshima und Nagasaki, die wir ziehen müssen. Wir sind es den vielen, vielen Opfern und ihren Familien schuldig. Enttäuschen wir Sie bitte nicht!

Die deutsch-japanische Partnerschaft ist nicht nur auf außenpolitischem, sondern auch auf kulturellem Gebiet sehr intensiv und erfolgreich. Dies wird heute Abend musikalisch deutlich.

Ich freue mich sehr über das Kooperationsprojekt der Universität der Künste Berlin und der Tokyo University of the Arts, in dem europäische und japanische Künstler zusammenwirken, gemeinsam Musik gestalten und so eine Brücke der Verständigung zwischen Asien und Europa bauen. Ihre Musik symbolisiert unsere Tränen, die wir über die Opfer von Hiroshima und Nagasaki vergießen. Ihre Musik verleiht zugleich unserer Hoffnung auf dauerhafte Versöhnung und weltweiten Frieden Ausdruck. Dafür danke ich Ihnen von Herzen.

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