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Laudatio von Außenminister Steinmeier auf Hans-Dietrich Genscher anlässlich der Verleihung des Henry-Kissinger-Preises

17.06.2015

Mr. Secretary, dear Henry,
Stimato Presidente Giorgio Napolitano,
Sehr geehrter Präsident Fischer,
Caro Giuiliano Amato,
Sehr geehrter Professor Casper,
Meine Damen und Herren,
ladies and gentlemen!

It is great to be back at the American Academy! Last time I was here, we had a fantastic party celebrating the Academy’s 20th birthday! We celebrated, but we also had to bid farewell to our good friend Gary Smith. Now, we are about to open a new chapter in the life of the American Academy. Dear Gerhard Casper: We welcome you to Berlin – and I look forward to working with you!

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This is a time of transition for the Academy. But tonight marks a moment of continuity. Tonight, we have come together for one the Academy’s most venerable and famous institutions: the Henry Kissinger Prize! And how fitting: The recipient, whom I am honored to introduce, is himself one of Germany’s most venerable and famous political institutions: Hans-Dietrich Genscher – schön, dass Sie bei uns sind!
And tonight, speaking about a man who has helped steer the course of this country for decades, I can do that in no other way than in the German language!

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Lieber Hans-Dietrich Genscher,
Als fünfter Redner des Abends muss ich einfach, schon dem Publikum zuliebe, mit einer kleinen Geschichte beginnen. Und wo sonst könnte sie entstanden sein als in dem Amt, das Sie, verehrter Herr Genscher, eine ganze Generation lang geprägt haben!
In dieses ehrenvolle Amt durfte ich, wie Sie wissen, vor anderthalb Jahren zum zweiten Mal zurückkehren. Ende Dezember 2013 stehe ich also in meinem alten, aber noch nicht vollständig eingerichteten Büro. Sie kennen das vermutlich von Umzügen: Stapelweise Bücherkisten, Möbel in Schutzfolie und mein Computer stand auch noch nicht.
Also will ich mich mit meinem Laptop wenigstens schon mal ins WLAN einwählen. Aber das will natürlich ein Passwort.
Ich gehe ins Vorzimmer und frage: „Frau Kaiser, was ist denn das WLAN Passwort?“ Frau Kaiser reicht mir einen Zettel mit einer langen Kombination aus Buchstaben und Zahlen, wie das eben immer so ist WLAN-Passwörtern.
Ich tippe also nichtsahnend vor mich hin: „L-L-w-s-z-I-g-u-I-m-d-h-I-A-h-d-g-1989“. Irgendwie stolpere ich über die 1989 hinten und lese nochmal langsam: „L–L–w–s–z–I–g–u–I–m…“…Hat’s jemand erkannt? Vielleicht wird's leichter, wenn man weiß, dass es Anfangsbuchstaben sind: "L-L-w-s-z-i..."

„Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…hdg – Hans-Dietrich Genscher 1989“! Da sehen Sie, meine Damen und Herren, wie tief ins Mark dieses Hauses Hans-Dietrich Genscher noch heute hineinwirkt! Und zwar nicht nur mit jenem legendären, im Jubel ertränkten Satz vom 30. Sept. 1989! Eine schöne Geschichte. Das Problem ist nur: Jetzt, wo ich’s Ihnen erzählt habe, müssen wir das Passwort ändern…

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Es gibt nur noch wenige lebende Politiker, die die Geschicke Deutschlands nach 1945 so lange und so nachhaltig geprägt haben wie Hans-Dietrich Genscher:
Als „Außenminister der Einheit“, der das „Zwei-plus-Vier-Vertrags-Format“ erfand,
als leidenschaftlicher Verfechter der europäischen Einigung,
als Antreiber der Entspannungspolitik,
und als ein Garant der transatlantischen Verankerung, der das Bündnis mit den USA nie aus den Augen verlor.

***

Hans-Dietrich Genscher hat den Krieg und zwei Diktaturen überlebt – und daraus schon als junger Liberaler Konsequenzen gezogen. Es ging ihm nie um Ideologien. Er wollte den Menschen helfen – auch und vor allem den Menschen in seiner alten Heimat. Deshalb unterstützte er die Ost- und Entspannungspolitik des SPD-Kanzlers Willy Brandt von Anfang an. Deshalb trieb er den Prozess der Verständigung in der KSZE voran.

Anders als viele Skeptiker diesseits und jenseits des Atlantik, die davor warnten, eine Übereinkunft mit dem Ostblock werde nur die Teilung Europas zementieren, blieb er seiner Überzeugung treu, dass Sicherheit in Europa nicht ohne, erst recht nicht gegen, sondern möglichst mit Russland organisiert werden muss – ein Grundsatz, der übrigens auch heute gelegentlich erinnert werden sollte.
 
Sein Gespür für weltpolitische Veränderungen ließ ihn früher als viele andere Politiker in Deutschland und in Amerika erkennen, dass mit Michail Gorbatschow Bewegung in die starren Fronten des Kalten Krieges gekommen war. Als 1989 die alte bipolare Weltordnung zerbröselte, als Tausende von DDR-Bürgern zuerst über Ungarn ausreisten und später in Prag die deutsche Botschaft besetzten, erntete Genscher die Früchte seiner langjährigen, unermüdlichen, zutiefst persönlichen Vertrauensarbeit. Am Rande der UN-Vollversammlung in New York, wohin er gegen den Rat seiner Ärzte nach einem lebensbedrohenden Herzinfarkt geflogen war, gewann er Eduard Schewardnadse, Moskaus damaligen Außenminister, als Verbündeten –gegen Ost-Berlin–, um das Flüchtlingsdrama in der Prager Botschaft zu beenden. Er schilderte ihm die dramatische Lage der Botschaftsflüchtlinge, die seit Wochen in Matsch, Morast und qualvoller Enge auf ihre Ausreise warteten. Schewardnadse fragte: „Sind auch Kinder dabei.“ – „Hunderte“, sagte Genscher. Und Schewardnadse, nach einer langen Minute des Schweigens:
„Herr Genscher, ich helfe Ihnen.“

Der Rest ist bekannt. Am 30. September 1989 konnte Genscher mit jenem berühmten Satz den Deutschen in der Prager Botschaft das Ende ihrer Unfreiheit verkünden. Noch stand die Mauer, aber die Risse waren nun für niemanden mehr zu übersehen.
Für ihn, der 1952 selbst aus der DDR geflohen war, erfüllte sich damit ein Lebenstraum. 

Voriges Jahr waren wir beide zusammen in Prag. Zum 25. Jahrestag der „Balkon-Rede“ trafen wir einige der früheren Botschaftsflüchtlinge. Es war ein bewegender Tag. „Diese Flüchtlinge,“ sagten Sie dort, „haben ihr eigenes Schicksal in die Hand genommen, aber in Wahrheit haben sie Geschichte geschrieben.“ Das ist richtig. Aber ich darf hinzufügen: Ohne Ihre unermüdliche Vorarbeit, verehrter Herr Genscher, hätten diese Menschen nicht Geschichte schreiben können. Sie haben Ihren Landsleuten – um im Bilde zu bleiben – die Utensilien in die Hand gegeben, die man zum Schreiben braucht: die Tinte und Feder der Geschichte! Auch dafür ehren wir Sie heute sehr zurecht!

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Ladies and Gentlemen,
Here in Germany, every child knows that Hans-Dietrich Genscher has travelled a lot! In fact, in the German language, his name has almost become a synonym for ‘being on the road’.

And yes: “Genscherism” implied that Hans-Dietrich Genscher didn’t only travel westward… but in all directions. Some people in Washington didn’t like that. Some called him -unfair enough- a “slippery man”. But wherever Mr. Genscher went, west or east, his compass needle was always firmly aligned with the transatlantic axis!
Hans-Dietrich Genscher knew that he could achieve neither his own goals nor our common goals without the transatlantic anchor; and from that anchor, building trust in other directions.

History proved him right. And that’s why tonight is a special night. Because tonight, you are honoring Hans-Dietrich Genscher as a Transatlanticist. And you are honoring him in the name of the great Henry Kissinger.

To me, it seems almost natural to think of these two men together. Because both of them –each in his own place– have spent their lives working on the same great project. Henry Kissinger, with his policy of détente and disarmament, laid the foundation for the end of the Cold War and for Europe’s democratic transition. Hans-Dietrich Genscher was able to continue this work, later working with Jim Baker toward the 2+4-agreement, and so –I quote from the Kissinger Prize Jury- „Genscher played a central role in ending the division of Europe and making German reunification possible“ – end of quote. And of course, I have nothing to add to Mr. Kissinger’s judgment…  But only say: Hans-Dietrich Genscher: Congratulations on the 2015 Henry Kissinger Prize! – And by the way, I have told my staff to take careful notes of your following remarks, because the Foreign Office needs a new password… Thank you.

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