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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier an der Universität von Tunis "El-Manar"

24.01.2015

Herr Rektor,
Exzellenzen,
sehr geehrte Gäste,
vor allem: liebe Studierende!

Ich freue mich, hier zu sein – auf einer Reise, die mich erst nach Marokko, gestern hierher nach Tunesien und heute Nachmittag weiter zu Ihren Nachbarn nach Algerien führt. Und besonders freue ich mich, heute –in der Mitte meiner Reise– bei Ihnen, den Studierenden der El Manar-Universität zu Gast zu sein.

Da würde ich mir wünschen, ich hätte frohe Botschaften in meinem Reisegepäck!

Doch mein Besuch als Außenminister ist –wie die allermeisten meiner Reisen zurzeit– geprägt von den vielen Krisen und Konflikten, die uns zu schaffen machen auf dieser Welt.

Ja, unsere Welt kann einem Angst einjagen! Ich glaube, das empfinde ich als Außenminister nicht anders als Sie als junge Menschen. Krisen und Gewalt wüten allerorten: in Ihrer Nachbarschaft –in Libyen, Syrien und im Irak–, und auch bei uns in Europa. Der Konflikt in der Ukraine hält Europa seit vielen Monaten in Atem, und vor wenigen Wochen –gleich zu Beginn des neuen Jahres– hat eine Serie von brutalen, islamistisch motivierten Attentaten unsere Freunde und Nachbarn mitten im Herzen von Paris heimgesucht. Unter den Opfern waren auch drei Tunesier.

Ja, die Welt kann einem Angst einjagen und die Zukunft ist ungewiss. In dieser unübersichtlichen Welt ringen Sie als junge Menschen mit ganz besonders schwierigen Fragen. Sie fragen sich: Wie wird die Welt aussehen, in die ich aufbreche? Wenn ich eine Familie gründe, wird sie in Frieden leben können? Wo soll ich einen Job finden? Was kann ich heute tun, damit ich morgen eine gute Perspektive habe? Das sind Fragen, die stellen Sie sich hier in Tunis genau so oft und genau so dringlich wie junge Menschen in Berlin oder Dresden oder Rom.

Und weil diese Fragen so schwierig sind, sehnen wir uns nach einfachen Antworten! Auch ich selber kenne diese Sehnsucht aus meiner Arbeit als Außenminister. Nach so manchem zermürbenden, nervenaufreibenden Ukraine-Krisengespräch der letzten Tage und Wochen sehne ich mich nach klaren, einfachen Antworten – Wie schön, wenn es die gäbe! Doch die Wahrheit ist: Es gibt sie nicht.

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Leider mangelt es nicht an Demagogen, die uns einfache Antworten vorgaukeln. Wenn ein junger Mensch nach Orientierung sucht, wenn er sich bedroht fühlt von dieser unübersichtlichen Welt und fragt: „Was ist meine Perspektive für die Zukunft?“, dann locken viele einfache, drastische Antworten – sie locken junge Menschen hier in Tunis, oder in Berlin, oder in Dresden und ganz besonders in den Untiefen des Internets.

Manche rufen: ‚Die Politiker sind an allem schuld – sie ruinieren Dein Land.‘ Manche rufen, besonders laut auf einigen deutschen Plätzen: ‚Die Medien sind schuld- sie lügen Dich an‘. Leider rufen auch manche auf deutschen Plätzen: ‚Die Muslime sind schuld. Sie haben bei uns in Europa nichts verloren!‘ Und dann gibt es islamistische Demagogen, die rufen: ‚Die Ungläubigen sind schuld - sie musst Du bekämpfen! Es ist –auch für mich persönlich– erschütternd, dass viele junge Menschen ihre Ohren öffnen für diese Lockrufe. Im allerschlimmsten Fall öffnen sie sogar ihre Herzen und folgen den Rufen in Radikalisierung und in Gewalt.

Aber haben Sie es gemerkt? Alle diese Lockrufe haben eines gemeinsam: „Die Andern sind schuld!“ Das ist der Kern der einfachen Antworten: es ist der Lockruf der Feindbilder. Doch Feindbilder sind genauso falsch wie gefährlich. Feindbilder passen nicht in diese Welt, in der fast alles zusammenhängt und nur wenig schwarz-weiß ist. Und deshalb finde ich: Wer mit Religion Feindbilder schafft, liegt genauso falsch wie, wer gegen Religion Feindbilder schafft! Wer mit Religion aufhetzt, tut genau so übel wie, wer gegen Religion aufhetzt!

Feindbilder sind ein Strohfeuer – so hat es der Psychologe Bar-On in seinem Buch „Die Anderen in uns“ gesagt. Das Strohfeuer ist grell und lodert hoch auf. Es mag den Menschen zwar kurzfristig aufheizen, aber langfristig setzt es das eigene Haus in Brand!

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Sie wissen: Mein Feld ist die Außenpolitik. Und in der Außenpolitik müssen wir uns vor Selbstüberschätzung hüten. In Zeiten von globalen Krisen erstrecht. Auch ich, auch mein Land kennt nicht die Antwort auf alle Fragen und Konflikte dieser Welt. Aber eines weiß ich trotz aller Demut: Schwarz oder weiß ist die Welt an den wenigsten Stellen – meistens verschwimmt sie in Graustufen.

Nehmen Sie das Beispiel des sogenannten Arabischen Frühlings in dieser Region.

Die Analyse dessen, was in einem Land geschehen ist, passt schon nicht mehr auf das nächste. Was vor vier Jahren hier in Tunesien als Auflehnung eines jungen Freiheitsdrangs gegen ein altes, autoritäres Regime seinen Anfang nahm – das war gewiss nicht, besonders über die Jahre hinweg, dasselbe Muster im syrischen Bürgerkrieg, der heute von einem brutalen regionalen Stellvertreterkonflikt überlagert wird. Doch wer die Welt durch krude Schablonen erklärt, der wird nur krude Antworten geben können. Mir persönlich ist über die vielen Jahre, die ich in der Politik verbracht habe, ein Prinzip immer deutlicher geworden: ‚Hüte Dich vor einfachen Antworten!‘

Ich glaube sogar: Religion ermuntert uns dazu! Religion, die in öffentlichen Debatten viel zu oft zum Polarisieren missbraucht wird – sie lehrt uns in meinen Augen das genaue Gegenteil: nämlich Toleranz gegenüber dem Ungewissen; das Andersartige Aushalten – und eben nicht radikale, verkürzte Antworten! Schließlich heißt es doch im Koran genau wie in der Bibel: Gott hat die Welt und die Menschen in Vielfalt erschaffen – und in dieser Vielfalt haben wir sie zu achten. Im Arabischen -so habe ich es mir erklären lassen- kommt das im Begriff Tassāmuch zum Ausdruck. Und im Christentum hat Petrus in seinem ersten Brief die Achtung vor der Andersartigkeit auf eine knappe Formel gebracht: ‚Ehret jedermann!‘

‚Hüte Dich vor einfachen Antworten!‘ soll also mein Leitgedanke sein, wenn ich heute mit Ihnen über die kleinen und großen Fragen der Politik diskutiere – oder vielmehr über die schwierigen und die ganz schwierigen.

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Fangen wir an mit den handfesten Fragen, die Sie alle sich stellen: Wie finde ich einen Job nach der Uni? Wie schaffen die Länder Nordafrikas mehr Arbeit und Wachstum? Die Wahrheit ist: Rund ums Mittelmeer ist die Arbeitslosigkeit viel zu hoch, gerade die Jugendarbeitslosigkeit unter Akademikern. Nicht nur hier in Tunesien, in ganz Nordafrika, sondern auch im Süden Europas. Jeder dritte Jugendliche in den Ländern rund um unser gemeinsames Mittelmeer ist ohne Arbeit. Das ist eine Tragödie, und -wie so oft- müssen viele mithelfen, um sie zu beenden.

Erstens: Es braucht Investitionen. Tunesien hat seit den 1960er Jahren viele ausländische Investoren angelockt. Die größte Chance für Investitionen ist die Nähe zu Europa – und durch das Assoziationsabkommen mit der EU können Sie diese Chancen noch besser ausschöpfen. Allein aus Deutschland wurden bislang rund 300 Mio. Euro in Tunesien investiert. Einige Vertreter dieser deutschen Firmen sitzen in diesem Saal und sie alle sind hier, weil sie Tunesien auch weiterhin für ein Land halten, wo sich Investitionen lohnen.

Doch, zweitens, Investitionen kommen nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen: Rechtssicherheit, transparente Ausschreibungen, effiziente Verwaltung, ein funktionierendes Bankensystem. All das werden Sie, all das dürfen Sie von Ihrer neuen Regierung erwarten.

Und drittens kommt es auf Sie an! Ideen müssen her: Ideen für neue Produkte und Projekte; und Ausdauer und harte Arbeit, um sie zu verwirklichen. Woher soll all das kommen, wenn nicht von Ihnen?  Es gibt schon junge Leute hier in Tunis, Studenten wie Sie, die kleine IT Start-Ups gegründet haben, Jobs für ihre Mitstudenten geschaffen haben. Ich habe zum Beispiel von einer Software gehört, die junge Leute hier entwickelt haben und mit der man aus der Ferne medizinische Diagnosen erstellen kann. Eine super Idee! Ich bin sicher: Noch viel mehr gute Ideen schlummern allein in diesem Saal. Tun Sie sich mit Freunden zusammen, gründen Sie eine kleine Firma, und vielleicht können wir im deutsch-tunesischen Verhältnis sogar helfen: Wir fördern die Gründung von IT-Start-ups und ihre Vernetzung mit deutschen IT-Unternehmen.

Viele hier in Tunis fragen mich: ‚Wie macht Ihr Deutschen das eigentlich mit Eurer starken Wirtschaft?‘ Ich erinnere mich noch genau: Vor 10 Jahren hätte das kein Mensch gefragt! Deutschland war in einer schweren Wirtschaftskrise. ‚Der kranke Mann von Europa‘ wurde über uns geschrieben. Und auch damals gab es keine Abkürzungen auf dem Weg der Erholung, sondern das war anstrengend. Wir haben Reformen durchgeführt, die nicht allen gefallen haben. Alle mussten beitragen: Politik,  Unternehmen und Arbeitnehmer – und die Früchte dieser Reformen ernten wir heute. Und damit wir diese und andere Erfahrungen zwischen Deutschland und Tunesien austauschen können, verbindet uns seit mehr als drei Jahren eine Transformationspartnerschaft.

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Mein zweites Thema ist ebenso existenziell: die Sicherheit. Die Anschläge von Paris haben erneut gezeigt, dass wohl kein Ort der Welt sicher ist vor der terroristischen Bedrohung. Zurecht hat der VN-Sicherheitsrat die Terrorgruppe ISIS als weltweite Gefahr eingestuft. Aber gleichzeitig wissen auch wir in Europa, dass niemand so furchtbar heimgesucht ist vom Terrorismus wie die islamische Welt selbst! Studien sagen, dass über 80% der Menschen, die in den letzten Jahren weltweit dem islamistischen Terror zum Opfer gefallen sind, Muslime sind.

Es steht also außer Frage: Der islamistische Terror ist unser gemeinsamer Feind – und wir sollten kein Treffen zwischen arabischen und europäischen Staaten vergehen lassen, bei dem wir nicht auch beraten, wie wir gemeinsam gegen diesen Feind vorgehen. Das heißt zum Beispiel die Zusammenarbeit unserer Sicherheitsbehörden, der Austausch von Informationen, die Sicherung der Grenzen.

Das alles ist notwendig, und doch gilt auch beim Thema Sicherheit: Einfache und schnelle Antworten gibt es nicht. Sondern am Ende ist nur eine Gesellschaft sicher, die im Inneren stabil ist. Das heißt, dass es friedliche Wege gibt, um Spannungen in der Gesellschaft zu ertragen und auszutragen; das heißt, dass Straftäter mit den Mitteln und in den Grenzen des Rechtsstaats verfolgt werden. Und das heißt, dass die Bürger Vertrauen in diejenigen haben müssen, die mit ihrer Sicherheit beauftragt sind–Polizei, Militär, Justiz– und dass diese das Vertrauen auch rechtfertigen müssen.

Schauen wir auf das konkrete Thema der Foreign Fighters. Die Bedrohung ist immens – für Tunesien und für Deutschland, für den Maghreb und für Europa. Das schiere Ausmaß ist erschreckend.  Wir gehen davon aus, dass allein aus Deutschland über 500 und aus Tunesien über 2.000 Islamisten in die Kampfgebiete in Syrien und im Irak gereist sind. Deshalb müssen wir alles tun, und zusammenarbeiten, um gegen die Gefahren, insbesondere nach Rückkehr, anzugehen. Deshalb ist die Zusammenarbeit unserer Sicherheitsbehörden wichtig. Aber all das wird nicht ausreichen – Egal wie viel Geld und Aufwand wir in den Sicherheitsapparat investieren: Nicht jeden radikalisierten oder gefährdeten Bürger werden wir überwachen können. Und deshalb müssen wir uns als Gesellschaften die viel schwierige Frage stellen: Wie kann es sein, dass so viele junge Menschen, die mitten unter uns aufgewachsen sind, von den Hasspredigern in ihren Bann gezogen werden? Und vor allem: Wie kriegen wir diese jungen Menschen zurück in die Mitte der Gesellschaft? Auch über diese schwierigen Fragen müssen unsere Länder ins Gespräch kommen und deswegen ist der interkulturelle und interreligiöse Dialog so wichtig, wie ihn zum Beispiel die Goethe-Institute fördern oder die Anna-Lindh-Stiftung in Alexandria betreibt.

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Und deshalb können wir letzten Endes über Sicherheit nicht sprechen, ohne über das Herz der Gesellschaft zu sprechen: über Demokratie und Zivilgesellschaft. Bei allen Problemen und schwierigen Fragen, die wir heute diskutieren, ist es mir wichtig, auch eine positive Botschaft loszuwerden. Wir Deutschen gratulieren allen Tunesierinnen und Tunesiern zu dem Weg, den Ihr Land in den vergangenen Jahren beschritten hat auf dem Weg in die Demokratie.  Nur vier Jahre, nachdem die Revolution begann, haben Sie alle gemeinsam etwas Bemerkenswertes geschafft: Sie haben sich eine moderne Verfassung gegeben und zum ersten Mal in der Geschichte Ihres Landes einen Staatspräsidenten in freien und fairen Wahlen selbst bestimmt. Darauf können Sie stolz sein! Das strahlt aus in die ganze Region!

Jetzt stehen Sie kurz vor der Bildung einer neuen Regierung, die sich von der Mehrheit des gewählten Parlamentes bestätigen lassen muss. Glauben Sie mir: Ich weiß nur zu gut aus unserer Demokratie, wie schwer und mühsam es ist, Koalitionen zu bilden und die richtigen Partner dafür zu finden. Wie groß sind die inhaltlichen Schnittmengen einerseits? Und andererseits: Wie findet sich eine stabile Mehrheit, die die Kraft besitzt, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen? Vor diesen unmittelbaren Fragen stehen Ihre Volksvertreter und ich bin sicher, sie werden sie verantwortungsvoll beantworten.

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Doch die wahren, die schwierigen Fragen liegen wiederum eine Ebene tiefer. Denn die formellen Strukturen einer Demokratie – Parlament, Regierung, öffentliche Behörden – sind nur das eine. Sie sind sozusagen das Skelett einer Demokratie. Doch auf das Fleisch und Blut kommt es an! Wirklich lebendig ist eine Demokratie erst, wenn jeder junge Mensch, jeder einzelne von Ihnen in diesem Saal das Gefühl hat, dazuzugehören, gehört zu werden, mitmachen zu können. Erst wenn junge Menschen sich in der Mitte der Demokratie aufgehoben fühlen, dann werden sie immun gegen die Lockrufe der Radikalen, die Lockrufe der Feindbilder. Die Demokratie ist nicht nur eine Staatsform. Sie ist ein Lebensprinzip. Und wie sie von der Staatsform zum Lebensprinzip wird, dafür gibt es kein Patentrezept, sondern diesen Weg muss jedes Land für sich selbst finden. Dieser Weg bleibt immer ein Stück weit Suche, ein Stück weit „Trial and Error“ – für eine blutjunge Demokratie wie Tunesien genauso wie für eine noch ziemlich junge Demokratie wie das wiedervereinte Deutschland.

Ich will Ihnen ein Beispiel geben: demokratische Wahlen. Das allgemeine Wahlrecht bleibt leblos, wenn man nicht wählen geht. Als ich selbst als Teenager zum ersten Mal eine Wahl in Deutschland verfolgt habe, da wusste ich nicht so recht, wozu das alles gut ist. Doch in dieser Wahl stimmten viele junge Menschen für einen Mann, der dann Bundeskanzler wurde und der als Kanzler einen wahren Bildungsaufbruch für junge Menschen zustande brachte. Diesem Aufbruch verdanke ich, dass ich als erster in meiner Familie und als einer der ersten in meinem ganzen Dorf eine Universität besuchen durfte. Und wegen dieser Erfahrungen sage ich heute zu jungen Menschen in meinem Land, aber auch zu Ihnen: Geht wählen! Kümmert Euch um Eure Demokratie, dann kümmert sie sich um Euch!

Es geht nicht nur um Wahlen.

- Es geht um Teilhabe. Es geht zum Beispiel darum, dass ein junger Mann aus Gafsa spürt, dass er durch sein Engagement die Gesellschaft verändern kann – und nicht nur die Eliten in der Hauptstadt und an der Küste. Das ist Demokratie: Ihr selbst, nicht nur „die da oben“ habt Euer Schicksal in der Hand!

- Es geht um Chancengleichheit von Männern und Frauen. Ein Drittel der Abgeordneten in Ihrem neuen Parlament sind Frauen - das ist mehr als in so manchem europäischen Land, und das ist eine echte Stärke für Ihr Land, die Sie ausbauen sollten.

- Es geht um Kommunikation. Jeder Mensch will gesehen und gehört werden – besonders junge Menschen. Denn Sie alle haben Fragen und Sorgen und Sie wollen, dass diese Fragen ankommen im Ohr der vermeintlich Mächtigen! Und wenn Sie das aussprechen oder aufschreiben oder bloggen, dann wollen Sie sicher sein, dass Sie dafür nicht bestraft werden.

- Und am Ende geht es um ein Ziel, das im Innern der Gesellschaft genauso wichtig ist wie in  der Außenpolitik: es geht um Verständigung. Wenn bei uns in Deutschland über den Islam diskutiert wird, dann denke ich oft: Wir wissen viel zu wenig voneinander! Wie sollen wir uns da verständigen?

Vor drei Monaten habe ich in einem arabischen Land eine kluge Frau getroffen, die hat mir eine kleine Anekdote erzählt. Sie sagte: „Arabische Frauen denken: Europäische Frauen gehen im Bikini zur Arbeit und brennen gleich mit dem Chef durch. Europäische Frauen denken: Arabische Frauen müssen ihr ganzes Leben mit Mann und Kamel durch die Wüste ziehen – aber erst kommt das Kamel und 10 Meter dahinter die Frau.“ Die Frau hatte natürlich recht, als Sie am Ende sagte: „Beides ist totaler Unsinn!“ Deshalb wünsche ich mir für mein eigenes Land und für die arabische Welt mehr Austausch! Wir brauchen mehr Sprachkenntnisse, mehr Wissen voneinander, mehr Dialog miteinander. Die Kontakte zu jenen zu kappen, deren Ansichten oder Normen wir nicht teilen, ist zwar die einfachere, aber die falsche Antwort.

Und, liebe Studierende: Wer, wenn nicht Sie, kann das in die Tat umsetzen? Wer, wenn nicht Sie, kann Vorurteile abbauen und entschieden dagegenhalten, wenn Feindbilder geschürt werden? Sie, Ihre Generation, können dafür sorgen, dass Tunesien, das schon eine geographische Brücke zwischen Europa und der Arabischen Welt ist, auch eine Brücke der Verständigung wird. Wo wir Begegnung und Austausch politisch unterstützen können, tun wir es gerne. Es gibt das Erasmus-Programm der EU, es gibt den Deutschen Akademischen Austauschdienst, es gibt eine Vielzahl weiterer Austauschprogramme. Im Rahmen unserer Transformationspartnerschaft haben wir zum Beispiel 100 junge Tunesierinnen und Tunesier mit einer Ingenieursausbildung nach Deutschland geholt, damit sie dort Firmenpraktika machen konnten. Manche bleiben, viele gehen zurück nach Hause und nutzen das Erlernte hier in Tunesien. Wenn Sie das interessiert, dann qualifizieren und bewerben Sie sich!

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Ganz zuletzt komme ich zur schwierigsten der schwierigen Fragen: zur Religion, und dem Verhältnis von Religion und Demokratie. Diese Frage ist die schwierigste, aber auch die wichtigste.

Sie ist wichtig für Sie, die jungen Menschen in Tunesien und in der ganzen arabischen Welt. Denn nach der Aufbruchsstimmung des Arabischen Frühlings kommt es jetzt auf den Beweis im Alltag an: dass jeder von Ihnen frei leben kann als guter Demokrat und als guter Muslim!  Dass diejenigen unrecht haben, die sagen: ‚Demokratie – das ist eine Erfindung des Westens, die nicht zu uns Muslimen passt.‘

All das ist existenziell wichtig für Sie – aber übrigens auch für uns in Europa. Denn während die muslimische Bevölkerung in Europa stetig anwächst, fangen immer mehr Menschen an zu zweifeln, ob Islam und Demokratie eigentlich zusammenpassen. Eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann-Stiftung hat mir sehr zu denken gegeben: Über 60% der Deutschen denken, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt. Und warum zweifeln viele Menschen so? Weil sie den Beweis in der Arabischen Welt noch nicht gesehen haben. Weil sie aus der Region meist nur Bilder von Krisen und Konflikten sehen. Und vor allem weil unsere Debatte polarisiert ist: als müsse die Demokratie sich vor dem Islam hüten und der Islam vor der Demokratie!

Ich widerspreche dem, denn ich bin sicher: Es gibt eine Demokratie, die dem Islam Raum gibt, und es gibt einen Islam, der der Demokratie Raum gibt! Auf diesen Weg hat sich Tunesien gemacht! Lange wurde darum gerungen. Und heute, seit genau einem Jahr, steht klipp und klar in der Tunesischen Verfassung: „Artikel 1: Tunesien ist ein freier, unabhängiger, souveräner Staat; seine Religion ist der Islam, seine Sprache ist Arabisch, seine Staatsordnung die Republik.“

Das, meine Damen und Herren, ist der Beweis im Recht – jetzt muss er im Alltag ankommen!

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Ich persönlich glaube, dass Religion sich mit dem Alltag der Demokratie nicht nur vertragen, sondern dass sie –richtig verstanden– ihn sogar fördern kann! Ein kluger Mann in meinem Land, ein Richter am Bundesverfassungsgericht, hat einmal gesagt: Der Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen kann. Demokratie braucht einen ethischen Nährboden– und Religion kann ihn bereiten helfen.

Ich weiß: Das ist ein schwieriger Pfad und ich kann ihn nicht voraussagen. Schon gar nicht kann ich mir anmaßen, zu sagen, wie ein Muslim seinen Glauben in der Zivilgesellschaft zu leben hat. Aber vielleicht darf ich den Außenminister-Hut am Ende einmal zur Seite legen und etwas ganz Persönliches sagen. Denn auch ich selbst lebe meinen Glauben. Ich bin Christ und bin in der protestantischen Kirche aktiv. Und natürlich hat mein Christstein mit meinem Handeln in der Gesellschaft zu tun: Meine Religion gebe ich ja nicht an der Garderobe ab, wenn ich morgens in mein Büro gehe. Im Koran heißt es an einer Stelle: „Ma ja’ala allahu li ràjulin min kalbain fi jaufihi“. „Gott hat dem Menschen nicht zwei Herzen in die Brust gelegt, sondern eines.“ Mein Glaube inspiriert mein Handeln, im privaten wie im öffentlichen Raum. Aber: Mein Glaube darf nicht selbst zum Gegenstand der Politik werden, und schon gar nicht zum Instrument gegen Andersgläubige.

Deswegen sagt Petrus in der Bibel: „Ehrt jedermann“. „Zeigt Nächstenliebe!“ – für alle, nicht nur die Christen. Und etwas ganz ähnliches hat mir ein muslimischer Bekannter aus Frankfurt erzählt und ein Wort von Muhammed zitiert: „Du suchst Gott? Dann geh zu den Menschen und nicht in die Wüste!“

So gesehen ist eine Moschee, eine Kirche oder eine Synagoge – ob in Frankfurt, ob in Tunis– eben nicht nur für ihre Gläubigen da, sondern für das Wohl des ganzen Stadtteils. So gesehen kann Religion, wenn sie nicht ausgrenzt und abschottet, die Gesellschaft stärker machen.

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Liebe Studierende,

ich habe zu Beginn von den schwierigen Fragen erzählt, die junge Menschen stellen. Ich habe gesagt: Einfache Antworten gibt es nicht. Jetzt am Ende fragen Sie mich vielleicht zurück: Aber was sind denn nun die richtigen, die nicht-einfachen Antworten?

In Wahrheit habe auch ich sie nicht. Sie haben diese Antworten!

Da treffen sich Religion und Demokratie: Im Glauben, dass jeder einzelne Mensch die Freiheit zum guten Handeln hat. Da treffen sich auch Christentum und Islam: Im Glauben, dass Gott jedem Menschen sein Vertrauen schenkt. ‚Fürchtet Euch nicht!‘, und stellt Euch nicht über den Anderen, heißt es in der Bibel.

Und deshalb war meine Rede nicht nur dazu da, Sie vor den einfachen Antworten zu warnen, sondern Ihnen Mut zu machen. Machen Sie sich auf die Suche nach den schwierigen Antworten! Dazu ermutige ich Sie nicht nur, sondern darum bitte ich Sie auch. Denn vieles in dieser Welt hängt davon ab, dass Ihnen das gelingt!

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