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Grußwort des Koordinators für deutsch-polnische Zusammenarbeit, Dietmar Woidke, anlässlich der Jahrestagung des Bundesverbands der Deutsch-Polnischen Gesellschaft am 7. November 2014

10.11.2014

Die Geschichte kann einen manchmal einholen. Und es gibt Zeiten, da hat man gar nichts dagegen.

Deutschland steht vor einem 25-jährigen Doppeljubiläum: Übermorgen feiern wir den Fall der Berliner Mauer. Und im kommenden Jahr heißt es 25 Jahre Wiedervereinigung.

Das sind historische Ereignisse, die das Leben in Deutschland und Europa von Grund auf verändert haben. Und es sind Ereignisse, die ganz eng verbunden sind mit unserem Nachbarland Polen.

Ohne die Oppositionsbewegung in Polen wäre der Mauerfall nicht denkbar gewesen. Auch wenn ich nicht weiter vorgreifen will: Herzlichen Dank an Sie und Ihre Weggefährten, verehrter Herr Präsident!

Zugleich muss man angesichts der schwierigen deutsch-polnischen Geschichte sagen: Hätte Polen nicht den Mut gehabt, sich zu einem wiedervereinten Deutschland zu bekennen, es wäre alles vielleicht ganz anders gekommen!

So aber haben die Jahre 89/90 nicht nur die deutsche Teilung überwunden, sie haben auch ein neues Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen begründet. Dieses Kapitel wurde symbolisch eingeleitet  durch die Kreisauer Versöhnungsmesse, die sich am 12. November ebenfalls zum 25. Mal jährt. Und es wird Tag für Tag mit neuen Inhalten gefüllt.

Lassen Sie mich ein schönes Beispiel aus den letzten Monaten nennen – gar nicht weit weg von hier. Im Juli haben drei Bürgermeister aus dem Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien einen Vertrag unterschrieben. Sie werden über die Neiße eine Ringbrücke bauen. Und so werden alle drei Länder miteinander verbunden.

Ein anderes Beispiel sind unsere Staatspräsidenten, sie haben sich in den letzten Monaten ein halbes Dutzend Male getroffen. Eine Initiative, die dabei umgesetzt wurde und mir als Brandenburger besonders gefällt, ist die Umbenennung unserer wichtigsten Verkehrsverbindung zwischen Polen und Deutschland – sie heißt nun "Autobahn der Freiheit". Wie ein Band liegt sie zwischen Berlin, Frankfurt/Oder und Warschau. Sie verbindet uns miteinander, und ihr Name verbindet uns mit unserer gemeinsamen Vergangenheit.

Kurzum: Was wir seit 25 Jahren erleben, ist eine ungehemmte Neugier auf den Nachbarn. Eine ansteckende Lust an der Begegnung. Und kaum irgendwo sehe ich das so gut verkörpert wie durch die Mitglieder der Deutsch-Polnischen Gesellschaft.

Ihre Initiativen, meine Damen und Herren, gestalten den deutsch-polnischen Alltag, sie führen Menschen zusammen, und sie helfen kulturelle Grenzen zu überwinden. Sie verkörpern regionale Vielfalt. Und sie knüpfen ein dichtes Band zwischen beiden Völkern.

Als Koordinator für die deutsch-polnische Zusammenarbeit möchte ich Ihnen für Ihr – zum Teil jahrelanges – Engagement danken! Und ich möchte Ihnen ein klares Angebot machen: Ich möchte wissen, was Sie bewegt. Ich möchte wissen, wo der Schuh drückt. Und ich möchte es wissen, wenn ich Ihnen helfen kann – etwa bürokratische und politische Hürden betreffend. Also kommen Sie in Zukunft gerne auf mich zu! Und lassen sie uns das grenzüberschreitende Miteinander noch weiter voranbringen!

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft hat mit ihren mittlerweile 3.500 Mitgliedern und 50 Ortsverbänden alle Phasen der Annäherung durchlaufen: Herantasten, Verständigung, Versöhnung, Nachbarschaft, Partnerschaft und Freundschaft. Und ich denke, wir Deutsche und Polen stehen nun vor einer neuen Etappe: Lassen sie uns gemeinsam Verantwortung für Europa übernehmen! Lassen Sie uns zeigen, dass Europa sich nicht durch Klischees von menschenferner Bürokratie erklären lässt! Lassen Sie uns vorleben, was Miteinander in Europa bedeutet! Und lassen Sie uns klar und deutlich machen, wie wichtig uns das ist!

An dieser Stelle übrigens erlaube ich mir eine kleine Anregung für Ihre Jahresmitgliederversammlung am Sonntag: Denken Sie rechtzeitig darüber nach, wie Sie Ihre 25. Jahrestagung und zugleich Ihren 30. Geburtstag im Jahr 2016 begehen möchten!

2016 nämlich feiern wir auch 25 Jahre Nachbarschafts- und Freundschaftsvertrag. Also lassen Sie uns dieses Jahr zu einem besonderen deutsch-polnischen Jubiläumsjahr machen! Lassen Sie uns gemeinsam mit allen, denen daran gelegen ist, einen politischen und gesellschaftlichen Impuls geben – für einen weiteren Sprung nach vorn in den deutsch-polnischen Beziehungen!

Unser grenzüberschreitender Austausch floriert. Deutschland und Polen gehören füreinander mittlerweile zu den wichtigsten Handelspartnern. Der Tourismus entwickelt sich prächtig. Und immer mehr Menschen entscheiden sich sogar für einen grenzüberschreitenden Wohnortwechsel.

700.000 Polen und Polinnen leben und arbeiten heute in Deutschland. Als Ärzte, Pflegekräfte, Lehrer oder Erntehelfer stärken sie unsere Wirtschaft und bereichern unser Land. Aber sie bringen uns auch ihr eigenes Heimatland näher. Sie sind gewissermaßen "Botschafter" unserer wechselseitigen Beziehungen.

Kurzum: Wir haben jahrzehntelang eher nebeneinander her gelebt – jetzt leben wir miteinander. Jeden Tag kommt es zu unzähligen polnisch-deutschen Begegnungen. Und ich finde: Wir sollten beidseitig dafür gewappnet sein – durch sprach- und kulturelle Kompetenz. Oder wie man es im Grenzraum nennen könnte: Durch Grenzkompetenz!

Anfang September, meine Damen und Herren, durfte ich in der polnischen Grenzstadt Słubice eine deutsch-polnische Kita eröffnen.

Die Kinder dort können nicht nur eine neue Sprache erlernen. Sie lernen auch etwas über die andere Kultur, über ihre Traditionen und Geschichte. Sie können also früh die kulturellen Hemmnisse abbauen, die das grenzüberschreitende Zusammenleben manchmal erschweren. Und ich bin mir sicher: Sie werden dadurch an Persönlichkeit gewinnen. Und genau darauf kommt es in Zukunft an.

Für die meisten von Ihnen, gehört die grenzüberschreitende Kompetenz ganz selbstverständlich zu Ihrer Persönlichkeit. Also lassen Sie uns gemeinsam dazu beitragen, dass das polnisch-deutsche Miteinander noch mehr Köpfe und Herzen erreicht!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, wünsche ich uns, nun eine erfolgreiche Jahrestagung. Vielen Dank!

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