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Rede von Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Preisverleihung des Preises des Westfälischen Friedens am 25.10.2014 in Münster

26.10.2014

Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrte Ministerin Löhrmann,
sehr geehrter Ministerpräsident Tillich,
sehr geehrter Herr Zinkann,

lieber Markus Meckel,
meine Damen und Herren,
und vor allem:
liebe Preisträgerinnen und Preisträger!

Wenn ich den Alltag unserer Jugendpreisträger verkürzen wollte auf eine einzige Liste, dann würde sie vielleicht so beginnen:

Erich Fischer. Geboren 1922. Gefallen 1942.

Matthias Lieber. Geboren 1923. Gefallen 1942.

Kurt Tellmann. Geboren 1926. Gefallen 1944.

Wer schon einmal auf einem Soldatenfriedhof war, der weiß, dass Listen wie diese nicht enden wollen.

Meine Damen und Herren,

Was denke ich? Was fühle ich? …wenn ich als junger Mensch vor endlosen Reihen stummer Gräber stehe – Gräbern von Menschen, die so jung waren wie ich, als sie im Krieg ihr Leben ließen?

"Es tut mir in der Seele weh", sagt Ismeth, ein junger Bosnier, den Sie gleich im Film sehen werden. Jedem, der zum ersten Mal vor Kriegsgräbern steht – auch mir, als ich 19 Jahre alt war, auch Ihnen, Frau Kraske, Frau Nitsche, Herr Hellwig, die Sie heute den Preis entgegen nehmen: Es tut in der Seele weh!

Nur: Was mache ich dann daraus? Was fange ich an mit diesen stummen Gräbern, wenn vor mir wunderbare Zeiten liegen: Ausbildung, Studium – wenn buchstäblich die ganze Welt mir offen steht – alles Chancen, die jene in den Gräbern nie hatten… Oder noch direkter gefragt: Warum tue ich mir das überhaupt an? Wir haben doch Frieden! Es geht uns doch so gut wie nie!

Nein, meine Damen und Herren, das ist das Besondere: Unsere Preisträger wissen, dass der Frieden keine Selbstverständlichkeit ist. Nein, selbst bei uns in Europa hat der Frieden keine Ewigkeitsgarantie – das erleben wir allzu deutlich in der Ukraine-Krise. Und deshalb steht seit sechzig Jahren über der Jugendarbeit des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge ein Motto, das simpel klingt, aber kraftvoller kaum sein könnte: "Arbeit für den Frieden"!

Frieden ist Arbeit, unendlich harte Arbeit. Er muss gepflegt und umsorgt werden,

wie Sie es mit den Gräbern der Gefallenen tun – und mit Ihnen jedes Jahr tausende weitere junge Menschen aus aller Welt; in Workcamps, in den Begegnungsstätten und auf den Bildungsreisen des Volksbundes.

Als deutscher Außenminister in einer wahrlich turbulenten Zeit; einer Zeit, in der es geradezu scheint, als sei die Welt aus den Fugen geraten, möchte ich Ihnen versichern: Wir brauchen Ihre 'Arbeit für den Frieden' mehr denn je!

Nicht nur ich, sondern viele denken so, und deshalb finanziert sich die Jugendarbeit des Volksbunds bis heute aus privaten Spenden– auch dafür will ich ausdrücklich danken!

Der Schriftsteller Robert Menasse hat einmal ein Experiment vorgeschlagen: Nehmen Sie eine Karte von Europa und markieren Sie darauf mit einem roten Stift jede Schlacht, jeden Frontverlauf der letzten Jahrhunderte– Dann versinkt die Karte Europas in einem einzigen blutroten Fleck.

Und heute? Seit sieben Jahrzehnten Frieden in Europa! Und nicht nur das: Freiheit, Wohlstand, offene Grenzen.

Sind diese Kriegsgräberstätten also nur die letzten Narben der Geschichte? Dunkle Flecken, die nicht recht in die Landschaft passen wollen? Nicht passen wollen in die schöne Normandie mit den langen Stränden, wo Sie, Frau Kraske, als Austauschschülerin zum ersten Mal den Friedhof von La Cambe besucht haben – oder die sanften Hügel der Vogesen, wo ich selbst als Abiturient zum ersten Mal durch die langen Reihen von weißen Kreuzen gegangen bin?

Nein, diese Friedhöfe sind nicht die Narben, im Gegenteil: Sie sind die Begründung, der Gründungsgrund für das vereinte Europa!  Denn über diesen Gräbern haben sich Europas junge Menschen die Hände gereicht – und das schon wenige Jahre nach dem Krieg!

Gleich im Film werden Sie einen Clip aus den 70er Jahren sehen und einen jungen Deutschen mit ziemlich langen Haaren – so wie man das damals eben hatte; ich übrigens auch, wahrscheinlich auch Ihre Väter… Dieser junge Mann sagt: "Heute sind viele Deutsche und Franzosen gute Freunde – und gute Freunde können nicht aufeinander schießen."

So selbstverständlich wir heute "gute Freunde" sagen, so selbstverständlich haben die Väter und Großväter meiner Generation noch "Erbfeinde" gesagt zu unseren Nachbarn im Westen – darin liegt das Wunder der Versöhnung Europas!

Deshalb hatte Jean-Claude Juncker recht, als er mir in einer der endlosen Brüsseler Verhandlungsnächten vor Jahren sagte: "Wenn Du jemanden triffst, der am Sinn Europas zweifelt, dann nimm ihn bei der Hand und geh‘ mit ihm über einen europäischen Soldatenfriedhof."

Und deshalb kann ich mir, gerade in diesem Jahr, in dem wir uns an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren und des Zweiten Weltkrieges vor 75 Jahren erinnern, keinen würdigeren Empfänger für diesen Friedenspreis vorstellen als die Jugendarbeit des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge!

Auf Soldatenfriedhöfen ist es sehr, sehr still. Vielleicht ist es besonders still auf deutschen Soldatenfriedhöfen. Denn stolze Reden auf siegreiche Schlachten und gefallene Helden, gefallen im Kampf für Freiheit und Menschlichtkeit – Reden, die man auf alliierten Friedhöfen hören kann, passen auf unsere Soldatenfriedhöfe ganz gewiss nicht hin.

Aber schweigen dürfen wir nicht! Erich Fischer, Matthias Lieber, Kurt Tellmann und die zahllosen anderen – sie schweigen. Doch stumm mahnen ihre Gräber uns zum Frieden. Und Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, verleihen ihrer Mahnung eine Stimme!

Wir dringend wir Ihre Stimmen brauchen, das merken wir, wenn heute junge Menschen in den Bann von Hass und Fanatismus gezogen werden und nach Syrien oder in den Irak ziehen und am barbarischen Terror teilnehmen; darunter auch junge Menschen, die mitten in unseren eigenen Gesellschaften aufgewachsen sind!

Sie, liebe Preisträgerinnen und Preisträger, sind die Gegenstimmen der Hassprediger: Denn Sie sprechen und hören zu und diskutieren mit jungen Menschen aus der ganzen Welt. Und Sie erleben dabei, dass Erinnerungskulturen unterschiedlich sind –zwischen Polen und Deutschen, zwischen Russen und Ukrainern, oder zwischen Einheimischen und Zuwanderern – Und Sie erfahren, dass, wer sich verständigen will, den andern zuerst einmal verstehen muss.

Und so schlagen Sie Brücken – nicht nur zwischen den Völkern, sondern auch zwischen den Generationen, deren Erinnerung Sie wach halten.

Liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

Ihre 'Arbeit für den Frieden' ist niemals zu Ende!

Die Brücken, die Sie im Volksbund gebaut haben, werden ein Leben lang halten.

Und egal was aus Ihnen wird: ob Lehrer, Handwerker, Piloten oder Ärzte – all das, was den Gefallenen und Ermordeten aller Kriegsnationen niemals zu werden vergönnt war: Sie werden Ihre Stimme weiter erheben für den Frieden.

Eines Tages werden Sie von weißhaarigen Politikern wie mir den Staffelstab übernehmen und Verantwortung tragen für unsere Gesellschaft. Und wenn ich ganz ehrlich sein darf: So konfliktgeladen die Welt auch heute immer noch sein mag – wenn ich an die tausenden jungen Preisträgerinnen und Preisträger des heutigen Tages denke, dann bin ich voller Hoffnung, dass die Arbeit weitergehen wird: die Arbeit für den Frieden! Vielen Dank.

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