Hauptinhalt

Rede von Außenminister Steinmeier in der deutschen Botschaft in Prag anlässlich des 25. Jahrestages der friedlichen Revolution

30.09.2014

--es gilt das gesprochene Wort--

Verehrter Herr Parlamentspräsident Hamáček,
lieber Hans-Dietrich Genscher,
liebe Frau Genscher,
lieber Rudolf Seiters,
verehrter Herr Ministerpräsident Tillich,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

Natürlich ist es mir eine eine große Freude, den heutigen Jubiläumstag gemeinsam mit Ihnen zu feiern. Besonders freut es mich, dass ich das nicht allein mit einigen wenigen Offiziellen tun muss, sondern dass unter den Gästen mehr als hundert Menschen sind, die vor 25 Jahren Zuflucht in dieserBotschaft gefunden haben. Ich freue mich auch, dass zahlreiche der damaligen Helferinnen und Helfer, der damaligen Botschaftsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter hier sind, auch viele aus Tschechien, aus der Slowakei und aus Deutschland mit uns feiern. Ihnen allen ein herzliches Willkommen.

Bilder von damals sind uns allen gemeinsam noch sehr präsent - und den Jüngeren unter uns werden sie durch die Fernsehbilder in Erinnerung gerufen. Wir sehen noch, wie die Menschen - damals oft im verzweifelten Wettlauf mit den Sicherheitskräften - über den hohen Zaun dieser Botschaft geklettert sind. Allein in einer Nacht waren es über 1000. Rund 5000 hielten sich Ende September auf dem Botschaftsgelände auf, darunter damals 350 Kinder!

Man kann sich das in diesem geräumigen, geradezu prächtigen Palais, in dem wir heute stehen, kaum vorstellen: Jede Treppenstufe, jeder Winkel waren mit Hochbetten und Schlafsäcken belegt. Mehr und mehr Menschen mussten bei der einsetzenden Kälte unter freiem Himmel übernachten und es herrschte damals so etwas wie Ausnahmezustand.

Die Bilder, das hatte ich gesagt, sind mir und meinen Zeitgenossen noch gut in Erinnerung. Trotzdem sind die Gespräche mit den Zeitzeugen von damals, die ich heute mit einigen von Ihnen führen durfte, sind mir nahe gegangen. Viele von ihnen haben mir die Stelle am Zaun gezeigt, die Sie überwunden haben, oder den Baum im Park, an dem Sie ihre Wohnungsschlüssel aufhängten - geradezu sinnbildlich für den radikalen Bruch mit der eigenen Vergangenheit - auch dem Abschied von Heim und Angehörigen. Das alles, weil der unbeirrbare Wille zur Freiheit alle Hürden überwunden hat.

Trotz aller Anspannung und Ungewissheit, trotz des Regens, der den Park im Laufe des Septembers in ein Schlammfeld verwandelt hat, überwog die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit. Einer von Ihnen hat es vorhin auf den Punkt gebracht, als er gesagt hat: „Niemals habe ich mich freier gefühlt als im Matratzenlager der Prager Botschaft!“

Und dann, der Botschafter hat es erwähnt, genau vor 25 Jahren, Herr Genscher, Ihre erlösenden Worte: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“. Weiter kamen Sie nicht, der Rest ging im Jubelschrei der Menschen unter. Einer von ihnen hat mir eben beim Rundgang im Park gesagt: " Es war eine Situation wie beim Fußball: Auch Männer durften weinen."

Ihre Rede hier auf dem Balkon ist in den Herzen der Deutschen fest verankert. Sie spürten damals – wie Rudolf Seiters, der damals mit Ihnen nach Prag gereist war, und der heute hier ist: Jetzt ist der historische Moment gekommen, die historische Chance, auf die die Menschen in Ost und West Jahrzehnte gewartet hatten.

Es war ein Moment wie aus dem wunderbaren Volkslied, das seit über 200 Jahren von all denjenigen gesungen wird, die an ein geeintes und freies Deutschland glauben: „Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken - Und Mauern entzwei, die Gedanken sind frei!“

Die Ausreise der Flüchtlinge in den Westen ließ diese Verse buchstäblich Wirklichkeit werden. Vom 30. September an dauerte es nur noch wenige Wochen bis zum Fall der Berliner Mauer.

Der 30. September 1989 war aber eben nicht nur eine Sternstunde deutscher Geschichte. Er war eine gemeinsame europäische Sternstunde. Ich sage für uns Deutsche: Ohne den Mut der Revolutionäre auf dem Prager Wenzelsplatz und in den Straßen von Bratislava wäre dieser Traum nicht - ich behaupte sogar nie - Wirklichkeit geworden. Das bleibt für uns Deutsche unvergessen und dafür werden wir auf ewig dankbar sein.

Sie, lieber Hans-Dietrich Genscher, haben von einem politischen Urstrom damals gesprochen, der von Prag, der „europäischsten aller europäischen Städte“, aus seinen Ausgang genommen hat. Er hat die Tschechische Republik wieder dorthin geführt, wo sie hingehört: in die Mitte Europas.

Aber nichts, meine Damen und Herren, ist für ewig garantiert und angesichts der Umbrüche im Osten unseres Kontinents fragen sich heute viele - und ich sage, viele zu Recht: Steht all das, was wir seit den Schicksalstagen von 1989 aufgebaut haben, jetzt wieder auf dem Spiel? Droht ein neuer Eiserner Vorhang in Europa niederzugehen, vielleicht nur an anderer Stelle?

Ich sage: Ja, diese Gefahr besteht. Deshalb lässt uns dieser heutige Tag eben nicht nur zurückschauen. Denn das Ereignis vor 25 Jahren, an das wir heute erinnern, bedeutete eben nicht nur Freiheit für diejenigen, die hier im Palais Lobkowicz Zuflucht gefunden hatten! Dieses Ereignis steht auch für den Anfang vom Ende des Ost-West-Konflikts und für die Wiedervereinigung Europas. Deshalb ist heute dieser Tag sicherlich Anlass zur Freude, aber er ist eben auch Mahnung und Verpflichtung, eine neue Spaltung Europas nie wieder zuzulassen!

Vielen Dank.

Seite teilen:

Einreise & Aufenthalt

Auswärtiges Amt

Reise und Sicherheit

Außen- und Europapolitik

Ausbildung & Karriere