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Rede Außenminister Westerwelles anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ im Chinesischen Nationalmuseum

01.04.2011

-- es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrte Frau Staatsrätin Liu,

Exzellenzen,

meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, heute die Ausstellung „Kunst der Aufklärung“ in Peking gemeinsam mit Ihnen zu eröffnen.

Dieser Anlass ist aus vielen Gründen außergewöhnlich. Die drei vielleicht bekanntesten Kunstsammlungen Deutschlands gestalten eine gemeinsame Ausstellung im Chinesischen Nationalmuseum in Peking, das den Anspruch Pekings als eines der wichtigsten Zentren der Weltkultur in beeindruckender Weise widerspiegelt.

Nie hat es eine umfassendere Kunstausstellung aus Deutschland in einem anderen Land gegeben. Fast sechshundert der wertvollsten Objekte deutscher Museen werden ein ganzes Jahr lang in China gezeigt.

Begleitet wird die Ausstellung durch ein Dialogprogramm über die Werte der Aufklärung sowie durch ein dreijähriges Austausch- und Ausbildungsprogramm. Wir wollen den offenen, regen Austausch mit der chinesischen Gesellschaft. Ausdrücklich richten wir uns nicht nur an Experten, sondern an die breite interessierte chinesische Öffentlichkeit und gerade an die jungen Menschen hier. Wir wollen damit einen Diskussionprozess anstoßen, der über die Ausstellung hinaus seine Wirkung entfaltet.

Die Ausstellung ist weder laut noch plakativ, daraus aber den Schluss zu ziehen, sie wäre unpolitisch, geht fehl. Die Freiheit der Kunst ist die schönste Tochter der Aufklärung. Und zur Freiheit der Kunst gehört auch die Kunst über die Schönheit der Freiheit.

Zwar sprechen wir rückblickend von der „Epoche der Aufklärung“. Tatsächlich aber beschreibt die Aufklärung keine historisch klar abgrenzbare Periode, sondern einen langen Erkenntnisprozess, der immer wieder auch von Rückschlägen gekennzeichnet war. Der mühsame Siegeszug der Vernunft hat das Selbstverständnis der Menschen in Europa grundlegend verändert.

Durch den Vormarsch der Vernunft wurden aus Obrigkeiten Regierungen. Aus Untertanen wurden Staatsbürger. Und aus Künstlern, die zuvor meist Dekorateure von Kirchen und Schlössern waren, wurden gesellschaftliche Akteure.

Kunst und Kultur spiegeln den Stand einer Gesellschaft, oft gehen sie ihr voran, ja treiben die Entwicklung einer Gesellschaft an. Wir genießen nicht nur Kunst und Kultur, sie beeinflußt uns auch, und zwar meist positiv im Sinne des Humboldtschen Bildungsideals für den freien und selbständigen Menschen.

Ohne Kunst und Kultur wäre eine Gesellschaft nicht kreativ, eine Wirtschaft nicht innovativ, ohne Kunst und Kultur wäre Bildung technokratisch. Erst Kunst und Kultur geben die Vielfalt der Sichtweisen in einer Gesellschaft wider.

Die Kraft, die Kunst entfalten kann, zeigt sich auch an der lebhaften zeitgenössichen chinesischen Kunst. Das Galerienviertel 798 in Peking ist auch in der Berliner Kunstszene ein fester Begriff. China hat eine große Kunstgeschichte und eine der beeindruckendsten Kunstszenen der Welt.

Wir Deutsche haben die Lektion unserer Geschichte gelernt: Die Freiheit der Kunst ist immer auch Gradmesser für die Menschlichkeit einer Gesellschaft. Denn Kunst ist Teil unseres Menschseins. Kunst im Dienst der Macht wird zu Propaganda.

wenn wir an diesem Abend die Ausstellung über die „Kunst der Aufklärung“ eröffnen, so sagt dies auch etwas über die Beziehungen zwischen unseren Ländern, zwischen Deutschland und China aus.

Unsere Beziehungen sind eben nicht beschränkt auf den engen und intensiven wirtschaftlichen und politischen Austausch. Das deutsch-chinesische Verhältnis zeichnet sich durch eine große kulturelle und intellektuelle Neugier aufeinander aus. Wir sind fasziniert von der Kultur des anderen. Das zeigt in Deutschland etwa der große Erfolg der Konfuziusinstitute. Wir wiederum haben uns über den lebhaften Zuspruch für unsere dreijährige Veranstaltungsserie „Deutschland und China – gemeinsam in Bewegung“ an so vielen Orten Chinas sehr gefreut.

Dass ein deutsches Architekturbüro den Auftrag erhalten hat, dieses für China so bedeutungsvolle Haus neu zu gestalten, ist uns eine große Ehre. Dass Deutschland die erste Ausstellung in diesem Museum, an diesem so bedeutungsvollen Ort in China ausrichten darf, sehen wir als ein Zeichen der hohen Wertschätzung Chinas für unsere Kultur. Dafür sind wir dankbar.

Die Bedeutung der Kultur bei der Gestaltung von Außenpolitik darf nicht unterschätzt werden. Kultur und Kulturpolitik sind keine Nischenthemen, sondern unabdingbar, um wirkliches Verständnis füreinander zu entwickeln und zu fördern.

Ich möchte mich bei Ihnen, Staatsrätin Liu Yandong, und bei allen anderen beteiligten chinesischen Partnern bedanken, dass sie durch ihren Einsatz dieses außergewöhnliche Projekt ermöglicht haben.

Mein Dank gilt an dieser Stelle auch den vielen Beteiligten auf deutscher Seite. Stellvertretend für sie alle möchte ich hier die Generaldirektoren der drei deutschen Museumsverbünde nennen, Prof. Dr. Michael Eissenhauer (Berlin), Prof. Dr. Martin Roth (Dresden), und Prof. Dr. Klaus Schrenk (München). Außerdem geht mein Dank an die Sponsoren, ohne die dieses Vorhaben nicht zu schultern gewesen wäre. Ihnen allen gemeinsam ist etwas Großes gelungen. Ich  wünsche der Ausstellung viel Erfolg.

Nun freue ich mich auf den Rundgang und das Konzert der drei bedeutenden deutschen Orchester heute Abend. Die Musiker werden  Beethovens dritte Symphonie „Eroika“ für uns spielen. Übrigens ein Musikstück, dass auch  für die Sehnsucht nach Freiheit steht.

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