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Ansprache von Staatsminister Gernot Erler anlässlich der 17. Pfingstaktion von RENOVABIS

03.05.2009

Sehr geehrter Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, Hochwürdigster Herr Erzbischof Dr. Zollitsch,
Hochwürdigster Herr Erzbischof Hočevar,
Hochwürdigster Herr Bischof Duka,
sehr geehrter Herr Prälat Dr. Subocz,
sehr geehrter Herr Dr. Mykhaleyko,
verehrte Frau Abgeordnete Queitsch,
sehr geehrter Herr Abgeordneter Schätzle,
sehr geehrter Herr Staatssekretär Wickert,
verehrte Frau Landrätin Störr-Ritter,
sehr geehrter Herr Bürgermeister von Kirchbach,
sehr geehrter Hauptgeschäftsführer von RENOVABIS, Herr Pater Demuth,
liebe Teilnehmer des RENOVABIS-Jugendwettbewerbs „GoEast“,
liebe Freunde von RENOVABIS, verehrte Gäste,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

wir erinnern in diesem Jahr an ein Ereignis, das alle, die heute hier versammelt sind, eint - den Fall der Mauer im Jahr 1989.

Vielfältige Veranstaltungen in Deutschland, ja in ganz Europa erinnern in diesem Jahr an dieses historische Ereignis. Zu Recht haben Sie in Erinnerung an den Mauerfall die diesjährige Pfingstaktion mit dem Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Galater „Zur Freiheit befreit“ betitelt.

1989 ist ein Wendepunkt der europäischen Geschichte, der seine eigene Geschichte hat: das Ende des Prager Frühlings 1968, die KSZE-Konferenz in Helsinki, die mutigen Kämpfer der Solidarnosc, die Politik der Perestrojka von Präsident Gorbatschow, die Montagsdemos in Leipzig, die Durchschneidung des Eisernen Vorhangs durch Ungarn, die Ausreise der Botschaftsflüchtlinge aus Prag, Budapest und Warschau.

1989 endet die Spaltung des europäischen Kontinents, der Kalte Krieg ist vorbei, der Bau am „Haus Europa“ wird von der Vision zum konkreten Projekt. Der Mauerfall eröffnet den Weg zur Transformation der Staaten in Mittel- und Osteuropa führt, in unsere Zusammenarbeit z.B. im Europarat, in der OSZE und in der Europäischen Union, vor allem aber führt er endlich die Menschen zueinander.

Die 90er Jahre hatten dann aus deutscher Perspektive außenpolitisch einen klaren Schwerpunkt auf der Osterweiterung der EU. Es ging darum, unseren östlichen Nachbarstaaten nach der Auflösung des sowjetischen Imperiums eine neue Perspektive zu geben. Bis heute hat sich die EU-Erweiterungspolitik als praktische Friedenspolitik erwiesen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die bewegenden Momente des Beitritts der insgesamt 12 mittel-, ost- und südosteuropäischen Staaten in die EU 2004 und 2007. Und fünf Jahre danach ist die Bilanz – trotz vieler noch ungelöster Probleme – im Ganzen positiv!

Ich möchte aber auch die Kehrseite der Medaille, die blutigen Konflikte in Südosteuropa und auf dem Balkan in den 90er Jahren, und die Lektion erwähnen, die wir hieraus gelernt haben. Der Stabilitätspakt für Südosteuropa, der 1999 noch während der Schlussphase de Kosovo-Krieges durch die deutsche EU-Präsidentschaft initiiert worden war, setzte gezielt Förderung regionaler Zusammenarbeit gegen regionale Konflikte. Dabei war uns von vornherein klar, dass ein solcher Prozess langfristig angelegt sein musste. Bereits nach wenigen Jahren konnte der Stabilitätspakt erste Erfolge vorweisen. Sie erleichterten es der EU dann, beim Europäischen Rat im Juni 2003 in Thessaloniki den entscheidenden Schritt zu tun und für den gesamten Westbalkan eine verbindliche Beitrittsperspektive zu verkünden. Seitdem läuft neben dem Stabilitätspakt ein mehrstufiger Heranführungsprozess. Die EU hat also ab 1999, die Lektionen des Kosovo-Krieges lernend, die Integrationsangebote, die sich in Mittel- und Osteuropa als konfliktlösend und friedensfördernd bewährt haben, auch auf die krisengeschüttelte Balkanregion ausgedehnt.

Ebenso bedeutsam ist unser Verhältnis zu Russland. Das Ziel einer strategischen Partnerschaft zur Russischen Föderation ist für Deutschland und die EU von grundlegender Bedeutung. Dies gilt für die Wirtschaftsbeziehungen genauso wie für das wachsende Geflecht von Organisationen und Initiativen, die Austausch und Begegnung pflegen, in Politik, Wissenschaft, Kultur und Kirchen – der schwierigen Vergangenheit zum Trotz.

Im Rahmen der Europäischen Nachbarschaftspolitik wollen wir in vier Tagen, am 7. Mai beim Gipfel in Prag, die Östliche Nachbarschaft auf eine neue Grundlage stellen: die östlichen Nachbarn Ukraine, Belarus, Moldau und die drei Staaten des südlichen Kaukasus Georgien, Armenien und Aserbaidschan sollen im politischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Bereich enger an die Europäische Union herangeführt werden.

Und lassen Sie mich Zentralasien erwähnen, eine Region, die durch die Zentralasienstrategie der EU zunehmend eng in Fragen der Sicherheit, „good governance“, Wirtschaftskooperation, Energie, bei der Förderung des Schul- und Hochschulsektors sowohl durch einen intensivierten politischen Dialog als auch durch praktische Projekte und Initiativen eingebunden wird. Dass wir in diesem Jahr das „Kulturjahr Kasachstan“ in Deutschland begehen, ist ein Beispiel für dieses sich dynamisch entwickelnde Verhältnis.

Ausgangspunkt all dieser Entwicklungen ist der Mauerfall 1989: Anlass zur Rückbesinnung, zur Freude und Dankbarkeit über das Erreichte, aber nicht zuletzt ein Anlass zum Dank an alle, die die Chancen der Geschichte aktiv ergriffen haben.

RENOVABIS (lateinisch wörtlich für: „Du wirst erneuern“), die Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken für Osteuropa, ist ein herausragendes Beispiel für aktiven und lebendigen Brückenbau, für Engagement im Sinne der Partnerschaft zwischen Ost und West. Seit 17 Jahren fördern Sie Begegnung und Projekte mit dem Ziel, dass Menschen in Ost und West voneinander lernen, miteinander glauben und dass eine Nachbarschaft des Vertrauens entsteht. Ihr Motto ist „Hilfe zur Selbsthilfe“, umgesetzt in mehr als 15.600 Projekten mit einem Volumen von über 450 Mio. Euro in 29 Staaten. Und dies ganz überwiegend aus kirchlichen Mitteln, aus privaten Spenden und Kollekten.

Bildung, Medien und soziale Maßnahmen stehen im Zentrum Ihres Wirkens. Während des Konfliktes in Georgien im vergangenen Jahr hat RENOVABIS aber auch spontan reagiert und einen Kindergarten und Suppenküchen errichtet.

Es sind nicht diese praktischen Hilfeleistungen alleine, die RENOVABIS auszeichnen. Es ist die Grundphilosophie Ihres Handelns – gegenseitige Anerkennung der Gleichwertigkeit in freier Annahme von Verschiedenheit - die Ihr Wirken so nachhaltig macht. Dies gilt auch für die konstante Verbindung mit dem internationalen Gespräch zwischen Kirche, Gesellschaft und Politik, durch jährliche hochrangige Kongresse zu Fragen wie Religion und Nation, zur Konfliktprävention, zu den sozialen Umbrüchen in Mittel- und Osteuropa. Es geht um offenen Dialog, es geht darum, eingefahrene Denkmuster aufzubrechen, den Nachbarn mit seiner Geschichte zu verstehen.

Ihre heutigen Gäste aus Polen, Rumänien, Serbien, der Slowakei, der Tschechischen Republik und aus der Ukraine sind Zeugen dieses dichten und solidarischen Miteinanders. Dieses Miteinander umfasst alle Generationen: die Älteren, deren Biografien oft dramatisch von der Wende geprägt wurden, aber es erreicht auch die Jugend– und das ist ein besonders wichtiges Signal für die Zukunft. „GoEast“, der Wettbewerb mit dem Bund der deutschen katholischen Jugend und der Arbeitsstelle für Jugendpastoral der Bischofskonferenz zu „20 Jahre Mauerfall“ ist ein vorbildliches Beispiel. Dass sich so viele an diesem Wettbewerb beteiligt haben, freut mich sehr. Und natürlich ist es mir eine große Freude, die Preisträger hier vorstellen zu dürfen.

Wie immer ist es auch bei diesem Wettbewerb so, dass man viel mehr Initiativen auszeichnen möchte, als Preise vorhanden sind. Deshalb geht mein erster Dank an alle, die sich mit Ideen, Kreativität und Begeisterung beteiligt haben. Viele von Ihnen waren kleine Kinder oder noch nicht auf der Welt, als die Mauer fiel.

Sie sind alle Gewinner! Denn Sie haben Ihren Horizont erweitert, wahrscheinlich Sprachbarrieren, vielleicht auch klischeehafte, überkommene Vorstellungen überwunden, in jedem Fall neue Freunde gefunden oder sogar neue Perspektiven für Ihr Leben entdeckt.

In diesem Sinn geht mein erster Glückwunsch an Sie alle!

Und jetzt möchte ich Ihnen die 3 Preisträger vorstellen, die die Jury ausgewählt hat:

Der erste Preis geht an die:

Erzbischöfliche Liebfrauenschule Bonn, an Schwester Dorothea Hahn als Lehrerin und an Laura Jörger, Collette Kufferath-Sieberin und Rosalie Seppelt als Schülerinnen.

Die Preisträgerinnen beschreiben ihr Projekt so:

„Wir möchten Kontakt knüpfen zu jungen Menschen in Polen, die trotz weiter Entfernung von Bonn unsere Nachbarn sind. Wir möchten gemeinsam aus der Geschichte lernen und unseren Beitrag zu einem friedlichen Europa leisten. Wir möchten aber nicht nur von West nach Ost und von Ost nach West gucken, sondern gemeinsam in eine Richtung schauen“.

Und was machen die Schülerinnen der Erzbischöflichen Liebfrauenschule Bonn zusammen mit der Grupa Misyjna des Liceum Salezjanskie in Wroclaw/Breslau? Sie reisen zu vierwöchigen Arbeitseinsätzen nach Ghana, am 6. Juli dieses Jahres schon zum dritten Mal. Sie helfen vormittags beim Bau einer Vorschule in Adentia und organisieren nachmittags ein Spiele- und Sportprogramm für die Kinder des Dorfes.

Liebe Preisträgerinnen, ich finde, dies ist wirklich ein großartiges, nachahmenswertes Projekt. Ich gratuliere allen, die aus Bonn und Breslau gekommen sind, sehr herzlich!

Der zweite Preis geht an das Deutsch-Tschechische Jugendforum, an Jan und Janina Zajic aus Prag (Janina ist Deutsche) und ihren Sohn Bela, der 11 Monate alt ist.

Wenn Jugendliche aus Tschechien und Deutschland, die an Politik und Gesellschaft interessiert sind, die Kultur ihres Nachbarlandes kennen lernen wollen, in Arbeitsgruppen Themen wie „Europa“, „Kultur“ oder „Migration“ bearbeiten, in Schulen hierüber mit Schulklassen diskutieren, einen deutsch-tschechischen Verein gründen und sich mehrmals pro Jahr im Plenum treffen – dann ist das das eine tolle Sache und einer Auszeichnung wirklich wert. Ich gratuliere dem deutsch-tschechischen Jugendforum sehr herzlich zum 2. Preis von GoEast!

Ich gratuliere Jan und Janina Zajic, zwei der engagierten Mitglieder dieses Forums auch dazu, dass sie mit ihrem 11 Monate alten Sohn Bela hier sind. Ihre junge Familie ist ein besonders schönes Symbol für die gute Zukunft der Nachbarschaft unserer beiden Staaten.

Und nun komme ich zum dritten Preis. Er geht an die Partnerschaft der Pfarrgemeinden St. Albert in Freiburg mit Jonas Seufert, Elisabet Haas, Hannah Beck, David Nadler mit der Kirchengemeinde St. Marien in Elektrenai, Litauen – vertreten durch Justina Gintutytè und Lina Valmantaitè.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe GoEast-Mitwirkende,

der dritte Preis geht an eine Partnerschaft zwischen zwei Kirchengemeinden, eine hier ganz in der Nähe, St. Albert, und eine im Baltikum, St. Marien-Königin der Märtyrer, in Elektrenai in Litauen.

RENOVABIS vermittelte 1994 die ersten Kontakte zwischen den beiden Kirchengemeinden. Elektrenai, 1962 gegründet und nach dem Elektrizitätswerk benannt, war ein Ort ohne Kirche. Die Kirchengemeinde entstand erst 1989. Aus materieller Unterstützung der St. Albert Pfarrgemeinde hier in Freiburg wuchs der Wunsch nach persönlichen Kontakten, heute gibt es gegenseitige Besuche, gemeinsam gestaltete Messen mit Jugendchor und -Band und es wächst eine neue Qualität von Partnerschaft – so die Einschätzung der Jugendlichen selbst.

Ich gratuliere allen Beteiligten herzlich zu dieser Initiative und ermutige alle, diese Wege weiter zu beschreiten, andere mitzunehmen, hinzufahren, neue Erfahrungen zu machen. Es ist – das ist meine tiefe Überzeugung – bereichernd für jeden selbst und für seine Wahrnehmung des Lebensumfeldes - hier wie dort.

Soweit zu den diesjährigen Preisträgern!

Abschließend möchte ich RENOVABIS für diese großartige Aktion zum 20. Jahrestag des Mauerfalls herzlich danken. Ich wünsche allen, die sich in diesem Netzwerk engagieren, weiterhin viel Kraft, Freude und Begeisterung. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für die gemeinsame Zukunft Europas.

Wer wissen will, wie praktische Friedensarbeit heute in Europa und darüber hinaus aussieht, der sollte sich die Aktionen und Projekte von Renovabis anschauen – oder noch besser: den Entschluss fassen, an ihnen mitzuwirken oder wenigstens für sie zu spenden!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen viel Erfolg und gute Erfahrungen für die Zukunft – und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit!

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