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Ehrung für Armin Mueller-Stahl

08.02.2009

„Von der DEFA nach Hollywood“


im Roten Rathaus in Berlin
am 08. Februar 2009

Sehr geehrter Armin Mueller-Stahl,
sehr geehrte Gabriele Mueller-Stahl,
lieber Klaus Wowereit,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
liebe Berlinale-Gemeinde!

Ich darf zunächst einmal den Berlinale-Gängern ihre größte Sorge nehmen: im Programm steht, dass ich eine Laudatio halte.

Das ist so nicht richtig. Auch ein Außenminister weiß ja, dass Berlinalesonntage so etwas sind wie der Beweis der Relativitätstheorie: Je nach dem eigenen Zustand verändert sich der zeitliche Abstand.

Einfacher gesagt: Nie ist es Sonntag morgens um 11 Uhr so früh wie an einem Berlinale-Sonntag.

Also: Auch wenn die Uhrzeit sehr nach einem sonntäglichen Hochamt für Cineasten aussieht, werde ich keinen Lobpreis ausbringen. Die Verdienste von Armin Mueller-Stahl sind dazu zu groß und zu klein ist die Kondition der Anwesenden.

Haben Sie also keine Sorge. Sondern schenken Sie mir Ihre Aufmerksamkeit, um ein paar Anmerkungen zu machen,

warum ich mich Armin Mueller-Stahl so verbunden fühle, warum die Tatsache, dass ich zu ihm sprechen darf, für mich fast ein größeres Kompliment ist als für ihn, und warum ich mir eine Antwort auf eine Frage erhoffe, die Armin Mueller-Stahl vor rund 60 Jahren gestellt wurde.

Lieber Armin Mueller-Stahl,

als Sie sich nach dem Krieg an einer Schauspielschule bewarben, hat Ihnen der damalige Direktor gesagt: „In den theoretischen Fächern sind Sie doch ganz gut, warum werden Sie nicht Politiker?“

Er meinte das damals freilich nicht als Kompliment und ich darf auch die anwesenden Gäste bitten, jetzt keinen falschen Rückschluss zu ziehen, warum Klaus Wowereit und ich in der Politik gelandet sind.

Aber wir haben alle gelesen, dass Armin Mueller-Stahl mit der Schauspielerei etwas kürzer treten will. Und das stellt doch diese alte Frage noch einmal ganz neu!

Eines jedenfalls möchte ich als Politiker an dieser Stelle betonen:

Nicht nur Ihr künstlerisches Wirken, sondern auch Ihr Engagement als Künstler in der Gesellschaft hat unser Land geprägt.

Und als Außenminister füge ich hinzu: Das hat unser Land weit über seine Grenzen hinaus geprägt: So wie ich Frankreich auf Ihre Zusammenarbeit mit Patrice Chereau angesprochen werde, so schwärmt mein polnischer Kollege von Ihren Filmen mit Andrzej Wajda und Agnieszka Holland.

Und der Taxifahrer Helmut Grokenberger aus „Night on Earth“ hat der ganzen Welt zum vielleicht ersten Mal gezeigt, dass wir Deutschen manchmal sogar Humor und Herzenswärme haben können.

Lieber Armin Mueller-Stahl,

Sie haben die Kultur in unserem Land im wahrsten Sinne mit aufgebaut – und das gleich drei Mal: in beiden Teilen unseres Landes und im wiedervereinigten Deutschland.
Gleich nach dem Krieg haben Sie bei Helene Weigel am Schiffbauerdamm angefangen und vor allem in großen Defa-Filmen der 60er und 70er Jahre gespielt.

„Nackt unter Wölfen“ und „Jakob der Lügner“, um nur zwei zu nennen, zählen zum kulturellen Erbe unseres Landes.

Und mit Blick auf die aktuellen Diskussionen in der Presse und natürlich auch mit Blick auf den Progress-Verleih möchte ich betonen: Ich finde es wichtig, dass wir dieses kulturelle Erbe nicht nur annehmen, sondern dass wir es pflegen und ihm mit Wertschätzung begegnen. Es ist nicht der schlechteste Teil deutscher Kultur, der sich hier zeigt, und das meine ich nicht nur bezogen auf die beiden genannten Filme!

Sondern viele DEFA-Filme und über den filmischen Bereich hinaus viele Kulturschaffende der ehemaligen DDR stehen eben auch für eine künstlerisch gelungene und kritische Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, mit sozialen und politischen Fragen in einem mehr als schwierigen politischen Umfeld.

Und viele Filme, zwei habe ich bereits genannt, können sich auch heute im wahrsten Sinne des Wortes noch sehen lassen. Ich finde, gerade in dem Jahr, in dem wir den 20. Jahrestag des Mauerfalls feiern werden, sollten wir hier ein wenig genauer und mit ein bißchen mehr Sensibilität und Differenzierung hinsehen!

Lieber Armin Mueller-Stahl,

Sie haben einmal gesagt, der Schauspieler sei „Utopienträger“. Sie haben diese gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers immer angenommen. Nicht nur in Ihren Filmen. Sondern Sie haben auch öffentlich Stellung genommen, Kritik geäußert und mit Ihrer Meinung nicht hinter dem Berg gehalten. Nicht marktschreierisch oder schlagzeilentauglich. Sondern mit Bedacht und Überlegung, ruhig, aber deutlich.
Sie haben sich immer wieder für Ihre Kollegen und Freunde eingesetzt, und so verwundert es nicht, dass Sie am Beginn der 80er Jahren der DDR den Rücken gekehrt haben.

Der damalige „Westen“ hat davon profitiert. Weit über Deutschland hinaus.

Sie haben durch Ihre Rollen bei Achternbusch, Kluge, Fassbinder, um nur diese zu nennen, dem deutschen Autorenfilm zu großer Beachtung verholfen. Der Film der Bundesrepublik hat Ihnen vieles zu verdanken.

Und wir alle haben Ihnen zu verdanken, dass Sie ihrem künstlerischen und gesellschaftlichen Anspruch treu geblieben sind.

Ich erinnere mich noch sehr gut: Sie waren in den 80er Jahren für uns, die wir damals so um die 30 waren, der eigensinniger Star, der lieber mit Rainer Werner Fassbinder als für die Schwarzwaldklinik drehte, dem die Miesepetrigkeit in Kohls Deutschland mißfiel, der deswegen zum freier Atmen in das Amerika der Clinton-Ära ging.

Aber Sie waren und sind auch der große engagierte Künstler, der immer wieder zurück kam und zurück kommt, um mit deutschen Regisseuren zu arbeiten, um sie zu unterstützen in ihren kleinen und größeren Projekten.

Sie haben, ich glaube, dass darf man sagen, den gesellschaftskritischen und auf eine neue Weise engagierten Film der Berliner Schule ganz leise, unaufdringlich, aber um so wirkungsmächtiger mit befördert.

Und auch wenn das kein Beispiel für die Berliner Schule ist, die „Buddenbrocks“ sind ja so etwas wie der Film zur Krise und ein Satz ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Sie sagen dort sinngemäß, „Mein Sohn, sei mit Lust bei den Geschäften am Tag, aber mache nur die Geschäfte, die uns bei Nacht ruhig schlafen lassen“. Zu viele haben sich an diesen Satz nicht gehalten!

Lieber Armin Mueller-Stahl,

Sie haben von sich selbst gesagt, Sie seien „von mehreren Musen geküßt worden“ und so wäre es auch ganz verwunderlich, wenn sich Ihre Unterstützung auf die Filmemacher beschränkt hätte.

Sarah Spitzer und Mike Jin, die heute hier spielen werden, zählen mit zu den Musikern, für die Sie sich besonders einsetzen. Und ich habe mir berichten lassen, dass Ihr gemeinsames Programm ein großer Erfolg ist. Um so mehr freue ich mich, Ihnen sagen zu dürfen, dass auch hier Ihr Einsatz Früchte trägt. Das Goethe-Institut wird gemeinsam mit meinem Haus versuchen, diese wunderbare deutsch-chinesische Zusammenarbeit von Sarah Spitzer und Mike Jin noch ein wenig bekannter zu machen in der Welt.

Lieber Armin Mueller-Stahl,

ich freue mich sehr, Ihnen den Preis des Progress-Verleihs überreichen zu dürfen und ich möchte dies mit einer Bitte verbinden:

Wenn Sie sich wieder erwarten doch nicht dafür entscheiden sollten, noch in die Politik zu gehen, dann bleiben Sie uns als engagierter Künstler unseres Landes erhalten und gewogen. Sie brauchen die Welt, aber vor allem brauchen wir Sie!

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