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Rede des Bundesaußenministers Frank-Walter Steinmeier zur Eröffnung des 20. Africa-Festivals am 22. Mai 2008 in Würzburg

22.05.2008

--Es gilt das gesprochene Wort!—

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,

sehr geehrter Herr Minister Bah,

sehr geehrter Herr Minister Gakosso,

Exzellenzen,

sehr geehrter Herr Dibango,

lieber Herr Dr. Oschmann,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Festivalbesucher!

„Ein Boot kommt nicht voran, wenn jeder auf seine Art rudert“, sagt ein afrikanisches Sprichwort – und heute sehen wir, wie weit man voran kommen kann, wenn man gemeinsam rudert!

Vor zwanzig Jahren hat das Africa Festival zum ersten Mal statt gefunden. Als private Initiative einiger – damals noch nicht so zahlreicher – Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, eine kulturelle Brücke zu unserem Nachbarkontinent zu schlagen. Die ihre Begeisterung über den afrikanischen Kontinent zeigen und teilen wollten und vor allem: die unseren afrikanischen Freunde auf dem Weg in eine gemeinsame bessere Zukunft mit Rat und Tat zur Seite stehen wollen.

Heute feiern wir das 20. Africa-Festival. Und wir sehen, dass dieses Boot der Verständigung weit gekommen ist!

Wir dürfen Minister-Kollegen, Botschafter, und Weltklasse-Künstler aus Afrika ebenso willkommen heißen wie Vertreter der Wirtschaft und Zivilgesellschaft aus ganz Deutschland. Hier in Würzburg wird die große schöpferische Kraft, das große Entwicklungspotenzial Afrikas mit Händen greifbar. Hier ist die Partnerschaft mit Afrika gelebte Wirklichkeit und hier zeigt sich einmal mehr, dass die kulturelle Zusammenarbeit Wegbereiter, Schrittmacher und Vordenker der politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit ist!

Lassen Sie mich dazu ein ganz konkretes Beispiel von meinen Afrika-Reisen berichten: Während meiner ersten Reise, ich glaube nach Ghana, hatte die Botschaft in Accra abends zu einem Gartenempfang eingeladen. Es gab wunderbares afrikanisches Essen und anregende Gespräche - und plötzlich setzte eine erste einzelne Trommel ein. Was nun folgte, war ein Konzert, dass die ganze Bandbreite ghanaischer Musik aufzeigte, dessen Höhepunkt aber der Auftritt von George Darko war, dem bekannten Vertreter des „Burger Highlifes“. Und wer einmal diese Variante der ghanaischen Highlife Musik erlebt hat, wer einmal gehört hat, welche Schönheit und Kraft aus dieser Musik mit und von afrikanischen und europäischen Elementen entstehen kann, der wird sich nie mehr ängstlich von der vermeintlich fremden, anderen Welt abwenden.

Um so mehr freue ich mich, dass ich Ihnen heute die „Aktion Afrika“ des Auswärtigen Amtes vorstellen darf, die genau diese Zusammenarbeit in Kultur und Bildung noch weiter vertiefen und ausbauen soll.

Die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik, ich darf das auch hier noch einmal wiederholen, ist für mich nicht nur zentraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik. Sondern ist angesichts der Veränderungen der Globalisierung der vielleicht modernste und nachhaltigste Beitrag zu einer vorausschauenden Außenpolitik. Zwei Leitgedanken stehen dabei für mich im Vordergrund: Zusammenarbeit braucht Räume der Verständigung, der gemeinsamen Kreativität und des Kennenlernens. Erst auf dieser Grundlage kann ein ernsthafter Dialog auch über Differenzen und Unterschiede überhaupt statt finden. Diese Verständigungspunkte wollen wir ausbauen:

Durch die Gründung zweier neuen Goethe-Institute in Daressalam und Luanda, durch die Einrichtung von vier neuen Goethe-Verbindungsstellen, in Ruanda, Malawi, Burkina Faso und Nigeria, aber auch darüber hinaus:

Damit unsere Partnerschaft noch mehr zur Sprache kommt, helfen wir bei der Entwicklung von Lehrbüchern, unterstützen die Universitäten in Bamako, Abidjan, Maputo und Südafrika durch die Finanzierung von sieben neuen Stellen von Hochschullehrern.

Und schließlich wollen wir auch hier in Deutschland etwas dafür tun, damit die Menschen nicht nur in Würzburg, sondern auch anderswo in der Republik mehr an afrikanischer Kultur sehen, hören und lesen können. Ich nenne hier nur die Präsentation afrikanischer Literatur auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin oder den Afrika-Schwerpunkt des Talent-Campus der diesjährigen Berlinale als Beispiel.

Neben dieser Frage des Zuganges und der gemeinsamen Kreativität spielt aber noch ein weiterer Gedanke im Verhältnis zu Afrika eine besondere Rolle: Die Zukunft unserer Länder und unserer Kontinente hängt ganz entscheidend davon ab, dass unsere Kinder und Jugendliche ausgebildet, gut ausgebildet werden.

Hier liegt eine der zweite Schwerpunkt unserer Aktion Afrika, und natürlich sind auch die Sprachaktivitäten des Goethe-Institutes und die Unterstützung der Universitäten hierfür ein Beispiel. Aber wir wollen noch weiter gehen:

Wir stärken die Hochschulzusammenarbeit und verschaffen ihr eine größere Reichweite, in dem wir mit dem DAAD deutsche Fachzentren an afrikanischen Universitäten einrichten. Wir unterstützen deutsche und afrikanische Universitäten dabei, gemeinsame Konzepte für „Exzellenzzentren“ zu entwickeln, und eröffnen damit afrikanischen Studenten ganz neue Ausbildungs- aber auch Berufsperspektiven in ihren Heimatländern.

Und wir unterstützen die Deutsche Welle mit ihrem innovativen Bildungsansatz: Die Deutsche Welle, die ja bereits über zahlreiche Partnerschaften in Afrika verfügt, hat neue, partizipative Sendeformate im TV und Radiobereich entwickelt. Schwerpunkthemen dieser Programme sind Zivilgesellschaft und gute Regierungsführung. Mit dem Programm „Learning by Ear“, das in afrikanischen Studios vor Ort z. B. in den Regionalsprachen Haussa, Amharisch und Kisuaheli produziert wird, werden rund 33 Millionen Heranwachsende in Afrika erreicht. Themen wie Globalisierung, bürgerschaftliches Engagement aber auch die Gefahren und Präventionsmöglichkeiten von HIV/AIDS werden hier den Jugendlichen nahe gebracht.

Ich finde, das ist nicht nur ein neuer, sondern ein besonders gelungener neuer Ansatz. Denn er vereint Bildung und den Aufbau einer freien Medienlandschaft mit einer kulturellen Herangehensweise.

Und in diesem Dreiklang von Kultur – Bildung und guter Regierungsführung liegt doch das Ziel nicht nur unserer Politik im Bereich von Kultur und Bildung, sondern unserer gesamten Afrika-Politik: die Eigenkräfte des afrikanischen Kontinentes stärken; mithelfen, dass die Menschen in Afrika teilhaben können an den Zukunftschancen, und unseren Beitrag leisten zu Frieden und Sicherheit auf unserem Nachbarkontinent.

Lassen Sie mich daher zum Abschluss noch drei Gebiete nennen, die einen besonderen Schwerpunkt unserer außenpolitischen Aktivitäten bilden werden:

Gute Regierungsführung und das Eintreten für Menschenrechte und Demokratie bleiben ein Grundpfeiler unserer Außenpolitik. Auch in Afrika. Deshalb beobachten wir mit großer Sorge vor allem die Lage in Simbabwe, wo ein greiser Diktator mit aller Kraft und unter systematischer Verletzung der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte des simbabweschen Volkes an seiner Macht festzuhalten versucht. Nun haben die Menschen in Simbabwe gewählt und sich für einen Wandel ausgesprochen. Wir appellieren auch hier und heute an die Verantwortlichen in Simbabwe, diesen Wandel nicht zu verhindern. Wir wollen zusammen mit unseren Partnern in der EU unser Möglichstes tun, damit es einen fairen zweiten Wahlgang für die Präsidentschaftswahl gibt und das Volk seine Regierung selbst bestimmen kann. Und wir stehen mit der gesamten EU bereit, Simbabwe bei einem wirtschaftlichen und politischen Neuanfang zu unterstützen!

Wem Afrika am Herzen liegt, dem muss auch daran gelegen sein, dass Afrika seine politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Stärken künftig noch besser bündeln und gemeinsam zur Geltung bringen kann.

An Aufgaben, die ein gemeinschaftliches Herangehen auf afrikanischer Ebene erfordern, fehlt es nicht. Die letzten Monate haben uns das einmal mehr in Erinnerung gerufen. Die jüngste Nahrungsmittelkrise, in der Klimawandel und ökonomische Globalisierungseffekte auf verhängnisvolle Weise zusammengewirkt haben, hat gerade in Afrika eine Vielzahl von Ländern auf ganz ähnliche Weise betroffen. Die Bekämpfung von Krankheiten und Seuchen ist ein weiteres Beispiel.

Auch hier stehen wir in Politik und Zivilgesellschaft in Deutschland bereit zu helfen. Wie sehr, auch dafür ist Würzburg ein gutes Beispiel: die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, die ja hier in Würzburg ihren Sitz hat, hat im vergangenen Jahr innerhalb kürzester Zeit hier in der Region mehr als 200.000 Euro Spenden von Bürgern gesammelt und in Togo ein neues Krankenhausgebäude zur Behandlung von Buruli Ulcer, einer wirklich schrecklichen Krankheit, eröffnet.

Ich habe dieses Gebäude während meiner letzten Reise einweihen dürfen und ich darf Ihnen, meine Damen und Herren aus der Rhein-Main-Region ganz herzlich meinen Dank und meine Anerkennung aussprechen!

Noch einen weiteren Aspekt der regionalen Zusammenarbeit möchte ich erwähnen: Der Anspruch der AU, Konflikte auf dem Kontinent in afrikanischer Eigenverantwortung zu lösen, wird leider immer wieder Bewährungsproben unterzogen. Die jüngste Zuspitzung der Krise zwischen dem Tschad und dem Sudan belegt dies. Statt mit Hilfe der AU auf Verhandlung und Dialog zu setzen, gibt es dort militärische Drohgebärden und Säbelrasseln auf beiden Seiten. Dieses Verhalten ist brandgefährlich! Ich rufe alle Beteiligten auf, zum Verhandlungstisch zurückzukehren und im Rahmen der AU für eine dauerhafte, politische Lösung zu arbeiten.

Die AU ist mit ihrem Vorsitzenden Jakaya Kikwete und dem gerade neu ins Amt eingeführten Vorsitzenden der AU Kommission, Jean Ping, für die Bewältigung ihrer vielfältigen Aufgaben personell sehr gut aufgestellt. Beide haben unsere volle Unterstützung. Auch in einem ganz praktischen Sinne. So werden wir den Aufbau einer pan-afrikanischen Sicherheitsarchitektur unterstützen durch ein funktionsfähiges, modernes Operations- und Lagezentrum für eigenständige AU Missionen. Damit die AU noch besser in der Lage ist, in Eigenverantwortung regionale Konflikte zu lösen und einzudämmen.

Aber nicht nur in der bilateralen Zusammenarbeit, auch als Mitglied der Europäischen Union wird Deutschland bei der Bewältigung der vielfältigen Zukunftsaufgaben an der Seite Afrikas stehen. Wir haben unter deutscher Ratspräsidentschaft die EU-Afrikastrategie vor einem Jahr auf den Weg gebracht und auf dem EU-Afrika-Gipfel im Dezember in Lissabon feierlich angenommen. Und wir werden weiter energisch an deren Umsetzung arbeiten. Als Beispiel will ich hier nur die Energiepartnerschaft nennen, die wir gemeinsam mit der deutschen Energiewirtschaft auf den Weg gebracht haben. Wir wollen mit ihr nicht nur den wirtschaftlichen Aufbau in den afrikanischen Ländern fördern und unterstützen, sondern auch einen Beitrag dazu leisten, dass Afrika seine eigenen Ressourcen noch besser und nachhaltiger nutzen kann.

Den Menschen in Würzburg liegt das Schicksal Afrikas am Herzen. Deshalb ist das Festival hier genau richtig! „Wer einmal Honig gekostet hat, kehrt immer wieder zum Honigtopf zurück“, so heißt es in Afrika. Und wenn ich mich hier auf dem Festplatz so umschaue, dann möchte ich sagen: auch Würzburg ist ein solcher Honigtopf, und viele kehren offenbar gerne jedes Jahr hierher zurück. Ich wünsche Ihnen allen ein wunderbares Festival, anregende Gespräche und viele neue Ideen der Zusammenarbeit und des kulturellen Austausches.

Vielen Dank!

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