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Eröffnungsrede von Bundesaußenminister Steinmeier anlässlich der Ausstellung "Im Zeichen des Goldenen Greifen - Königsgräber der Skythen"

04.07.2007

-- Es gilt das gesprochene Wort --

Sehr geehrter Herren Vizeminister Amonz, Buribajev und Tumur-Ochir,
Exzellenzen,
sehr geehrter Herr Professor Schuster,
sehr geehrter Herr Professor Menghin,
meine Damen und Herren,
lieber Herr Professor Lehmann,
lieber Herr Professor Parzinger!

Als ich Ihnen meine Teilnahme an der heutigen Ausstellungseröffnung zusagte, tat ich das aus Wertschätzung für Ihre Arbeit und die des gesamten Deutschen Archäologischen Institutes, aus Neugier auf diese wunderbare Ausstellung und ich tat es mit dem Wunsch, mehr von Ihrer kulturellen Kooperation mit unseren osteuropäischen und zentralasiatischen Partnern zu erfahren. Ich konnte damals noch nicht ahnen, dass heute der Leiter des Deutschen Archäologischen Institutes, das ja dem Auswärtigen Amt auch institutionell besonders eng verbunden und in seiner kulturellen Ausstrahlung international hoch geschätzt ist, der gewählte Präsident einer der kulturell erfolgreichsten und weltweit berühmtesten deutschen Kulturinstitutionen sein würde, nämlich der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Und noch viel weniger konnte ich ahnen, dass zugleich derjenige, der die Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu diesem Ansehen geführt hat, bereit stehen würde, um das Flaggschiff der deutschen Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, das Goethe-Institut, in den nächsten Jahren zu leiten. Und so darf ich die Gelegenheit nutzen, um Ihnen, lieber Herr Parzinger auch an dieser Stelle sehr herzlich zu Ihrem neuen Amt zu gratulieren!

Es ist das Privileg der Archäologie, sich auf den Weg zu machen in die Vergangenheiten unserer Völker und Kulturen. Und sie hat dabei vielleicht früher als andere Wissenschaften und kulturelle Sparten begriffen, dass das ein Weg der internationalen Kooperation und des Austausches sein muss. Und - ich sage das nicht ganz ohne Neid - wenn die Zusammenarbeit mit Russland und Rumänien, mit Ungarn, der Ukraine, mit Kasachstan, dem Iran und der Mongolei so glanzvolle Ergebnisse zeigt, wie die heutige Ausstellung, dann sollte das auch Politik ermutigen, auf eben diesem Weg weiter zu gehen. In diesem Sinne ist die heutige Ausstellung, ganz abgesehen von ihrem kulturellen Stellenwert, sicher eines der schönsten Beispiele, wie viel fruchtbarer, wie viel gewinn- und verständnisbringender eine internationale Kooperation für alle Beteiligten sein kann. Das DAI und seine Partner führen damit die hervorragende Zusammenarbeit deutscher Wissenschaftler mit ihren osteuropäischen Kollegen fort.

Und Ausstellungen wie die heutige oder wie die Merowinger-Ausstellung, die in Moskau und derzeit in Petersburg gezeigt wird, sind eben nicht nur kulturell, sondern auch kulturpolitisch wichtige Ereignisse. Warum? Weil sie uns helfen können, mehr Verständnis, vielleicht auch mehr Empathie im Umgang mit fremden Kulturen zu entwickeln. Weil sie die Neugier auf und Offenheit für fremde Kulturen fördern und unseren Blick dafür schärfen, dass im Zeitalter von Internet und Flugzeug manche Verbindungen über tausende Kilometer schwieriger zu überbrücken sind, als dies mehr als zweitausend Jahre früher der Fall war.

Vielleicht kann dieses Nachdenken uns ein wenig davor schützen, unser heutiges Empfinden von Fremdheit für die allein gültige Sichtweise zu halten!Ich habe es zu Anfang dieser Woche in einem längeren Aufsatz bereits formuliert und möchte es hier ganz bewusst auch im Blick auf die Partnerländer der Ausstellung wiederholen, mit denen wir zur Zeit auf politischem Gebiet noch schwierige Debatten zu bestehen haben.Jedes Land, jede Kultur erlebt das gemeinsame Schicksal aufgrund der jeweiligen Erfahrungen anders. Wir müssen deshalb beileibe nicht alles gutheißen, was andere sagen, aber wir sollten zu verstehen versuchen. Denn ohne Verständnis für diese tieferen Bewusstseinschichten können wir auch die politischen Diskussionen nicht verantwortungsvoll führen. Ich jedenfalls habe die Erfahrung gemacht, dass ein Verständnis der kulturellen Zusammenhänge auch die politischen Aufgabenstellungen besser begreifen hilft.

Und ich bin sicher, wer durch die heutige Ausstellung geht, der wird nicht nur den kulturellen Reichtum der Skythenzeit sehen. Sondern der wird besser begreifen, wie eng der zentralasiatische Raum mit unserem eigenen kulturellen Erbe verbunden ist, wie ein nomadisierendes Steppenvolk prägende kulturelle Wirkungen auf die persische und die griechische Zivilisation ausgeübt und eine kulturelle Brücke von Sibirien bis in den Schwarzmeerraum geschlagen hat. Das, was vor weit mehr als zweitausend Jahren in Südsibirien entstand, hat unmittelbaren Einfluss nicht nur auf die asiatische oder ägyptische, sondern auch auf die mitteleuropäische Kultur. Und die Begegnung zwischen Asien und Europa hat damit schon sehr viel früher begonnen, als das in unserem Geschichtsbewusstsein zumeist lebendig ist. Und so kann die heutige Ausstellung vielleicht einen Beitrag dazu leisten, mit mehr Respekt und Bescheidenheit anderen Kulturen und anderen Menschen gegenüber zu treten und besser zu begreifen, wie sehr die eigene Kultur immer schon aus der Begegnung mit anderen Kulturen entstanden ist und weiter entsteht. Wer sich vor Augen führt, welche nicht nur kriegerische, sondern auch friedliche kulturelle und wirtschaftliche Verbindungslinien es schon in der Frühgeschichte zwischen den Völkern gegeben hat, der wird um so leichter im scheinbar Fremden einen am gemeinsamen Schicksal gleichermaßen Beteiligten erkennen.

Sie wissen, dass mir die Zusammenarbeit mit Russland, der Ukraine und den zentralasiatischen Staaten am Herzen liegt. Und noch am vergangenen Wochenende, dem letzten Wochenende der deutschen EU-Präsidentschaft habe ich mich mit meinen zentralasiatischen Kollegen getroffen, um die nächsten Schritte für die von uns erarbeitete Zentralasienstrategie der Europäischen Union zu verabreden. Anknüpfend an alte Traditionen wollen wir die Beziehungen umfassend weiterentwickeln. Wir stehen heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, vielfach vor ganz ähnlichen Aufgaben, und wir sollten sie, wo immer möglich, gemeinsam angehen. So zum Beispiel im Bereich Energie, wo wir enger zusammenarbeiten wollen, oder durch stärkeren Austausch in den Feldern Bildung und Wissenschaft.
Ich bin davon überzeugt, Sicherheit und Stabilität in Europa lassen sich nur dann gewährleisten, wenn wir unsere Verbindungen zu unseren osteuropäischen Partnern vertiefen und neue Partner in den zentralasiatischen Ländern gewinnen. Das wird nur gelingen, wenn wir dabei auf einem vertieften gegenseitigen Verständnis aufbauen können. Die gemeinsame Würdigung der kulturellen und zivilisatorischen Leistungen unserer Vorfahren ist sicher eine der wichtigsten Voraussetzungen für ein solches gegenseitiges Verständnis.Und vielleicht ist dabei die Archäologie ein besonders guter Zugang. Jedenfalls dann, wenn sie, wie in der heutigen Ausstellung, im gemeinsamen Schürfen nach den Verbindungsadern der Vergangenheit neue Erkenntnisse für die gemeinsame Zukunft zu Tage fördert.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung ihren verdienten Erfolg und bedanke mich sehr herzlich bei allen, die diese Ausstellung geplant und zustande gebracht haben und ich möchte Sie, lieber Herr Professor Parzinger, sehr geehrter Herr Professor Menghin und sehr geehrter Herr Nawroth bitten, diesen Dank auch an alle Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Deutschen Archäologischen Institut und im Museum für Vor- und Frühgeschichte weiter zu leiten!

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