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Grußwort von Bundesaußenminister Steinmeier auf der AdK-Veranstaltung "Perspektive Europa"

01.06.2007

-Es gilt das gesprochene Wort-

Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Klaus,
Exzellenzen,
sehr verehrter Carlos Fuentes,
sehr verehrter Imre Kertész,
sehr verehrter Akiwandé Oluwolé Soyinka,
meine Damen und Herren!

Die heutige Veranstaltung ist wahrlich alles andere als eine Selbstverständlichkeit innerhalb einer EU-Präsidentschaft und auch für mich als Außenminister: Autoren und Intellektuelle unternehmen gemeinsam mit der Präsidentschaft der Europäischen Union heute und morgen einen Spaziergang um den europäischen Standort, helfen bei der Überprüfung und Neubesichtigung europäischer Positionen und Sichtweisen.

Schon das ist außergewöhnlich; hat sich eine EU-Präsidentschaft der Kunst und Kultur als Wegbegleiter und Wegweiser anvertraut.

Vor allem aber – und ich empfinde das auch persönlich als eine hohe Ehre - hat, wenn ich recht sehe, noch nie zuvor eine so große Zahl von bedeutenden Kulturschaffen aus verschiedenen Kontinenten einen solchen – sicher nicht einfachen, aber gewiss lohnenswerten – Versuch unternommen.

Hierfür danke ich Dir, lieber Klaus Staeck, hierfür danke ich aber vor allem Ihnen allen hier vor Ort sehr herzlich!

Ihre Bereitschaft, sich gemeinsam unter der Überschrift "Perspektive Europa" anzutreten, macht Mut.

Denn immerhin steckt im Titel unserer Veranstaltung ja eine Behauptung: nämlich dass Europa nicht nur eine Perspektive und bestimmte Blickrichtung ist, sondern – und zwar auch aus einer anderen Blickrichtung -eine Perspektive hat!

Carlos Fuentes hat in einem Aufsatz, den die Frankfurter Rundschau in dieser Woche gedruckt hat, seine Eindrücke von seiner ersten Reise nach Europa im Jahre 1950 geschildert. Und Ihre Beobachtungen und Erinnerungen, sehr verehrter Herr Fuentes, sollten auch uns Europäern vielleicht ein wenig die Augen wieder öffnen:

Denn es stimmt ja, die Europäische Union, die uns angeblich so müde und verdrossen macht, deren Bürokratie viele beklagen und deren Unbegreiflichkeit manche bejammern, genau diese Europäische Union hat aus einem Kontinent der Verfolgung und der Verwüstungen, der Armut und Not, der Kriege und Bürgerkriege etwas ganz anderes gemacht. Nämlich ein Projekt des Friedens und der Solidarität – nicht nur in Europa, sondern über Europa hinaus.

Das ist sicher nicht die schlechteste Perspektive, die man sich vorstellen kann, und mit Sicherheit eine Perspektive, an der weiter zu arbeiten sich lohnt.

Vielleicht sollten wir genau deswegen auch die Gründe für Müdigkeit und Verdrießlichkeit ein wenig mehr in uns selbst vermuten und ein wenig weniger Europa zuweisen. Man muss dabei sicherlich nicht behaupten, wir lebten in einem „europäischen Traum“. Aber man muss diesem Traum ganz gewiss nicht die Behauptung entgegen setzen, dass Europa von Innen eher ein Alptraum sei.

Dabei will ich gerne zugeben: ein wenig paradox erscheint mir unsere Situation auch nach fast einem halben Jahr sozusagen im Maschinenraum Europas, der EU-Präsidentschaft, schon.

Und da ich nicht zu denjenigen gehöre, die glauben, dass es auf komplizierte Fragen immer eine ganz einfache Antwort gäbe, sondern vielmehr zu denen, die Kraft schöpfen aus der Differenz, aus dem anderen oder fremden Blick, bin ich vor einiger Zeit auf Klaus Staeck zugegangen mit der Frage, ob die Akademie der Künste nicht hilfreich sein könnte und wollte, um uns hierbei zu helfen und die Augen etwas weiter zu öffnen.

Ich bin sehr froh darüber, dass sich die Akademie der Künste hierzu bereit erklärt hat und sozusagen das Arkanum der Kunst geöffnet hat für die Beschäftigung mit dem Gebilde "Europa". Einem Kontinent, dessen geographische Grenzen noch nie übereingestimmt haben mit seinen wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Grenzen- und zwar weder im Guten noch im Bösen. Einem Kontinent, dessen politisches Projekt genau deswegen übrigens auch des Rates, der Impulse, manchmal der Vergewisserung von außen bedarf.

Und das ganz bewusst in zweierlei Hinsicht: In geographischer wie in sozusagen beruflicher. Wole Soyinka hat es einmal so formuliert: "Es gibt eine Verpflichtung für den Dichter, sich für die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse einzusetzen."

Ich glaube, es ist nicht zu hoch gegriffen, wenn ich sage, dass wir, die wir aktuell Verantwortung tragen in der Politik, diese Verpflichtung mit ihnen teilen. Und wir suchen das Gespräch mit Ihnen, weil wir Ihren jeweils anderen Blick auf unseren Standort und Status kennen lernen möchten.

Daher möchte ich mich abschließend noch einmal und stellvertretend für unsere Partner in der Welt ganz persönlich bei Assia Djebar, Carlos Fuentes, Wole Soyinka, Wang Hui und Elias Khoury sehr sehr herzlich dafür bedanken, dass Sie uns dabei helfen wollen, eine "Perspektive Europas" aufzuzeigen!

Und in diesen Dank mit einschließen möchte ich die Europäer, die den Weg hierher gefunden haben. Ganz besonders Imre Kertesz, György Konrad, Andrej Stasiuk, Ilija Trojanow und Mario Adorf und alle anderen, die hier zuhören, nachdenken und das Gespräch bereichern werden.

Lassen Sie uns teilhaben an Ihrer Sicht, an Ihrer Meinung und Ihrem Rat. Ich versichere Ihnen: Wir haben Sie eingeladen, weil wir zuhören wollen und weil wir auf Ihre Einsichten, Ihre Kritik und Ihre Hoffnungen an Europa neugierig sind. Und last but not least, weil wir wissen, dass wir zu lernen haben. Das verbindet ohnehin alle hier ganz zuverlässig, darauf verzichten kann niemand.

Vielen Dank!

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