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Rede von Bundesaußenminister Steinmeier anlässlich der Eröffnung der Ausstellung "Schönheit!"

23.03.2007

-- Es gilt das gesprochene Wort --

Lieber Herr Professor Lehmann,
lieber Herr Professor Schuster,
sehr geehrter Herr Botschafter Purini,
Exzellenzen,
meine sehr verehrten Damen und Herren!

"Das Kunstwerk braucht den Kontakt zum Menschen", so hat Heinz Berggruen den Sinn und die Aufgabe eines Museums beschrieben.

Und zu den vielen Dingen, die wir in Deutschland und besonders in Berlin Heinz Berggruen verdanken, zählt für mich auch, dass wir diesen Kontakt zwischen Kunstwerk und Menschen wieder unter das Thema der Schönheit stellen können. Und zwar mit einem Ausrufungszeichen, so wie das die Staatlichen Museen für die heutige Ausstellung getan haben und so wie das Weltkulturerbe "Museumsinsel" selbst ein Ausrufungszeichen der Schönheit ist.

Und vielleicht ist es angesichts aktueller Diskussionen um den angeblichen Widerspruch zwischen Schönheit und Nützlichkeit nicht ganz unangebracht daran zu erinnern: Der Erhalt der Museumsinsel gilt weltweit als Vorbild für die Auflösung des angeblichen Widerspruchs zwischen Schönheit und Nützlichkeit. Grundlage hierfür ist die hervorragende Arbeit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Staatlichen Museen Berlin und ihre Zusammenarbeit mit dem Bund und der UNESCO.

Das Ausrufungszeichen hinter dem Begriff der Schönheit weist uns noch auf ein weiteres hin. Und Umberto Eco hat es in der von ihm herausgegeben "Geschichte der Schönheit" in besonders "schöner" Weise belegt: Gerade weil so viele verschiedene Konzepte von Schönheit existieren, gerade weil so viele theoretische Diskussionen über den Begriff der Schönheit geführt wurden und werden, gerade deswegen ist vielleicht das Ausrufungszeichen der geeignete Begriff: als Metapher für den ästhetischen Imperativ, unter den wir unser kulturelles Handeln stellen sollten.

Und so verstehe ich auch die heutige Ausstellung als Aufforderung. Als Aufforderung, uns durch den Kontakt mit Kunstwerken aus verschiedenen Jahrhunderten und verschiedenen Regionen zusätzlicher Erkenntnis- und Erfahrungshorizonte bewusst zu werden. Und durch diese Vielfalt, durch den dauernden Perspektivwechsel neue Sichtweisen zu erschließen!

Europa bietet hierfür die besten Voraussetzungen. Menschen aus allen Himmelsrichtungen und nahezu allen Kulturkreisen haben Europa, die europäische Kunst und Kultur beeinflusst. Die Vielfalt dessen, was wir in diesem Kontakt und Austausch als unsere "eigene" europäische Kultur bezeichnen, ist dabei so groß, dass sich die Europäer in dieser europäischen Kultur zugleich als Angehöriger einer nationalen Kultur begreifen können.

Gerade in dieser Einheit in Vielfalt liegt für mich eine der entscheidenden Stärken Europas. Eine Stärke, die uns Mut machen sollte. Mut, die aktuellen Aufgaben in dem Bewusstsein anzugehen, dass wir gemeinsam mehr Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten haben als jeder für sich alleine. Und Mut, im scheinbar Fremden zugleich ein Stück Gemeinsames anzuerkennen.

Viele europäische Kunstwerke, denken wir nur an die Werke von Matisse oder Giacometti, zeugen von diesem Mut zum künstlerischen Dialog. Und sie zeugen davon, wie sehr die Kultur des Dialoges die Schönheit unserer europäischen Kultur ausmacht.

Noch einen zweiten Aspekt möchte ich hervorheben, in dem mir die heutige Ausstellung weit über den Rahmen des Musealen hinaus zu weisen scheint: Mir scheint es mit Europa manchmal so zu gehen wie mit dem Begriff der Schönheit. Was in abstrakten Definitionen, in theoretischen Konzepten und philosophischen Erörterungen hoch umstritten und unmöglich zu beschreiben scheint, das gewinnt im unmittelbaren Eindruck, in der persönlichen Erfahrung an Klarheit.

Damit will ich nun nicht behaupten, dass die europäischen Texte, Gebäude oder Institutionen als "Schönheit" präsentiert werden könnte. Mir geht es natürlich um etwas anderes: So sehr man sich theoretisch streiten mag, was Europa ausmacht – im täglichen Leben können wir es im besten Sinne des Wortes begreifen.

Ich habe es gestern vor dem Deutschen Bundestag gesagt: Wenn wir uns dieser Tage vergegenwärtigen, dass die europäischen Völker keine Kriege mehr gegeneinander führen, sondern in gemeinsamer Freiheit für Frieden und Entwicklung weit über Europa hinaus zusammen arbeiten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Solidarität, soziale und ökologische Verantwortung gemeinsam verwirklichen, dann begreifen wir, was Europa jenseits aller Theorie ausmacht.

Und vielleicht sind diese konkreten, alltäglichen Erfahrungen näher an dem, was die Europäische Union in Wahrheit ist, als die besten theoretischen Erörterungen.

Wenn wir in diesem Sinne auch die Schönheit als einen Abglanz von Wahrheit begreifen, dann ist vielleicht auch die Europäische Einigung nicht nur eine wahre und manchmal beglückende Erfahrung, sondern recht eigentlich "schön"!

Ich danke Ihnen.

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