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Festvortrag von Staatsminister Gloser anlässlich des 90-jährigen Jubiläums des Instituts für Auslandsbeziehungen, Stuttgart, 17.01.2007

17.01.2007

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Frau Seiler-Albring,
sehr geehrter Herr Minister Stächele,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Schuster,
meine Damen und Herren Abgeordnete,
meine Damen und Herren.

Die gegenwärtige EU-Präsidentschaft führt uns gerade die angenehmen und manchmal leider auch die unangenehmen Seiten unserer besonderen Verantwortung für Europa vor Augen.

Zu den unangenehmen Seiten zählt, dass ich heute nach meinem Besuch im Europäischen Parlament erst verspätet zu Ihnen kommen konnte - wofür ich Sie um Verständnis bitte.

Zu den angenehmen Seiten zählt – und das will ich nicht verschweigen – dass ich gerade heute im Europäischen Parlament noch einmal der Stellenwert der Sprachen und die Kunst des Übersetzens nicht nur der Gedanken in Europa, sondern auch des europäischen Gedankens erleben durfte.

Vor wenigen Tagen erschien ja Umberto Ecos neues Buch über das Übersetzen auch hier. Eco beschreibt darin Übersetzen als das Verhandeln mit dem Ausgangstext. Und die Aufgabe des Übersetzers, dem Ausgangstext zu dienen, ohne sich dienerisch-sklavisch zu verhalten, sich leiten, aber nicht gängeln zu lassen.

Ich glaube, hinter dieser Gedanke kann auch für den heutigen Abend einen Anhaltspunkt geben: Kunst und Kultur brauchen Vermittlung:

Durch Übersetzungen in andere Sprachen, durch das Reden über Kultur in andere gesellschaftliche Bereiche hinein und – nicht zuletzt – durch die so genannten Kulturmittler in das Feld der Politik.

Das 90-jährige Bestehen des ifa und Ihre Anwesenheit heute zeigen, wie viel mehr an persönlichem Engagement, an organisatorischer Perfektion und an inhaltlicher Diskussion hinter diesem etwas bürokratischen Begriff stehen.

Kulturmittler, das sind Menschen und Organisationen, die Wege bahnen durch das Netzwerk der vielfältigen kulturellen Aktivitäten. Die Orte kultureller Produktivität aufspüren, manchmal auch erst urbar machen, und zwischen dem Feld der Kultur und dem Publikum Brücken bauen. Sie sind Mittler, Wegweiser und Berater zugleich – kurz: Übersetzer im besten Sinne des Wortes.

All diese verschiedenen Rollen füllt das Institut für Auslandsbeziehungen seit vielen Jahren und mit großen Erfolg aus. Der 90. Geburtstag ist etwas Besonderes und ich gratuliere dem ifa, ganz herzlich zu diesem Jubiläum!

Ich überbringe auch die Glückwünsche von Bundesminister Steinmeier. Er wäre heute Abend selbst gern dabei gewesen, doch war ihm dies wegen des Besuchsprogramms der amerikanischen Außenministerin leider nicht möglich.

Gerade weil die tagespolitische Situation den Stellenwert der Kultur manchmal etwas in den Hintergrund drängt und zugleich angesichts von kulturell aufgeladenen Konflikten den Beitrag der Kultur mehr denn je benötigt, gerade deswegen bedarf die Außenpolitik heute der Arbeit ihrer Mittlerorganisationen um so mehr.

Diese Notwendigkeit gilt über den politischen Bereich hinaus: in unseren Wirtschaftsbeziehungen, die uns mit Menschen in unzähligen Ländern verbinden, in unseren sozialen Kontakten, die sich dank moderner Kommunikationstechnologien über Grenzen und Kontinente erstrecken, und in unserem alltäglichen Leben, in dem unsere eigenen Nachbarn eben nicht mehr nur aus Heidelberg oder Berlin kommen, sondern aus Hanoi oder Bangalore.

Im 21. Jahrhundert sehen wir alle jeden Tag, wie unerlässlich ein besseres Verständnis von auf den ersten Blick fremden Kulturen ist und vor allem: wie sehr wir selbst hiervon politisch, wirtschaftlich und ganz besonders auch kulturell profitieren.

So wichtig es ist, Zukunft durch ein Bewusstsein von Herkunft zu gestalten, so real uns kulturelle oder religiöse Schranken anmuten: Wer glaubt, dass Kultur oder kulturelle Identität ein- für allemal feststehen, der verkürzt unsere kulturellen Möglichkeiten und unsere kulturelle Sprechfähigkeit.

Die Erweiterung des eigenen kulturellen Horizonts ist notwendig für die Vertiefung der Beziehungen zu unseren Partnern in aller Welt. Es ist eine nachhaltige Investition in die Zukunft unseres Landes, wenn wir durch die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik mehr und bessere Verbindungen zwischen uns und anderen Kulturen aufbauen.

Seit Willy Brand ist dieses Politikfeld die "dritte Säule" deutscher Außenpolitik, neben und gleichberechtigt mit der wirtschaftlichen und der politischen Kooperation. Zu dieser Tradition bekennen wir uns.

Kunst und Kultur sind wichtige Ratgeber und Kritiker gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen – und nicht bloßes "Anschauungsmaterial". Außenpolitik ist besonders auf den Rat und die Kritik der Kultur angewiesen. Nur wer den Dialog, gerade auch den kulturellen und künstlerischen Dialog mit den Partnern in der Welt sucht und gestaltet, der kann auch die Entwicklungen im eigenen Land besser begreifen.

Ich erfahre immer wieder, dass das auch umgekehrt gilt. Die Menschen in anderen Ländern wünschen den Kontakt mit der deutschen Sprache, Kultur und Kunst. Deutschland macht sie neugierig und sie wollen mehr von unserem Land erfahren. Diesen Austausch zu ermöglichen und für Deutschland zu werben, das ist ein entscheidender Teil unserer außenpolitischen Aufgabe.

Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik sollte sich deswegen von einer Art ästhetischen Imperativ leiten lassen: Durch unser Handeln wollen wir uns und unseren Partnern in der Welt zusätzliche, auch zusätzliche kulturelle Erkenntnismöglichkeiten erschließen! Und nicht Erkenntnismöglichkeiten dadurch verringern, dass wir uns der Kooperation und der Auseinandersetzung mit der Außenperspektive verweigern.

Überzeugend auftreten kann dabei nur, wer sich seiner Geschichte bewusst ist. Zukunft setzt ein Bewusstsein von Herkunft voraus, aber eben auch, dass man sich mit dieser Herkunft kritisch auseinandersetzt und vor allem: auf dieser Grundlage eine offene Zukunft gestaltet.

Deshalb begrüße ich es auch sehr, dass das ifa den nun wirklich dunklen Teil der Nähe zu den Nationalsozialisten aufgearbeitet hat. Ich möchte für die hierfür notwendigen Diskussionen und Anstrengungen ausdrücklich auch seinem Generalsekretär danken. Ich bin sicher: die Glaubwürdigkeit und die hervorragende Stellung des ifa als Einrichtung für den internationalen Kunstaustausch, den Dialog der Kulturen und die Völkerverständigung werden hierdurch gestärkt.

Eine unserer Hauptaufgaben während der aktuellen EU-Präsidentschaft wird es sein, die europäische Idee wieder besser in das Leben der Menschen zu übersetzen. Wir müssen die europäische Integration auf der Basis gemeinsamer Werte mit neuem Leben erfüllen, indem wir sie für die Menschen in Europa erfahrbar machen.

Europa gelingt gemeinsam – dieses Motto unserer EU-Präsidentschaft können wir nur dann mit Leben erfüllen, wenn wir die EU als lebendigen politischen und kulturellen Raum erfahrbar machen. In dem die Einheit in der Vielfalt nicht nur gefordert, sondern gelebt wird und in dem wir selbstverständlich und selbstbewusst auch für unsere Sprache, unsere Kunst und Kultur eintreten.

Wir fördern diese Ausdrucksformen für Europa und gegen niemanden. Wir schließen nicht aus, sondern suchen den Dialog untereinander und über die gegenwärtigen Grenzen der Europäischen Union hinaus.

Lassen Sie mich ein Beispiel nennen. Außenminister Steinmeier und sein türkischer Amtskollege Abdullah Gül haben gemeinsam die Ernst-Reuter-Initiative ins Leben gerufen. Sie will dazu beitragen, Unterschiede in den Wahrnehmungen und Empfindlichkeiten zu überbrücken, für kulturelle Vielfalt zu werben und vor allem: über konkrete Kooperationen das Verständnis für einander vertiefen. Auch mit Blick auf die hier lebenden Menschen mit dem vielzitierten "Migrationshintergrund".

Zwei der wichtigsten Vorhaben der Ernst-Reuter-Initiative sind die Intensivierung des deutsch-türkischen Jugendaustauschs und die Gründung einer deutsch-türkischen Universität. Mit solch konkreten Projekten wirbt Auswärtige Kulturpolitik für Respekt vor der Kultur des anderen, aber auch, und das sollten wir bitte nicht vergessen, vor der eigenen Kultur. Ich freue mich sehr, dass sich hier auch das ifa mit Projekten und Veranstaltungen beteiligt.

Lassen Sie mich schließen mit einem Ausblick auf das – noch – neue Jahr und einige Achsen unserer Zusammenarbeit, auf die ich mich sehr freue.

Als erstes zählt hierzu die inhaltliche Neuaufstellung der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik. Wir haben ja hierzu im Oktober eine große Konferenz durchgeführt, auf der sich rund 500 Vertreter aus Mittlerorganisationen, Kulturszene, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen gesetzt und erste Vorschläge diskutiert haben.

Das ifa hat diese inhaltliche Neuaufstellung aktiv unterstützt und die Konferenzdokumentation erstellt. Diesen Prozess wollen wir fortsetzen und ich darf Ihnen versichern, wir brauchen Sie als wissenschaftliche Experten und Ratgeber im neuen Jahr eher noch mehr!

Unsere Kulturkonferenz hat auch deutlich gemacht, dass die strategische und wissenschaftliche Begleitung der Auswärtigen Kulturpolitik weiter ausgebaut werden kann und sollte. Noch haben wir in Deutschland keinen genuinen "Think-Tank" für Auswärtige Kulturpolitik. Wenn man eine Organisation nennen wollte, die dem am nächsten kommt, wäre es zweifelsohne unser heutiger Jubilar und ich würde mich sehr freuen, wenn wir gemeinsam weiter in diese Richtung arbeiten könnten.

Einen zweiten Punkt möchte ich nennen: Die gemeinsamen Anstrengungen des Auswärtigen Amts, der Mittlerorganisationen und die energische Unterstützung durch die Abgeordneten des Deutschen Bundestages haben auch eine finanzielle Trendwende eingeleitet. Der Bundestag hat der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik für das Jahr 2007 insgesamt 21,5 Mio. Euro, das sind 3,8% mehr als im Vorjahr, zur Verfügung gestellt. Das sind natürlich keine Lorbeeren, auf denen wir uns ausruhen könnten. Im Gegenteil: Ich sehe die Erfolge eher als Verpflichtung, die Kulturdiplomatie und ihre Instrumente kontinuierlich zu verbessern und fortzuentwickeln.

Auch dafür brauchen wir kompetente Partner wie das ifa mit seiner Flexibilität und Innovationskraft. Ich denke zum Beispiel an die Veranstaltungen des interkulturellen Dialogs mit Multiplikatoren in der islamischen Welt: Nehmen Sie das "Cross Culture"-Programm, mit denen das ifa jungen Berufstätigen aus islamisch geprägten Ländern Praktika bei Medien oder Nichtregierungsorganisationen in Deutschland ermöglicht und im Gegenzug deutschen Praktikanten einen Aufenthalt in arabischen Ländern. Oder das Programm "Media-im-Pakt", das den Aufbau und die Entwicklung freier und unabhängiger Medien in Südosteuropa unterstützt sowie das Projekt ZIVIK, das zivilgesellschaftliche Projekte der Konfliktbearbeitung fördert.

Vor zweieinhalb Wochen sind Rumänien und Bulgarien der Europäischen Union beigetreten. Wir konnten uns alle ein Bild davon machen, mit welchem Enthusiasmus die Menschen dort in die Europäische Union kommen.

Wir wissen auch, wie viel Anstrengungen die Annäherung an die EU nicht nur in den neuen Mitgliedsstaaten, sondern auch bei unseren Nachbarn erfordert. Ich habe keine Zweifel, dass der Stabilitätspakt Südosteuropa einschließlich der Bemühungen um die Entwicklung freier und unabhängiger Medien einen wertvollen Beitrag zur Annäherung beider Länder an die EU geleistet hat. Das ifa hat dabei in hervorragender Weise mitgeholfen.

Nach meiner Überzeugung bleibt der Stabilitätspakt ein wichtiges Instrument, um die Annäherung auch der Staaten des Westbalkans an die EU weiter zu fördern. Wir beobachten beachtliche Fortschritte bei der Entwicklung freier Medien; aber es bleibt wichtig, diesen Prozess weiter aufmerksam zu begleiten.

Hinter jeder erfolgreichen Institution stehen starke Partner. Ein Jubiläum ist Anlass, auch sie zu würdigen. Besonderer Dank gelten dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart, die seit vielen Jahren gemeinsam mit dem Auswärtige Amt die finanziellen Grundlagen des ifa gewährleisten. Eine solche Kofinanzierung ist bei weitem nicht selbstverständlich und in dieser Form wohl sogar einzigartig in Deutschland.

Dessen ungeachtet danke ich dem ifa, dass es einen Förderverein gegründet hat, der Spenden für neue Initiativen des ifa einwirbt. Er soll die Finanzierung des ifa auf eine breitere Grundlage stellen.

Dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn Adam-Claus Eckert, wünsche ich bei diesem Unterfangen viel Erfolg und verspreche ihm unsere Unterstützung.

Ich möchte alle Gäste, insbesondere die Vertreter der Wirtschaft, ermuntern, diese Initiative zu unterstützen, und den Stiftungen und privaten Unternehmen, die sich bereits jetzt gemeinsam mit dem ifa in vielfältigen Projekten engagieren, an dieser Stelle herzlich danken!

Vor allem aber möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des ifa, seiner Präsidentin Frau Seiler Albring und seinem Generalsekretär Professor Maaß meinen Dank und die Anerkennung des Auswärtigen Amtes aussprechen. Sie alle haben in den zurückliegenden Jahrzehnten hervorragende Arbeit geleistet, für die deutsche Auswärtige Kulturpolitik, für die Außenpolitik insgesamt und für das Ansehen Deutschlands in der Welt.

Wir schätzen die enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Ihnen sehr und wünschen uns und Ihnen, dass das ifa seine Arbeit mit dem bisherigen Elan und Engagement in der Zukunft fortsetzen wird. Auf Wiedersehen beim 100.!

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