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"Kulturen verbinden - Dialog und Kooperation zwischen Europa und der Arabischen Welt" - Rede von Bundesaußenminister Steinmeier auf der Buchmesse Kairo-19.01.06

19.01.2006

Verehrter Herr Kollege,
lieber Farouk Hosni,
sehr geehrter Herr Dr. Al Ansary,
Minister,
Exzellenzen,
meine Damen und Herren,

ich freue mich sehr, hier auf der Internationalen Buchmesse in Kairo zu Ihnen sprechen zu können.

Sie haben Deutschland als erstes Land überhaupt eingeladen, sich hier auf der Buchmesse als Ehrengast zu präsentieren. Das ist für uns eine große Freude und eine besondere Auszeichnung. Ich möchte den Organisatoren der Buchmesse – ganz besonders Ihnen, Herr Minister Hosni und ebenso Ihnen, Herr Dr. Al Ansary, als Leiter der General Egyptian Book Organization – sehr herzlich dafür danken.

Erlauben Sie mir an dieser Stelle, meinen Dank auch allen Beteiligten auf deutscher Seite auszusprechen, die den deutschen Auftritt hier gemeinsam organisiert haben: Dazu gehören Herr Jürgen Boos als Vertreter der Frankfurter Buchmesse, Frau Professor Dr. Limbach als Präsidentin des Goethe-Instituts und Herr Bettermann als Intendant der Deutschen Welle mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ebenso wie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Botschaft. Sie alle haben zum Gelingen der deutschen Präsentation auf der Buchmesse beigetragen.

Ich habe meine Rede mit dem Titel "Kulturen verbinden" überschrieben. Darüber möchte ich heute mit Ihnen sprechen und zwar durchaus mit nachdenklichem Unterton. Angesichts der jüngsten kulturphilosophischen Debatten mögen sich manche unter Ihnen fragen, ob dieser Titel "Kulturen verbinden" eher einen Zustand oder vielmehr einen Anspruch beschreibt. Ist es am Ende vielleicht unmöglich oder zumindest utopisch, eine Verbindung zwischen den Kulturen herzustellen?

Die Geschichte zumindest lehrt uns anderes. Wenn auch die Beziehungen zwischen Okzident und Orient nicht immer frei waren von kriegerischen Auseinandersetzungen – seit über tausend Jahren aber wurden sie auch geprägt von wirtschaftlichem, gesellschaftlichem und kulturellem Austausch.

Die verschlungene und dramatische Lebensgeschichte des berühmten Staatsmanns und Geographen, den wir Leo Africanus nennen, mag da exemplarisch sein. Der libanesische Autor Amin Maalouf hat sie nachgezeichnet: Geboren im spanischen Granada, geflohen vor der Reconquista nach Fes in Marokko, in diplomatischen Missionen in Nordafrika unterwegs und schließlich nach Rom als Sklave verkauft, wo er aufgrund seiner Bildung und Kenntnisse zu höchsten Ehren aufstieg. Das Leben des Leo Africanus war voller Dramatik und Härte, aber eben auch voller Anregung und voller Austausch um das Mittelmeer herum.

Über Jahrhunderte hinweg waren die Europäer fasziniert von den Errungenschaften der arabisch-muslimischen Welt. Sie erkannten die wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen Leistungen, die aus der Welt des Islam zu ihnen kamen und strebten danach, sich diese Errungenschaften für die eigene Entwicklung zunutze zu machen.

Für die Europäer des Mittelalters jedenfalls war die enge Verbindung der Kulturen, ja sogar eine gewisse Abhängigkeit der europäischen von der islamischen Kultur Gegenwart. Der Gedanke "Kulturen verbinden" war für sie eigentlich ganz selbstverständlich.

Das reflektiert auch die Literatur dieser Zeit. So lässt Wolfram von Eschenbach, der vielleicht bedeutendste Autor des deutschen Mittelalters, in seinem Roman "Parzival" den Vater des Helden als treuen Lehnsmann des Kalifen in Bagdad sterben. Sein Roman "Willehalm" beschreibt die große Liebe zwischen einem christlichen Ritter und einer muslimischen Prinzessin.

Auch und gerade die europäische Wissenschaft und Philosophie haben von den arabisch-islamischen Einflüssen gelebt, sind von ihnen geprägt worden und haben von ihnen stark profitiert. Was wäre beispielsweise die moderne Mathematik ohne das Dezimalsystem mit seiner Ziffer Null, einem Konzept, mit dem die Araber die Europäer bekannt machten?

Was wäre die heutige Medizin ohne die tabulose medizinische Befassung mit dem menschlichen Körper? Auch das ist eine Errungenschaft, die ohne islamische Einflüsse nicht vorstellbar wäre. Selbst die katholischen Herrscher des Mittelalters ließen ihre Kinder von Ärzten behandeln, die nach arabischen Methoden ausgebildet waren und arbeiteten.

Der Austausch zwischen Orient und Okzident erstreckte sich immer auch auf den Handel. Und dieser Austausch war nie einseitig. So listen die Nachlassverzeichnisse wohlhabender Persönlichkeiten aus der arabischen Welt Gegenstände auf, die zweifelsohne Importprodukte aus dem Westen waren: Europäisches Mobiliar gehört ebenso dazu wie Uhren und Schmuck.

Umgekehrt verwendeten christliche Kirchen in Europa in ihren Gottesdiensten Weihrauch aus Oman, bei Festen an den europäischen Höfen servierte man jemenitischen Mokka, Brokat und Damast aus Damaszener Werkstätten schmückten die weltlichen Tafeln und die Gewänder der Kirchenfürsten.

Wir Europäer verdanken der arabisch-muslimischen Welt viel. Sie hat einen enormen zivilisatorischen Beitrag zu unserer kulturellen und wissenschaftlichen Entwicklung geleistet. Das gerade hier heute noch einmal zu betonen, ist mir sehr wichtig.

"Kulturen verbinden" – das kann sich auch in gemeinsamer Neugier äußern: In den letzten Jahrhunderten verband uns das gemeinsame Interesse an den antiken Hochkulturen im Süden und Osten des Mittelmeeres. Und gerade die altägyptische Kultur schlägt bis heute bei weitem nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in ihren Bann.

Die in ihrer vollendeten Geometrie schon ästhetisch so beeindruckenden Pyramiden und der mysteriöse Große Sphinx von Gizeh gehören zu den allerersten Bildern fremder Kulturen, die sich unseren Kinder einprägen.

Ägypten ist zu Recht stolz auf dieses besonders reiche kulturelle Erbe: Es reicht von den Pharaonen über den Leuchtturm auf der Insel Pharos, der als technisches Meisterwerk zu den sieben Weltwundern der Antike gezählt wird, bis hin zur berühmten Bibliothek von Alexandria, an deren Tradition heute die moderne Bibliotheca Alexandrina anknüpft.

Zur kulturellen Tradition Ägyptens gehören auch die Zentren islamischer Gelehrsamkeit wie die berühmte Al-Azhar-Universität in Kairo, eine der ältesten und angesehensten Bildungsinstitutionen der islamischen Welt. Ich denke hier aber auch an die ägyptische Buchproduktion, von der klassischen islamischen Zeit bis hin zu den großen Autoren des 20. Jahrhunderts, darunter der bedeutende Denker Taha Hussein, der zu Weltruhm gelangte Nobelpreisträger Nagib Mahfuz und der moderne Schriftsteller Alaa Al Aswany.

Ihre und viele andere Werke von Autorinnen und Autoren aus Ägypten und der ganzen arabischen Welt sind auf der Frankfurter Buchmesse 2004 auf ein reges Interesse des Publikums gestoßen. Zum ersten Mal war in Frankfurt eine ganze Region, die Arabische Welt, literarisch zu Gast. Dass diese Premiere ein voller Erfolg war, hat nicht zuletzt das positive Medienecho bewiesen.

Und dieser so gelungene Auftritt hat nachhaltige Wirkung, das sehen wir nicht zuletzt an den gestiegenen Verkaufszahlen der Werke arabischer Autorinnen und Autoren in Deutschland.

Auch deshalb freut es mich besonders, dass wir mit dem Gastauftritt Deutschlands heute die Brücke zurück von Frankfurt nach Kairo schlagen können. Die Buchmesse Kairo ist für uns eine besonders wichtige Plattform, denn sie ist nicht nur die größte Buchmesse in der arabischen Welt, sondern auch weit mehr als eine gewöhnliche Fachmesse. Sie ist eine Publikumsmesse, an der die Bürger dieser Stadt größtes Interesse zeigen.

Hier präsentieren bedeutende Verlage und etablierte Schriftsteller ebenso wie junge, noch unbekannte Autoren und Autorinnen ihre Werke, Intellektuelle tauschen sich in Diskussionsrunden mit Politikerinnen und Politikern aus.

Dieser freie Meinungsaustausch ist wohl einer der Gründe für die große Anziehungskraft, die die Buchmesse Kairo auf die Menschen dieser Stadt hat.

Dass das Publikum auch in diesem Jahr wieder so zahlreich ist, zeigt eines ganz deutlich: Ägyptens Gesellschaft strebt nach Büchern, sie strebt nach Bildung und nach Wissen. Deshalb müssen wir den Befund des Arab Human Development Report so ernst nehmen: Viel zu wenig internationale Literatur wurde in der Vergangenheit ins Arabische übersetzt, beklagen die Autorinnen und Autoren des Berichts.

Das muss sich ändern, und das vor allem aus zwei Gründen: Zum einen spielt gerade der Zugang zu Bildung und Wissen eine kaum zu überschätzende Rolle, wenn es darum geht, den Einzelnen zu befähigen, an der Gestaltung der Zukunft seines Landes teilzuhaben.

Dazu kommt ein zweiter Aspekt: Nur eine Wissensgesellschaft, also eine Gesellschaft, die ihren Bürgerinnen und Bürgern breiten Zugang zu Grundbildung ebenso wie zum internationalen Stand der Wissenschaft ermöglicht, wird in der Lage sein, nicht nur an den Risiken, sondern auch an den Chancen der Globalisierung erfolgreich zu partizipieren.

Und nur darum kann es uns im 21. Jahrhundert gehen: Dass die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens aktiv teilhaben an den Möglichkeiten, die die Globalisierung eröffnet, dass sie von der Globalisierung profitieren können: Sei es zum Beispiel durch die Nutzung des global verfügbaren Wissen, sei es durch erfolgreiche Teilnahme am Welthandel.

Ein Hindernis auf diesem Weg will ich nicht unerwähnt lassen: den ungelösten Regionalkonflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Denn wir alle wissen, wie eng das Verhältnis zwischen Frieden, Stabilität und Sicherheit auf der einen und wirtschaftlicher Entwicklung auf der anderen Seite ist.

Wir begrüßen es daher, dass die israelische Regierung mit dem mutigen Schritt des Rückzugs aus Gaza und der nördlichen Westbank neue Spielräume für substantielle Fortschritte in diesem sehr zögerlich verlaufenden Friedensprozess eröffnet hat. Beide Seiten in diesem Konflikt sind aufgefordert, diese Chance zu nutzen. Wir werden sie gemeinsam mit unseren Partnern in Europa, in Nordamerika und im Quartett dabei unterstützen.

Dabei werden wir uns weiterhin auf der Basis der Roadmap für eine Friedenslösung einsetzen, die die Grundlagen für ein nachbarschaftlich-friedliches Zusammenleben von Israelis und Palästinensern in zwei souveränen und lebensfähigen Staaten mit sicheren, anerkannten Grenzen schafft.

Dabei hat unser Engagement eine neue Dimension bekommen. Die zwei zivilen Missionen, die Grenzmission in Rafah und eine Mission zum Polizeiaufbau, sind auch Ausdruck der Stärkung unserer Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Deutschland beteiligt sich an beiden Projekten finanziell und personell, denn wir sind überzeugt, mit dem europäischen Engagement einen Beitrag zur Stabilisierung einer schwierigen Situation leisten zu können.

Wir sind dankbar, dass Ägypten seinen Einfluss geltend gemacht hat im Hinblick auf die Wahlen und im Zusammenhang mit dem Gaza-Rückzug. Dieses Engagement, unter anderem die Stationierung von 750 ägyptischen Soldaten entlang des Philadelphi-Korridors, der Grenze zwischen Gazastreifen und Ägypten, hat auch Opfer gekostet. Ich habe in meinen Gesprächen meine Anteilnahme deutlich gemacht.

Trotz der besorgniserregenden Entwicklungen dürfen wir weder die Geduld noch das Engagement verlieren.

Denn "Kulturen verbinden" bedeutet auch das: die enge Kooperation bei der Bewältigung der drängenden politischen Herausforderungen in der Region.

Neben der Lösung der Regionalkonflikte, neben Sicherheit und Stabilität brauchen Menschen vor allem eines, um erfolgreich an der Globalisierung partizipieren zu können: Sie müssen sich entfalten können, um sich ständig neu anzupassen an die Herausforderungen der Zukunft.

Und so wie es Europa nicht ohne die Beiträge und Fähigkeiten seiner Bürgerinnen und Bürger gelingen wird, diese Anpassungsprozesse erfolgreich zu bewältigen, so muss auch der Nahe und Mittlere Osten die Potentiale seiner so außerordentlich jungen, dynamischen Bevölkerungen nutzen.

Die Menschen in der Region müssen deshalb über politische Mitgestaltungsmöglichkeiten verfügen und an den staatlichen Leistungen und am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben können. Um ihre Lebenschancen nutzen zu können, müssen Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte gewährleistet sein. Sie benötigen leistungsfähige, demokratische Staaten und erfolgreiche Volkswirtschaften, sie brauchen starke Zivilgesellschaften und moderne Bildungssysteme.

Geschaffen werden können diese Bedingungen nur durch die Initiative und die langfristigen Eigenanstrengungen in der Region des Nahen und Mittleren Ostens selber. Die Bedingungen dafür, dass das gelingt, sind günstig: Die arabische Welt ist reich an Geschichte. Sie ist reich an Kultur. Und sie ist reich an Ressourcen. Eine ihrer wichtigsten Ressourcen ist die junge Generation, darunter viele begabte Mädchen und Frauen. Dieses großartige Potential gilt es zu aktivieren.

Gerade Ägypten hat sich ehrgeizige Entwicklungsziele gesteckt. Ich beglückwünsche Präsident Mubarak und die ägyptische Regierung zu ihrer Entscheidung, wirtschaftliche und politische Reformen voranzutreiben. Die letzten Wahlen waren ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Wir möchten Ägypten und seinen Präsidenten dringend ermutigen, diesen Weg zu mehr demokratischer Teilhabe zielstrebig weiter zu beschreiten.

Wir wollen – bilateral ebenso wie im multilateralen Kontext – die Reformanstrengungen der Region partnerschaftlich unterstützen. Diese Unterstützung liegt in unserem eigenen, vitalen Interesse.

Denn wir in Europa brauchen den Nahen und Mittleren Osten als starken Nachbarn. Wir wünschen ihn uns als stabile und friedliche Nachbarregion mit demokratischen, nach den Regeln der good governance regierten und wirtschaftlich prosperierenden Staaten.

Dabei ist mir besonders wichtig: Wir engagieren uns in und mit der Region des Nahen und Mittleren Ostens nicht mit dem Ziel, das politische und wirtschaftliche System des Westens dort zu oktroyieren. Was wir vielmehr wollen, ist unseren Weg aufzuzeigen, in der Absicht, ihn in der Konkurrenz der Ideen zur Diskussion zu stellen, und zwar ohne jeden Paternalismus oder Bevormundung.

Wir präsentieren dabei ein Modell, das uns in Europa Frieden, Sicherheit und wirtschaftlichen Erfolg gebracht hat, und von dem wir überzeugt sind. Aus unseren historischen Erfahrungen in Europa haben wir gelernt, dass nur demokratische und freiheitliche Verhältnisse ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen und Völker garantieren.

In diesem Sinne freuen wir uns, dass wir inzwischen in einem vielschichtigen Netzwerk des Dialogs und der Zusammenarbeit mit den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens verbunden sind.

Auch diese institutionell-politische Kooperation bringt unsere Kulturen näher zusammen. Dass "Kulturen verbinden", erleben wir auch hier.

In meinem Gespräch mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga haben wir gemeinsam Rückschau gehalten auf die letzten zehn Jahre des Barcelona-Prozesses. Was mich sehr erfreut hat, war der Wunsch der Arabischen Liga, sich neben der Wirtschaft auch um das Wiederaufleben des Kulturpakets in diesem Prozess zu kümmern. Ich glaube, dass ist der richtige Weg. Die Konzentration auf die Wirtschaftsthemen hat vielleicht eine Lücke im kulturellen Bereich gerissen, die wir lieber früher hätten adressieren sollen.

Es gilt auch, die Zusammenarbeit über die Ebene der Regierungen hinaus in den Zivilgesellschaften zu verankern. Ich freue mich sehr, dass die Anna-Lindh-Stiftung als gemeinsame Dialoginitiative im vergangenen Jahr ihre Arbeit in Alexandria aufgenommen hat. Die ägyptische Regierung hat ein Zeichen gesetzt, indem sie diese erste gemeinsame Institution im Rahmen der euromediterranen Partnerschaft nach Ägypten eingeladen hat.

Wir wünschen dieser jungen Institution unweit der großartigen neuen Bibliotheca Alexandrina ein lebhaftes, und engagiertes Publikum, anspruchsvolle Themen und Projekte. Wie könnte sie sich an einem so geschichtsträchtigen Ort, in einer so kulturmächtigen Umgebung auch anders entwickeln!

Ich freue mich, dass wir auch in unserem bilateralen Verhältnis zwischen Deutschland und Ägypten in der kulturpolitischen Zusammenarbeit eine so hohe Dichte erreichen. Ich habe bei meinem Amtsantritt der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik einen besonderen Stellenwert eingeräumt und möchte an der Verdichtung unserer kulturellen Beziehungen weiterarbeiten.

Wir können dabei auf hohem Niveau ansetzen. Ich möchte hier die drei deutschen Schulen in Kairo und Alexandria erwähnen, an denen auch 2.800 ägyptische Kinder unterrichtet werden. Diese Schulen gehören zu den ältesten und angesehensten deutschen Auslandsschulen.

Wir freuen uns, dass die deutsche Sprache als Fremdsprache nicht nur an diesen Schulen, sondern im ägyptischen Bildungswesen insgesamt eine so prominente Rolle spielt. Derzeit lernen in Ägypten etwa 100.000 Menschen Deutsch und das mit wachsendem Interesse.

Im Jahr 2003 hat der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder gemeinsam mit Staatspräsident Mubarak die German University Cairo eröffnet. Seither verzeichnet diese Hochschule konstant wachsende Zahlen von Studierenden. Ich bin überzeugt, dass dieses Leuchtturmprojekt unserer Kulturbeziehungen langfristig eine Erfolgsgeschichte bleiben wird. Wir alle werden davon profitieren.

Auch das Goethe-Institut leistet hier in Ägypten nicht nur erfolgreiche Spracharbeit, sondern organisiert auch ein anspruchsvolles Kulturprogramm, wie Sie es nicht nur, aber auch anlässlich der Buchmesse im kulturellen Rahmenprogramm erleben können.

Auch der Deutsche Akademische Austauschdienst, das Deutsche Archäologische Institut, die politischen Stiftungen und viele andere Institutionen leisten einen wichtigen Beitrag zu unserer Auswärtigen Kulturpolitik in den Staaten südlich des Mittelmeeres. Wir wollen damit in jungen Gesellschaften junge Menschen erreichen, wir wollen neue Zielgruppen ansprechen, wir wollen aktuelle gesellschaftspolitische Fragen thematisieren.

Unser Kulturaustausch mit Ägypten und mit der Region ist ein Angebot zum Dialog. Voraussetzung und Ziel zugleich ist, dass sich die beteiligten Kulturen und Gesellschaften füreinander öffnen, dass sie miteinander in Verbindung treten. Hier ganz besonders zeigt sich, ob "Kulturen verbinden" Utopie bleibt oder Realität werden kann.

Dass der Islam für die Region ein prägender Faktor ist, muss und wird dabei in unserer konkreten Kulturarbeit zum Ausdruck kommen. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Muslime inzwischen ein integraler Bestandteil des gesellschaftlichen Mosaiks in Europa sind. Vor gut 50 Jahren wohnten in Deutschland weniger als 100.000 Muslime, inzwischen sind es über 3,5 Millionen.

Wie Sie wissen, ist das Verhältnis der Europäer zu den zugewanderten muslimischen Bürgerinnen und Bürgern nicht immer frei von Spannungen; Migration und Integration sind keine reinen Erfolgsgeschichten.

So hören wir manchmal von kritischen muslimischen Beobachtern, dass der Westen und besonders seine Medien dem Islam gegenüber ablehnend eingestellt seien. Umgekehrt wird bisweilen aus Verhaltensweisen einzelner Angehöriger der muslimischen Bevölkerungsgruppe in Europa auf die Gesamtheit der Muslime geschlossen.

Mit Betroffenheit und Ablehnung hat Europa beispielsweise darauf reagiert, dass der iranische Präsident Ahmadinejad in jüngster Zeit den Holocaust geleugnet und das Existenzrecht Israels in Frage gestellt. Viele meiner deutschen Mitbürgerinnen und Mitbürger fragen sich, ob das die Haltung aller Musliminnen und Muslime ist. Es wäre besser und deutlicher, wenn diesen Äußerungen in der islamischen Welt entschlossen entgegengetreten würde.

Der Dialog mit dem Islam kann nur glaubwürdig und erfolgreich sein, wenn er von beiden Seiten offen und kritisch, aber auch selbstkritisch geführt wird.

Wir sollten uns in der Beschäftigung miteinander nicht dazu verleiten lassen, beim Anderen nur das Spektakuläre, oder Beunruhigende wahrzunehmen. Unser Ziel muss vielmehr zweierlei sein: Wir wollen in Deutschland und Europa das Bewusstsein dafür schärfen, wie vielschichtig und interessant die islamische Kultur ist. Umgekehrt wünschen wir uns, in der islamischen Welt mit allen Facetten unseres kulturellen und gesellschaftlichen Lebens wahrgenommen zu werden – und darin haben durchaus auch ethische Vorstellungen und Religion ihren festen Platz. Wenn wir es schaffen, uns diesem Ziel zu nähern, dann können beide Seiten unendlich viel gewinnen.

Die Kulturen zu verbinden – um hier noch einmal Bezug auf den Anfang meiner Rede zu nehmen – ist also ein laufendes Projekt, das ständiger Überprüfung, kritischer Diskussion und Neujustierung durch die Beteiligten bedarf.

Und dann gilt vielleicht eines Tages wie in Goethes West-Östlichem Diwan als Schritt zur Selbsterkenntnis beschrieben: "Wer sich selbst und andere kennt, muss auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen." Darauf wollen wir gemeinsam hinarbeiten. Ich kann mir jedenfalls keinen geeigneteren Ort dafür vorstellen als diese Buchmesse, der ich den größten Erfolg wünsche.

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