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Gläubig oder nicht gläubig: Die Frage nach der Rolle der Religion in unserer Zeit

Beitrag von Außenminister Sigmar Gabriel, erschienen in der Beilage des Tagesspiegel zum 37. Evangelischen Kirchentag Berlin-Wittenberg (05.05.2017).

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Papst Leo X. war gewarnt. Einer seiner Gesandten, Girolamo Andrea, berichtete im Jahre 1516 nach längerem Aufenthalt in Deutschland und den Niederlanden von dem wachsenden Unmut nördlich der Alpen.

Besonders in Deutschland warte man nur noch auf eine passende Gelegenheit. Es sei höchste Zeit, etwas zu unternehmen, um den Ausbruch eines Sturms gegen Rom zu verhindern.

Bekanntlich kam es anders. Luthers Widerstand gegen die aus Rom verbreiteten ‚alternativen Fakten' über die Verkürzung des Fegefeuers durch den Kauf von Ablassbriefen war nur der Auslöser. 1517 breitet sich die Bewegung, die an vielen Orten Europas vorbereitet war, überwältigend schnell aus. Der Prozess ist noch heute atemberaubend nachzuvollziehen. Zuerst werden Städte evangelisch: Wittenberg, Nürnberg, Augsburg, Braunschweig, Riga im Baltikum. Hessen und Sachsen folgen. In der Schweiz entstehen eigene Bewegungen, der Calvinismus erfasst Teile von Frankreich, die Niederlande und Schottland.

Rasch sind die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation überschritten: Monarchen reformieren - beraten von Wittenberger Theologen - 1527 Schweden und Finnland, 1536 Dänemark und Norwegen. 1534 entzieht sich Heinrich der VIII. in England der römischen Aufsicht. Dem ‚ius reformandi' des Fürsten entsprach alsbald ein ‚ius emigrandi' seiner Untertanen. Das Recht auszuwandern wurde zu einem der ersten individuellen Grundrechte.

Dies war der Anfang der ersten großen Globalisierung, einer religiösen Globalisierung, die in immer neuen, höheren Wellen weiterlief und über Europa hinaus in die ganze Welt und besonders in die späteren Vereinigten Staaten von Amerika ausstrahlte. Es war nicht zuletzt der presbyterianisch geprägte Präsident Woodrow Wilson, der Demokratie, Menschenrechte und das Selbstbestimmungsrecht der Völker als universale Werte in die amerikanische Außenpolitik einbrachte.

Max Weber liefert 1904 die klassisch gewordene Deutung einer religiös motivierten Wirtschaftsethik als eines "stahlharten Gehäuses", in dem die Menschheit sich eingerichtet habe. Hier schließen sich Fragen über die Ökonomisierung des Lebens und einer gerechten Verteilung der Einkommen an, die uns weiter beschäftigen müssen.

Heute, 500 Jahre nach dem Thesenanschlag von Wittenberg, ist klar, dass die von Martin Luther angestoßene Reformation weitreichende theologische, kulturelle und politische Folgen weit über die Grenzen Deutschlands hinaus gehabt hat und weiter hat. Deshalb ist das Reformationsjubiläum nicht nur ein kirchliches, sondern auch ein Ereignis mit außenpolitischer Dimension.

Die Reformation hat entscheidenden Anteil an unserem heutigen Verständnis, was Freiheit, Bildung und gesellschaftliches Zusammenleben ausmacht. In einer Zeit, in der die Welt neu vermessen wird, klassische Ordnungsschemata nicht mehr gelten und der Ruf nach dem Autoritären wieder Konjunktur zu haben scheint, müssen wir deshalb die mit der Reformation untrennbar zusammenhängenden Fragen von Religion und Ordnung sowie der Mündigkeit und Verantwortung des Einzelnen neu aufnehmen.

Dies tun wir, indem wir die Früchte der Reformation nach außen tragen und zur Diskussion stellen. Im außereuropäischen Kernland der Reformation, den USA, haben wir zusammen mit renommierten deutschen Museen zwei hochkarätige Ausstellungsprojekte auf Tournee geschickt, mit enormen Besucherzahlen.

Darüber hinaus finden unzählige Aktivitäten an deutschen Botschaften und Konsulaten weltweit statt. Das Auswärtige Amt unterstützt den Besuch ausländischer Teilnehmer und Teilnehmerinnen beim 37. Deutschen Evangelischen Kirchentag Berlin - Wittenberg.

Der Londoner "Economist" hat neulich mit britischem Augenzwinkern versucht, die Folgen der Reformation in unserer Gegenwart sichtbar zu machen: Der angeblich anspruchslose Kleidungsstil einiger deutscher Politiker und ihre Büroausstattungen, unsere Ernsthaftigkeit bei der Mülltrennung und der anhaltende Erfolg eines Möbelhauses aus dem natürlich lutherischen Schweden, die Tatsache, dass Deutschland den zweitgrößten Buchmarkt der Welt hat und unsere Abneigung gegen das Schuldenmachen, alles komme eigentlich von Luther und Calvin. Als Bürger der lutherischen, einstigen freien Reichsstadt Goslar kann ich das gut verstehen. Steht doch in dieser Stadt das Stammhaus der späteren Industriellenfamilie mit der Türinschrift "ora et labora".

Aber der Abstand eines halben Jahrtausends, das uns heute von Luther trennt, ist Warnung genug, nicht der naiven Sicherheit zu verfallen, allzu gerade Entwicklungslinien durch die europäische Geistesgeschichte ziehen zu können. Aber die Reformation hat doch, beginnend als theologische, dann kirchenpolitische Auseinandersetzung, im gesellschaftspolitischen Bereich spürbare Wirkungen hinterlassen.

Die Reformatoren haben langfristig gearbeitet. Die von ihnen gegenüber den Städten und Gemeinden immer wieder angeregte Gründung von Schulen ist nur ein Beispiel. Bildung für alle als Fundament selbstbestimmter Lebensführung und als Voraussetzung für den dauernden Erfolg von Demokratie steht seitdem auf der politischen Tagesordnung und bleibt dort auch. Heute wie damals sind dafür der Zugang zum Wissen und der Umgang mit den neuen Medien entscheidend.

Luther nutzte geschickt die laufende mediale Revolution, vor allem Buchdruck, Flugblätter und Bilder, er reagierte schriftlich umgehend auf Anwürfe aus Rom, ließ seine und sogar Schriften seiner Gegner drucken und nachdrucken. Zum ganzen Bild gehört allerdings auch, dass Luther und seine Verteidiger genau wie seine römischen Gegner mit ihrer drastischen Polemik in Wort und Bild einigen heutigen Nutzern sozialer Medien kaum nachstanden. Wir haben keinen Grund zur Heiligenverehrung, zumal was die dunkle Seite Luthers - seinen Antisemitismus - anbelangt.

Was bleibt uns also nach dem Reformationsjubiläum? Ich nenne zwei Dinge, die ich persönlich auch als Erbe der Reformation verstehe: Erstens die von den Reformatoren geforderte Haltung, sich seines eigenen Verstandes ohne fremde Anleitung zu bedienen (um es mit den späteren Worten des pietistisch aufgewachsenen Philosophen Kant zu sagen) und dabei auf sein Gewissen zu vertrauen. Dass Luther es wagte, dem Papst brieflich seine abweichende Meinung darzulegen und sich in Worms weigerte zu widerrufen, "wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde", ist ein Wendepunkt in der europäischen Geschichte der Freiheit, nicht zuletzt der Meinungsfreiheit. Die gesamte europäische Aufklärung verdankt Luther und den anderen Reformatoren viel: Kritische Auseinandersetzung mit der Tradition und der öffentliche Wettstreit der Argumente gehören seither zum Grundbestand politischer Auseinandersetzung in Europa. Ohne sie gibt es keine Wissenschaft, keine funktionierende Demokratie und keine offene Gesellschaft.

Zweitens: gesellschaftliche Teilhabe und die Übernahme von Verantwortung für ein größeres Ganzes. Luthers eigener Weg führte ihn aus dem Kloster hinaus in die Welt. Sein Haus, seine Stadt Wittenberg wurde zum Knotenpunkt europäischen Reisens und Denkens. Mit Gelehrten, Stadträten und Fürsten kommunizierte er über Armenkassen, die Umwandlung von Klöstern in Schulen oder Gottesdienste in deutscher Sprache.

Unser Denken in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen, diese Selbstbindung des Gewissens ist ein Ergebnis einer sehr langen Entwicklung, die die Ereignisse des Jahres 1517 ganz deutlich vorangetrieben haben. Sie hat uns neben einer offenbar auffälligen Freude an der Mülltrennung vor allem einen lebendigen Gemeinsinn, ein öffentliches Bildungssystem und eine selbstverständliche Rücksicht auf Schwache und Hilfsbedürftige und beschert.

Und noch eine Frage bleibt uns, nämlich die nach der Rolle der Religion in unserer Zeit. Gläubig oder nicht gläubig - die Freiheit haben wir. Die Säkularisierung hat aber nicht zum Verschwinden der Religion geführt; Religion hat - gerade auch außerhalb Europas - politisch großen, immer noch wachsenden Einfluss. Achtzig Prozent der Weltbevölkerung bekennen sich zu einer Religion. Die Religionsgemeinschaften tragen in meinen Augen daher eine große Verantwortung für den Frieden und den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Sie sind nicht-staatliche Akteure, mit denen wir als weltliche Regierung enger zusammenarbeiten wollen.

Um einen Anfang zu machen, habe ich hundert internationale Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Religionen für Ende Mai nach Berlin eingeladen, um über die Friedensverantwortung der Religionen zu sprechen.

500 Jahre nach der Reformation ist die Welt wieder im Umbruch und prägen pseudo-religiöse Ideologien eine Vielzahl von Konflikten weltweit. Es geht deshalb heute mehr denn je darum, auf der Grundlage fester Überzeugungen Haltung zu zeigen.

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